Von Bastille bis Waterloo. Wiki
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Ueber die

berittenen Soldaten

des

neunzehnten Jahrhunderts.

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Im Norden.

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1803.


Gehe jederzeit den kürzsten Weg, er ist der Natur gemäß.

(Kaiser Marc Aurel Antonin.)


Jeder berittene Krieger muß eben so vollkommen Herr seines Pferdes, als der Glieder seines Körpers seyn, die schnell seinem Willen gehorchen, weshalb das Pferd keinen andern Willen als den seines Reiters zeigen darf; ohne diese Vollkommenheit würde er sich seinem geschicktern Gegner Preis geben; ein Trupp Cavallerie würde die Befehle seines Anführers nicht befolgen, eine Schwadron, ein Regiment, ein Flügel Cavallerie, keine glänzende wundervolle Thaten ausführen können, und dies ist jedoch ihre Bestimmung.

Um sie zu erfüllen,

muß jeder Cavallerist, (unter welchem Namen ich jeden Soldaten zu Pferde verstehe,) erst zu Fuß ausgearbeitet werden, seinem Körper und seinen Gliedern die nöthige Gewandheit zu geben, muß er ohne und mit dem Gewehr frei gehen, sich richten und schwenken können, dann lerne er den richtigen Gebrauch seiner Flinte und Pistolen, ganz vorzüglich aber den seines Seiten-Gewehrs; ist er hierin völlig unterrichtet, nur dann erst setze man ihn zu Pferd.

Jedem Cavalleristen gehe man sowohl in Kriegs- als Friedens-Zeiten ein eigenes Pferd, welches er wie sein Eigenthum betrachten und lieben muß, dessen er sich jedoch nur zum Dienst seines Fürsten und zu den Exercizien und Manövren bedienen darf; er muß es mit größter Sorgfalt pflegen und füttern, und darauf sehen, daß es in gutem Beschlag erhalten werde, wovon er dahero die nöthigen Kenntnisse sich erwerben muß; man lehre ihn schnell und gut satteln, so, daß sein Pferd nie gedrückt werden kann, dann unterrichte man ihn, es auf der Reitbahn zuzureiten, vorzüglich aber im freien Felde, unter der Anweisung seines Offiziers, welchem es unerläßliche Pflicht bleibt, zu wissen, wie ein Pferd zum kriegerischen Gebrauch dressirt und zugeritten werden muß, um dem Soldaten hievon einen so gründlichen Unterricht zu geben, damit er im Stande sey, künftig sein Pferd selbst zu allem anzurichten, zu allen Wendungen, zum Trabe, zum Galop, zur Carriere, zum allmähligen und zum kurzen Pariren, (doch letztres mit Vorsicht und nur im Nothfall, um das Hintertheil des Pferdes nicht zu oft zu hart anzugreifen,) zum Uebersetzen über Hecken und Graben, kurz zu allen ersinnlichen kriegerischen Bedürfnissen.

Es versteht sich, daß er als Rekrut auf einem zugerittenen Pferde reiten und lernen anfange, aber so wie er die Vortheile davon inne hat, muß er sich sein Pferd selbst reiten, und hierin so geübt werden, um jedes Remonte-Pferd richtig zu behandeln und auszuarbeiten, jedoch bloß zum kriegerischen Gebrauch, denn er und sein Pferd bedürfen keiner künstlichen Schulreiterei, dieser unnöthigen Quaal der Soldaten-Pferde, die zu einem edlern Zweck bestimmt sind.

Um sein Pferd leicht zu führen, ist eine gute Zäumung unentbehrlich; jedes Gebiß taugt nicht für jedes Pferd, der Reiter muß dahero dessen Wirkung zu beurtheilen und ein schickliches Mundstück zu wählen verstehen, obgleich das Aeußere der Candarren im Ganzen fast gleich seyn kann.

Es ist indessen nicht genug, daß der Cavallerist vollkommen Herr seines Pferdes sey, er muß nun auch zu Pferde sein Seitengewehr geschickt zu führen, richtige Hiebe anzubringen und die seines Gegners geschickt abzuweisen verstehen, dann einzeln sich seiner Pistolen und des Carabiners gut zu bedienen, nie feuern, ohne einen sichern Schuß anzubringen, (es sey denn zum Avertissement) die abgefeuerte Pistole schnell mit der andern oder dem Säbel zu verwechseln, um sich hierdurch mit Vortheil zu decken, und wenn er sein Pferd herumwirft und Miene zum Zurückkehren macht, muß er den ihm ungeschickt verfolgenden Feind, durch eine geschickte und schnelle Wendung auf der linken Seite sitzend, herunterhauen oder ihn zum Gefangenen machen, dabei aufmerksam seyn seinem Cameraden, der sich in Gefahr befindet, zu Hülfe zu eilen; kurz er muß bei Zeiten gewöhnt werden nach den Umständen zu handeln, jedoch mit kaltblütiger Aufmerksamkeit auf die Befehle, Appelle und Signale, woran Soldaten, die à la debandade fechten, nicht genug zu gewöhnen sind.

Wenn eure Reiter hierin einzeln wohl geübt, und ihre Pferde und Waffen, so wie sich selbst, ganz in ihrer Gewalt haben, dann ist die natürliche Folge davon: sie müssen brav seyn, weil sie sich jedem Gegner überlegen fühlen, und nur dieser glückliche Ascendant schafft und erhält wahre Tapferkeit und Unerschrockenheit sowohl in der Cavallerie als überall, dahingegen der beherzteste Mensch, wenn er nicht sein Pferd meisterhaft zu führen, und treffende Hiebe gut anzubringen und geschickt abzuweisen versteht, nur bedacht seyn kann sich zu Pferde zu erhalten; denn da er es nicht bei allen Gelegenheiten auf den Flecken wenden und pariren kann, und Pferd und Waffen nicht ganz in seiner Gewalt hat, so fühlt er sich beim besten Willen außer Stande seine Schuldigkeit ganz zu erfüllen, und kann noch weniger jede Gelegenheit sich hervor zu thun schnell benutzen.

Wenn nun der Cavallerist eben so vollkommen Herr seines Pferdes und seiner Waffen, als seiner Glieder ist, alsdann erst ist er ausgearbeitet, und alsdann erst muß man ihn in der Schwadron aufnehmen, in welcher er aber auch dann sehr leicht das Exerziren nach den eingeführten Commandos lernen und begreifen wird, besonders wenn man ihm solche zuvor recht verständlich macht, und wenn er ungefähr 12 mal dem Schwadron-Exerziren beigewohnt, so muß er sich fast gar nicht mehr irren können, vorausgesetzt, daß eure Exerzitien und Manövres auf Grundsätzen beruhen, die dem wahren Kriegs-Handwerke genau angemessen, keine unnütze (obgleich moderne) Künsteleien enthalten, und alsdann könnt ihr dreist in einer wohl exerzirten Schwadron, im Nothfall den vierten Theil solcher Rekruten einstellen, aber hiezu sind auch wohlunterrichtete Officiere und Unteroffiziere erforderlich, die gleich beim ersten Unterricht auf das Wesentliche ihr Augenmerk richten, und so fortfahren sich von allem unnützen Tand zu entfernen.

Eure jetzt wohl ausgearbeiteten und im Schwadron-Exerziren gut unterrichteten Soldaten, müßt ihr nun auch in den Manövren initiiren. Gewöhnt sie also gleich, sich überall zu orientiren, und ein richtiges militärisches Augenmaaß sich zu verschaffen, um einige auch ihnen nothwendige Kenntnisse vom Terrain, von der Stellung und Stärke des Feindes zu erhalten; unterrichtet und übt sie dahero öfters in dem, was sie als Vedetten, auf Feldwachen, bei Patrouillen, Retraiten, Avant- und Arriére-Garden nach der Verschiedenheit des Terrains zu thun haben; man mache sie mit den Chikanen und Vortheilen der Defiléen und Gründe genau bekannt, und wie Dörfer, Büsche, Berge, Thäler, Anhöhen und Gründe xc. zu rekognosziren und zu benutzen sind, so wohl um unsre Manövres zu verbergen, als die des Feindes und ihr Stellung zu entdecken, ohne sich unnöthig dabei zu aventuriren, und doch so viel als möglich alles aufzuklären und zu erforschen, was der Feind beabsichtigt, um richtig Rapport hierüber abstatten zu können.

Ueber dergleichen Dinge hat man bereits viel geschrieben; die öftre Uebung auf verschiednen Terrains giebt indessen hierin weit gründlichern Unterricht und sichrere Regeln. Selten giebt man sich die Mühe, an Ort und Stelle die Cavallerie hierüber zu belehren, und doch können diese Kenntnisse dem gemeinen Cavalleristen und Unter-Offizier, selbst dem jungen Offizier nicht theoretisch, sondern einzig und allein auf verschiednen Terrains beigebracht werden, die man dahero, wäre es auch in der Entfernung mehrerer Meilen von der Garnison, hiezu aufsuchen muß, um durch die Lokalität es ihnen einleuchtend zu machen, wie Terrains benutzt werden müssen; denn sonst fruchten alle hierüber festgesetzte Regeln nicht. Solche giebt und erläutert nur das Terrain, der Augenblick, und die Stellung des Feindes, und belehrt hiedurch den gemeinen Mann und Unteroffizier eben so gründlich wie die Offiziere und Generale.

Gewöhnt also eure Cavalleristen bei Zeiten auf das Lokal aufmerksam zu seyn, und dies wird euch sehr leicht gelingen, wenn ihr in Friedenszeiten oft dergleichen große und kleine Manövres ausführt, aber mit Sachkenntniß ausführt, und ihnen den Sinn davon verständlich macht. Hiedurch schärft ihr die Urtheilskraft eurer jungen Offiziere, Unteroffiziere und Soldaten, und bereichert zugleich ihre und eure eigene Ideen; und obgleich diese Dinge (wenn ihr wollt) nicht das glänzende Aeußere der jetzigen modernen Manövres haben, so können solche doch nur allein wahre kriegerische Grundsätze zur nützlichen Tagesordnung bringen. Man muß also die Cavallerie oft darin üben, denn anstatt sie mit Künsteleien des Exerzirens zu quälen, oder ihre Pferde müßig ausreiten, oder auf Reitbahnen mißhandeln zu lassen, um sie Bereiterkünste zu lehren, wäre diese Zeit besser zu benutzen, wenn ihr eure jungen Reiter mit Veteranen, und erfahrene Unteroffiziere herausrücken und ihren Patrouillen, Avant- und Arriére-Garden, Embüskaden, Eskorten und andre Manövres des kleinen Krieges ausführen ließet, jedoch stets mit richtiger Benutzung des Terrains. Wählet anfänglich hiezu Offiziere, die man für dergleichen Détails gebildet hat, und die zugleich das seltene Talent haben, solche dem Soldaten verständlich zu machen, und wenn ihr diesen Ton in der Cavallerie eingeführt habt, und sie gewahr werden wird, daß man diese wesentlichen Sachen dem Prunk künstlicher Manövres vorzieht, mit welchen man jährlich wie mit den Moden abwechselt, (welches ein hinlänglicher Beweis ihrer Unzulänglichkeit ist,) alsdann werden in kurzer Zeit alle eure Offiziere sich wetteifernd hierauf appliziren, und ganze Regimenter, so wie die ganze Cavallerie werden gründlichere Kenntnisse vom kleinen Kriege und anwendbaren Cavallerie-Dienst bekommen; denn man ist jetzt schon im ganzen Ernst überzeugt, daß militärische Künsteleien nur die Köpfe verwirren und im Angesicht des Feindes nicht brauchbar sind, welches jedoch nur der einzige vernünftige Zweck alles Exerzirens seyn kann.

Wenn hingegen der Geist kriegerischer Manövres die Cavallerie wieder beseelen wird, und alle ihre Individua hievon durchdrungen seyn werden, so wird man im Frieden stets zum Kriege geübt seyn; denn erst beim Ausbruch des Krieges sich zum Kriege zu bilden, (s'aguerrir) ist viel zu spät; weil schon bei Eröffnung des ersten Feldzuges die Cavallerie mit imposanter Kraft und Klugheit sich in Respekt setzen, und überall, wo sie sich zeigt, panisches Schrecken verbreiten muß -- Die glücklichen Folgen hievon sind gar nicht zu berechnen!

Gewöhnt übrigens eure Cavallerie auch im Ganzen zur größten Aufmerksamkeit und schnellen Ausführung aller Befehle, Appelle und Signale; aber um ihr dies zu erleichtern, müssen der letztern nicht zu viele seyn. Man kann hieran die Cavallerie in Friedenszeiten nicht genug schon gewöhnen, weil sie solche selbst im Tumult der Schlachten befolgen soll. Fehlt sie hierin, so läuft sie Gefahr durch zu großen Muth sich zu exponiren, und verliert dann, bei unrichtiger Beurtheilung der Gefahr, die, ihr in allen Fällen nöthige, Contenanz. Wenn man ihr dahero Signale und Ordres giebt, muß sie solche jederzeit mit rascher und Zutrauensvoller Unerschrockenheit befolgen, und jeder Soldat, der selbst in Friedenszeiten hierin fehlt, muß scharf darüber bestraft werden, um zu verhüthen, daß er vom Feinde nicht noch schärfer und selbst auf Kosten seiner Cameraden gezüchtiget werde.

Ist eure Cavallerie an diese große Aufmerksamkeit und militärische Disziplin erst gewöhnt, so werden ihr die Friedens- und Kriegsmanövres gleiches Vergnügen gewähren, und sie wird in letzteren nie ein Neuling seyn, weil ihr sie bei Zeiten damit so recht innig vertraut gemacht habt. Eure Manövres müssen dahero jederzeit wahr und der Natur der Sache gemäß seyn, alsdann machen sie auf den Soldaten einen Zutrauensvollen und anwendbaren Eindruck, und den bedarf der nordische Krieger, um sich im Gleichgewicht zu erhalten mit Nationen, die von der Natur mit lebhafterer Imagination begünstigt sind; -- aber erlaubt nie, daß bei euren Schulmanövres eure jungen Offiziere sich zu kühn zeigen, oder dem gemeinen Mann solches gestatten, denn dies würde mancher nothwendigen Vorsichtsregel nachtheiligen Abbruch thun.

Nach geendigtem Manövre bemühe man sich, über solches ein richtiges Urtheil zu fällen, und die Offiziere, Unteroffiziere und Soldaten aufmerksam auf die vorgefallenen Fehler zu machen, und den Nachtheil zu zeigen, den sie sich in Gegenwart des Feindes davon würden zugezogen haben. Denen, die durch richtige Demonstrationen wahres militärisches Genie geäußert, bezeige man seinen Beifall, und belehre diejenigen, die es versäumten, von einer Blöße, die der Feind gab, Vortheil zu ziehen, dem man kein Versehen unbestraft hingehen lassen, im Gegentheil ihm so vielen Fallen legen muß, daß, wenn er auch eine vermeidet, eine andre ihm feßle. Man muß dahero nie sowohl im Kleinen wie im Großen mit seiner ganzen Forçe sich engagiren, vielmehr solche, so wie sein Vorhaben, klüglich zu verbergen wissen; verstellte Rückzüge, unvermuthete brusque Angriffe auf den schwachen Punkten und Flügeln des Feindes, Benutzung von Gründen, die euch dahin führen, Fälle, die nur das Terrain auch zeigen kann, sind Manövres, die leicht auszuführen scheinen, und welche selbst gegen den tapfersten Feind gelingen können, wenn -- ihr sie masquiren und geschickt auszuführen versteht; sie sind einem jeden bekannt, sie gelingen aber nur dem, der mit Klugheit das Terrain und den Augenblick zu benutzen weiß; denn würde der Feind es gewahr, daß ihr ihm die Flanke nehmen wollt, so wäre er sehr ungeschickt, wenn er es nicht verhüthete, und ist er gescheut, so werdet ihr dafür bestraft, denn er überflügelt euch. Haben wir nicht neuerliche Beispiele hievon gehabt? -- Damit nun im Kriege dergleichen und andre Manövres, über die man oft so gelehrt und angenehm schwatzt, gelingen mögen, ist es unerläßliche Pflicht, eure Cavallerie hierin in Friedenszeiten zu üben, sie zu belehren, jederzeit das Terrain und die Stellung des Feindes zu erforschen und zu benutzen, und sie daran zu gewöhnen stets rasch und kühn die Befehle und Signale ihrer Anführer zu befolgen; und ist der Soldat schon in Friedenszeiten durch die Gründlichkeit eurer Instruktionen und Manövres überzeugt, daß diese Aufmerksamkeit und schnelle Ausführung ihm ein entscheidendes Uebergewicht über den furchtbarsten Feind geben, so wird er Zutrauensvoll eure Befehle und Signale wie göttliche Gesetze verehren, die ihn ohnfehlbar zum Siege führen.

Dies ist (meines Dafürhaltens) der wahre Geist der Subordination und des Exerzirens, von dem die Cavallerie beseelt seyn muß; der sie in wahres Element zurückführen und ihren guten Willen wieder erwecken wird; welcher durch seine magische Kraft allein, hinreichend ist, Wunder der Tapferkeit hervorzubringen. Unterstützt ihn mit der Cultur der Beurtheilungskraft, so wird er bei jeder Gelegenheit sich übertreffen.

Aber laßt uns freimüthig gestehen, daß, um es dahin zu bringen, es hohe Zeit ist, gänzlich zu abstrahiren von allen den Abschweifungen des militärischen Genies, mit denen man sie heut zu Tage martert und umnebelt; die jährlich sich abändern und vermehren, die man bis ins Unendliche vervielfachen kann, und deren unbeständige Grundsätze die Cavallerie zu inkonsequenten, oder doch unanwendbaren Handlungen gegen den Feind verleiten müssen, und die nur zu sehr einer Münze gleichen, die keinen Kurs hat. --Demohnerachtet ist es betrübt, daß selbst diejenigen, die von der Insuffisanz dieser Schau-Gerichte völlig überzeugt sind, es doch nöthig finden, sie in Ehren zu halten; sey es nun, um sich unerschöpflich in neuen Erfindungen zu zeigen, oder aus Eifersucht, um es andern hierin zuvor zu thun, geschähe es auch auf Kosten der militärischen Energie! –

Fährt man indessen fort, in diesem Geschmack zu wirken, so läuft man Gefahr, sich dereinst so zu übersteigen, wie jener Feldherr, der den Namenstag seines Souverains durch ein kunstreiches Manövre feierte, welches damit endigte, daß es dessen Namen darstellte, wovon er, der Feldherr, den Punkt aufs i ausmachte. *)

*) Diese buchstäbliche wahre Anekdote trug sich im verflossenen Jahrhundert in . . . . . zu.

Um nun dergleichen und andre Militärische Schreibfehler zu vermeiden, wäre es nöthig, als unumstößliche Regel bei der Cavallerie festzusetzen:

Daß jedes Manövre, dessen man sich nicht mit sicherem und leichtem Succeß im Kriege gegen einen furchtbaren Feind bedienen könnte, so glänzend und neu es übrigens auch wäre, von allen Uebungen in Friedenszeiten verbannt werden müßt; denn dergleichen Gözzendienst verstrickt euch in ein Labyrinth von Vorurtheilen, auf die eure Cavallerie sich irriger Weise verlassen, und die Grundsätze des wahren Kriegsdienstes vernachlässigen wird, die nur allein im Stande sind, sie mit Ruhm zu bedecken.

Warlich! nur durch einfache Manövres (aber von brillanter Wirkung) kann die Cavallerie zu allen Gefechten gebildet, und jedem Feinde furchtbar werden; in Friedenszeiten von Kennern bewundert, wird sie im Kriege sich übertreffen, und dies ist das Wesentliche; sie wird sich im kleinen Kriege und großen Affären auszeichnen; für die Sicherheit der Märsche, Läger und Quartiere Bürge seyn; ohne je überfallen zu werden, werden ihre Ueberfälle gelingen; sie wird den Gewinn der Schlachten ergänzen, und oft entscheiden, und nie einer Armee zur Last, sondern zur größten Stütze seyn.

Wenn ich nicht das Détail großer Manövres berühre, so geschieht es, weil so viele Schriften und so viele Thaten uns hinlänglich davon belehrt haben, und es also eitle Mühe wäre, durch Wiederholungen oder Verfeinerungen neue Lehren hierüber aufzustellen. Die wahre Kriegskunst hat nur wenige, aber feststehende Regeln, die alle Kriegern, die über ihr Handwerk gedacht, (und die dies unterlassen haben, denen werden diese Blätter nicht behagen,) bekannt sind, oder die sie erlernen können, wenn sie die Feldzüge der Griechen und Römer, vorzüglich den Végèçe studiren, dann den Fenquiéres, Montrécuculi, Puységur, Marschall von Sachsen, Turpin etc. und andere neuere Schriftsteller, die sich bemühten, die unbeweglichen Grundsätze der Kriegskunst auszuschmücken. Ist euch aber dieses nicht hinreichend, so studirt die Feldzüge Friedrichs des 2ten, und wenn ihr in den neuen Mysterien wollt eingeweiht werden, so beherzigt die weltberühmten Heldenthaten und -- Fehler, die die neun letztern Feldzüge des verflossenen Jahrhunderts verewigen werden, denn, (unter uns gesagt,) man kann sich dreist dem Teufel ergeben, wenn je noch etwas instruktiveres ausgesonnen werden sollte.

Indessen, -- obgleich diese Studien den Geist bilden, und das Gedächtniß bereichern, so kann die Cavallerie doch nur durch praktische Uebungen, die Gegenwart des Geistes sich zu eigen machen, die erforderlich ist, um mit militärischer Kaltblütigkeit, das Terrain, die Stellung und die Bewegungen des Feindes zu beurtheilen, davon Vortheil zu ziehen, und schnell die Grundsätze richtig anzuwenden, mit denen ihr Geist sich beschäftigt hat, weil sie nur durch rasche Ausführung ihre Ideen geltend machen kann; man halte also alle Materialien stets in zweckmäßigem Stande und in anwendbarer Thätigkeit.

Da hier nur mein Zweck ist, zu zeigen, wie man einen sehr ehrwürdigen Theil der Armee, die berittenen Soldaten, zu einem solchen Grade der Vollkommenheit bringen soll, daß ein Feldherr sich ihrer, mit vollem Zutrauen, zu Anführung seiner Dispositionen bedienen kann; so bin ich aus Erfahrung überzeugt, daß meine Vorschläge, für Küraßire, Dragoner, Husaren, reitende Jäger, Ulahnen und alle berittene Krieger ohne Unterscheid, anwendbar sich; denn es ich noch ein eben so großes Vorurtheil, wenn man glaubt, man müsse Küraßire nicht zum kleinen Kriege üben und gebrauchen, als wenn man wähnt, mit Husaren nicht geschlossene Attaquen machen zu dürfen. Als berittene Soldaten müssen und können sie sämmtlich geübt werden, alle militärische Expeditionen auszuführen, die das Terrain der Cavallerie nur darbietet. Jeder Feldherr wird zwar wissen, wo er sich mit mehrerem Vortheil der einen oder der andern Art von Truppen bedienen kann, aber keine Gattung Cavallerie soll für unfähig gehalten werden, und noch weniger es seyn, um diese oder jene militärische Expedition auszuführen, zu der man sie gewöhnlich nicht gebraucht; denn es können sich Fälle ereignen, wo man sich ihrer unumgänglich dazu bedienen muß. Es ist dahero nicht zu viel begehrt, sämmtliche berittene Krieger zu allen den Diensten zu üben und zu bilden, deren sie fähig sind, denn diese verschiedenen Uebungen haben nichts widersprechendes in sich; sie erleichtern und vervollkommnen sich vielmehr gegenseitig; und folgende Ausdrücke: schwere und leichte Cavallerie, sollten als schmähende Beinamen künftig abgeschafft werden, denn keiner Cavallerie soll etwas schwer oder lästig fallen *); auch soll sie nichts zu leicht behandeln, sondern alles mit dem gehörigen Nachdruck rasch und ungezwungen ausführen können.

*) Selbst keine Karrikatur von Hüthen.

Man könnte einwenden, daß alles, was ich im Ganzen von der Cavallerie fordere, weiter nichts Besonderes wäre. -- Desto besser, wenn ihr mit leichter Mühe alle eure berittene Krieger so weit bringen könnte; indessen betheure ich euch, daß ihre ganze militärische Würde hierauf beruht, und ihr thätig unrecht, diese zu vernachlässigen, oder zu glauben, daß ihr Muße hättet, sie mit Künsteleien zu unterhalten, oder richtiger gesagt, zu quälen, weil alle ihre Fortschritte dadurch gehemmt werden.

Wie viele Folianten von Cavallerie-Manövres sind in den letztern 20 Jahren ausgesonnen, mit denen man nie im Kriege sich auszeichnen wird! Wenn ihr indessen einen so großen Werth darauf setzt, und mir nicht glauben wollt, so wendet euch an kompetentere Richter, und fragt unsre Nachbarn, die Preußen, durch welche Grundsätze ihre unsterblichen Helden und Meister der Cavallerie, die Kleiste, Seidlitze und Ziethen sich mit Ruhm bedeckt haben.

Uebrigens will ich nicht genau festsetzen, wie die Regimenter in Schwadronen oder Züge eingetheilt werden sollen; nur so viel will ich hierüber sagen, daß es hinreichend ist, daß an der Spitze von 25 bis 30 Pferden ein Lieutenant, 2 Unteroffiziere und 2 Carabiniers, sich befinden; bei ungefähr 100 Pferden, ein Capitain und 3 Subaltern-Offiziere; bei 150 bis 200 Pferden, ein Stabsoffizier; bei 6 bis 800 Pferden, ein Obrister, und an der Spitze von tausend Pferden, ein General-Major, was die gewöhnlichen Friedensübungen betrifft. Damit aber im Kriege alles aufs Beste gelinge, so muß jeder Unteroffizier im Nothfall seinen Lieutenant ersetzen, und jeder Lieutenant den Geschäften seines Capitains vorstehen können, und dieser denen des Majors. Keinem Major muß es schwer fallen, die Pflichten eines Obristen zu erfüllen; und jeder Obriste die nöthigen Kenntnisse haben, einen Flügel Cavallerie zu führen; denn, wenn die Herren Offiziers der Cavallerie sich nicht im voraus schon die wesentlichsten Kenntnisse zu eigen machen, und früher, als sie einen Posten erhalten, in welchem sie solche schon geläufig ausüben sollen, so erlangen sie solche hernach nie.

Um nun die Offiziere der Cavallerie so zu bilden, als ich es wünsche, und das Wohl der Cavallerie und der Armee es unumgänglich fordert, so muß jeder einzelne Unterricht gleich von einem richtigen Erziehungsplan ausgehen, nach welchem ihr schon in Friedenszeiten besonders Rücksicht auf die aufgeklärtere militärische Bildung eurer Unteroffiziere nehmen müßt, und so laßt gleichfalls öfters eure jungen Lieutenants mit der ganzen Schwadron, und die Capitains das ganze Regiment exerziren und manövriren; wo dann die ältern Offiziere Zuschauer und Beurtheiler ihrer Fähigkeiten seyn müssen, um sie hiedurch aufs zweckmäßigste zu unterrichten und zu belehren.

Gemeiniglich hält man einen Lieutenant geschickt genug, wenn er seinen Zug, einen Capitain, wenn er seine Schwadron, und einen Obristen, wenn er sein Regiment gut zu exerziren versteht; wenn gleich sie den wahren Sinn und die richtige Anwendung davon nicht gehörig kennen. Sind sie aber alsdann nicht Männern zu vergleichen, die eine Sprache bloß artikuliren, ihre Begriffe aber nicht darin ausdrücken, noch weniger richtige Antworten auf die an sie gerichteten Fragen geben können? Denn, so verhält sich der Mechanismus des Exerzirens mit dem Geist der Manövres, und wenn man rechtens fordern kann, daß ein Lieutenant von der Cavallerie wenigstens die ihm obliegenden Manövres gründlich auszuführen verstehe, als unter andern in jedem Terrain, mit aller nöthigen Vorsicht gute Patrouillen zu machen, und den Marsch, Absicht und Stärke des geschicktesten Feindes zu entdecken, mit Sachkenntniß überall Feldwachen auszusetzen, und bei aller Gelegenheit, die sich darbietet, (und die man auch herbeizuführen verstehen muß) sowohl durch richtige Benutzung des Terrains, als Gegenwart des Geistes, Uebergewicht, selbst über einen überlegenern Feind zu behalten, damit man sich zutrauensvoll auf ihn im Kriege verlassen könne; was soll man nicht von den Herren Capitains und Stabs-Offizieren der Cavallerie fordern? -- Denn was nützt es, sich und den gemeinen Mann zu so vielen künstlichen Exercizien und Manövres abzurichten, oder an der Zierlichkeit seines Galopps sich zu ergötzen, wenn man die Hauptsache vernachlässigt, sie gründlich zu unterrichten, welchen zweckmäßigen leichten und schnellen Gebrauch sie hievon machen können und sollen. Denn ihr werdet mir eingestehen, daß ein Trupp Kunstreiter nach lange nicht im Stande ist, eine gute Patrouille oder ein geschicktes Manövre im kriegerischen Sinn auszuführen. (Wenn es dahero wahr zu seyn scheint, was Voltaire irgendwo sagt, daß der Grammatiker sich zu dem Schriftsteller, wie ein Lautenmacher sich zu einem Musiker verhält, so stände auch wohl der Erfinder künstlicher Exercizien mit dem, der anwendbare Manövres rasch und kühn auszuführen versteht, in gleichem Verhältniß.) Es folgt also hieraus, daß jeder Cavallerist, vom gemeinen Mann bis zum Subalternoffizier, und von diesem bis zum General, die Anwendung des Erlernten vollkommen verstehen müsse; der Offizier studire, um sich die Sache zu erleichtern, die vortrefflichen Schriften, die darüber klare und richtige Begriffe geben, und verbinde dann die auf richtigen Grundsätzen ruhende Theorie mit der Praxis, und der gemeine Mann, zu diesem Studium weniger empfänglich, kann und wird dann durch die praktische Belehrung seiner Offiziere hinlänglich unterrichtet werden, denn ein solcher Unterricht macht auf seine Einbildungskraft einen bildlichen und dahero lebhaften und unauslöschlichen Eindruck, und selbst der, mit ausgebreitetern Kenntnissen begünstigte, Offizier und General wird, bei steter Ausführung anwendbarer Manövres, noch immer an militärischem Takt und an Geistesgegenwart gewinnen, wenn solche nicht vom Eigensinn und der Kunst zu gefallen oder zu glänzen, sondern von der unbestechlichen Kriegskunst, von dem Terrain, und von den willkührlichen Manövres eures Gegners bestimmt werden.

Endlich vermeidet jeden Unterricht und jedes Exerziren, wodurch die militärische Urtheilskraft beschränkt, und sucht alles hervor, wodurch sie erweitert wird.

Jede Art Truppen, Infanterie, Artillerie, Cavallerie xc. hat ihre analoge Grundsätze. Wenn indessen der Cavallerie die schnelle und richtige Beurtheilung des Terrains, und die Ausübung anwendbarer Manövres, nicht zur andern Natur geworden, so wird sie, im Angesicht eines geschickten und entschlossenen Feindes, (und so muß man sich ihn denken, wenn man nicht angeführt werden will) nichts Entscheidendes ausrichten, sondern der Armee und dem Staate sehr zur Last fallen, denn sie kostet verhältnißmäßig dem Staat unermeßliche Summen, sie kann nicht in jedem Terrain, noch bei allen militärischen Vorfällen gebraucht werden. Es ist dahero eine absolute Nothwendigkeit, daß bei allen Gelegenheiten, wo man sich ihrer bedienen kann, sie ihre Existenz auf eine wundervolle Art geltend zu machen wisse, und man wird nie hiezu gelangen, wenn man nicht gleich bei Bildung des gemeinen Mannes, es sich zur unerläßlichen Pflicht macht, ihn gleich durch zweckmäßiges Exerziren und anwendbare Manövres, grade zu seiner Bestimmung zu führen und darin zu erhalten, und so gleichfalls die Unteroffiziere und Subaltern-Offiziere, zumal da dies der wahre, einzige und kürzeste Weg ist, wohl unterrichtete Stabs-Offiziere in der Cavallerie zu bilden, die zu ihrer Beseelung unentbehrlicher sind, wie geschickte Steuerleute bei einer Seemacht.

Wir fangen ein Jahrhundert an, mit welchem alles zur Vollkommenheit strebt; wer nun hiezu den kürzesten Weg wählt, behält bestimmt ein entscheidendes Uebergewicht; alle Abschweifungen aber würden uns von diesem ruhmvollen Ziel entfernen; der Himmel bewahre uns also dafür in Gnaden!

Das Ziel und der Zweck der Cavallerie kann vernünftigerweise nur seyn: sich im Kriege furchtbar glänzend auszuzeichnen; unser einziges Bestreben sey also: rasche Ausführung kriegerischer Manövres; keine andre müssen künftig mehr statt finden!

Für einen commandirenden General wird dies dann den glücklichen Erfolg haben, daß seine berittene Krieger, an keine Künsteleien gewöhnt, sich in der Anwendung nie irren, und alle Kriegs-Manövres mit Sachkenntniß und guten Willen leicht ausführen werden. Von diesen beiden Genien beseelt, wirft dann die Cavallerie, bei Gott! alles übern Haufen.


Quelle.[]

  • Ueber die berittenen Soldaten des neunzehnten Jahrhunderts. Im Norden. 1803.
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