Von Bastille bis Waterloo. Wiki
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Ueber den

Feldzug der Preußen

gegen die

Nordarmee der Neufranken

im Jahr 1793.

Von

einem Beobachter,

welcher die jetzigen Feldzüge der verbündeten

deutschen Heere mitmacht.

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Stendal, bei Franzen und Grosse,

1795.

Erster Brief.[]

Kantonnirungsquartier bei Preußisch-Minden im Januar 1793.

Lieber Freund!

Du willst die nächste Veranlassung unsers so plötzlich erfolgten Wintermarsches von mir erfahren, und wohnest doch in der Residenz -- lebst doch so nahe an der Quelle politischer Entwickelungen, so nahe dem Oberkriegeskollegium? -- Wenn wir unwissenden Provinzbewohner uns nicht sehr irren; so dankt unser kleines Truppenkorps unter Knobelsdorfs vorläufiger Anführung seine rasche Organisirung einzig den Plünderungen der Französischen Nordarmee, deren Streifparteien auch bereits in den preußischen Besitzungen am linken Ufer des Rheins ihren Unfug zu treiben beginnen. Ganz Westphalen ist von Truppen entblößt, denn die zwei Infanterie-Regimenter von Kunitzky, und von Köthen, welche in Wesel stehen, haben genug mit Vertheidigung dieser Vestung zu thun. Auch soll ein feindlicher General auf gut pralerisch bereits ein Mittagsmahl bei dem Kommendanten zu Wesel haben bestellen lassen, und die Regierung und Kammer zu Kleve fürchtet nachgerade im Ernst einen nahen Besuch dieses ungebetenen Gastes. Die klevischen Landesstände haben daher zu wiederholten Malen ihren und unsern gemeinschaftlichen Landesvater dringend gebeten, zur Sicherstellung seiner klevischen, gelderischen und mörschen Lande schleunigst einige Regimenter nach dieser Gegend des Rheins zu beordern.

So geschah es denn, daß die Infanterie-Regimenter von Knobelsdorf und von Kalckstein, desgleichen die Kürassier-Regimenter, Leibkarabinier und Leibregiment im vergangenen Monat plötzlich Befehl erhielten, sich marschfertig zu halten. Im Weihnachtsfeste mußten diese Regimenter auch bereits aus ihren Garnisonörtern aufbrechen, und ihren saubern Wintermarsch antreten. Seitdem kommen wir uns nun wie Zugvögel vor, die im Herbste das Klima, das für sie zu rauh zu werden beginnt, verlassen, um dasselbe gegen ein wärmeres zu vertauschen. So wie diese auf ihrem Zuge nirgend eine bleibende Stätte finden, so wandern auch wir jetzt täglich von einem Orte zum andern, und suchen uns die hoffentlich schon etwas wärmern, südwestlichen Rheingegenden auf. Einige und vierzig deutsche Meilen haben wir bereits zurückgelegt.

Ich muß gestehen, es ist ein ganz eigenes Ding um so einen Wintermarsch. Die sich stets widersprechenden Wünsche kurzsichtiger Sterblichen mögen dem Himmel unmaßgeblich zu verstehen gegeben haben, daß für uns Marschirende eine gelinde Witterung unstreitig die beste, die behaglichste seyn dürfte. Der Himmel lächelte, und gab uns die erwünschten warmen Wintertage: aber wahrscheinlich nur, um uns durch die natürlich damit verbundenen, über alle Beschreibung schlimmen Wege zu überzeugen, daß er uns kaum härter strafen könnte, als wenn er unsre albernen Wünsche allezeit erfüllen wollte. Freilich haben wir bisher in einer kalten aber reinen Winterluft wenig oder gar nicht frieren dürfen, aber desto mehr in der ungesunden, und viel beschwerlichern naßkalten Herbstluft. Und wer wird nicht jene der leztern vorziehen, so lange man noch nicht ganz verweichlicht ist? –

Es ist schwer, dir einen anschaulichen Begrif von der Scheußlichkeit der aufgegangenen Wege zu machen, auf welchen wir hie und da einher ziehen mußten. In dem Bükkeburgischen, z. B. brachte selbst die Kavallerie auf den Tagesmarsch von einer einigen Meile ganzer für Stunden, von acht Uhr des Morgens bis Mittags um ein Uhr, zu. Und doch ist dabei nichts so sehr bewundern, als daß kein Pferd und kein Wagen in dem fast grundlosen Kothe unrettbar versunken ist. Dies würde aber auch gewiß geschehen sein, wenn sich die mitleidigen Bauern unserer nicht erbarmt, und uns an einem der gefahrvollesten Oerter ihre Gartenhecken nicht aufgeopfert und niedergehauen hätten, und uns so durch ihre Gärten und über ihre Aecker einen etwas weniger verwünschenswerthen Weg zu führen.

Der Soldat erträgt indessen, wie billig, diese kleinen Unbehaglichkeiten des Wintermarsches mit christlicher Zufriedenheit; auch waren ja die Beschwerlichkeiten unvergleichbar grösser, welche unsre armen Truppen, die im vorigen Jahre gegen Paris vordrangen, auf ihrem Rückzuge willig ertrugen. Da sie aus Liebe zum deutschen Vaterlande für ihre täglichen sechs Dreier Gesundheit und Leben dran wagten: warum sollten wir zum Schutz unsrer westphälischen Landsleute nicht einen lästigen Wintermarsch machen? –

Du wünschest, daß ich dir Eins und das Andere von den Merkwürdigkeiten, welche mir am Rhein, und auf dem Wege dahin, zu Gesichte kommen, erzählen mögte. Recht gerne: aber ich fürchte, daß du in dieser Rücksicht mehr Interesse von meinen Briefen erwarten wirst, als ich ihnen werde geben können.

Die erste Stadt von Bedeutung, über welche uns unser Marsch geführt hat, war Hannover. Sie liegt indessen deinem Berlin noch zu nahe, als daß ich mich beim Erwähnen derselben nicht kurz fassen dürfte. Auch bist du selbst schon in Hannover gewesen, und kennst also diese Quasiresidenz bereits -- kennst das churfürstliche Schloß, das Opernhaus, die öffentliche Gotteshäuser, die Reitschule und Bibliothek. Und was die Spatziergänge unter dem Schatten der Bäume des Paradeplatzes und der geebneten Stadtwälle betrift; so hattest du sogar mehr Genuß von ihren Reitzen, als ich, denn du warst in einer angenehmern Jahreszeit hier.

Nahe am Paradeplatz, in einem jungen Gehölze, hat die dankbare Liebe zu den Wissenschaften dem unsterblichen Leibnitz ein kostbares marmornes Brustbild errichtet. Die auf Säulen ruhende Kuppel, welche dasselbe vor der Witterung in Schutz nimmt, führt die Ueberschrift: Genio Leibnitzii. Dieser Tempel soll viermal so viel gekostet haben, als das Brustbild selbst, dessen Hülle er nur ist. Der Witz hat deshalb das Ganze mit dem Kern einer Nuß verglichen, die von einer goldenen Schaale umschlossen wird. Der Kritik aber scheint dieser ehrwürdige Bücherheld, der, wie die Motte, seine mehresten Tage im einsamen Studierzimmer verlebte, und doch hier seinen tiefen Blick gleichsam unter dem Geräusche der Waffen auf die vor ihm exercirenden Truppen hinhaftet, nicht an dem ihm gebührenden Platze zu stehen. Aber woran hat die Kritik nicht etwas auszusetzen? –

In dem hiesigen Gießhause sah ich zu meiner großen Freude ein neu erfundenes, äusserst sinnreiches und kostbares Instrument, wodurch man mit der größtmöglichsten Genauigkeit und sehr geschwind erprüfet, ob irgendwo in dem Kaliver eines Kanons die kleinste unstatthafte Vertiefung entweder bei dem Gießen, oder durch das Bohren entstanden ist.

"Aber was kümmern mich friedliebende Bürger Berlins deine kriegerischen Mordgewehre, und die Kunst ihrer zweckmäßigen Zubereitung?" -- Siehst du wohl, lieber krieghassender Freund! daß dir manches gleichgültig ist, was allerdings Interesse für mich hat? Indessen du weißt wohl, ungeachtet ich jede Kunst und Wissenschaft -- und wär' es selbst die Wissenschaft des Krieges, oder die Kunst, große Menschenhaufen methodice zu erwürgen -- so fern sie der menschlichen Erfindungskraft Ehre macht, nach Würden schätze: so hab' ich doch dem Kriege selbst, der dem menschlichen Herzen unaussprechliche Schande macht, einen ewigen Haß geschworen.

Einige Stunden diesseits Hannover marschirten wir über ein Schlachtfeld des dreißigjährigen Krieges. Wir fanden auf demselben eine steinerne vierseitige Spitzsäule, welche, laut der lateinischen Innschrift, das dankbare Andenken des hier gebliebenen, in schwedischen Diensten gestandenen Generals von Abendroth zu erhalten, bestimmt ist.

Einen Tagesmarsch weiter vorwärts ließen wir zu unserer Rechten den berühmten Steinhuder Landsee, welchen Landgraf Wilhelm von Schaumburg-Bükkeburg durch ausführung eines militärischen Genieeinfalls merkwürdig gemacht hat. Er ließ nämlich im Jahre 1744 mit unsäglicher Mühe und ansehnlichem Kostenaufwande in der Mitte dieses Meeres eine Menge Bruchsteine und Schutt werden, bis endlich auf diese Art ein künstliche Insel daselbst entstand. Auf dieser Insel legte er dann eine kleine regelmäßige Vestung an, der er den Namen Wilhelmsstein gab.

Da sie nicht bloß der Landsee, sondern auch noch eine sumpfigte Gegend unzugänglich macht, und ohnehin auch von keiner nahen Anhöhe bestrichen werden kann; so dürfte selbst dem überlegensten Feinde die Eroberung dieser Zitadelle durch Sturm, wo nicht unmöglich, doch gewiß sehr schwer werden. Man findet auf diesem Kunstwerke unter andern auch einige Kanonen von massivem Golde, welche der König von Portugal, in dessen Dienste Wilhelm stand, ihm zur Ausrüstung seiner kleinen Inselschöpfung zum Geschenke machte.

Zu Stadthagen im Bükkeburgischen ist die neben der Stadtkirche angebaute Erbbegräbnißkapelle der schaumburglippeschen Linie, und namentlich die marmorne Tombe mit der sinnbildlichen Darstellung der Auferstehung sehenswerth. Ueber der Orgel sieht man eine Uhr, neben deren Gehäuse Luther und Kalvin stehen, dieser, um Viertheil, und jener, um Voll zu schlagen. In einem gewissen Sinne mögte es lieber umgekehrt seyn -- -- Das hiesige wüste Residenzschloß erinnert in seinem Verfalle lebhaft an die Nichtigkeit und Hinfälligkeit alles irrdischen Glanzes.

Zu Bükkeburg fiel mir die schöne, im Jahre 1620 erbauete Stadtkirche auf. Schade! daß ihr Vordergiebel mit Verzierungen der Bildhauerkunst ein wenig überladen ist. Das hiesige Schloß bewohnt die verwittwete Fürstin von Bükkeburg, die Vormünderin ihres Sohnes, des Erben dieser Lande. -- In diesen Gegenden sahen wir zuerst eine in dem Brandenburgischen nirgend übliche, und doch so nachahmungswürdige Art holländischer Windmühlen. Dergleichen Mühlen sind wie runde und oben abgestumpfte Spitzsäulen, ganz von Steinen in die Höhe geführt, und gleichen, wenn man sich die Flügel davon denkt, den Wartethürmen der Ritterzeiten. Sie erfordern zwar im Anfange eine vielleicht etwas beträchtlichere Auslage, als die unsrigen, da sie aber jeder Witterung Trotz bieten, im heftigsten Sturm keiner Gefahr ausgesetzt sind, und dem Zahne der Zeit wenigstens sechsmal länger widerstehen, als die unsrigen; so sind ihre Vorzüge nicht zu verkennen.

Bei Hausbergen ohnweit Minden bestieg ich den aus der ältern Geschichte von Westphalen bekannten Tönnies-Berg, d. h. den Berg des Antonius. Ihm gegenüber am linken Ufer der Weser liegt der Wedenberg, d. h. der Berg, welchen Wittekind mit seinem deutschen Kriegesheere einst besezt hatte.

Bei [[Minden}Preußisch-Minden]] passirten wir die Weser. Die hiesige steinerne Brükke ist etwas über sechshundert Fuß lang, vier und zwanzig Fuß breit, und ruhet auf sieben Bogen. Minden ist ziemlich alt, schon zu Kaiser Karl des Großen Zeiten war sie eine berühmte Handelsstadt. Sie hat über tausend Häuser, etwas über fünftausend Einwohner, und ist sehr unregelmäßig gebauet. Unter den hiesigen Kirchen und Klöstern ist die von Quadersteinen aufgeführte Domkirche die ansehnlichste. Das Landschaftshaus ist unter den Civilgebäuden das regelmäßigste. Als die Hauptstadt des Fürstenthums hat Minden eine Regierung, Consistorium, eine Krieges- und Domainen-Kammer. Nahe bei der Stadt, an der Weser, ist die berühmte Ebene, wo im Jahre 1758 eine Handvoll Braunschweiger die französische Armee schlug, die Stadt wieder eroberte und 3500 Franzosen Kriegsgefangene machte. Nachher wurden die Stadtwälle geebnet.

Eine Stunde oberhalb Minden gingen wir längst dem Ufer der Weser durch das sogenannte Thor von Westphalen. Mit diesem Namen belegen die alten Kroniker jene Oeffnung in der Bergkette, welche das eigentliche Westphalen von dem untern Theile desselben trennt, und durch welche sich die Weser hindurch drängt. Hoch auf dem Gipfel des steilen Berges am linken Ufer dieses Stroms steht eine der Margarethe geheiligte Kapelle, in welcher jährlich noch einmal Messe gelesen wird. Am Abhange des gegenüber stehenden Berges -- jezt Jakobsberg genannt -- legte sich ein ehemaliger preußischer Feldwebel, Namens Jakob, einen Garten an, und erbauete sich ein Häuschen, in welchem er viele Jahre als Einsiedler lebte, und jetzt dem Berge seinen Namen zum Erbtheil hinterlassen hat.

Die Ansicht der vortreflichen Uferlandschaft, von jenen Bergen herab, ist schon in dem einfachen Winterkleide malerisch schön; was muß sie dann nicht erst sein, wenn das Frühjahr seinen Zauber -- sein frisches Grün und seine Blüthen, -- über das sich schlängelnde Wiesenufer ausgegossen hat? Man kann sich keinen erquikkendern Frühlingstag denken, als der war, dessen wir hier am zehnten Januar bei unserm Durchmarsche durch diese Bergkluft genossen; die Natur schien es recht darauf anzulegen, unsre Herzen mit Freude und Wärme zu erfüllen und die matten Stralen der selbst in der Mittagsstunde noch niedrigen Sonne wurden kraftvoller durch die steilen Anhöhen, von welchen sie mit verdoppelter Kraft uns zurück prallten.

Eine Stunde von hier, bei dem Dorfe Reeme, sind die Salzsiedereien, welche die westphälischen Provinzen mit Salz versehen. Die Soole des Salzquells ist nicht von dem besten Gehalte. Sie wird erst durch sechs Gradierwerke verstärkt, und zum Sieden tüchtig gemacht. Die zu diesem Behufe angelegten Triebwerke werden von dem Wasser der hier vorbeifließenden Werra in Bewegung gesezt.

Das Wohngebäude und die ganze häusliche Einrichtung des hiesigen Landmanns ist von der unsrigen sehr verschieden, hingegen kommt sie fast überein mit derjenigen der Niederelbe. Die Menschen wohnen hier, wie du schon sonst gehöret haben wirst, mit dem lieben Viehe unter einem Dache, und gehen mit demselben auf einen ziemlich freundschaftlichen Fuß um. Indessen hat doch die damit verbundene Unreinlichkeit keinesweges einen so hohen Grad erreicht, als das allgemeine Gerücht behauptet. Jeder Art des Viehes ist wenigstens ein eigener Abschlag angewiesen, und es geschiehet nur mißbrauchsweise, wenn sich eine oder die andere Thierart dann und wann unter die zweifüßigen Hausgeschöpfe -- unter die Herrschaft -- mischt.

Eine hiesige Bauerwohnung ist gewöhnlich ein Gebäude von ansehnlichem Umfange, indem es nicht bloß die ganze Scheune, sondern auch die Ställe für das sämtliche Vieh mit in sich faßt. Bei dem Eintritt ins Haus kommt man gewöhnlich zuerst auf eine sehr geräumige Tenne, die zum Dreschen des Korns gebraucht wird, und auf welcher die sämtlichen zur Wirthschaft gehörigen Wagengeräthschaften stehen. An beiden Seiten sind die Abschläge für die Kühe, Pferde, Schweine, Schafe und Hüner. Ueber diesen Anschlägen, so wie auch über der Tenne, wird das Korn, und der Heu- und Strohvorrath aufbewahret. Fast in der Mitte des ganzen Gebäudes ist ein großer Feuerheerd, auf welchem das Feuer im Winter fast Tag und Nacht nicht ausgeht. Ueber dem Heerde, statt des Schornsteins, ein bretterner Rauchfang. Der Rauch zieht sich anfangs zwar durch denselben in die Höhe, verbreitet sich dann aber durch das ganze Haus, sucht sich seinen Ausgang aus der Thüre, und räuchert, ausser den Schinken und Würsten, so nebenzu, auch noch die Menschen und das Vieh, desgleichen auch das sämtliche Futter für das lezte. Unsre Kühe würden daher das hiesige Futter schwerlich fressen, und sie müssen auch sogar hier schon als Kälber daran gewöhnt werden, wenn es ihnen nicht schaden soll. Dem Fremden fällt es anfangs auf, hier auf keinem Dorfe einen Schornstein über den Dächern der Häuser hervorragen zu sehen -- Hinterwärts im Hause ist endlich die allgemeine und einzige Stube für die Familie. Oft gleicht auch diese eben so, wie der ganze innere Raum des Hauses, einer Räucherkammer. Die Schlafgemächer für die Familie sind gewöhnlich niedrige Abbuchtungen oberhalb der Viehställe. Die Thüren zu den leztern sind sämtlich innerhalb des Hausfluhres, und da die Ställe für die Kühe und Pferde blos durch eine unausgefüllte Wand von der Tenne getrennt sind; so ist das nicht nur bei dem Futtern äusserst bequem, sondern gewährt auch einige andere ökonomische Vortheile. Zwar hat der Umstand, daß die Stallthüren sämtlich auf der Tenne angebracht sind, den Nachtheil, daß sich das Vieh, wenn einmal zufälligerweise eine Thüre aufgeht, ein wenig zu vertraulich in den Kreis der Familie einmischt: allein man ist hier daran gewöhnt. Werden doch sogar wir, die wir kaum einige Wochen in dergleichen Bauernwohnungen hausen, schon an Dinge gewöhnt, die uns anfangs unerträglich schienen, z. B. daran, sich lebendig räuchern zu lassen.

Nichts ist mir indessen bei dieser häuslichen Einrichtung auffallender, als daß man hier nicht öfter, als bei uns, von Verwahrlosungen des Feuers, und von den zerstörenden Folgen derselben hört. Man kann fast nicht sorgloser mit dem Feuer umgehen, als hier. Nicht genug, daß die Torfgluth mitten auf dem Fluhr fast Tag und Nacht nicht ausgeht, ungeachtet der beständigen Nachbarschaft des Futters fürs Vieh und des Strohes, welches demselben, über dem Fluhr und eben dem Feuer weg, zur Streu zugetragen wird; man giebt sich auch nicht einmal die Mühe, des Morgens und Abends das Vieh bei einer Laterne zu futtern, nein! man nimmt vielmehr bei diesem Geschäfte den ersten den besten Krüsel -- so nennt man hier eine Art Lampen mit einer grossen, blakenden Flamme -- und geht damit unter allen den sie umgebenden brennbaren Sachen umher, ohne Feuersgefahren zu fürchten.

Diese hier beschriebene häusliche Einrichtung des Landmanns ist in Westphalen so allgemein, daß auch selbst die Wohnungen der hiesigen Landprediger nur selten eine Ausnahme machen. Ich, für mein kleines Individuum, würde auch nichts bei diesem Landesgebrauche zu erinnern haben, wenn nur die Augen in diesen Räucherkammern nicht Höllenqual ausstehen müßten, und, um wessen Augen es dann ohnehin so schlecht, wie um die meinigen, bestellt ist, der hat hier alle Ursach, wegen seines Bisher Sehvermögens bange zu werden.

Im Ganzen scheint der Bauer des Fürstenthums Minden, und einiger andern westphälischen Provinzen, ein sehr geplagtes Lastthier zu seyn, und der unsrige in der Mark Brandenburg, im Magdeburgischen, u. s. w. ist unstreitig ein Freiherr gegen ihn. Nicht ein jeder Landmann hat hier ausser dem leinenen Kittel, welchen er zu tragen pflegt, auch noch einen Sonntagsrock, denn Armuth und Dürftigkeit ist unfehlbar das Theil der mehresten. Auf meine Erkundigung, woher das komme, antwortete mir mein Wirth, ein hiesiger betagter Landmann:

"Weil unsre hiesigen Guthsbesitzer nicht eben so großmüthig, wie unser lezt verstorbene, väterlich gütige König, Verzicht auf ein Recht thun, welches ihnen, so fern sie es lange ausgeübt haben, Niemand streitig machen kann: uns aber, so lange sie es ausüben, zu Boden drückt, und unser Aufkommen auf immer verhindert. Wenn ich sterbe; so ist mein Sohn nicht der Erbe meines gesamten Eigenthums, sondern nur der einen Hälfte desselben, die andere Hälfte erbt unser gnädige Herr. Stirbt nun, wie es wahrscheinlich ist, mein kränklicher einziger Sohn bald nach mir; so geht eine solche Theilung seines Nachlasses in zwei Hälften abermals vor sich. Dieser, mein kleiner Enkel -- er zeigte auf einen Buben -- erbt also nur den vierten Theil der ohnehin schon so kleinen Habe, die ich jezt mein nenne, und wahrlich sauer genug habe erwerben müssen, da mein Vater aus obigen Ursachen auch mir nur wenig oder nichts hinterlassen konnte. Der uns unvergeßliche Friedrich der Einzige übte zwar anfangs auf seinen hiesigen Domainen eben dies Recht aus: aber nachher entsagte er demselben auf immer, theils, um uns nicht ganz muthlos zu machen, und aufzuhelfen, theils, und hauptsächlich, um seinen hiesigen Vasallen dadurch ein Beispiel zur Nachahmung zu geben: Aber sie folgten ihm nicht, und mit Gewalt konnte und wollte er sie in ihren hergebrachten Rechten nicht kränken.

Dreizehnter Brief.[]

Kantonnirungsquartier bei Herzogenbusch im März 1793.

Seit kurzem scheint das preußische Korps d'Armee unter dem Befehle des Herzogs Friedrich von Braunschweig-Oels *), welches anfangs nur bestimmt war, die westphälischen Grenzen vor französischen Streifereien zu schützen, tiefer in die kriegerischen Unternehmungen verwikkelt zu werden. Auch ist schon der Zeitraum, von unserm Uebergang über den Rhein bis jetzt, nicht ganz leer von blutigen Ereignissen. Der uns gegenüberstehende Feind hatte seinen Hauptposten in Rüremonde an der Maaß. Er hatte sich stark verschanzt, und sich durch verschanzte Vorposten, bei dem Dorfe Schwalm u. s. w. vor Ueberfall gesichert. Der Feind beherrschte auf diese Art das ganze linke Ufer der Maas, und sog die vier und zwanzig dort gelegenen preußischen gelderischen Dörfer rein aus. Dabei versuchte er täglich, bald unterwärts bei dem Städtchen Gennep, bald mehr oberwärts über die Maas zu gehen, und in die preußischen Besitzungen einzufallen. Der Herzog vereitelte indessen jeden dieser Plane, und wußte, trotz der weitläuftigen Gegend, die er mit seiner handvoll Truppen zu dekken hatte, den feindlichen Ansichten immer schleunigsten und zweckmäßigsten Maaßregeln entgegen zu setzen.

*) Ich lasse, der beliebten Kürze wegen, die Zusätze: Herr, Se. Excellenz, Se. Durchlaucht u. s. w. weg, weil der Held doch Held bleibt, und der Schriftsteller weder Herr Cäsar, noch Monsieur Alexander zu sagen pflegt.

Kleine Nekkereien abgerechnet, blieb im Februar noch alles ruhig. Die preußischen Vorposten längst dem rechten Ufer der Maas erwiederten als Männer keinesweges die kindischen Ungezogenheiten, die bubenartigen Schimpfwörter und die prahlerhaften Herausforderungen der am entgegengesetzten Ufer stehenden Franzosen, sondern bestraften dergleichen Kindereien, welche die Ruthe verdienen, blos mit männlichem Ernste und kaltblütiger Verachtung. Ein einzigesmal vergaß sich ein preußischer Scharfschütze, da der Herzog an seiner Seite den Feind rekognoscirte. Er sah nämlich einen Ohnehosen in der ungebührlichsten Stellung gegen den Herzog, und wurde von den Gefühlen wahrer Hochachtung für unsern allgeliebten Chef auf eine unwiderstehliche Art hingerissen, jenem Straßenbuben eine Kugel in den entblößten Theil seines Leibes zu jagen. Da indessen das Blutvergießen auf Vorposten nichts entscheidet: so wurde ernstlich befohlen, daß dergleichen Handlungen des feindlichen Pöbels großmüthig übersehen, und nie wieder mit der Kugel bestraft werden sollten.

In der Nacht vom 11ten Februar brachte der Herzog die Kriegeserklärung der Franzosen gegen die vereinigten Niederlande in Erfahrung. Er gab daher, als ein Mann, der mit einem Blick das Ganze übersieht, einem Theile seines Korps den eben so schleunigen als weisen Befehl, noch in der nämlichen Nacht gegen die holländische Vestung Vendlo vorzurükken, und von dieser vesten Stadt, die am rechten Ufer der Maas, mitten in dem preußischen Geldern liegt, Besitz zu nehmen. In wenig Stunden war sein Befehl vollzogen, und sogleich zeigte es sich, daß die Eilfertigkeit, mit der es geschehen, von den wichtigsten und wohlthätigsten Folgen war, denn in eben der nächtlichen Stunde, in welcher die Preußen die Stadt besetzten, bemächtigte sich der Feind der am entgegengesetzten Ufer der Maas gelegenen zu Vendlo gehörigen Zitadelle, St. Michel. Also bei der geringsten Säumniß des Herzogs würden ihm die Franzosen mit Besitznehmung der Stadt zuvorgekommen sein.

Da die sehr hohen Wälle der Stadt die Zitadelle zum Theil beherrschen, und da es also ganz vom Herzoge abhing, wenn er den Feind aus derselben herauswerfen wollte: so warf dieser zur Dekkung seines Rükzuges nach Rüremonde längst der Maas eine Menge Verschanzungen auf. Der rechte Zeitpunkt zum Beginnen der Fehde war indessen noch nicht gekommen, und der Herzog begnügte sich fürs erste damit, am 23sten Februar ein Schiff in Grund zu bohren, welches der Feind -- man weiß nicht, zu welchem Gebrauch -- aufgefangen, und an der Zitadellseite befestigt hatte.

Der 3te März hingegen war dazu ausersehen, der französischen Herrschaft an der Maas ein Ende zu machen. Der Herzog marschire des Morgens ganz früh in vier Kolonnen auf mehrere feindliche Posten vor Rüremonde los. Drei davon wurden sogleich verlassen, so vest sie durch abgerissene Brükken, durch mächtige Verhakke und andre feindliche Vorkehrungen auch waren. Blos bei Schwalm fand man den Feind mit seiner Artillerie noch in den Schanzen. Wegen des sumpfigten Bodens und vieler andern in den Weg gelegten Hindernisse konnte er hier nicht ohne großen Zeitverlust umgangen werden. Der ehrliebende und äußerst entschlossene Major von Nierenheim, vom Regimente Kunitzky, gieng daher -- veranlaßt durch den General von Golz -- mit seinen braven Grenadiers sogleich vestes Schrittes auf die feindliche Batterie los, um sich derselben mit dem Degen in der Faust zu bemächtigen. Man sagt, der Held habe auf diese Art das große Vertrauen des Feindes auf seine Artillerie gleich im Anfange unserer kriegerischen Laufbahn durch dies Beispiel von Verachtung des offenbarsten Todes schwächen und zu Schanden machen wollen. Da diese Absicht nicht verfehlt zu sein scheint, und wir wahrscheinlich noch öfter mit dem Feinde handgemein werden dürften: so wird das Beispiel für unser Korps hoffentlich auch gute Früchte tragen *).

*) Daß wir uns in dieser Hoffnung nicht betrogen sondern vielmehr jene Früchte bereits eingeerndtet haben, davon liegt der Beweis theils im 18ten Briefe klar vor Augen, theils erhielten wir ihn durch die Versicherungen eben des französischen Offiziers, der bei Schwalmen kommandirt hatte, und den wir nachher als antwerpenschen Kapitulanten sprachen.

Die feindlichen Kartätschen wütheten schrecklich unter den braven Kunitzkyern. Nur noch wenige Schritte, so war die Batterie in ihren Händen: aber plötzlich zerriß ein mörderischer Kartätschenschuß die Brust des bedauernswürdigen Nierenheim, und fast im nämlichen Augenblick stürzten noch vier Offiziers verwundet zu Boden. Der Feind benutzte die für das außerordentlich leidende Bataillon daraus entstehende Bestürzung zur eilfertigsten Flucht. Wir hatten indessen diese bewürkte Flucht aus Schwalm und Rüremonde mit mehr als 80 Todten und Verwundeten bezahlen müssen.

In der feindlichen Schanze fand man unter mehrern andern einen schwer verwundeten Franzosen, der wie todt da lag. Da man noch einige Spuren des Lebens in ihm zu bemerken glaubte: so versuchten die preußischen Chirurgen alles an ihm, wozu die Menschlichkeit verpflichtet. Wider alle Wahrscheinlichkeit, und ganz unerwartet, wurde er von einer Menge schwerer Wunden im Lazarethe zu Wesel glücklich geheilet. Da dieser Franzose zum erstenmale aus seinem ohnmächtigen Zustande wieder erwachte, und sich in den Händen menschenfreundlicher Preußen sah, brach er in die schrecklichsten Verwünschungen seiner französischen Kameraden aus.

"Wahrend des preußischen Angriffs unserer Schanzen, sagte er zu seinen Aerzten, erhielt ich jene Wunde, welche Sie, meine Herren, zwar keinesweges für meine gefährlichste halten, die mich aber doch hinderte, mit meinen Landsleuten die Flucht zu ergreifen. Ich bat diese, mich mit sich fortzuschleppen: allein sie schienen zu glauben, ich sei tödtlich verwundet, und schrien: -- Besser hier todt für die Freiheit, als so verwundet den Tyrannen in die Hände fallen! -- hierauf stießen mir die Mörder das Bayonett durch den Unterleib und entflohen."

So furchtbar, so schrecklich, so hinreißend zur Raserei und Grausamkeit kann auch politische Schwärmerei werden! welch ein wohlthätiges Geschenk des Himmels ist doch die ruhige, kalte Vernunft!

Mit dem Angriff auf Schwalm begann zugleich auch von den Wällen der Stadt Vendlo herab eine stürmische Kanonade auf die dazu gehörige Zitadelle St. Michel, welche der Feind gegen Mittag verließ, nachdem er den ganzen Vormittag aber durch sein nicht weniger ernstliches Bombardement aus dem Fort einige Verwüstungen in der Stadt angerichtet hatte.

Meinen Ohren, die sich an diesem Tage dem unharmonischen Kriegsgeräusche zum erstenmale preisgegeben fanden, kam das Ganze wie ein Konzert der Hölle vor. Sollte ich im Verfolg dieses Krieges solchen scheuslichen Mordscenen noch öfter in der Nähe beiwohnen müssen: so wünsch' ich meinen Ohren Gewöhnung an diese Disharmonien der besten Welt -- meiner Einbildungskraft eine weniger lebhafte Vorstellung des Schmerzes und Elends, dessen blutiges Bild mir bei dem Donner aller der Mordgewehre vorschwebte -- und meinem Herzen mehr stumpfe Gefühllosigkeit bei dem zu sehr empörenden, zu heftig erschütternden Anblick der Wagen, welche die wimmernden Kriegesopfer mit zerschmetterten Gliedern oder mit Kugeln in den Eingeweiden vom Schlachtfeld ins Lazareth fahren.

Während des Bombardements hatte ein ausgewanderter Franzose zu Vendlo das besondere Schicksal, auf eine sehr ungewöhnliche Weise enthauptet zu werden. Er eilte nämlich, über die Straße weg, einem bombenvesten Gewölbe zu. Indem schlug eine feindliche Bombe neben ihm nieder, zerplazte, und riß ihm den Kopf so ab, als ob er mit dem Schwerdte vom Rumpfe getrennt worden wäre.

Die an unsern linken Flügel stoßende kaiserliche Armee, welche bisher der Graf Klairfait kommandirte, jetzt aber unter dem Oberbefehl des Prinzen Friedrich von Sachsen-Koburg steht, ist in diesen Tagen auch nicht müßig gewesen, sondern hat vielmehr eine mörderisch glänzende Laufbahn angefangen. Besonders hörten wir in der Gegend von Kempen am 1sten März eine entfernte heftige Kanonade. Prinz Koburg richtete an diesem Tage bei Aldenhofen, unweit Aachen, eine schreckliche Niederlage unter den Feinden an. Tags darauf nahm er Besitz von Aachen und steckte den dortigen Freiheitsbaum hin; am 3ten März zwang er den Feind, sein vestes Lager bei Mastrich zu verlassen, am 4ten gewann er die abermals auf beiden Seiten sehr blutige Schlacht bei Tongern, ohnweit Lüttich, von welcher Hauptstadt er Tags darauf Besitz nahm. Fünf Tage, die ungemein viele Franzosen und Oesterreicher in die bessere Welt befördert hatten! -- Indessen schienen sie den erstern einen eben so ungünstigen Feldzug vorzubedeuten, als erwünscht der vorjährige für sie ausgefallen war.

Aber indem die Unternehmungen der Deutschen zur Sicherung der Ruhe ihres Vaterlandes und zur Wiederherstellung des Friedens hier so gute Fortschritte machen, was erleben wir da in Holland? -- General Dümourier, Chef der französischen Nordarmee, bemächtigt sich mit einem Theile der letztern unter der landesverrätherischen Begünstigung einiger holländischen Unzufriedenen *) am 2ten März in aller Geschwindigkeit der Stadt Breda, einer fast unüberwindlichen Vestung, deren Kmomendant, Graf von Byland, gar zu bescheiden von der Kraft seines Arms dachte, und gar zu wenig Zutrauen zu seinen 188 großen Feuerschlünden hatte.

*) Es ist unverantwortlich, daß man diesen Unzufriedenen, die ihr Vaterland und die Ruhe ihrer Mitbürger zu hassen scheinen, gewöhlich den ehrenvollen Namen der Patrioten, der Vaterlandsfreunde, giebt. Man sollte sie vielmehr Afterpatrioten nennen, denn wer, aus niedrigem Interesse oder aus Tadelsucht und Unzufriedenheit mit sich selbst, gegen Obrigkeit und Landesherrschaft aufwiegelt -- wer kleine Unvollkommenheiten in der Staatsverfassung im Marktschreyertone rüget, für unertragbaren Druck der Großen ausgiebt, sie mit der Fakkel des Aufruhrs beleuchtet und mit andern vielleicht noch grössern Unvollkommenheiten vertauscht wissen will -- wer so den Frieden des Vaterlands, die Sicherheit des Eigenthums und die Glückseligkeit seiner Mitbürger untergräbt, und in die offenbarste Gefahr setzt: wie will der ein Freund des Vaterlandes, ein Freund der Menschen sein können?

Eben so machte sich Dümourier auch Meister von den vesten Plätzen Gertrudenburg und Klundert, um unter ihrem Schutz bei Moordyk über Dordrecht ins Herz von Holland einzudringen. Er rechnete auch so zuverlässig auf die Vortreflichkeit dieses Planes, daß er schwur: "Ihn auszuführen, oder an einen Gott glauben zu wollen." -- Welche von diesen beiden Alternativen nun in Erfüllung gehen wird, davon hoffe ich dir schon in meinem nächsten Briefe Nachricht geben zu können. Wahrscheinlich wird die Religion hier die Wette gewinnen *). Denn der Traum der Franzosen, von der Vestung Herzogenbusch eben so rasch, und eben so wohlfeiles Kaufs, Herr zu werden, wie von Breda, dürfte nun wol nicht in Erfüllung gehen.

*) Nur Schade, daß Dumourier dem Himmel eben so wenig als seiner Nation Wort halten dürfte.

Zwar soll jene Vestung ein eben so verrätherisches Afterpatriotennest sein, als diese: indessen mein' ich doch, der Herzogs Friedrich weise Vorkehrungen, und besonders das rasche und unerwartete Eindringen seines Korps in das holländische Brabant, dürfte in Dümouriers Berechnung der kriegerischen Zukunft einen großen Querstrich gemacht, nud für diesmal seiner Lüsternheit nach Afterpatriotennestern einen sehr lästigen Zwang angethan haben.

Der Herzog ging nämlich am 11ten März bei Grave über die Maas, und führte sein Korps in aller Eil über diese Vestung und durch Herzogenbusch in die Gegend zwischen Osterwyk und Breda, um sich hier dem Feinde entgegen zu stellen, und jene Vestungen vor ähnlichen Verräthereien zu sichern. Es scheint aber, als ob die Franzosen in und bei Breda auch nicht einmal den Versuch machen wollen, uns überzurennen, denn es bleibt bei den täglichen Nekkereien der Vorposten und Patrouillen.

Zum Schlusse dieses Briefes noch ein Paar Worte über die holländisch-brabantischen Vestungen Grave und Herzogenbusch. Jene ist nur klein, aber ein schönes Städtchen, und eine regelmäßige Vestung am linken Ufer der Maas, mit einem Kronwerk auf dem rechten Ufer. Sie ist in den für Holland so unruhigen Zeiten des spanischen unerträglichen Joches oft eingenommen und wiedert erobert. Im Jahre 1568 nahmen die Generalstaaten sie den Spaniern ab, sie kam aber nachher wieder in die Gewalt der leztern. Im Jahre 1602 eroberte sie Prinz Moritz von Nassau von neuem, und im westphälischen Frieden 1648 wurde sie dem Hause Nassau-Oranien völlig zugesichert. Im Jahre 1672 bemeisterten sich ihrer die Franzosen, denen sie zwei Jahre darauf Wilhelm der Dritte wieder abnahm.

Ungleich grösser und wichtiger ist die Vestung Herzogenbusch, gemeiniglich den Bosch genannt. Sie liegt am Diest, da, wo dieser Fluß durch die Vereinigung der Dommel und der A seinen Anfang nimmt. Eine Stunde von hier bei dem Fort Krevekör, kann die Diest, welche sich daselbst in die Maas ergießt, vermittelst einer Schleuse gesperrt werden. Die dadurch bewürckte Ueberschwemmung erstreckt sich über alles ums Hertogenbosch gelegene Land, und giebt der Vestung die größte Stärke. Vormals machte der Morast, der die ganze Stadt umgab, ihre vornehmste Vestigkeit aus. Seitdem aber dieser sumpfigte Boden großentheils ausgetrocknet ist, hat man die Werke zur Bevestigung in dieser Gegend der Stadt vermehren müssen. Sie wird übrigens noch durch drei Forts und durch die Zitadelle Papenbrill geschüzt. Eins von jenen, das Fort Isabelle, vertheidigt den Steinweg, welcher in Ueberschwemmungen die Verbindung der Vestung mit andern Oertern unterhält.

Die Stadt wird von mehrern Kanälen durchschnitten, und treibt ansehnliche Handlung und Schiffahrt. Die Katholiken haben hier zehn Kirchen, und machen die größeste Anzahl der Einwohner aus. Uebrigens sind hier noch eine lutherische, drei holländisch- und eine französisch-reformirte Kirche. Zwei von den leztern wurden bei dem Durchmarsch unsers Korps aus Mangel am Platz ein Paar Tage als Pferdeställe gebraucht. Die Größe dieser dem höchsten Wesen geheiligten Gebäude, und ihre hohen kühnen Gewölbe standen zwar in einem auffallenden Widerspruch mit dem Gedränge stampfender Pferde, und mit dem Dünger auf dem marmornen mit Stroh bedeckten Fussboden, allein es gehört nur ein wenig kaltblütige, vorurtheillose Beurtheilung dieses kriegerischen Nothfalles dazu, um nicht mit mehrern tief seufzenden hiesigen Einwohnern ein schweres Aergerniß daran zu nehmen.

Herzogenbusch dankt sein Dasein dem Herzoge von Brabant, Gottfried dem Dritten, der die sonst hier gestandene Holzung ausroden, und diese Stadt im Jahre 1184 anlegen ließ. Pabst Paul der Vierte errichtete 1559 hier ein Bisthum, welches aber wieder einging, als 1629 die Generalstaaten die Stadt eroberten.

So eben bringen wir die uns allen höchst unangenehme Nachricht in Erfahrung, daß das preußische Korps d'Armee, bisher unter dem Oberbefehl des Herzogs Friedrich von Braunschweig-Oels, von diesem seinem allgeliebten Chef, aus triftigen Gründen, verlassen, und der kaiserlichen Armee des Prinzen Koburg gewissermaaßen einverleibet werden wird. Der älteste General im Korps ist dann Se. Excellenz der Herr Generallieutenant von Knobelsdorf, der nun dasselbe kommandiren wird.


Siebenzehnter Brief.[]

Im Lager bei Saint Amand, ohnweit Valenciennes, im April 1793.

Verzeihe, lieber Freund! wenn einige meiner Briefe von nun an etwas Aehnlichkeit mit einem militärischen Tagebuche bekommen sollte; denn auch bei dem preußischen Korps unter dem General von Knobelsdorf beginnen die Hergänge nachgerade ernsthafter und blutiger zu werden.

Am 12ten April rückte die Hälfte dieses Korps auf den Höhen bei Maulde ins Lager während daß die andere Hälfte desselben gegen Lille vorrückte, und nur zwei Stunden von dieser Vestung Miene machte, als ob man irgend etwas hier auszuführen gedächte. Es geschah indessen blos zu Gunsten der kaiserlichen Armee unter Koburg, die in diesen Tagen Conde berennte, und gegen Valenciennes vordrang, um diese Vestung förmlich zu belagern.

Die Launen des Aprils überzeugen uns auf eine fühlbare Weise, daß die angenehmere Zeit zum Kampiren noch nicht gekommen sein müsse. Es ist wahrlich kein Spaß, jetzt in seinem Häuschen von Leinewand zu wohnen. Der vom Regen durchaus erweichte, sehr schmutzige Lehmboden, auf welchem das durchnässte Zelt aufgeschlagen steht, ist schuld, daß man sich vergebens nach trokkenen, erwärmten Füssen sehnet. Die Zeltpflökke, welche dem Zelte vermittelst Linien Haltung geben sollen, sind in dem weichen schlüpfrichen Boden kaum zu bevestigen, und nicht selten reißt sie der Wind aus der Erde, und wirft einem das ganze Zelt über dem Kopf zusammen. So kriecht man denn, besonders des Nachts, mit einem sehr unbehaglichen Gefühle unter der lastenden nassen Leinwand wieder hervor, und sieht sich dem schlakkigten Aprilwetter so lange preisgegeben, bis die zusammengestürzte Sommerwohnung mit Mühe wieder zum Stehen gebracht ist: Aber auch dann noch verfolgt uns die naßkalte Luft und das empfindliche Schneegestöber, das immer eine unvermeidliche Zeltöffnung findet, um durch dieselbe zu uns einzudringen. Nach Nachtfröste erinnern und noch zuweilen unangenehm an den Winter. Kurz, jetzt ist die Zeit gekommen, wo wir uns die so oft getadelte, enge und schmutzige Bauerstübchen unserer vormaligen Kantonnirungen allenfalls zurückwünschten, denn in der That, sie haben noch wesentliche Vorzüge vor dem Kampiren in dieser Jahreszeit.

Am 13ten April mit Tagesanbruch versuchte Prinz Koburg, die Waldungen zwischen Conde, St. Amand und Valenciennes, die von Feinden wimmelten, zu säubern, um sich so den Weg nach dem lezten Orte zu bahnen. Es begann nun eine Art des Kriegführens, die eben so ungewöhnlich als schwierig, eben so unentscheidend als mörderisch ist. Leider! werd' ich dir, da sie bei allem Blutvergießen doch nicht rasch zum Ziele fördert, noch oft von derselben schreiben müssen. Das kleine Gewehrfeuer und eine sehr geräuschvolle Kanonade wurden früh um 4 Uhr an den ganzen Tag über bis Abends, da es finster ward, ununterbrochen von beiden Theilen auf das hartnäkkigste fortgesetzt; und was war nun beim wohlthätigen Einbruche der Nacht auf der einen oder der andern Seite gewonnen? -- Eine Handbreit Erde, welche die kaiserlichen Truppen mit einer großen Zahl Todter und Verwundeter erkauft hatten.

Man hatte sich feindlicher Seits, nach dem eigenen Geständnisse Koburgs, mit unbeschreiblicher Bravheit, den Angreifenden entgegen gestellt, und sein Leben allenthalben seht theuer verkauft. Das Gemetzel dieses ganzen langen Tages war fast immer im Gehölze, das mit vielen geraden Alleen durchschnitten ist, deren jede an den Enden oft mit gegenseitigen Batterien verschlossen war. Da es schwer ist, sich in einem ungekannten Walde gehörig zu orientiren: so war ein kaiserliches Jägerkorps wider seinen Willen durch die feindlichen Linien gedrungen, und, da es sich ganz abgeschnitten sah, gefangen genommen worden. Dagegen trat heute wieder ein französischer Obrist mit fünfhundert Mann zu den Verbündeten über.

Die folgenden Tage des Aprils zeichneten sich durch ununterbrochene Nekkereien der verschiedenen Vorposten und durch eine Menge kleiner Scharmützel aus, die, so unendscheidend sie auch sein mogten, doch allemal die sämtlichen Läger beunruhigten, und dem Soldaten sein ohnehin so mühseliges Leben noch saurer machen. Indessen sammelte ein jeder, so gut er konnte, neue Kräfte für die heissen Tage ein, die man auch ohne Weissagungstalent ahnen, und als unvermeidlich erwarten mußte.

Prinz Koburg schien zu glauben, daß er sich mit seiner in den brabantischen Siegen ungemein zusammengeschmolzenen Armee vielleicht ein wenig zu rasch auf französischen Boden vorgewagt habe; und sah, daß man ihm die Erreichung seiner Absichten auf Conde und Valenciennes möglichst erschwere. Er ward täglich mehr überzeugt, daß der Feind alles zu versuchen entschlossen sei, um Conde zu entsetzen, und daß sein ganzes Kriegsglück jetzt blos von der Behauptung einiger kleinen sauer errungenen Vortheile abhange. Auch war in der Truppenkette, wodurch man Conde vom Feinde abschnitt, die Gegend von Saint Amand nur sehr schwach besetzt, und als eine gefährliche Lükke in dieser Kette anzusehen.

Am 23sten April rückte daher auch die andere Hälfte des preußischen Korps, die bisher zur Beobachtung der Besatzung in Lille vor dieser Vestung bei Tourcoing gestanden hatte, zu beiden Seiten des französisch-flanderischen Städtchen Saint Amand, ins Lager. Da es gerade ein sehr freundlicher Frühlingstag war, an welchem es eine Lust ist, zu kampiren, zumal so lange der Reiz der Neuheit noch dazu kommt; so erinnerte mich das Aufschlagen des Lagers lebhaft an das Nomadenleben der Patriarchen. Alle Hände sind auf einem eben erst bezogenen Lagerplatze in der eilfertigsten Thätigkeit. Der eine ebnet den Platz für das Zelt, andere richten dasselbe mit den Stangen in die Höhe, ein vierter spannt es mittelst der Linien auseinander und klopft Zeltpflökke in die Erde; Einige schleppen indessen aus der Nachbarschaft Holz, Stroh und Wasser -- auch wol ein gefundenes Huhn herbei, während das andere die Feuerherde und Kochlöcher bereits ausgegraben haben; und das alles ist das Werk weniger Augenblikke. So ist dann die grüne Wiese, oder der bestellte Akker, der noch kurz vorher eine menschenleere fruchterfüllte Fläche war, plötzlich in eine geräuschvolle Soldatenstadt umgewandelt, deren rauchende Feuerherde den wichtigen Schluß auf hungrige Magen machen lassen. Auch flößt dann das zubereitete frugale Mittagsmahl -- eine aus Kommisbrodt und Wasser zusammengesetzte Suppe -- welches man den gemeinen Mann mit einer rührenden Genügsamkeit gewöhnlich essen sieht, wahre Achtung für den nicht selten eben so undankbaren als mühseligen Soldatenstand ein.

Am 28sten April traf der Herzog von York mit dem ersten Transport der bei Ostende ausgeschifften englischen Truppen zu Dornick ein. Auch die unter seinem Oberbefehl stehenden hannöverischen Truppen kamen daselbst an. Der Herzog schloß sich an den rechten Flügel der bei Maulde kampirenden Preußen an, und wird, sobald der erwartete Erbprinz von Oranien mit seinen Holländern angekommen sein wird, die Truppenkette bis an das Meer nach Ostende vollständig machen.

Die Montirungen der Engländer haben ungemein viel Aehnlichkeit mit denen einiger französischen Regimenter. Ich will daher wünschen, daß dieser geringe, nicht sehr ins Auge fallende Unterschied im Aeußern in der Hitze des Gefechts diejenigen Verbündeten nie irre führen mag, welche in ihrem Leben jetzt vielleicht zum erstenmal englisches Militär sehen.

Der 1ste Mai war endlich der blutige Tag, dem man erwartungsvoll entgegen gesehen hatte. Dampierre, erster französischer General der Nordarmee, hatte auf den Höhen von Famars ein ansehnliches Truppenheer gesammelt, und war vestes Sinnes, die Gemeinschaft zwischen Valenciennes und Conde wieder herzustellen, es koste, was es wolle. Er brach in dieser Absicht in der Nacht zum 1sten Mai an der Spitze von sechszig tausend Mann auf, die er in zwei Kolonnen getheilt hatte. Die eine derselben ließ er rechts auf der Kunststraße nach Mons, und die andere links nach der Gegend von Saint Amand abrükken. Kaum hatte der Tag gegrauet, so griff der Feind mit einer an Wuth grenzenden Entschlossenheit alle kaiserliche Vorposten zugleich an. Diese alle waren um so unvermeidlicher die ersten Schlachtopfer des blutigen Tages, jemehr sie es für ihre Pflicht hielten, durch ihren fruchtlosen Widerstand wenigstens das Gute zu bewirken, daß nur die kaiserlichen Läger nicht überrascht würden. Bald darauf griff der Feind Koburgs linken Flügel selbst an, wurde aber durch dessen mörderisches Kartetschenfeuer wieder zurückgetrieben. Der Hauptangriff, bei Saint Sauve, gelang dem Feinde besser; denn hier drang er wirklich ins Zentrum ein, welches sich zurückziehen mußte. Die französische Reuterei metzelte fürchterlich unter den tyroler Scharfschützen, und würde dies ganze Korps aufgerieben haben, wenn nicht die kaiserliche Kavallerie, wiewohl etwas spät, zur Unterstützung herbei geeilt wäre. Der Feind wollte diesen ersten glücklichen Erfolg nicht ungenutzt lassen, und rückte unaufhaltsam weiter vor. Beim Dorfe Onnaing fand er indessen die geworfenen Oestreicher wieder gesammelt und in Schlachtordnung. Hier empfingen ihn zwei furchtbare Redouten, auch überflügelte man ihn, wodurch er zuletzt genöthigt ward, sich auf Valenciennes zurückzuziehen.

Die feindliche linke Kolonne, welche Dampierre selbst anführte, griff den kaiserlichen rechten Flügel, an dessen Spitze der Feldzeugmeister Graf von Klairfait stand, bei Breurage und Raismes an, und hatte auch hier bereits ansehnliche Vortheile errungen, aber auch hier vergebens. Die furchtbare Artilleriefronte, welche Klairfait bei der Abtei Vicogne auf mühselig aufgeworfenen, thurmhohen Schanzen aufgeführt hatte, zwang den Feind, trotz seiner Erbitterung, endlich doch auch hier zum Rückzuge.

Das schreckliche Feuer aus dem kleinen und großen Gewehr, welches, von früh um 3 Uhr an, mit einer Lebhaftigkeit angehalten hatte, deren sich die erfahrensten Krieger kaum zu erinnern wissen, ließ Mittags um 1 Uhr zwar nach: allein man schien die erschöpften Kräfte nur wieder gesammelt zu haben; denn um 3 Uhr Nachmittags wurde der feindliche Angriff auf den rechten kaiserlichen Flügel, wo möglich, mit verstärkter Heftigkeit erneuert. Es kam in dem Gehölze von Raimes, Vicogne und Saint Amand zu einem schrecklichen Gemetzel. Der Feind suchte im vicogner Walde den Grafen Klairfait zu überflügeln, um so das preußische Korps bei Saint Amand von ihm zu trennen. Trotz aller Bravheit, womit sich der kaiserliche General Wenkheim hier den wüthenden, immer erueuerten, und immer durch frische Truppen unterstützten Angriffen der Franzosen entgegen stellte, mußte er zuletzt doch ihrer Uebermacht weichen. Schon schien der Feind zu glauben, daß ihm die endliche Sprengung unserer Truppenkette gelungen sei: da eilten zur Unterstützung Wenkheims einige unbeschreiblich brave Bataillons preußischer Infanterie herbei, und entschieden für den glücklichen Ausgang dieser gefährliche Krise *). Besonders rückte das Regiment Kalkstein mit einer Kaltblütigkeit auf die feindlichen Batterien an, die allen Glauben übersteigt. Ungeachtet die französischen Kartetschenschüsse gleich anfangs so manchen Magdeburger niederschmetterten; so brachte das doch die übrigen selbst nicht einmal aus dem schulgerechten Takt, in welchem das preußische Exercitium sie in Friedenszeiten unter klingendem Spiele avanciren gelehrt hatte. Mit aufgepflanztem Bajonette schmissen sie den Feind aus einer den kaiserlichen Truppen genommenen Schanze nach der andern wieder hinaus, und machten so dem General Wenkheim Luft, und seiner Mannschaft wieder neuen Muth.

*) S. Prinz Koburgs Danksagungsschreiben an den General von Knobelsdorf vom 2ten Mai 1793 in der Berliner Zeitung vom 12ten Mai.

Nach mehrmaligen immer fruchtlos wiederholten Versuchen begab sich der Feind endlich des fernern Angriffs auf diesen Punkt. Indessen hatte er, während dieser Vorfälle, den im Gesträuche vor der Fronte der Preußen angestellten verschiedenen Pikets so stark zugesetzt, daß diese nicht blos ihre gewöhnliche sechszig Patronen, sondern auch noch zwanzig nachgelieferte verschossen hatten.

Zuletzt griff der nun verzweifelnde Feind noch spät gegen den Abend die Stadt Saint Amand an, und avancirte auf dies preußische Hauptquartier mit Haubitzen. Unsre Bataillonsstükke -- dreipfündige Kanonen -- wurden bald zum Schweigen gebracht. Da aber einige sechs- und zwölfpfündige Kanonen herbei geschafft waren, und der Feind ohnehin auch vom Berge de Brieuve mit einer Haubitze en flanc beschossen wurde: so zog er sich auch hier auf die Höhen nach Valenciennes zurück. Das kleine Feuer der preußischen Scharfschützen dauerte indessen, indem sich verschiedene Franzosen in dem Gehölze verirrt und verspätet hatten, bis Abends um neun Uhr fort, wo denn die einbrechende Nacht dem achtzehenstündigen Morden dieses scheußlichen Tages endlich ein wohlthätiges Ende machte.

Unmöglich, lieber Freund, kannst du dir vorstellen, wie mir zu Muthe war, da ich, von der erhabenen Gallerie des Thurmes der Abtei Saint Amand herab, dem großen Schauspiele so ganz in der Nähe mehrere Stunden lang erwartungsvoll zusahe. Aber auch beschreiben lassen sich diese Empfindungen nicht. Nur das kann ich dir sagen, daß Furcht und Hoffnung bei mir in einem ewigen Kampf waren, je nachdem ich bald den Feind, bald wieder die Verbündeten vorrükken und deren Batterien thätiger und wirksamer werden sah und hörte -- das unaufhörliche Brüllen der Artillerie, die besonders der Feind in unerhörter Menge aufführen ließ -- die zahllosen Schüsse aus dem kleinen Gewehr -- das dumpfe Geräusch, mit welchem der Wiederhall im Walde jenes Brüllen vervielfältigt zurückgab -- der dikke Pulverdampf, der, in die Höhe wirbelnd, sich mit dem Gewölke des Himmels vermischte -- die in lichten Flammen auflodernden Dörfer, welche bald von der einen, bald von der andern Partei ihren jedesmaligen Absichten aufgeopfert wurden -- und endlich das prächtige Donnerwetter, welches über dem Haupte der Fechtenden stand, und seine Blitzstrahlen über die hinschleuderte, gleichsam als ob die Natur selbst beiden nach Menschenblut lechzenden Parteien zugleich ihren Unwillen laut zu erkennen geben wollte: -- das alles gab meinen Sinnen eine so verwirrende Beschäftigung, und meiner Seele eine so grausenvolle Stimmung, daß ich alles Kriegführen und namentlich diejenigen, welche diesen unglückseligen Krieg auf ihrem Gewissen haben, nie herzlicher, und nie so ganz ohne alle menschenfreundliche Rücksichten, bis in die unterste Hölle verwünscht habe, als hier auf dem Thurme zu Saint Amand.

Die Hartnäkkigkeit, womit der Feind an diesem Tage seine Plane ausgeführt suchte, und die Tapferkeit, womit die Verbündeten dennoch den Sieg errangen, übertrifft fast allen Glauben. Drittehalb tausend Franzosen, welche blos auf dem Schlachtfeld todt zurückblieben, sind nur ein schwacher Beweis davon, denn der Feind pflegt auch sogar die mehresten tödtlich Verwundeten weg zu schleppen, um sie eiligst ihren musterhaften Lazarethanstalten zu überliefern.

Auch der Verlust der Verbündeten dürfte nicht viel geringer sein, als der feindliche; und jeder Menschenfreund, der als Augenzeuge nur einen Feldzug mit gemacht hat, wünschet innigst, daß die Summe der Schlachtopfer, die der Krieg frißt, durch die Geringfügigkeit, womit die öffentlichen deutschen Tagesblätter davon zu sprechen pflegen, in der That vermindert würde.

Außer den funfzehen feindlichen Kanonen, welche das Kriegesglück heute den Verbündeten in die Hände spielte, hatten diese übrigens keinen Vortheil über den Feind errungen, als den, dessen große Plane vereitelt, und ihn in die vorige Stellung -- auf die gut verschanzten Höhen bei Vicogne und in das fast unüberwindliche Lager bei Famars, zurück geschmissen zu haben. Wahrscheinlich steht uns also nähestens ein ähnlicher Tag des Grauses bevor, da sonst an keine Belagerung von Valenciennes zu denken sein würde.

Zum Schlusse dieses Briefes noch etwas von den Greueln der Verwüstung in der weiland überaus prächtigen Abteikirche zu Saint Amand. Ich sah seit kurzem, in Amsterdam, Herzogenbusch, Antwerpen, Brüssel und Dornick Kirchen, deren kühne Größe und majestätische Bauart meine Bewunderung erregte: allein diese zu Saint Amand übertrifft in Absicht des ungeheuren Umfangs sie alle. Sie ist indessen jetzt mit ungewöhnlichen, zu traurigen Betrachtungen einladenden Gegenständen angefüllt, und hat, außer ihrer Größe, fast nichts mehr, woran man einen dem höchsten Wesen geweihten Tempel wieder erkennen könnte. Der höchst anstößige Luxus, der unermeßliche Reichthum, und die bis zur Schändlichkeit getriebene Schwelgerei der katholischen Geistlichkeit in Frankreich, veranlaßte und ermunterte die Neufranken endlich, das von jenen ausgesogene Mark der Unterthanen, als der Nation gehörig, freilich etwas sehr stürmisch, zurück zu fordern, und das lange getragene Joch der Geistessklaverei unwillig von sich zu werfen *). Hieraus erklär' ich mir den Muthwillen, die Aufgebrachtheit und die Wuth, womit sie allenthalben, und auch in dieser Abteikirche, selbst die kostbarsten Kunstwerke, und alles, was die gemißbrauchte Religion ihrer Väter für ehrwürdig und heilig erklärte, zerstöret haben. Immerhin hätte man die goldnen und silbernen Götzenbilder sogenannter christlicher Altäre, den prahlhaften Juwelenprunk des Priesterschmukkes, und die in unglaublicher Menge vorhandenen überflüssigen Glokken, in gangbare Nationalmünze und in Kanonen umwandeln mögen: aber sehr dauerten mich die kunsteichsten Werke des Meissels in dem schönsten karrarischen Marmor, und die Schöpfungen der berühmtesten Mahler, die sie in ihr voriges Nichts zurückwarfen. Es ist in der That schaudererregend, wie sie hier gehauset haben. Die Standbilder der weiland Heiligen, die Marmorbekleidung der Wände mit halberhabener Arbeit, die schönsten Gemählde, die geweihten Altäre mit den kostbaresten Marmorsäulen, alles das ist recht geflissentlich verstümmelt, niedergerissen, gesprengt und zertrümmert. Ja die Altäre sind, noch sichtbar, durch solche Handlungen des Muthwillens entweihet, welche die Schaamhaftigkeit an geheimen Orten zu verrichten, und wovon die Wohlanständigkeit nicht gerne zu sprechen pflegt. -- Selbst die Todten, selbst den in dieser Kirche begrabenen großen Dagobert hat man nicht ungestört ruhen lassen. Der Golddurst, der in ihren Gräbern noch einige Kostbarkeiten vermuthete, hat ihre Grabmähler zersprengt, ihre Särge durchwühlt, ihre Schädel und Gebeine wild umher geschleudert, und ihre aschigten Ueberreste den Winden übergeben.

*) St. Saure, Vicogne, St. Amand, Hasnon und Marchienne -- fünf sehr reich begüterte Abteien ohnweit Valenciennes -- liegen in dem engen Flächenraum von drei Quadratmeilen. Die herrlichen Waldungen, fruchtbaren Gefilde und fürstlichen Gärten, so wie überhaupt fast alle Grundstükke und Einkünfte dieser Fläche gehören den beschäftigten Müssiggängern dieser fünf geistlichen Stiftungen. Die um und neben ihnen wohnenden Landleute müssen im Schweiße ihres Angesichts sich kümmerlich von den Brosamlein nähren, die von den schwelgerischen Tischen ihrer geistlichen Herren fallen -- gleichsam als ob jener Fluch, der dem Apfelbisse folgte, über sie allein ausgesprochen wäre -- -- Wenn in dem übrigen Frankreich die geistlichen Usurpationen auch nur den vierten Theil so weit getrieben sein sollten, als in diesen Abteireichen Gegenden des französischen Flanderns; so müßte man sehr boshaft und sehr unvernünftig zugleich sein, wenn man es dem französischen Volke verargen wollte, daß dasselbe ein gewisses, zur allgemeinen Volksglückseligkeit unentbehrliches Gleichgewicht, oder ein richtigeres Verhältniß unter den Einwohnern Frankreichs wieder herzustellen sucht. Freilich wär's gut, wenn dies nicht mit stürmender Hand hätte geschehen dürfen, aber desto schwerer ruhet eben darum Verantwortung auf dem Gewissen derer, in deren willenloser Macht es stand, durch billige Aufopferungen den Sturm zu zertheilen, der jetzt ihre Palläste über den Haufen wirft, und sie selbst unter deren Trümmern begräbt.

Daß man darauf recht studirt haben muß, in dieser Kirche auch nicht Ein Kunstwerk unvernichtet zu lassen, beweiset der marmorne Heilige, der über einem der Altäre in einer Nische so hoch, und so nahe am Hauptgewölbe der Kirche aufgestellt steht, daß die Verwüstenden keine Leiter hatten herbei treiben können, welche groß genug gewesen wäre, um ihn erreichen, und herunter stürzen zu können. Was meinst du wol, daß sie in dieser ihrer Verlegenheit mit dem unerreichbaren Heiligen werden begonnen haben? Sie schossen mit ihren Flinten so lange nach ihm bis die Kugeln sein Gesicht verunstaltet hatten. –

Zu allen diesen Greueln der Verwüstung kommt noch, daß jetzt in einem Theil dieser Kirche das große Fouragemagazin der Preußen angelegt worden ist. Die mit Heu, Stroh und Hafer beladenen Wagen mit Pferden, welche man in ihrem ungeheuern Raum umher fahren sieht -- das Stampfen beschlagener Pferde auf dem marmornen Fussboden -- das Gewühl geschäftiger Militärpersonen, deren einzelne kommandirende Worte in dem leeren Raum der Wölbungen dieses vormaligen Gotteshauses dumpfig wiederhallen: das alles bewirkte in meiner Seele einen gewissen Aufruhr vieler einander unangenehm durchkreuzender Ideen, deren Resultate immer wieder auf die leidige Wahrheit hinauslaufen, daß Kriege der nothwendigen Uebel gar viele mit sich führen. Indessen hat das Ganze meine Einbildungskraft bereichert, und ihr einen anschaulichen Begriff von der römischen Verwüstung des jüdischen Tempels zu Jerusalem verschafft.


Achtzehnter Brief.[]

Im Lager bei Maulde, ohnweit Conde, im Mai 1793.

Vielleicht schreib' ich dir, lieber Freund, heute auf der nämlichen Stelle, wo das Zelt des grossen Türenne und dessen Armee um ihn her einst auch im Lager stand. Die Kunst ist der natürlichen Vestigkeit dieses Lagers durch mächtige Redouten zu Hülfe gekommen. Es enthält einen Flächenraum für vierzig tausend Mann, liegt auf einer Anhöhe, von welcher herab die Batterien auf einer ansehnlichen Ebene unsre Fronte und linke Flanke dekken, hat rechts eine große, undurchdringliche, sumpfigte Gegend, und lehnet hinterwärts sich an die Dörfer Maulde und Mortagne, welche von der Schelde und der Scarpe umflossen werden. Wir Handvoll Preußen mit unsern drei Schlüsselbüchsen in den sämtlichen Verschanzungen haben diesen schönen Lagerplatz freilich sehr schwach besetzt: allein wir rechnen desto mehr auf den guten Ruf, in welchem wir beim Feinde -- nach Aussage ihrer Ueberläufer -- vielleicht noch von Rosbach her, stehen sollen, und der im Ganzen gewiß eben so vortheilhaft für uns ist, als gewiß die zweideutige Renomee, in welcher die armen Holländer zu stehen das Unglück haben, ihnen gelegentlich nachtheilig sein dürfte. Auch rechnen wir theils auf die Beschaffenheit des hiesigen Bodens, der allenthalben von einer Menge Grabens, mit dichten Hekken und Baumreihen, durchschnitten ist, und den schnellen Anmarsch des Feindes in Kolonnen unmöglich macht, theils und hauptsächlich auf die ausserordentliche Wachsamkeit unserer Feldwachen und Vorposten, die vor den unnützen Nekkereien des Feindes keinen Augenblick Ruhe haben. Diese höchste Wachsamkeit ist um so nöthiger, je theuer und unverkennbarer die zahllosen feindlichen Spione sind. Denn, wer darf hier in den französischen Dörfern auch nur Einem Bauer, auch nur Einer Bäuerinn trauen, da sie alle mit den zauberischen Banden der Vater- und Bruder- oder der Mutter- und Schwesterverhältnisse unzertrennbar an unsre Feinde geknüpft sind? –

Ueberhaupt macht die politische Schwärmerei des Franzosen, daß es seines Lebens nur wenig achtet, wenn es darauf ankommt, seinem geliebten und von allen Seiten bedrängten Vaterlande einen Dienst zu erzeigen. Auch drückt er, wär' er auch jung und klein und ohne Hosen, sein Gewehr so gut ab, und haut auf sein vortreflich bedientes Kanon die brennende Lunte so gut auf, als unsre handvesten Männer mit deutscher Riesenkraft und kalter Vernunft. Dieser traurige Krieg wird daher ungleich geführt und unregelmäßig, und wir fangen etwas spät an, den bisher zu gering geschäzten Feind richtiger zu würdigen. Vielleicht wird der Zeitpunkt, wo wir einst mit der französischen Republik Friede schließen, dieses unvorgreifliche Urtheil eines Laien bestätigen.

Daß die Begierde der Franzosen, fürs Vaterland zu fechten, wenigstens nicht so ganz das Werk der Guillotine sein kann, scheint unter andern auch die dem National-Konvent geschehene Anzeige zu beweisen, daß in ihren Armeen viele Weiber sich befinden, die bei allen Kriegsübungen, Märschen und Schlachten zugegen sind, und auch an dem Vergnügen ihrer Geliebten, die Hände in dem Blute der Tyrannenknechte -- so nennen sie unsre Krieger -- zu färben, theilnehmen zu wollen. Man rechnet bei einem Korps von dreißigtausend Franzosen nicht weniger als dreitausend Amazonen. Nach der Schlacht vom 1sten d. fand man deren mehrere todt auf dem Schlachtfelde, ob sie gleich in der Regel sorgfältig zurückgeschleppt werden. Gewöhnlich fechten und fallen sie ihren Geliebten zur Seite -- eine Zärtlichkeit, die man dem französischen Leichtsinne kaum zutrauen sollte.

Zu Montpellier soll die Freiheitsschwärmerei gar so weit gehen, daß sich viele hundert verheirathete und ledige Bürgerinnen unter einander verpflichtet haben, ihre Stadt mit vertheidigen zu helfen. Sie tragen eine Art militärischer Uniform -- kurze Jakken und lange Hosen -- und üben sich fleißig in den Waffen, besonders in Behandlung des Schießgewehrs. -- Aber das schöne Geschlecht war von jeher dem Spotte und Neide des unsrigen ausgesetzt, wenn es sich männlichen Geschäften unterzog, um da auch einmal Ehre einzuerndten, wo unser ehr- und herrschsüchtiges Geschlecht die Befugniß, zu erndten, sich ausschließungsweise angemaßt hat.

Am 5ten Mai geschahen, wegen der Schlacht am ersten, in allen Lägern der vereinigten Armeen die dreimaligen Siegesschüsse; eine wenig wichtige Sache, die nur dadurch merkwürdig ward, daß sie den Feind veranlaßte, sogleich ebenfalls diese Freudensalven zu geben, wahrscheinlich, um die Welt dadurch völlig zweifelhaft zu machen, wer nun eigentlich an jenem für beide Theile fast gleich blutigen Tage den Sieg davon getragen habe.

Indessen rüstet sich General Dampierre -- nach der Aussage eines in unsre Gefangenschaft gerathenen französischen Offiziers -- zu einem nochmaligen Angriffe zum Entsatz der blokkirten Vestung Conde. Seine bei Famars gesammelte und wieder angewachsene Truppen sollen ihn nicht nur dazu aufgefordert, sondern sogar bedrohet haben, daß es ihm den Kopf kosten werde, wenn er sie dies zweitemal nicht so anführen würde, daß der  Zusammenhang zwischen Conde und Valenciennes in den nächsten Tagen hergestellet sei. Da man nun unserer Seits nicht weniger vest entschlossen ist, das äusserste dran zu wagen, um diese feindliche Absicht abermals zu vereiteln: so dürfte es wieder sehr blutige Köpfe geben.

Die Blokkirten in Conde schiessen oft lebhaft auf das kaiserliche Belagerungskorps unter dem Prinzen von Wirtenberg, jedoch mit geringem Erfolge. Auch haben sie einige fruchtlose Ausfälle gethan. Zu einer förmlichen Belagerung wird es um so weniger kommen, je weniger man hoffen dürfte, diese kleine, aber durch Natur und Kunst gleich starke und regelmäßige Vestung ohne einen unverhältnißmäßigen Menschenaufwand mit Sturm einzunehmen. Sie ist ohnehin nicht einmal mit Aproschen zugänglich, indem die gesperrte Schelde die ganze umliegende Fläche überschwemmt hat.

Vor einigen Tagen gab die Besatzung in Conde drei blinde Salven rasch hintereinander aus allen Kanonen. Wahrscheinlich eine Aufforderung zum Entsatz, denn sie fängt an, Hunger zu leiden. Die Franzosen in und bei Valenciennes versuchen daher oft sinnreich genug, die Hungrigen zu sättigen; unter andern warfen sie verschlossene Tonnen mit Fleisch in die Schelde. Einige davon trieb der Strom glücklich bis nach Conde. Sie wurden aber bald entdeckt auf Veranlassung einer Rinderblase, die wahrscheinlich mit Briefen angefüllt war, und welche die kaiserlichen Posten oberhalb Conde der Vestung zuschwimmen sahen. Jetzt fangen die Kaiserlichen diese Hammel vermittelst eines ausgebreiteten Netzes auf, und lassen sie sich gut schmekken.

Mit einem Luftballe voller Briefe, den Chancel, Commandant in Conde, vermittelst eines günstigen Windes, der französischen Armee zuschikken wollte, waren die Bedrängten weniger glücklich. Der Ball sank zu früh, und fiel dem Prinzen Koburg in die Hände.

Uebrigens waren die Tage dem so ernsthaften ersten Mai nichts weniger als ruhig. Die Truppenkette der Verbündeten von Ostende bis Maubeuge ist besonders von der Seeküste bis Saint Amand sehr zerreißbar, und an gutem Willen, sie hier zu zersprengen, fehlt es dem Feinde auch nicht. Er versuchte seine Kraft wechselsweise bei den Holländern, Engländern, Hannoveranern, Preußen und Kaiserlichen. Bald drängte der Feind die ersten bei Kortrik und Ipern, und plünderte ungestört einige kaiserlich-flandernsche Dörfer rein aus -- Bald ließ er sich bei Dornick von den braven Engländern, die -- gut angeführt -- keinen Spaß zu verstehen scheinen, auf eine unsanfte Art den Rückweg nach Lille zeigen -- Bald wieder beunruhigten sie bei Maubeuge das kaiserliche Beobachtungskorps unter dem Grafen Latour.

Am 7ten Mai aber schien es der Feind noch ernstlicher zu meinen. Er griff den Prinzen Koburg bei Famars und die preußischen Truppen bei Saint Amand zugleich an: aber beide Angriffe wurden glücklich, obgleich kaiserlicher Seits nicht ohne ansehnlichen Menschenverlust, zurückgeworfen. Der Feind rückte nämlich mit einem starken Detaschement Infanterie und Kavallerie aus dem Lager bei Famars gegen das Dorf Saultain vor, und trieb die kaiserlichen Jägerposten, Feldwachen und Pikets sämtlich zurück, mußte ihnen aber, das Koburg sogleich eine ansehnliche Unterstützung schickte, nach einem hartnäkkigen Widerstande, doch wieder Platz machen. Gegen Mittag wurde der feindliche Angriff erneuert. Eine beträchtliche Anzahl feindlicher Jäger ging auf den Mittelpunkt der kaiserlichen Armee los, und warf Vedetten und Pikets gänzlich über den Haufen. Dreist gemacht durch diesen Erfolg, wagten sie sich nun auch weit auf das freie Feld. Die kaiserliche Kavallerie machte einen raschen Angriff auf sie, und bekam die feindlichen Blänker in die Mitte. Diese warfen, da sie sich abgeschnitten und umringt sahen, ihre Waffen weg, und baten um Pardon: Allein die durch die feindlichen Nekkereien dieses Tages erbitterten Oestreicher wollten den Tod ihrer heute gefallenen Waffenbrüder rächen, und haueten alles, die wehrlosen Offiziere, wie die Gemeinen, ohne Schonung nieder.

Dergleichen Härte gehört zu den Eigenthümlichkeiten dieses Krieges, und besonders scheint die gegenseitige Erbitterung der Franzosen und der Oestreicher mit jedem Tage einen höhern Grad zu erreichen. Die Geschichte des diesjährigen Krieges am Oberrhein liefert einen schauderhaften Belag hierzu. Bei dem kaiserlichen Freikorps unter dem General Wurmser, das grossentheils aus Serasziern -- aus Halbmenschen von der türkischen Grenze her -- zusammen gesetzt ist, fing man die unerhörte Barbarei an, den gefangenen Franzosen, welche Pardon bekommen hatten, dann doch noch die Köpfe abzuschneiden. Man war dann der Mühe des Transportirens überhoben, und konnte desto mehr Beute machen. Einer der Franzosen hatte, während daß seine Gefährten abgeschlachtet wurden, Gelegenheit, aus der Gefangenschaft, mithin seinem nahen Tode, zu entwischen. Kaum hatte er seinen Landsleuten diese unmenschliche Gewohnheit der Kaiserlichen erzählt: so bekamen sie einen von deren Kannibalen gefangen. Um sich zu rächen, kreuzigte man ihn Angesichts der kaiserlichen Vorposten, und ließ ihn angenagelt an einer Eiche, drei Tagelang sich quälen. Endlich richtete man kaiserlicher Seits eine Kanone auf den Stöhnenden, um ihn so vom Leben zu erlösen. Der Offizier, den Wurmser an den französischen General schickte, um sich über diese Grausamkeit zu beschweren, bekam zum Bescheide: daß das Schändliche dieser Barbarei ganz auf seinen General zurückfalle, dessen Untergebene ihn zu dergleichen traurigen Repressalien genothzüchtiget hätten.

Den kaiserlichen Husaren kam am 7ten Mai beim Einhauen in die feindlichen Jäger ein Irrthum sehr zu statten, den ihre weißen Mäntel veranlaßten. Die Franzosen, deren Kavallerie zum Theil ähnliche Mäntel hat, hielten nämlich in der Hitze des Gefechts diejenigen Oestreicher, von welchen sie gänzlich überflügelt waren, lange für die Ihrigen, welche zu ihrer Unterstützung herbeieilten, und wurden den Irrthum zu ihrem großen Schrekken erst in einer Nähe von hundert Schritten gewahr. Eine Täuschung, deren Vortheil diesmal zwar auf unserer Seite war: aber wollte Gott, daß die Aehnlichkeit, welche einige Montirungsstükke der verbündeten Mächte mit der Aussenseite des gemeinschaftlichen Feindes haben, nicht auch schon sehr traurige Erfahrungen vom Gegentheil veranlaßt hätte! –

Leider hatten die braven Engländer schon heute das in meinen Augen über alle Beschreibung große Unglück, von ihren Verbündeten den tyroler Scharfschützen, denen sie im größten Gedränge zu Hülfe gerufen wurden, verkannt zu werden. Man muß kaiserlicher Seits mit einer kaum verzeihlichen Nachlässigkeit entweder vergessen haben, die kaiserliche Armee mit den Montirungsstükken und Feldzeichen ihrer sämtlichen Verbündeten bekannt zu machen, oder die tyroler Schützen waren in der Eilfertigkeit, womit sie sich den heute allerdings sehr zudringlichen Feind vom Halse halten mußten, nicht im Stande, die Augen gehörig aufzuthun. Genug letztere glaubten, indem sie plötzlich die rothen Engländer an ihrer Seite mit streiten sahen, von den Franzosen überflügelt zu sein, und begrüßten eben die Freunde, die so muthig zu ihrer Rettung herbeieilten, mit einigen Salven. Ich weiß nicht, ob sie ohne Wirkung gewesen sind, aber ich wünsche es herzlich! -- --

Der Angriff, den der Feind heute auf die Preußen bei Saint Amand machte, bestand hauptsächlich in einem sehr überlegenen Kanonenfeuer. Er fing früh um 5 Uhr an, und endigte wieder erst beim Einbruch der Nacht. Da der Feind gegen den rechten Flügel des preußischen Korps bei Lecelle sein Vorhaben nicht erreichte, zog er sich gegen dessen linken Flügel nach dem Gehölze von Vicogne hinunter. Er verfehlte indessen auch hier seine Absicht; die Preußen behaupteten allenthalben ihre Posten, so unverhältnißmäßig groß auch der Strich Landes ist, welchen ihr in drei Lägern getheiltes kleines Truppenkorps gegen den andringenden Feind sich zu stellen übernommen hat.

Man giebt den Verlust des Feindes während dieses geräuschvollen Tages nur auf drei tausend Todte und Verwundete, und den Verlust der Kaiserlichen noch geringer an. Deren ohnehin schon so sehr zusammengeschmolzenen wallonischen Regimenter haben vorzüglich gelitten, und das Regiment von Wirtemberg insbesondere ist fast gänzlich vernichtet.

In der Nacht vom 8ten Mai machten die Franzosen an Koburgs linkem Flügel bei Maubeuge eine Brükke von Faschinen über die Sambre, und fielen in das Dorf Herqueline ein. Sie plünderten dasselbe rein aus, und steckten hierauf das dortige Schloß in Brand: dieses nach, und jenes wider ihren Wahlspruch. Krieg den Pallästen, Friede den Hütten! –

Am 9ten Mai griff der Feind die Preußen zwischen Saint Amand und Vicogne wieder mit einem heftigen Kanonenfeuer an, und errichtete indessen vier Batterien, eine auf Saint Amand und den mit einem Bataillon besetzten Berg de Bruyere, die andern auf das Lager zur rechten Seite dieser Stadt. Des Blänkerns war den ganzen Tag wieder kein Ende. Besonders wurde das preußische und kaiserliche Waldpiket und die sämtlichen Jäger und Scharfschützen durch immer erneuerte feindliche Truppenablösungen wüthend angegriffen, und zuletzt zurückgedrängt. Nun errichtete der Feind mit unglaublicher Geschwindigkeit längst der ganzen Fronte des Grafen Klairfait und des Knobelsdorfschen Korps mehrere Redouten. Die Lage der Verbündeten ward dadurch so bedenklich, daß man sich in einem sogleich gehaltenen allgemeinen Kriegesrathe zu dem Entschlusse genöthiget sah, den Feind in der Nacht zum

10ten Mai zu überfallen, und ihm alle seine gewonnenen Verschanzungen wieder zu entreissen. Es wurden daher, preußischer Seits dreihundert Freiwillige, und eben so viele kaiserlicher Seits, zur Ausführung des Vorhabens aufgefordert, und unter der freiwillig übernommenen Anführung des preußischen Majors von Rohr mit so weiser Entschlossenheit geleitet, daß bald die sämtlichen Verschanzungen des Feindes mit aufgepflanztem Bajonette überwältigt, und gegen zweihundert Franzosen gefangen in unsern Händen waren. Ein Unternehmen von der äußersten Wichtigkeit und Nothwendigkeit, ohne dessen glückliche Ausführung dem Feinde sein längst beabsichteter Durchbruch durch die Truppenkette, und mithin der Entsatz von Conde, höchst wahrscheinlich gelungen sein würde.

Man fand bei dieser Gelegenheit noch eine Menge unbegrabener Leichen seit den letztern blutigen Auftritten in dem Gehölze zerstreut umher liegen. Auch die würklich Begrabenen sind leider nur so oberflächlich eingescharrt, daß man nicht selten über die aus der Erde hervorragenden Aerme und Beine stolper. Die Luft fängt daher an, impestirt und äußerst lästig zu werden, und wenn der Himmel nicht ein Einsehen in der Sache hätte, und durch wohlthätige Stürme die Unvorsichtigkeit der Menschen wieder gut machte und die Luft reinigte; so dürften sich bald zu dem Umgemache dieses Krieges auch noch anstekkende Krankheiten hinzugesellen.

Unter den heute gefangenen Offiziers befindet sich ein Generaladjutant des Dampierre, der uns erzählte, daß dieser große Mann vor zwei Tagen durch einen Kanonenkugel ein Bein verloren habe, und bereits an den Folgen dieser Wunde verstorben sei. Wohl ihm! sein Leben war ohnehin in Gefahr, denn die drei Tage sind fruchtlos vorüber, in welchen er, unter Verpfändung seines Kopfs, seinen Truppen hatte versprechen müssen, Conde zu entsetzen. Jetzt schein die französische Armee sich ihres Undanks gegen einen so achtungswürdigen General zu schämen, und ihre Sottise wieder gut machen zu wollen. Sie hat ihm auf der höchsten Gegend des Lagers bei Famars ein Ehrendenkmal -- eine dreiseitige Spitzsäule mit passenden Innschriften errichtet. An der Seite, welche nach Mons und nach der Straße gerichtet ist, welche Dümourier und sein Anhang nahm, da er zu Frankreichs Feinden überging, steht: "Er verabscheuete die Verräther, und liebte sein Vaterland." -- Die Seite gegen Valenciennes enthält den verdienten Lobspruch: "Seine Tugenden sichern ihm die Unsterblichkeit" -- Auf der gegen Paris gerichteten Seite steht: "Kämpfer für Freiheit! republikanische Franzen! er war für Euch ein schönes Beispiel der Tapferkeit und Bruderliebe."

Die französische Nordarmee ist nun seit dem Tode Dampierre's von allen Anführern entblößt, zu welchen sie Zutrauen haben könnte. Sie scheint daher den Plan zum Entsatz Conde's endlich aufgegeben zu haben, sich nun ganz auf ihr ungemein vestes Lager bei Famars zu verlassen, und es ruhig abwarten zu wollen, ob sich daselbst von uns wird angegriffen werden.

Vom 11ten bis heute den 20sten Mai haben wir nach mancherlei Stürmen des Schicksals einmal wieder Tage der scheinbaren Ruhe genossen. Zwar wekken uns die Nekkereien der Vorposten mit jedem neu anbrechenden Tageslichte, und verscheuchen, unsanft genug, die kurzen Freuden unserer süssen Morgenträume: allein wir glauben nachgerade, das müsse so sein, und die Gewohnheit -- diese allgewaltige Siegerinn -- hat bereits dafür gesorgt, daß wir dergleichen kleinere Unbehaglichkeiten des Krieges über die grössern übersehen gelernt haben. Aber wie lange wird diese halbe Ruhe, dieser scheinbare Friede noch unser Theil sein können, da die Eroberung von Valenciennes mit in des großen Koburgs großem Plane zu stehen scheint? -- Ja, lieber Freunde! schon für den morgenden Tag stehen uns wieder ernste Auftritte bevor. Doch davon in meinem nächsten Briefe: ich darf nicht aus der Schule schwatzen.

Zum Schlusse des Gegenwärtigen nur noch ein Späßchen, welches uns unsere Spießgesellen, die guten Hannoveraner, vor einigen Tagen spielten. Sie standen bei Dornick, wir bei Maulde. Als ihre nächsten Nachbaren waren wir verpflichtet, ein starkes Piket gegen den Feind vorrükken zu lassen, sobald er sie mit Nachdruck angreifen würde. Am Morgen des 13ten Mai's schien dieser Fall einzutreten. Wir hörten von Dornick her ein anhaltendes Peloton- und Bataillonfeuer, mit einigen Kanonenschüssen untermischt. Das preußische Piket rückte daher dem Feinde ungesäumt entgegen, aber es suchte ihn allenthalben vergebens! Statt des Feindes kam der Adjutant, der eiligst nach den vermeintlich gedrängten Verbündeten geschickt war, um über den Hergang der Dinge Erkundigung einzuziehen, lächelnd mit der Nachricht zurückgesprengt, daß die großentheils noch ungeübten hannöverischen Truppen einmal blind durch machten. Zugleich schickte der Herzog von York einen seiner Offiziers, der um Verzeihung bitten mußte, daß man so übel vergessen habe, die Absicht ihres Feuerns zuvor gebührend bekannt zu machen.


Zwei und zwanzigster Brief.[]

Im Lager bei Cisoing im August 1793.

Am 1sten d. M. sah sich die französische Besatzung aus Valenciennes, welche im Anfang der Belagerung zwanzig Bataillon und drei Schwadron stark gewesen, und jetzt bis auf 4500 Mann zusammengeschmolzen war -- ausmarschiren, das Gewehr strekken, und Stadt und Zitadelle ihren Feinden einräumen. Eine höchst interessante Scene, die jeden unbefangenen, neutralen Zuschauer zu Betrachtungen einladete, bei welchen man oft nicht recht wuste, ob man lachen oder weinen sollte. Unmöglich kann der Menschenfreund bei dem Anblick überwundener Feinde schadenfroh lachen -- unmöglich kann der Edeldenkende Freudenthränen vergiessen, indem er mehrere Tausende sieht, die sich für Unglücklich halten, und deren politische Schwärmerei sie blind macht für alles, was zu ihrem Frieden dienet. Und traurig sein, kann und soll der sein Vaterland und den Frieden liebende Deutsche wiederum nicht, während einer Scene, welche, ungeachtet ihres Anstrichs von Traurigkeit, ihn doch dem herrlichen Ziele -- dem seeligen Frieden -- um einen Schritt näher zu bringen scheint -- Aber wahrlich, jede neue Eroberung einer feindlichen Vestung kann uns auch weiter vom Ziele bringen! dieser Gedanke, mit aller seiner Wahrscheinlichkeit, fiel mir unglücklicherweise, auch während jener Vorgänge, zentnerschwer auf die Seele: und so kam es denn, daß eine für den Deutschen, dem Scheine nach, so erfreuliche Begebenheit nicht mehr zum Trübsinn stimmte, als froh machte. Doch, lieber Freund! ich eile, dich mit dem Hergange des Abzugs der Franzosen selbst bekannt zu machen.

Die Besatzung in Valenciennes konnte sich allenfalls noch einige Tage länger halten: allein da die Belagerer in der Nacht vom 25sten Jul. die Globes de compressions gesprengt und auf diese Art eine französische Mine unwirksam gemacht hatten, die schon bis zur dritten Parallele reichte, und in der nemlichen Nacht noch spielen sollte: so verlor der Feind um so mehr allen Muth, je mehr er sich bisher von der Wirkung dieser Mine versprochen haben mogte. Er hielt daher sogleich einen außerordentlichen Kriegsrath, und überzeugte sich hauptsächlich aus folgenden Gründen, daß es Zeit sei, sich mit den Belagerern zu vergleichen.

Der höchst traurige Zustand der Stadt, von welcher durch ein fast beispielloses Bombardement die Hälfte der Gebäude in einen Schutthaufen verwandelt, und die andere Hälfte ungemein beschädigt war -- der herzerschütternde Anblick so vieler unter den Trümmern verschütteter oder zerschmetterten Schlachtopfer und aller der weinenden Kinder und Greise, Bürger und Bürgerinnen, welche durch die Bomben und Kugeln der Belagerer verwundet worden waren, -- die Wuth der immer mehr um sich greifenden anstekkenden Krankheit, und die Unmöglichkeit, den kranken und verwundeten Einwohnern und Soldaten einen sichern Zufluchtsort nachzuweisen, -- die Beschädigung des Hauptlazareths, welches von den Kugeln so durchlöchert war, daß es gar nicht mehr bewohnt werden konnte, -- der Mangel an Wundärzten, die theils getödtet oder verwundet, theils von der Seuche ergriffen, und also ausser Stande waren, die Kranken und Verwundeten abzuwarten -- das Angstgeschrei und Wehklagen der unbeschreiblich leidenden Bürgerschaft, die, nach des Herzogs von York letzter Androhung eines Sturms und einer allgemeinen Plünderung, durch ihren Gemeinderath durchaus auf Kapitulation drang, -- das Abbrennen des Zeughauses, der geringe Vorrath der Munition und die große Anzahl des unbrauchbar gewordenen Geschützes -- der Zustand der Garnison, von welcher die eine Hälfte getödtet, verwundet oder krank, die andre aber durchaus erschöpft war, indem der Soldat nach fünf im Dienst durchwachten Nächten kaum die sechste zum Ausruhen hatte -- der am 25sten Jul. erfolgte Verlust des bedeckten Weges und der Aussenwerke -- die Ueberzeugung, daß sich die Stadt höchstens nur noch sechs Tage halten könne, wobei noch vorauszusetzen war, daß die abgemattete Garnison während dieser Zeit und in einer Lage, wo sie Stadt auf zweien Seiten bestürmt werden konnte, überall den erforderlichen Widerstand leisten würde -- das ungleiche Verhältniß zwischen dem Nachtheil der bei diesen Umständen um 6 Tage früher erfolgten Uebergabe einer Vestung, wo schon Bresche geschossen war, und zwischen Plündern und Blutvergießen, diesen grausamen und unvermeidlichen Folgen der Einnahme einer Vestung durch Sturm -- das feierliche Versprechen des Kriegsraths, das Leben, die Ehre und das Eigenthum aller Bürger zu retten, -- die höchste Unwahrscheinlichkeit, in der kurzen Zeit von sechs Tagen jene Hülfe zu bekommen, die man in mehrern Wochen vergeblich erwartet hatte -- und endlich die Insubordination der erschöpften und muthlosen Soldaten, und die gewöhnlich damit verbundene Zügellosigkeit:

Alle diese Bewegungsgründe vermogten den ausserordentlichen Kriegesrath, den Herzog von York am 27sten Jul. um einen Waffenstillstand zu bitten. Er ward auf 24 Stunden bewilligt, und endigte mit Unterzeichnung der Kapitulationspunkte.

Der Prinz von Koburg und der Herzog von York ließen die Kunststraße, welche vom Cambrayer Thore zu Valenciennes gegen das Lager bei Famars hinaufführt, mit 18,000 Mann besetzen. Sie hatten, wie du leicht denken kannst, aus der ganzen Armee die schönste Mannschaft ausgesucht, und jeder derselben war geputzt, als gälte es eine Kirchenparade. Die Linien, welche sie längst dem Wege machte, waren über eine Viertelstunde Weges lang, und hinter denselben standen zu beiden Seiten eine unglaubliche Menge Zuschauer sowohl vom Zivil- als Militärstande theils zu Fusse, theils zu Pferde und zu Wagen. Aus der ganzen umliegenden Gegend des Hennegaus und des kaiserlichen und republikanischen Flandern war man schaarenweise herbeigeströmt, um diesem seltenen Schauspiele beizuwohnen. Innerhalb des Weges, den dies zahllose Gewühl von Zuschauern nebst jenen 18,000 Mann unter dem Gewehre umgab, defilirten nun die französischen Kapitulanten mit klingendem Spiele durch, um bei Famars das Gewehr zu strekken, und dann weiter in das Innere der Republik zu marschiren.

Die brabantischen Ausgewanderten -- an vierhundert Männer, Weiber und Kinder -- denen in der Uebergabe ebenfalls freier Abzug ausbedungen war, gingen voran. Dann folgten die Nationalkommissärs mit General Ferrand, dem bisherigen Kommandanten der Vestung. Hierauf kamen die sehr zusammengeschmolzenen zwanzig Bataillons Infanterie mit ihren Regimentsstükken und ihrer Bagage. Die Reihe ward oft durch eine Menge Krankenwagen unterbrochen, so wie auch durch die Wagen mit etwa dreihundert meistens sehr schönen Frauenzimmern. Den Schluß machten endlich zweihundert Kavalleristen, der Ueberrest eben des Regiments du Roi, welches den unglücklichen Ludwig zur Guillottine hatte begleiten müssen.

Es ist wahr, die Aussenseite dieser Garnison stach von ihrer während der Belagerung bewiesenen Bravheit auffallend ab, und es ist fast nicht möglich, einen militärischen Aufzug zu sehen, der bettelhaft lumpiger sein könnte, als dieser hier: auch wurden die ekelhaften Ausdünstungen der unsaubern Montirungen und Kittel der Kapitulanten derjenigen Hälfte der Zuschauer, welche unter dem Winde stand, bis zum Ohnmächtigwerden lästig: allein wollen wir billig sein: so müssen wir jenes die Sachwalter ihrer Nation verantworten lassen, und dieses auf die Rechnung ihres zweimonatlichen Zustandes schreiben.

Wenn man das vorüberziehende Gewühl der oft außer Reih und Glied bunt unter einander dahintanzenden Garnison, und die große Anzahl der unter derselben befindlichen Greise und Knaben, aufmerksam betrachtete: so konnte man sich kaum überzeugen, daß eben diese Truppen wie Löwen gestritten, und Valenciennes so heldenmässig vertheidiget hatten. Wie es scheint, so haftet die französische Schwärmerei für Freiheit und Heerd gleich gut in den Köpfen der Kinder, der Erwachsenen und der Greise.

Held Ferrand, mit seinem grauen Haupte, hat ein überaus ehrwürdiges Aeussere. Seine blasse Gesichtsfarbe ließ auf schlaflose Nächte schließen. Der Ernst, den man ihm ansah, schien mir innern Gram über die unglückselige Sprachverwirrung der Nation, deren treuer Diener er ist, zu verrathen: die dennoch durchschimmernde Ruhe aber, und die Würde, mit welcher er seine Straße ritt, waren unstreitig eine Folge des seligen Bewustseins, im ganzen Sinne des Worts seine Pflichten erfüllt zu haben.

Die mehresten französischen Offiziers und Gemeinen waren indessen, trotz ihres freien Abzuges unter allen kriegerischen Ehrenbezeugungen, durchaus voller Niedergeschlagenheit und Mißmuth, kaum wagten sie es, dann und wann einen oder den andern von jenen Tausenden, die ihnen rechts und links zur Seite standen, ins Auge zu fassen. Indessen kann ich nicht bestimmen, ob das von Schaam über ihren Abzug herrühren mogte, oder ein Zeichen der Verachtung ihrer Ueberwinder, die sie für ungroßmüthig halten mußten, sein sollte. Die kaiserlichen und englischen Hautboisten nämlich empfingen die Besiegten bei deren Ausmarsch aus Valenciennes spottend mit dem bekannten Ça ira: eine Musik, welche unter diesen Umständen voller satyrischen Bestandtheile war, die Besiegten im hohen Grade gegen uns erbittern und wie ein zweischneidendes Schwerdt in ihrer Seele wüthen mußte. Die Hautboisten bedachten hoffentlich nicht, daß sie durch diesen Einfall ihrer kleinlichen, ungroßmüthigen Denkungsart, in den Augen der Uebelunterrichteten alle Schande und Entehrung, welche jetzt in dem Ça ira lag, ärgerlicherweise auf ihre Vorgesetzten zurückwälzten.

Allein die Handlungsweise eines York und eines Koburg ist über dergleichen unedlen und ungroßmüthigen Spott weit erhaben, und der Zeitungsschreiber, der das Publikum glauben machen wollte, man habe das Ça ira auf Befehl jener Prinzen gespielt, hat einen eben so übel unterrichteten Korrespondenten gehabt, als derjenige, welcher in das Publikum hineinkrähete, jene Prinzen hätten gleich nach Eroberung des Lagers bei Famars das Grabmahl des französischen Generals Dampierre niederreisen, und an dessen Stelle Siegestropäen errichten lassen. Nein, umgekehrt! sie ließen edelmüthig durch eigene Schildwache bei diesem Grabmahl dafür sorgen, daß kein rachsüchtiger Kleingeist sich an demselben vergreifen könne. Ich habe noch zehen Wochen nach der Eroberung jenes Lagers beides, das unverletzte Grabmahl und die dabei stehende Wache, mit meinen Augen gesehen *).

*) Ein ganz Anderes war es, wenn das preußische Regiment Prinz Heinrich in der ehrenvollen Schlacht bei Pirmasens im Herbste 1793 mit dem ça ira muthvoll in die Franzosen eindrang, und sie vermittelst der Allgewalt der Zaubermusik des Allons, enfans! aus mehrern Schanzen vertrieb.

Da am Tage der Uebergabe von Valenciennes, zur Vermeidung der Unordnungen, Niemand von den zahllosen Neugierigen, welche diese unglückliche Stadt in ihrem Schutte zu sehen wünschten, hineingelassen wurde; so ritt ich nach Verlauf einiger Tage noch einmal dahin, um einen anschaulichen Begriff von den Greueln ihrer Verwüstung zu bekommen. Aber was hilft es, lieber Freund! daß ich ihre Trümmer und die Menge wehklagender Leichengestalten, welche den Verlust der Ihrigen und des Ihrigen bejammern, gesehen habe? -- ich kann dir von allem dem Elende nun doch keine der Wirklichkeitentsprechende Beschreibung machen, denn es ist im eigentlichen Sinne unbeschreiblich. Die vier und zwanzig tausend Bomben, die sechszehntausend Kanonenkugeln, und die vierzehntausend Granaten, welche bis zum 26sten Jul. auf Valenciennes verschossen waren, haben eine Verwüstung, die fast beispiellos und nichts zu vergleichen ist, hervorgebracht. Die ganze Belagerung hat sieben und achtzig Tage gedauert, und während des zwei und vierzigtägigen Bombardements zählte man allein unter der Bürgerschaft gegen zwei tausend theils getödtete, theils verwundete Männer, Weiber und Kinder. Die meisten öffentlichen Gebäude und Kirchen nebst achthundert und neunzig Bürgerhäusern sind gänzlich zerstört, und fast alle übrigen sind mehr oder weniger durchlöchert und beschädigt worden.

Der ganz verwüstete Theil der Stadt ist nicht sowohl niedergebrannt, als vielmehr niedergeschossen, und durch Bomben zersprengt. Denn da die massiven Häuser über die Wälle hervorragten: so waren die Kugeln der Wuth der Kriegsflamme zu Hülfe gekommen. Ganze, über die Straße hingestürzte Wände und Schornsteine, zersplitterte Balken und Dachsparren, hoch aufgetürmter Schutt, zerschmettertes, wild umher liegendes Hausgeräth, u. s. w. machten viele Straßen ganz undurchdringlich, und würden an und für sich schon einen überaus grausenvollen Anblick gewährt haben, wenn auch nicht allenthalben Weiber und Kinder bei den Trümmern ihrer Wohnungen die Hände über den Kopf zusammen geschlagen, und bei dem Grabe der verschütteten Ihrigen mit stillen Thränen und einem Blick zum Himmel die Urheber ihres Elendes angeklagt hätten.

Nichts ist für das Herz des Glücklichen empörender, als unter lauter Weinenden, und zum Theil verzweifelnden Trauergestalten umherzugehen; und dich war dies mein Fall hier. Denn warum sollt' ich, mit allen meinen unbefriedigten billigen Wünschen, mich nicht glücklich nennen, da es zahllose Menschen giebt, die dieser Teufelskrieg unendlich unglücklicher macht, als mich? –

Wohin ich mich in Valenciennes auch wenden mogte, da erblickte ich menschenähnliche Geschöpfe, vom langen Wohnen in dumpfigten Kellern aufgedunsen, vom Hunger abgezehrt, und von Schlaflosigkeit ermattet waren, und welche, von der langen ausgestandenen Angst noch zitternd, mit nassen Augen, über den Schutthaufen ihrer vormals glücklichen Wohnungen durch die Straßen hinschwankten, um sich bei den Wenigerelenden einen Bissen Brodts, oder ein Allmosen zu erbetteln.

Wenn ich unglückseligerweise noch zehnmal Gelegenheit haben sollte, das große Trauerspiel einer eben erst belagert gewesenen Stadt sehen zu können: nimmer, nimmer soll mich die Neugierde wieder zum Zuschauer machen! –

Valenciennes muß, nach Aussage aller, welche sie vor der Belagerung gesehen haben, und so fern ich von dem ziemlich unbeschädigt gebliebene prächtigen Markte auf die vorige Aussenseite des verwüsteten Theils dieser Stadt einen Schluß machen darf, eine der schönsten Städte gewesen sein. Jetzt ist die gröstentheils ein elender Schutthaufen, und wird diesen Schlag des Schicksals vielleicht sobald nicht verwinden.

Gleich nach der Uebergabe ließ Prinz Koburg die benachbarte kleine Vestung le Quesnoir berennen. Er selbst rückte gegen das Cäsarslager bei Bouchain vor, um einen Versuch auf diese veste Stadt zu machen. Es scheint aber, als ob er keinen der Vortheile einerndte, die er sich davon versprochen haben mag. Er sowohl, als auch der Herzog von York, der während dessen in einem großen Bogen auf Cambrai marschiret war, kehrten bald wieder zurück, und ließen ihre nicht ganz bekannt gewordene Ideen wahrscheinlich unausgeführt. Letzterer ging nun, vom 16ten August an, rasches Schrittes auf Dünkirchen los, um diese französische Küstenvestung überzurennen, indem er sie zu Lande und zu Wasser zugleich abgriff.

Während seines Marsches dahin bemächtigten sich die Holländer, in deren Nähe er am 18ten August war, des französischen Dorfs Lincelles bei Lille, besetzten dasselbe, und waren guter Dinge. Unglücklicherweise vergaßen sie der alten Kriegsregel, daß der Feind, der so eben einen Verlust erlitten hat, gewöhnlich gleich darauf seinem Schaden wieder nachzukommen sucht. Die Franzosen drangen, indem die Holländer zu Lincelles beim Glase Wein neue Kräfte sammelten, plötzlich mit überlegener Macht wieder in dieses Dorf ein, eroberten acht Kanonen und machten viele zu Gefangenen.

Kaum hatte der Herzog den Hergang der Sache vernommen: so eilte er seinen Freunden zu Hülfe, fiel mit zwei englischen Grenadierbataillons dem Feinde in die Flanke, erstieg unter dem heftigsten Kartätschenfeuer dessen Verschanzungen, nahm ihm eilf Kanonen ab, und befreiete die in Gefangenschaft gerathenen Holländer wieder.

Hierauf schritt er zu dem großen Werke der Berennung Dünkerkens. In der Nacht vom 23sten zum 24sten August bestürmten die vereinigten Engländer, Hannoverander, Hessen und Kaiserlichen das feindliche Lager und die verschiedenen Außenposten vor der Stadt. Das Ganze war eine Art von Sturm auf die Vestung selbst, in welchem aber einige erbeutete Kanonen mit einem zu großen Menschenaufwand erkauft wurden. Jetzt soll nun eine förmliche Belagerung unternommen werden, deren Erfolg wir in Geduld von der Zukunft erwarten wollen -- -- --

Wir armen Preußen unter Knobelsdorf sollen nun nicht ferner an der Ehre Theil nehmen, deren Erndte für die Kaiserlichen, Engländer und Holländer in den Niederlanden vor der Thüre zu sein scheint; sondern müssen jetzt dem französischen Flandern, und dieser Gegend überhaupt, das Lebewohl sagen. Unter uns gesagt: wir thun es aber auch gerne! -- Indessen steht uns der lange Marsch durch die wallonischen Lande, durch das grausenvolle Ardennengebirge, und dann durch das Luxenburgische und Triersche bevor. Jenseit des Hundsrükkens werden wir uns dann mit der königlichen preußischen Hauptarmee im Zweibrükkischen vereinigen.

Unsern Platz im hiesigen Lager bei Cisoing werden die Holländer in Verbindung mit einigen Kaiserlichen und Hessen ausfüllen. Dies, und selbst den übermorgenden Tag unsers Abmarsches von hier, haben heute bestimmt und umständlich die französische Vorposten den Unsrigen, die noch nichts davon wußten, erzählt, indem sie sich zu Hunderten unsern Jägern näherten, unter friedlichen Zurufungen ihr Gewehr niederlegten, dann durch ein freundschaftliches "Adieu, brave Prüß!" Abschied von ihnen nahmen. Einer von ihnen, ein Deutscher, hat stolz hinzugefügt: das preußische Lager bei Cisoing habe zwar ganzer zehen Wochen seinen Platz behauptet, aber sie würden denen, die es nach uns besetzten, in den nächsten Tagen zeigen, daß es keinesweges unüberwindlich sei. Ob diese zuversichtliche Androhung eine ihrer Prahlereien ist, oder wirklich in Erfüllung gehen wird, darüber, lieber Freund! wird dir mein nächstfolgender Brief Auskunft geben.

Quellen.[]

  • Ueber den Feldzug der Preußen gegen die Nordarmee der Neufranken im Jahr 1793. Von einem Beobachter, welcher die jetzigen Feldzüge der verbündeten deutschen Heere mitmacht. Stendal, bei Franzen und Grosse, 1795.
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