Terrorismus.[]
Terrorismus, oder Schreckenssystem, war das im Laufe der französischen Revolution von Marat und Robespierre (s. d. Art.) zu Anfange des Märzes 1793 in Ausübung gebrachte tyrannische System, unter dem Vorwande des allgemeinen Besten jeden einzelnen Staatsbürger von Frankreich in des beständigen Furcht zu erhalten, in jedem Augenblicke sein Vermögen, seine Freiheit und sein Leben zu verlieren. --

Es scheint auf den ersten Anblick unbegreiflich, wie ein Volk, das schon einige Jahre für seine Freiheit gekämpft, und sogar die, durch die erste Constitution (vom 14. September 1791) eingeschränkte Monarchie nicht ertragen hatte, sich diesem Systeme unterwerfen konnte. Allein es scheint auch nur so. Es war vielmehr natürlich, daß bei der, seit dem Ausbruche der Revolution immer mehr gesunkenen Moralität die große Anzahl von Menschen, die entweder von jeher in Armuth geschmachtet, oder ihr Vermögen verschwelgt hatten -- eine Classe von Menschen, die jetzt die Oberhand hatten -- diesem Systeme anhängen mußten, das jeden wohlhabenden Mann der Willkür desjenigen Preis gab, dem nach dessen Gütern gelüstete. Es bedurfte nur der leeren Anschuldigungen: daß der Begüterte Antheil an einer Verschwörung gegen den Staat habe, um sich seiner Person zu bemächtigen, und es konnte kaum fehlen, daß selbst der redlichste Mann nicht wenigstens einiger Aeußerungen des Mißvergnügens über die damalige Lage Frankreichs, allenfalls durch einige ihm übelwollende Personen, die als Zeugen gegen ihn auftraten, hätte überführt werden können. Schon dies war Grund genug zu seiner Verurtheilung, welche zugleich der Folge -- oder vielmehr der eigentlichen Ursache -- derselben, der Einziehung seines Vermögens, wenigstens einen rechtlichen Schein gab, oder geben sollte. Als wenige Wochen nach der Begründung dieses empörenden Systems, durch die Revolution vom 31sten Mai 1793, selbst die gemäßigte Partei des Nationalconvents gestürzt, und späterhin unter der Guillotine gefallen war (s. d. Gironde), als der blutdürstige Robespierre das Heft der Regierung an sich gerissen hatte, so mußte jenes fürchterliche System immer festern Fuß fassen, da dieser Tyrann und seine Anhänger durch dasselbe, durch anbefohlnen Mord und Plünderung ihre eigene Existenz zu sichern suchten, ja sogar in ihm die Mittel fanden, den gerade in diesem Jahre nicht glücklich geführten Krieg gegen Frankreichs innere und äußere Feinde desto nachdrücklicher fortzusetzen. Nur erst mit der Revolution vom 9ten Thermidor (27sten Juli 1794), oder mit Robespierre's Sturz und Hinrichtung, nahm dieses System sein Ende, und von jetzt an, besonders seit dem 1sten August 1794, trat an die Stelle des Schreckenssystems das System des Moderantismus, oder der gemäßigten Grundsätze.
Die Welt wird durch Meinungen regiert.[]
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Ein emigrirter Franzos von reifem Alter erklärte einem Deutschen die tollen, rasenden Grausamkeiten der französischen Volks-Repräsentanten auf folgende Weise:
"Die Revolution verbreitete gleich anfangs freyere Meinungen über Regierungsformen; allein die Meinungen waren getheilt. Diese wollten eine engländische Regierung, jene die Constitution von 1789; diese wollten den Adel beybehalten, jene ihn abschaffen; diese verlangten eine vollkommene Toleranz in Religionssachen, jene drangen darauf, die katholische Religion sollte die herrschende bleiben. Der Streit hob hier erst an. Jede Parthey wußte sich Einfluß zu verschaffen. Man kämpfte gegen einander; anfangs mäßig, dann hitziger. Man fing an zu verfolgen. Die eine Parthey wollte gar nichts nachgeben, und die andere ging, um sie zu zwingen, oder in der Hitze des Streits, noch einen Schritt weiter. Natürlich wurde der Zwiespalt noch grösser, die Meinungen der verschiedenen Partheyen noch unterschiedener, die Behauptungen von beyden Seiten kühner, der Haß gegen einander noch giftiger. Aus den gemäßigten Monarchisten wurden den Republikaner, und sie siegten, weil das gedrückte Volk sich der Parthey in die Arme warf, die es am weitsten von der ihm verhaßten Regierungsform wegführte. Die Gegenparthey hielt sich noch, verdrehte die Meinungen ihrer Gegner, schimpfte, vergrößerte ihre Fehler, verkleinerte ihr Gutes, ersann Unwahrheiten, sichte sich Parthey unter dem Volke zu machen, und trieb, wenn sie einen kleinen Sieg erfochten hatte, den Triumph so weit als sie konnte. Die siegende Parthey machte es nicht besser. Der Streit erhitzte sich zur Wuth, zum Haß, zum Raserey. Man wußte oft selbst nicht mehr, warum man stritt; man haßte sich nur. Die Menschlichkeit wurde im Gedränge der tobenden Leidenschaften vergessen. Es floß Blut; aber das Blut erhitzte den Streit, anstatt ihn zu dämpfen. Man schwieg nicht eher, als bis eine Parthey ganz vernichtet war, und sie konnte nicht eher vernichtet seyn, als bis ihre Anhänger ermordet waren. Sie starben fast alle mit dem Muthe der Märtyrer; sie blieben bey ihren Meinungen bis an den letzten Hauch der Brust. Aber nie gaben sie Beweise davon, daß die andere Parthey es mit den auswärtigen Mächten gehalten hätte.
"Die eine Parthey hatte nun gesiegt, und auch so lange enge zusammen gehalten. Aber nun war der Zeitpunkt gekommen, wo sie sich in sich selbst trennte. "Hier wollen wir nun stehen bleiben!" rief die eine Hälfte; die andere hatte in der Hitze des Streits, aus Haß gegen die vorige Parthey, schon Meinungen gefaßt und behauptet, die dem Stehenbleiben entgegen waren. Man zankte sich aufs neue. Die vorigen Scenen; außer, daß nun Alle sich schon mehr an Grausamkeiten gewöhnt hatten, noch die letzten Spuren der Menschlichkeit unterdrückten, der Parthey zum Trotz, die den positiven Gottesdienst beybehalten wollte, gerade das Daseyn Gottes ableugneten und die Vernunft anbeteten, Blut in Strömen vergossen, und so nach und nach in dem wilden Tumulte die rasenden Ungeheuer wurden, weil man ihnen nicht erlauben wollte, mindere Ungeheuer zu seyn."