Von Bastille bis Waterloo. Wiki

British Library.


Zeitungsnachrichten.[]

1812.[]

Vom Mayn, vom 16ten Juny. [1]

Zu Frankfurt wird ehestens der Verkauf der französischen Kolonialwaaren wieder beginnen. In den letztern Zeiten sind deren wieder sehr viele von Magdeburg eingetroffen. Frankfurt erhält durch diese Verkäufe ziemlich reges Leben. Mit den vorhergehenden ist man durchgängig sehr zufrieden; die Waaren sind allgemein gut ausgefallen.

In den Mayngegenden hat die Heuärndte bereits begonnen, und fällt sehr ergiebig aus; ungeachtet der ungeheuern Menge Pferde und Ochsen, welche durch Frankfurt und die dasige Gegend ziehen, kostet der Centner Heu nicht mehr als 1 Gulden 30 bis 1 Gulden 40 Kreuzer. Die Zufuhr von Getreide ist äusserst beträchtlich; am Maynufer zu Frankfurt halten so viele Fruchtschiffe als man in drey Jahren nicht sah, allein Niemand will kaufen, weil man noch immer eine starke Verminderung im Preise erwartet. Viele Kornwucherer, welche Früchte ausgespeichert hatten und zu seiner Zeit nicht losschlagen wollten, erhalten bedeutende Schläge. Das Brot ist bereits im Preise heruntergegangen, und wird ehester Tage noch mehr abschlagen. Dieser Tage war es etwas kühl, doch hatten wir keinen eigentlichen Frost, und die Witterung hat im Ganzen den Feldern nicht geschadet, bloß die zarten Gewächse etwas zurückgehalten.


Schreiben aus Frankfurt.[]

[2]

[1817]

Sie beschweren sich, daß meine Briefe blos Geschäfte zum Inhalt haben, und erwarteten, recht viel von mir über die merkwürdige Stadt zu erfahren, in der ich mich befinde.

Ich darf voraussetzen, daß Sie mehr wollen, als gewöhnliche, unbedeutende Tagsneuigkeiten und schaale politische Urtheile. Stets von Wahrheit geleitet sich in ein weiteres, ernsteres Feld der Mittheilung zu wagen, ist aber hier nicht so leicht, wir Sie wohl glauben mögen. Denn sehr vernachläßigt wird der Dienst dieser erhabenen Göttin, sobald Thatsachen ein Gegenstand der allgemeinen Unterhaltung und Beurtheilung werden.

In einer Stadt von so bedeutendem Umfang stößt man unerwartet auf etwas, sonst nur kleinen Orten eigen, auf eine Art kleinstädtischer Klatscherei. Zum Erstaunen ist es, wie das unbedeutendste Ereigniß Intereße erregt, allgemein sich verbreitet, wächst und entstellt wird. Was zuletzt groß da steht, wird, geht man auf den Ursprung zurück, erbärmlich, oder gehört wohl gar im Wesentlichen ins Reich der Erdichtung.

Aeußerst schwer wird es daher dem, der nicht anders als unter der Aegide strenger Wahrheit einen Erzähler dessen, was um ihn vorgeht, machen will, hier Materialien zu sammeln, und er muß gegenwärtige um so mehr auf seiner Hut seyn, weil politische Meinungen, selbst die Religionsverschiedenheit, so wie der Kampf um mancherlei Rechte, eine Parteisucht erzeugt haben, die so früher hier nicht zu finden war.

Ihren Wünschen will ich nun gern nachgeben, aber es entschuldige mich, was ich hier vorausgehen ließ, wenn, bei aller Sorgfalt, mein Vertrauen auf die Quellen sich doch einmal getäuscht fände und Ansichten und Sachen, die ich Ihnen mittheile, am Ende nicht ganz rein von Irrthümern und falscher Darstellung erscheinen sollten.

Sie glauben, daß Glanz und Lebhaftigkeit, durch den Bundestag herbeigeführt, nun dem Fremden sehr bemerklich werden müßten? Dem ist nicht so, mein Freund! Jene merkwürdige Versammlung wird sehr wenig im öffentlichen Leben bemerkt; kein Prunk geht von ihr aus; die Hauptpersonen leben in einer lobenswerthen Zurückgezogenheit und Einfachheit.

Bei der noch nicht bestimmten Kompetenz erscheinen wenige Fremde, um ihre zur Entscheidung geeigneten Angelegenheiten zu betreiben; dann suchen auch die meisten dieser Art Schutz gegen Noth und Elend, sind daher nicht vermögend, Lebhaftigkeit ins Ganze zu bringen und sich bemerklich zu machen.

Ueberhaupt sind die Erwartungen und Hoffnungen, die man auf den Bundestag setzte, sehr herabgespannt. Wer einen aufmerksamen, untersuchenden Blick auf die Heterogenen, oft in so starkem Widerspruch stehenden Bestandtheile wirft, die seine Grundlage ausmachen, und woher er Leben und Würksamkeit nehmen muß, der kann keinen Augenblick zweifelhaft seyn, daß die gerechten, die genügsamsten Wünsche der Deutschen hier keine Befriedigung erhalten werden.

Doch weg mit Politik, dieser Feindin und Störerin der Ruhe, so lange sie nicht ihr besudeltes Gewand mit einem reineren vertauscht, und statt Vernichtung, nur Beförderung rein menschlichen Glücks sich zum letzten Zweck erkiest! Höchstens von der politischen Lage der Stadt Frankfurt sollen und werden sie künftig etwas von mir hören.

Weil eben des Bundestags erwähnt wurde, noch eine Bemerkung, die sein nichtpolitisches Wesen angeht, ist die: daß sein Einfluß auf Frankfurts gesellschaftliches Leben kaum merklich ist. Die Gesandten haben wenig Umgang mit Familien der Stadt. Nur auf dem Casino und auf den Bällen, die da gehalten oder von jenen bisweilen gegeben werden, entsteht eine Vereinigung. Große und glänzende Mahle, wie früherhin zu Frankfurt nur allzusehr an der Tagesordnung waren, sind selten. Einzig die Hausbesitzer bemerken auf eine vortheilhafte Art das Daseyn des Bundestags durch die erhöhte Miethe.

Gegen frühere und gegen die noch kürzlich verlebte Zeit ist hier ein Geist der Einfachheit, Mäßigkeit und Sparsamkeit heimisch geworden, der dem Verehrer dieser in unsern Tagen mehr als je zu schätzenden Eigenschaften große Freude gewährt. Wohl haben von jeher viele und gerade die vorzüglichsten Familien, die im Besitz eines ansehnlichen Vermögens waren, jenen Tugenden gehuldigt, aber oft wurden sie gegen ihren Willen in den Strom der Ueppigkeit und genußlosen Verschwendung gezogen.

Andere, meistens Emporkömmlinge, gaben den Ton an, spielten scheinbarlich mit Millionen, suchten vorzüglich ihre Größe in einem eitlen Prunk, und zogen durch Handlungs- und andere Verbindungen die Besseren, gegen Neigung, in ihre Zirkel. So blickt man hier auf Zeiten zurück, die große Besorgniße erregten! Nur zum Theil sind diese in Erfüllung gegangen; die Folgen des Uebels sind meistens auf die Häupter der Urheber gekommen.

Zum Erstaunen haben sich Frankfurts Handlungshäuser, die von Bedeutung sind, während der mannichfaltigen Stürme aufrecht erhalten, welche so oft und von so vielen Seiten auf sie losbrachen.

Als früher im Norden ein Sturz dem andern folgte; als Napoleon seine Klugheit anstrengte, um Mittel zu erfinden, den Handel ins Stocken zu bringen, um Frankfurt wehe zu thun; als nachher in Frankreich, selbst in England Banquerotte der bedeutendsten Häuser gewöhnliche Ereigniße waren, und jetzt, wo die Nachricht von gleichen Unglücksfällen fast jeder Postbote überbringt, sind hier kaum 2 oder 3 Handlungen, die zu den Großen gehörten, in den Strudel hineingezogen worden. Auch diese kämpfen noch, und ungeachtet manche Schuld auf ihnen lasten soll, zeigt sich ein edles Bestreben vieler der angesehensten Männer, durch Unterstützung die Sinkenden aufrecht zu erhalten.

Nichts ist übrigens allgemeiner, als Klagen über die Stille im Handel. Mir fiel dieß sehr auf, weil so viele äußere Zeichen gerade für das Gegentheil zu sprechen scheinen.

Ein ehrwürdiger alter Handelsherr, der hier wegen seines Herzens und seiner Kenntniße gleich geachtet ist, bemühte sich, mich darüber aufzuklären.

Frankfurts Handel hat in der neuern Zeit, deren Anfang als kurz vor der Revolution hier angenommen werden mag, mehrere bedeutende Perioden überstanden.

Damals konnte man ihn blühend nennen, auch ausgebreitet, aber geordnet und berechnet nach ganz gewöhnlichen Verhältnißen. Es fehlte weder an Kredit, noch an Absatz; die Spedition war eine nicht gerade glänzende, aber doch sehr ergiebige Einnahmsquelle. Kurz, jeder hatte zu thun, gewann bald viel, bald weniger, und der Billige, Genügsame, war zufrieden. Nun trat die Revolution ein und mit ihr eine ganz neue Periode für den allgemeinen Welthandel, so wie für die Stadt Frankfurt. Fast überall wurde der vorige freie Verkehr beschränkt, für manche Waaren ganz gehindert. Um so heftiger wurde aber nun auch die Begierde nach Gewinn angeregt und unternehmende grübelnde Kaufmannsgeist auf sein rechtes Feld geführt, wo er sich mit einer ausgezeichneten Umsicht und Thätigkeit benahm. Man wußte in dieser Stadt alle Zeitereigniße, selbst die zu benutzen, welche anderswo nur Verderben erzeugten. Ganz verändert wurde der vorige Gang, der an gewisse, selten immer bedeutenden Veränderungen unterworfene Berechnungen gebunden war.

Der Maaßstab des Gewinnstes, was sonst als Maximum desselben betrachtet wurde, erschien jetzt unbedeutend. Die Gewinnstprozente stiegen, am meisten aber durch das öftere Wiederkehren, wegen der Vielseitigkeit, die der Handel gewonnen hatte.

Mit Napoleons Fall trat eine große Veränderung ein, und so sehr sich die biedern Frankfurter über dieses glückliche Ereigniß freuten, so gewahrten sie doch bald, daß seine Folgen wohl für die deutsche Befreiung von fremder Sklaverei, aber nicht für ihren Handel wohlthätig sei.

Seitdem ist der gewöhnlich Gang, wie er vor der Revolution und in den ersten Jahren desselben sich befand, wieder eingetreten. Zu bedeutend ist die Verschiedenheit, als daß sie nicht wahrgenommen werden müßte. Weder so hoch, noch so vielfältig wird gewonnen, wie in den eben vergangenen glänzenden Perioden. Das erregt unangenehmes Gefühl. Man vergleicht natürlich mit der nächsten, nicht mit der fernen Vergangenheit. Gegen jene steht die Gegenwart in einem bedeutenden sehr nachtheiligen Abstand, gegen diese wird von dem gerechten und unbefangenen Forscher der jetzigen Zustand erhöhter und vortheilhafter gefunden. Wäre aber auch nur Gleichheit das Resultat, so dürfte schon mit Recht keine Unzufriedenheit lauf und am wenigsten über Stille im Handel geklagt werden.

Allerdings sind jetzt Bedürfniße zu befriedigen, die man früher nicht kannte, aber wie viele Selbstgemachte gehören nicht darunter, die sich mit der Pflicht für eigne Erhaltung unter keinerlei Zeit und Umständen vertragen!

Wahr ist es, daß vieles, dessen man nicht entbehren kann, um ein bedeutendes theurer geworden, daß die Summe der Abgaben sehr vermehrt worden ist.

Aber wie hat sich auch während der fetten Jahre das Vermögen, der Fond aller derer vermehrt, welche die Gelegenheit benutzten, und, was sie weit über das Gewöhnliche erwarben, nicht vergeudeten?

Frankfurts gegenwärtiger Handel steht noch immer auf einer Stufe, die Vorzüge vor allen ehmaligen Schwesterstädten und vielen der bedeutendsten Handlungsplätzen in den Nachbarstaaten gewährt. Wenn man sich erst mehr an den dermaligen ruhigen Gang, an die gänzlich veränderten Verhältniße gewöhnt hat, so werden auch die Klagen sich mindern, ganz aufhören aber nie, bei einem Stand, wo Mäßigkeit und Zufriedenheit so selten zu finden sind.

Noch immer geht der Speditionshandel sehr lebhaft; der mit Produkten gewährt jetzt große Vortheile; mehrere bedeutende Seidenhandlungen heben sich täglich. Mit den Kolonialwaaren stockt es freilich gegen vorhin, aber daß Frankfurt gleichsam der Stapelplatz dafür geworden war, gieng gegen die Natur und konnte nicht dauern.

Daß Frankfurt zunächst an keine der großen Staaten gränzt, ist ihm sehr vortheilhaft; die hier und da bestehenden, so sehr allen Verkehr lähmenden Mauth-Anstalten werden ihm so weniger empfindlich.

Man will in der Anlage verschiedener neuer Kunststraßen im Herzogthum Nassau und Großherzogthum Hessen, durch Brücken, die bei Offenbach und Höchst über den Main gebaut werden sollen, die Absicht erkennen, Frankfurt durch Abschneidung der Spedition aus Norden nach Süden, und so umgekehrt, bedeutend zu kränken und Offenbach und Höchst zu Handelsplätzen zu erheben.

Ueber solche Besorgniße lächelt der Kenner von Handlungsverhälnißen! Nicht der Ort und dessen zum Verkehr geeignete Lage, sondern die Mittel ziehen den Handel herbei und bringen ihm Gedeihen. Jene Orte mögen noch so sehr von ihren Regierungen begünstigt werden; ohne daß sehr bedeutende Häuser sich da festsetzen, werden sie nie Geschäfte von einigem Belang machen. Uebrigens ist sehr zu vermuthen, daß beide Regierungen nicht daran denken, das zu bezwecken, was man argwöhnt.

Zwei Feinde stehen aber allerdings dermalen gerüstet da und haben schon merkliche Verwüstungen angerichtet.

Die Juden sind der gefährlichste, und sollten diese siegen, so ist es um den ganzen Handel der Christen geschehen. Nur bestochene Schriftsteller oder Zeitungsschreiber, wie deren mehrere in der Nähe, östlich und westlich, im Solde der Juden sind, selbst solche, die dem Altar Christi dienen, können es wagen, abläugnen zu wollen, daß unvermeidliches Verderben da üppig wuchern muß, wo der Jude dem Christen gleich steht, besonders wo es den Handel angeht. Es streitet sich dann um nichts geringeres, als um Vernichtung und Knechtschaft.

Und wenn die Osmannen bis an den Rhein verwüstend vordrängen, so würden die gewiß schrecklichen Folgen an Dauer denen nicht gleich kommen, die ein Judenstaat hervorbringen würde, und ein Judenstaat erhalten wir, sobald ihnen gleiche Rechte mit uns eingeräumt werden.

Die willkührlichen Veränderungen, die mit manchen Staatspapieren vorgenommen worden, sind ein zweiter, jedoch unendlich weniger gefährlicher Feind. Hier sind in solchen große Summen angelegt worden, und als nun jenes geschah, drohte manchem Haus Gefahr; viele kamen in Verlegenheit, bei allen wurde der plötzlich gehemmte Geldumlauf unangenehm fühlbar. Mißtrauen entstand bei Privatpersonen, und bedeutende Summen, von ihnen in Hand ungen angelegt, wurden zurückgezogen.

Doch diese widrige Periode geht vorüber, ohne daß ihre Spuren lange sichtbar seyn werden, zumal jezt, wo eine in einem Nachbarstaat eingetretene wichtige Veränderung -- gegründete Hoffnung zur Zurücknahme von Verfügungen gewährt, die eine gerechte Regierung gewiß nicht anerkennen und aufrechthalten wird.

Der Buchhandel hat zu allen Zeiten hier einen bedeutenden Zweig der Handlung ausgemacht, und obgleich dieser auch, und ganz vorzüglich von dem Welttyrannen, gedrückt worden, hielt er doch die Probe im Leiden, hielt er das Racheschnauben der französischen Marschälle und alle durch französische und deutsche Spionen veranstalteten Angriffe muthig aus; immer mit weiser Prüfung seiner Handlungen im Verhältniße zum Staat und zu seinem eigenen kleinen Staat.

Für die langen trüben Jahre dürfte ihm nun wohl ein helleres Licht leuchten, allein leider ist der Buchhandel eine Pflanze, die zwar köstlich im großen Treibhaus der europäischen Kultur geachtet und verwahrt werden sollte, jedoch am meisten versäumt wird; vorzüglich um deßwillen, weil der geistige Geruch den Magen nicht füllt.

Der Buchhändler ist gegenwärtig hier mehr Spediteur als würklicher Buchhändler im strengen Sinne des Wortes; seine Umgebung sind mehr Ballen als Gelehrte, und er ist daher, einige vortreffliche Männer von Kopf und Herz ausgenommen, nicht immer auf der Höhe, wo er stehen sollte, eben darum auch mehr krämerartig, gewinnsüchtig, klein, neidisch; auch selbst ohne Noth, was aus dem ewig anpreisenden Geschrei in allen Tagesblättern hervorgeht, ja sogar an den Straßenecken, im traulichen Verein mit Ankündigungen von Hundekomödien und Hanswurstien, zu lesen ist.

Doch dem verdienstvollen, seinen Beruf rein erkennenden und sich nicht herabwürdigenden Buchhändler werden andre Zeiten werden; einstweilen bleibt ihm die vorzügliche Achtung der Männer, die mit Kennerblick auf den Geist der Zeiten sehen.


Quellen.[]

  1. Allgemeine deutsche Zeitung für Rußland. No. 163. Montag, den 8. July 1812.
  2. Deutsches Unterhaltungsblatt für gebildete Leser aus allen Ständen. 1817.