Von Bastille bis Waterloo. Wiki
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Tagebuch

von

der Belagerung

der Festung Colberg

im Jahr 1807.

Nebst einem Anhang,

enthaltend:

autentische Nachrichten

von

dem Königl. Preuss. Major von Schill

und

dem Bürgerrepräsentanten Nettelbeck

zu Colberg.

Mit dem Bildnisse des Majors von Schill.

Germanien, 1808.

(In Commission bei Ernst Littfas, in Berlin.)

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Neopolem

Tagebuch von der Belagerung der Festung Colberg im Jahr 1807.[]

Schreiben

eines Einwohners in Colberg

an

einen Freund zu Königsberg in Preußen.

(Statt der Vorrede.)


Hier, mein theurer Freund, übersende ich Ihnen das versprochene Tagebuch von der viermonatlichen Belagerung unsrer Festung, weil ich weiß, daß Sie, als ein echter preußischer Patriot, gewiß an dem Schicksal Colbergs herzlichen Antheil nehmen, das schon durch den tapfern Widerstand, den es dem Feinde in frühern Zeiten mehrmals entgegen gesetzt hat, einen ehrenvollen Platz in der Geschichte des preußischen Staats einnimmt *).

*) Colberg wurde nemlich im siebenjährigen Kriege dreimal von den Russen belagert.
Im Jahr 1758 vom 3ten Oktober bis zum 1sten November.
Im Jahr 1760 zu Wasser und zu Lande, wo auch acht schwedische Schiffe dazu kamen, bis zum 16ten September.
Im Jahr 1761 vom 24sten August bis zum 17ten December, wo die Festung sich dem Feinde übergeben mußte.
A. d. H..

Sie finden darin die vorzüglichsten Ereignisse, der Wahrheit gemäß, aufgezeichnet, und habe ich zugleich noch einige Nachrichten von den beiden braven Männern beigefügt, die sich besonders in dieser Zeit der Bedrängniß, durch Muth Patriotismus ausgezeichnet haben. Ich meine den Major von Schill und den hiesigen Bürger Nettelbeck.

Die unermüdete Thätigkeit dieses siebenzigjährigen Greises ist ein wahres Wunder, noch mehr aber, daß er, bei so vieler Auszeichnung von allen Seiten, doch nichts in seiner schlichten Art zu leben und zu denken geändert hat. Er geht ganz einfach gekleidet, thut sich nicht das geringste darauf zu gut, daß er, während der harten Belagerung von Colberg, sich so wesentliche Verdienste um die Stadt und alle seine Mitbürger erworben hat, und vermeidet sogar darüber jedes Gespräch; daher denn auch von seinen nächtlichen Wanderungen in der Belagerungszeit wenig bekannt ist.

Er hat ein ausführliches Tagebuch von der Belagerung Colbergs selbst ausgesetzt, das man von ihm zum Druck verlangt hat *). Aber dies enthält nichts von dem, was er so rühmlich geleistet, noch erwähnt er viel von dem ihn ehrenden Verhältnisse, in welchem er mit dem würdigen Commandanten, Obrist-Lieutenant von Gneisenau gestanden hat, denn dies verbeut ihm seine Bescheidenheit.

*) Auch der Prediger Steinbrück aus Preuss. Friedland, der sich seit der Berennung der Festung bis zu Ende der Belagerung in Colberg aufgehalten hat, hat ein Journal über jede Tagesbegebenheit dieser Zeit geführt, welches vielleicht in der Folge herauskommen möchte.
A. d. H..

Er war, besonders in den ersten Zeiten, sehr viel um den Obrist-Lieutenant von Gneisenau, gleichsam wie ein Adjudant; nach der Zeit wurde ihm die Ueberschwemmung eines Theils der umliegenden Gegenden um die Festung und die Direktion der Feuerlöschungsanstalten übertragen, wobei er seinen unerschütterlichen Muth im schönsten Lichte zeigte, wie er denn schon vor einigen zwanzig Jahren die Stadt von einer großen Feuersbrunst rettete, als das Gewitter in der obersten Spitze des hohen Thurms der Domkirche einschlug, und er, mit Gefahr seines Lebens, allein hinaufeilte und die ausgebrochene Flamme mit einer Handspritze löschte.

Da er keine Frau und Kinder hat, so hat er sein Haus dem Seglerhause vermacht, von welchem er, dem hiesigen Sprachgebrauch nach, ein Verwandter, d. h. ein Mitglied ist, und es werden schon jetzt in diesem seinem Hause die Sitzungen gehalten, weil das Seglerhaus, wie viele andere Gebäude Colbergs, durch die Belagerung ganz verwüstet worden ist.

Zur Zahl der edlen Männer, die in Colberg allgemein geschätzt werden, gehört auch besonders der Commandant, Obrist-Lieutenant von Gneisenau. Er ist nicht bloß ein tapfrer Soldat und ein kenntnißreicher Krieger, sondern er versteht auch die schöne Kunst, sich die Achtung und Liebe seiner Untergebenen und der Bürgerschaft zu erwerben und zu erhalten. Er verbindet mit bewährter Redlichkeit, Festigkeit des Charakters, mit raschem Muthe Gegenwart des Geistes und Vorsicht, mit Talenten Erfahrung im Dienst, und er würde gewiß unter keiner Bedingung eher die Festung übergeben haben, als bis ihn Mangel an Munition und Lebensmittel dazu gezwungen hätte. Seinem Vorschlag verdankt auch die Stadt die Einführung eines Papiergeldes, während der Belagerung, das für die geringere Klasse der Einwohner Colbergs ein wesentlicher Nutzen war, und womit, bei dem Mangel an baarem Gelde, die bei der Festung geleisteten Arbeiten bezahlt werden konnten. Es wurde nemlich eine aus Magistrats-Mitgliedern, Bürger-Repräsentanten und den Seglerhaus-Aeltesten bestehende Commission niedergesetzt, welche unter Königl. Garantie ein Papiergeld, zu 4 und 2 Gr. an Werth, anfertigen ließ, welches auf der Rückseite mit dem Gouvernements-Siegel besiegelt war, und wodurch vielen Uebeln vorgebeugt wurde.

Die größte Stärke der dienstthuenden Besatzung während der Belagerung belief sich auf 6000 Mann, nemlich:

1 Grenadier-Bataillon,
1 Füsilier-Bataillon,
2 Infanterie-Reserve-Bataillons,
1 Infanterie-Bataillon des von Schillschen Corps,
2 Compagnien Fußjäger,
1 Garnison-Artillerie-Compagnie,
1 Detachement Feld-Artillerie zu Fuß,
1 Batterie reitender Jäger,
1 Escadron Cuirassier, und
1 Escadron Husaren.

Die Armee der Belagerer rechnet man, zuverlässigen Nachrichten zu Folge, auf 24000 Mann.

Der Verlust der Belagerten vom 21sten Februar bis 2ten July 1807 wird auf

429 Mann vor den Feind Gebliebene,
1093 Verwundete,
209 Gefangene und
159 Vermißte

gerechnet.

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Die unglückliche Schlachten bei Jena und Auerstädt führten die französischen Truppen und ihre Bundesgenossen bald über die Elbe und Oder. Sie drangen sogar ungestört und unaufgehalten vor bis an das linke Ufer der Weichsel. Es bedurfte nur eines Trompeters und Parlementärs, so fielen die Zugbrücken und Fallgitter der innerhalb des eroberten Gebiets liegenden Festungen, wie einst die Mauern von Jericho durch den Schall einer Posaune. Ein kleines Detaschement, das gar keine Anstalten traf, einen solchen festen Platz einzuschließen, zog bald als Sieger in denselben ein, und machte oft eine dreimal größere Besatzung zu Kriegsgefangenen. -- Ein unwillkührliches panisches Schrecken schien sich über alles, was Preuße hieß, verbreitet zu haben. Siegtrunken schickte der Feind, gleich nach der Uebergabe von Stettin, einen Trompeter auch nach Colberg, und ließ diese Festung zu einer gleichen schimpflichen Uebergabe auffordern. Aber Colbergs Besatzung und Bürger waren taub für solche Aufforderungen und fest entschlossen, König und Vaterland nicht voreilig und feige zu verrathen. Der Trompeter wurde gleich wieder zurückgeschickt, ohne sich mit ihm in weitläuftige Unterhandlungen einzulassen.

Es war ein Glück für Colberg, daß der Feind nicht sogleich Truppen zur Belagerung abschickte, denn es befand sich in schlechtem Vertheidigungsstand; vielleicht war keine preußische Festung in einem schlechtern. Es mag unentschieden bleiben, ob der Feind diesen Platz für zu gering achtetet, um wider ihn etwas wichtiges zu unternehmen, oder ob man die Truppen nöthiger brauchte, oder aber, ob man nach einem abermaligen Sieg über die russische und preußische Armee, Colberg ohne einen Kanonenschuß zu erobern glaubte.

In der Mitte Novembers 1806 zog ein Corps baierscher und usingscher Truppen unter dem Prinzen Hieronymus Bonaparte, jetzigem König von Westphalen, zur Belagerung der preußischen Festungen nach Schlesien. Glogau, Breslau und Schweidnitz waren das Resultat dieser Expedition.

Während dieser Zeit sammelte sich unter dem Rittmeister von Schill ein Corps Soldaten, das sich größtentheils aus der französischen Gefangenschaft wieder glücklich freigemacht hatte. Man suchte sie so gut wie möglich zu bewaffnen, und wählte dazu so lange Sensen, Lanzen und Piken, bis sie von ihren Nachbarn und Kriegskameraden mit brauchbaren Waffen versehen werden konnten. Dies Corps drang jetzt bis Naugardt und Stargardt, und erschwerte dadurch die Communikation des Feindes zwischen Stettin, Cüstrin und dem französischen Hauptquartier zu Warschau. Es nahm mehrere nach den feindlichen Quartieren bestimmte Transporte mit Lebensmitteln, Waffen und dergleichen weg und schickte sie nach Colberg.

Die französische Armee, die bereits bis gegen Preuß. Eylau vorgerückt war, wurde von hier aus zurückgeworfen, und ging zu ihren Befestigungen von Osterode zurück. Sie zog hierauf das Corps des Prinzen Hieronymus an sich, auch wurde man auf Colberg aufmerksamer. Der Feind griff die Befestigungen bei Naugardt an, nahm sie und drängte die Preußen bis unter die Kanonen der Festung zurück. Colberg hatte nun Zeit genug gehabt, sich zu verproviantiren, und war auf eine langwierige und ernsthafte Belagerung gefaßt.

Die Lage der Festung ist folgende:

Neopolem

Die eigentliche Festung liegt auf dem rechten Ufer der Persante, so wie auch das Fort, welches den Hafen deckt.

Nach dem Lande zu kann man das Wasser dieses Flusses durch Schleusen und Dämme aufhalten, so daß hierdurch eine vollkommene Ueberschwemmung bewirkt und dadurch ein feindlicher Sturm von dieser Seite unmöglich gemacht wird. Nach der Ostsee zu ist die Stadt so sehr mit Wällen und Gräben versehen, daß der Feind nicht so leicht die Unvorsichtigkeit begehen wird, sie von dieser Seite her anzugreifen. Die Kommunikation zwischen dem Mündner Fort und der Stadt wird durch zwei geschlossene Werke, die Kirchhof- und der Morast-Redoute unterhalten. Eine davon liegt auf dem sogenannten hohen Berge, die andere aber bei dem Dorfe Sellnow.

In der Nacht vom 13. zum 14. März 1807 nahm der Feind die Schanze vom hohen Berge.

Nach dem Verlust dieser Schanze, befestigte man ein kleines Wäldchen am Strande, die May-Kuhle genannt, die das linke Ufer und die Mündung der Persante deckt. Es wurden hier einige Fleschen aufgeworfen, die man mit Kanonen besetzte, rund herum aber zog man Wolfsgruben, einen breiten Graben und ein Verhau.

Den 14. März steckte der Feind das Dorf Bullenwinkel in Brand.

Der damalige Commandant der Festung Oberster v. Loucadou gab darauf solgleich den Befehl, die Lauenburger Vorstadt anzuzünden. Von diesem Tage an kann man den eigentlichen Anfang der Blokade der Festung rechnen.

Vom 15. bis zum 18. März ereignete sich nichts Bedeutendes.

Den 19. März Morgens um 5 Uhr überfiel der Feind die nur schwach besetzte Sellnower Schanze, nahm sie fort und drang bis an die Dampf-Maschine der Gradir-Werkes vor, wurde aber wieder bis an die Sellnower Schanze zurückgetrieben.

Da er diesen Posten nicht wieder verließ, sondern hier noch mehrere Batterien aufwarf, so wurde den 21. März die Lauenburger Vorstadt angezündet, weil man von dieser Seite einen neuen Angriff befürchtete.

In der Nacht zum 22. März wagte die Besatzung einen Ueberfall auf dem Torf-Moor, der sehr glücklich ausfiel; denn die preußischen Jäger und Grenadire kamen aus dem feindlichen Lager mit einer reichen Beute zurück.

Neopolem

Zwischen dem 23. und 28. März fielen bloß einzelne Vorposten-Gefechte am Strande und bei der May-Kuhle vor.

Den 29. März Morgens bei Anbruch des Tages ging während einer kleiner Vorposten-Attaque ein Pulverschuppen in Feuer auf. Einige Häuser in der Geldern-Vorstadt, die von dem Feuer vom 21. März noch verschont geblieben waren, wurden dadurch ein Raub der Flammen.

Auf der Lünette Geldern gerieth auch das Blockhaus durch Unvorsichtigkeit in Brand.

Den 30. März fingen die Vorposten-Gefechte bei Sellnow und der May-Kuhle wieder lebhaft an, und währten bis des Abends nach 9 Uhr, nur daß sie zuweilen Stunden lang unterbrochen wurden.

Den 31. März Morgens um 4 Uhr griff der Feind die May-Kuhle von Sellnow aus, und vom Strande zu, an.

Während er die Aufmerksamkeit der Belagerten auf diese Seite hinzuziehen bemüht war, versuchte er von der Seeseite aus auf Böten in der May-Kuhle zu landen. Seine List wurde aber entdeckt, er wurde zurückgewiesen, und ihm für's erste die Lust benommen, ähnliche unwillkommene Besuche zu wagen.

Bei Sellnow dauerten aber die Vorposten-Gefechte den Tag hindurch ununterbrochen fort.

Den 1. April nahmen die Vorposten-Attaquen wiederum ihren Anfang, vorzüglich kam es Nachmittags zu einer hitzigen Affaire.

Der Feind drängte nach dem Fichtenkamm, einen Wäldchen bei Werder, und nach dem Gradir-Werke und steckte das hinter dem Fichtenkamm stehende Gebäude in Brand, wurde aber bald wieder zurückgewiesen, und von einigen bei dem weißen Kruge postirten Kanonen in die Flanque gegriffen. Gegen Abend kam ein französischer Parlementär an das Stein-Thor, um den Commandanten zu sprechen.

Den 2. April sah man einen Theil der Altstadt, ein vom Feinde besetztes Dorf, brennen. Auch nahmen um 9 Uhr die Vorposten-Gefechte bei Sellnow wiederum ihren Anfang. Um eben diese Zeit ging ein starker Trupp Cavallerie über die Höhen nach Altstadt, er wurde aber von der Festung aus durch einige Kanonenschüsse sehr beunruhigt, und in Schrecken gesetzt, worauf er in Galopp seinen Weg nach Altstadt verfolgte.

Nachmittags wurde Altstadt von dem halben Lauenburger und halben Geldern-Fort beschossen. Der Feind drängte die preußischen Vorposten dermaßen zurück, daß die Artillerie-Vorposten ihnen den Damm entlang zur Hülfe eilen mußten.

Den 3. April nahmen die Allarmirungen der Vorposten wiederum ihren Anfang, und Nachmittags kam es am Strande bei dem Schuppen zu einem hitzigen Gefecht. Schon waren die Preußen abgeschnitten, und zum Theil gefangen, als plötzlich einige v. Schillsche Husaren herbeieilten, und ihre braven Kameraden befreiten. Die Belagerten verloren den braven Lieutenant Fischer, vom Jäger-Corps. Dagegen machten sie 8 Mann Gefangene, worunter sich ein Offizier befand. Gegen Abend wurden Bomben und Granaten nach der Altstadt geworfen, wobei einige Häuser im Feuer aufgingen.

Der 4. April verstrich, außer einigen kleinen Vorposten-Neckereien, ziemlich ruhig.

Den 5. April fingen schon mit Anbruch des Tages an, die Vorposten sich zu beunruhigen. Gegen Mittag drängte der Feind stark nach der May-Kuhle und dem Strande vor, wurde aber bald genöthigt, sich zurückzuziehen.

An diesem Tage gab das Gouvernement der Bürgerschaft den Fichtenkamm zum Abhauen preis, womit diese auch sogleich den Anfang machte.

Den 6. und 7. April warf der Feind häufig Granaten nach dem Fichtenkamm, um das Abhauen zu verhindern. Auch drängte er am letztern Tage stark nach der May-Kuhle, wodurch eine heftige Kanonade entstand, die sich aber gegen Abend bei einer Verstärkung von 100 Mann Cavallerie legte.

Den 8. April blieb es, außer einigen Gewehrschüssen, die man hörte, ganz ruhig.

Den 9. April kam es mit Tages Anbruch zu einem heftigen Scharmützel am Fichtenkamm, welches bis gegen Mittag währte.

Der Feind war mit einer Kanonen und einer Haubitze in den Fichtenkamm eingerückt; da aber dieser von dem Geldern-Fort und von der Dampf-Maschine heftig beschossen wurde, so mußte er auch diesen Posten verlassen.

Des Nachmittags warf der Feind einige Granaten nach der Schleuse von der Altstadt aus, wurde aber bald von der Festung durch den Donner des Geschützes zum Schweigen gebracht. Die Nacht über war es außerordentlich stürmisch und ungestüm, und man bemerkte nichts als den Blitz einzelner Gewehre.

Den 10. und 11. April fiel bei einem außerordentlich ungestümen und neblichten Wetter außer einigen Vorposten Attaquen und einzelnen Kanonen-Schüssen nichts erhebliches vor.

Den 12. April war es ebenfalls sehr ungestüm und neblicht, die Vorposten neckten sich, auch fielen verschiedene Kanonen-Schüsse.

Nachmittags griff der Rittmeister von Schill mit seinem Corps den Feind in seiner Position von Borck und Werder an, vertrieb ihn darauf, und schlug ihn bis Sellnow zurück.

Man verjagte den Feind aus seinem Lager und aus seinen Schanzen, wobei den Siegern eine Menge Lebensmittel in die Hände fielen. Der Verlust auf preußischer Seite belief sich auf 40 Mann an Todten und Verwundeten; doch war der des Feindes gewiß dreimal grösser.

Der Lieutenant von Dizinsky wurde bei dieser Gelegenheit blessirt.

Vom 13. bis zum 21. April war es außer einzelnen Allarmirungen der Vorposten ganz ruhig. Es herrschte in diesen Tagen ein ungestümer Sturmwind, der öfters mit Regen und Schnee abwechselte.

Den 22. April warf der Feind eine Granate nach der Stadt, wofür ihn aus allen nach der Altstadt gerichteten Kanonen geantwortet wurde.

Er schwieg. Aber kaum hörte er, daß der Donner der Festungs-Kanonen verhallte, als er wiederum eine Granate nach der Stadt schickte. Dieser letzte Wurf blieb ihm unbeantwortet. Um ihm aber doch zu überraschen wurden

Den 23sten April Morgens früh um 2 ½ Uhr alle nach der Altstadt gerichteten Geschütz zugleich abgefeuert, welches ein paar man rasch wiederholt wurde.

Hierdurch wurde der Feind so sehr allarmirt, daß er sogleich seine Finals abbrannte, und aller Orten in den feindlichen Quartieren Lärm schlug.

Gegen Mittag fielen einige Kanonen-Schüsse von der Festung nach dem hohen Berge und nach der Altstadt. Die Position des Feindes erstreckte sich vom Torfhause am Strande über Bullenwinkel, der Ziegelei, Tramm, Necknien und Altstadt bis an das rechte Ufer der Persante. Auf dem linken Ufer hatte er Sellnow und Treptow an der Rega besetzt. Die Communikation über die Persante erhielt er durch eine Schiffbrücke, die aber von den bei'm weißen Kruge postirten Kanonen bestrichen wurde.

Den 24. April des Morgens um 5 Uhr, warf der Feind von der Altstadt aus eine Granate nach der Stadt.

Die Belagerten schossen stark vom weißen Kruge nach der Altstadt und nach der Schiffbrücke.

Nachmittags zeigte sich ein starkes feindliches Detaschement am Strande, um das zur Festung gehörende dort weidende Vieh wegzuholen. Die preußischen Vorposten wurden dadurch mit dem Feinde in ein heftiges Gefecht verwickelt, worauf der letztere, nach dem Verlust von einigen Todten und Verwundeten, wieder leer abziehen mußte. Die Preußen verloren den Lieutenant von Röhl und einen Grenadier.

Den 26. April kam ein Schiff von Memel mit einem Bataillon neuconscribirter Truppen. Jetzt begann der Feind überall Batterieen zu bauen.

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Er legte zwei derselben zwischen der Schanze vom hohen Berge an, und befestigte sich bei der Ziegelei, dem Bullenwinkel und längst dem Busche. Auch erhielt er eine Verstärkung von sächsischen und polnischen Truppen.

Die wenigen Kanonen und Haubizzen postirte er außer der Altstadt in der Sellnower Schanze und in der Schanze vom hohen Berge, von wo derselbe den Damm, der nach der Lauenburger Vorstadt führt, bestreichen konnte, so daß von dieser Seite aus keine Ausfälle zu wagen waren.

Den 27. April blieb alles ziemlich ruhig.

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Den 28. April aber fing der Feind an von der Altstadt aus, die Festung durch Werfen von Granaten zu beunruhigen, welches zu einem ernsthaften Bombardement der Altstadt veranlaßte. Auch kam es gegen Abend der Lauenburger Vorstadt zu einem ernsthaften Vorposten-Gefecht.

Den 29. April beunruhigten sich die Vorposten bei Sellnow und dem Lauenburger Thor schon des Morgens um 4 Uhr.

Der Oberstwachtmeister v. Gneisenau, den der König zum Commandanten der Festung ernannt hatte, kam heute an. Der Oberster von Lukadou wurde mit Pension und General-Majors Charakter verabschiedet.

Des Nachmittags erschien ein französischer Parlementär. Gegen Abend wurde das Steinsche Thor von der Altstadt heftig bombardirt. In der Nacht wurde die Schanze beim Bullenwinkel von den Belagerten wieder weggenommen, bei welcher Gelegenheit mehrere feindliche Gefangene gemacht wurden.

Den 30. April schoß der Feind heftig von der Altstadt nach den auf dem Sellnower Damm liegenden Artillerie-Vorposten.

Eine schwedische Fregatte von 44 Kanonen der Fahrmann genannt, kam an, und legte sich vor dem Hafen zu seiner Deckung. Diese Fregatte brachte Schiffe mit, welche 5600 preußische Rantionirte hatten. Nachmittags warf der Feind eine Granate nach der Stadt. Feindliche Ueberläufer kamen jetzt häufiger als sonst.

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Den 1. May hatte der Feind vor der Altstadt eine komplette Batterie erbauet, worin sich 2 Haubitzen befanden. Er warf 2 Granaten nach der Stadt, und blessirte dadurch einen Mann. Es wurde ihm hierauf aus mehreren Geschützen geantwortet.

Den 2. May fiel außer einigen Granaten, die der Feind von der Altstadt aus, nach der Stadt warf, nichts von Bedeutung vor. Gegen Mitternacht wurden einige Kanonen und Haubitzen detachirt, die sich auf dem Sellnower Damm postirten, um von dort aus die Altstadt anzuzünden, weil man von den Wällen der Festung aus nicht gut mit Brand- und Leuchtkugeln so weit reichen konnte.

Dies Bombardement dauerte beinahe eine ganze Stunde, doch leistete es nicht die versprochene Wirkung.

Es brannte zwar einigemal, aber das Feuer ward bald unterdrückt, und die Flamme erstickte wahrscheinlich in sich selbst.

Den 3. May mit Anbruch des Tages beunruhigte der Feind die Festung wiederum durch Granaten.

Den 4 May Morgens um 5 Uhr fing der Feind an, Granaten nach der Stadt zu werfen, womit er ziemlich eine Stunde lang fortfuhr.

Gegen Abend erhob sich ein Vorposten-Gefecht am Strande, auch wurde von der Altstadt aus häufig nach der Festung geworfen, welches von allen Werken ernstlich erwiedert wurde.

Den 5. und 6. May warf der Feind fast unaufhörlich Granaten nach der Stadt, er wurde aber oft Stunden lang durch das Feuer der Belagerten zum Schweigen genöthiget.

Den 7. May des Morgens kamen von Memel her zwei Schiffe mit dem 3ten neu errichteten neumärkischen Bataillon an. Der Bürgerschaft wurde anbefohlen Wasser auf die Böden zu tragen, damit bei einstehendem Feuer, solches sogleich rasch gelöscht werden könnte.

Gegen Mittag kam es am Strande zu einem heftigen Vorposten-Gefecht, welches sich zum Vortheil der Belagerten endigte.

Gegen Abend ging durch das fortdauernde Einwerfen von Granaten des Feindes ein Haus nahe am Geldern-Thor in Flammen auf, in welchem der Commandant wohnte.

Die Bürgerschaft gerieth darüber in große Besorgniß, nicht so wohl des Feindes wegen, als weil sie fürchtete, daß dieser Umstand die Veranlassung zu einer baldigen Uebergabe seyn mögte, indem sie fest entschlossen war, lieber alles Elend eines Bombardements zu erdulden, als, nach dem Beispiel andrer Festungen, sich den Händen der Belagerer zu übergeben. Ueberhaupt bewies die Bürgerschaft die ganze Zeit der Belagerung über eine Anhänglichkeit und Treue an ihren rechtmäßigen Monarchen und an ihr Vaterland, die als ein Muster von Patriotismus in den Annalen der Geschichte aufbewahrt zu werden verdienen.

Die Bürgerschaft errichtete ganze Compagnien aus ihrer Mitte und schickten sie zu der Artillerie auf dem gefährlichsten Plätzen, um die Festung mit zu vertheidigen.

An ihrer Spitze stellte sich ein würdiger Greis, der Bürger Nettelbeck, und sein unerschütterlicher Muth, seine rastlose Thätigkeit und sein Enthusiasmus für einen treuren König und ein geliebtes Vaterland beseelte alles mit rastlosem Eifer, zur Vertheidigung der Festung.

Kaum wurde der Feind das Feuer in der Commandanten-Wohnung gewahr, als sein Bombardement sogleich anhaltender und heftiger wurde, womit er bis gegen 11 Uhr fortfuhr. Die Anzahl der eingeworfenen Granaten kann man auf 60 bis 80 Stück berechnen, obgleich er wenigstens fünfmal so viel Kugeln und Granaten dafür erhielt.

Den 8. May erschien ein feindlicher Parlamentär am Lauenburgischen Thor.

Die Schanze vor dem Lauenburger Thor, worin Kanonen postirt waren, um den dortigen Damm zu bestreichen, wurde jetzt in ein bombenfestes Blockhaus verwandelt. Diese Schanze liegt mit der vom hohen Berge paralell.

Abends kam der Rittmeister von Schill von Stralsund zurück, wohin er gleich nach der Attaque von Sellnow abgegangen war.

Den 9. May blieb alles ruhig.

Den 10. May marschirten mehrere feindliche Truppen von der Altstadt nach Sellnow, wobei sie die dortliegenden Schiffbrücke passiren mußte, die durch die postirte Artillerie-Vorposten vom weißen Kruge beschossen wurde.

Den 11. und 12. May fiel nichts merkwürdiges vor, außer daß der Feind einige Granaten nach der Stadt warf.

Den 13. May war ein feindliches Commando wiederum nach Werder vorgedrungen, und hatte dort einiges Vieh entführt.

Das von Schillsche Corps marschirte hierauf nach diesem Orte, fand ihn aber schon vom Feinde verlassen.

Den 14. May warf der Feind einige Granaten nach der Stadt, welches von den Werken erwiedert wurde.

Den 15. May segelte die vorhin genannte schwedische Fregatte am Busche hinauf, gab mehrere Lagen auf den Feind, wodurch sie ihm in seinen Schanzen im Rücken kam, und ihn in seinem Lager außerordentlich beunruhigte. Die Fregatte hatte

26, 24 pfündige Kanonen,
2, 18pfündige und
16, 24 pfündige Koronaden am Bord.

Den 16. May kam es zu einer heftigen Vorposten-Attaque am Strande, wobei von den Belagerten 18 Gefangene gemacht wurden. Der Feind hatte in seine meisten Batterien jetzt schon einige Kanonen gestellt.

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Er wollte den Belagern glaubend machen, daß er 24pfündige Kanonen bei sich habe, indem er 24pfündige Kugeln, die er von der Festung und der Fregatte erhalten hatte, aufsuchen ließ, und aus einer 7pfündigen Haubitze wiederum zurückschickte. Die Belagerten waren jetzt mit der Anlage einer irregulairen Sternschanze beschäftigt, die auf dem Wolfsberge liegt, und den ganzen östlichen Theil der Stadt und den Hafen deckt.

Der Feind drängte diese Nacht, mit Schippen und Spaden versehen, im Sturmschritt nach der Schanze, nahm sie, machte einen großen Theil der Besatzung nieder, die übrigen aber zu Gefangenen, und suchte die Schanze zu zerstören.

Das Grenadier Bataillon unter dem Vice-Commandanten v. Wallenfels kam herbei und nahm die Schanze wieder. Schnitt die Retirade der mit der Zerstörung Beschäftigten ab, machte sie zu Gefangenen, und trieb die übrigen bis nach ihren Batterien zurück. Der preußische Verlust an Todten und Verwundeten war beträchtlich, doch war der des Feindes noch weit grösser.

Dies Gefecht dauerte von des Abends um 10 Uhr bis den 17. May Morgens um 4 Uhr. Die Schanze war bisher nur mit einer Kanone besetzt gewesen. Man suchte die Blockhäuser sogleich in brauchbarem Stand zu setzen, und besetzte heute die Schanze mit vier Kanonen.

Den 18. May machte der Feind einen Versuch auf die May-Kuhle, wurde aber bald wieder abgewiesen.

Den 19. May drängte der Feind wiederum nach dem Wolfsberge, doch, da er sich bald zurück zog, kam es zu keinem ernsthaften Gefechte. Es blieb bei einem bloßen Kanonenfeuer, welches den Vormittag über ununterbrochen unterhalten wurde. Nachmittags zeigten sich auf der Rehde zwei englische Kauffartheischiffe, beladen mit Kanonen, Gewehren, Säbeln und Munition, in Begleitung einer englischen Brigg von 18 Stück 24pfündige Kanonen.

Vom 20. bis 23. May wurde von den mehresten Werken und Außenwerken, so wie von den feindlichen Batterieen fast unaufhörlich geschossen, vorzüglich vom Wolfsberge, welcher jetzt mit 8 Kanonen und einer Haubitze besetzt, und durch 500 Mann Infanterie vertheidiget wurde. Die mehresten Kanonen waren in Blockhäuser gestellt, so daß auch die Besatzung vor Granaten gesichert blieb.

Den 24. May gerieth das von Schillsche Corps bei Borck und Werder mit dem Feinde in Handgemenge.

Die von Schillschen Husaren kamen aus der Gegend von Spie und Neu-Brik mit 43 gefangenen holländischen Husaren, mit ihren Pferden, Waffen, Sattel und Zeug zurück. Es befanden sich unter ihnen eine beträchtliche Anzahl preußischer Kriegsgefangenen.

Zu gleicher Zeit hatten sie dem Feinde eine große Menge Schlachtvieh auch Fourage abgenommen.

Die Nacht hindurch wurde in der Gegend des Wolfsberges häufig geschossen, welches

den 25. May hindurch kontinuirte.

Der Feind war mit seinen Sappen und Laufgräben sowol der Festung, wie auch dem Wolfsberge näher gerückt und schoß jetzt häufiger als sonst nach der Festung und den Außenwerken.

Den 26. May segelte die schwedische Fregatte und die englische Brigg hinter die feindlichen Batterien hinauf, und machten ein anhaltendes und heftiges Feuer auf selbige, wobei sie von der Festung und dem Wolfsberge, nach Möglichkeit unterstützt wurden.

Das von Schillsche Corps marschirte nach Sellnow. Es kam dort zu einem kleinen Gefecht, wobei aber nichts entschieden wurde.

Das feindliche Bombardement nach der Festung ward jetzt heftiger als sonst, doch leisteten ihre Bomben und Granaten nicht das, was sie sich von ihnen versprochen hatte, denn die mehresten Brennmaterialien waren aus der Stadt entfernt, und nach dem Münder Glacis gebracht worden.

Den 27. May wurden durch das feindliche Bombardement auf dem Wolfsberge einige Mann blessirt.

Den 28. May hörte man nur einzelne Kanonenschüsse.

Den 29. May wurden durch die feindlichen Kugeln und Granaten einige Mann in der Wolfsberger Redoute getödtet und verwundet.

Den 30. May trug sich außer einzelnen Kanonenschüssen nichts von Bedeutung zu.

Den 31. May blieb es wie am vorigen Tage.

Den 1. Juny wurden auf dem Wolfsberge einige Artilleristen verwundet, und ein Grenadier getödtet. In der Nacht zum

2. May nahm der Feind die am Strande liegende alte russische Schanze weg, worin eine preußische Vorposten-Wache stand.

Das feindliche Feuer nach dem Wolfsberge kontinuirte.

Den 3. Juny Morgens um 1 Uhr allarmirten den Feind einige bewaffnete Kanonenböte, die mehrere Kartätschschüsse auf seinen Posten in der russischen Schanze thaten.

Die Vorposten fingen bei Sellnow an, sich zu attaquiren. Gegen Abend segelte die schwedische Fregatte wiederum am Strande hinauf und gab mehrere Lagen nach dem feindlichen Lager, und der russischen Schanze.

Die ganze Besatzung rückte dabei aus, und griff den Feind an. Dies Gefecht dauerte bis des Morgens um 3 Uhr, ohne daß dabei etwas von Bedeutung entschieden wurde.

Den 4. Juny zeigte sich ein Schiff von Königsberg auf der Rehde, welches die traurige Nachricht brachte, daß die Festung Danzig kapitulirt habe.

Nachmittags kam es bei Sellnow wiederum zu einem Gefecht, wobei der Feind einige Mann verlor, und von den preußischen Truppen einige verwundet wurden. Auch wurde vor dem Lauenburger Fort und dem Wolfsberge unaufhörlich geschossen, weil der Feind auf dieser Seite durch Laufgräben vorzüglich stark heran zu dringen suchte.

Den 5. Juny wurde von dem Lauenburger Fort und dem Wolfsberge nach den feindlichen Batterieen geschossen, welche keine Antwort schuldig blieben.

Des Abends gegen 9 Uhr kam es zwischen dem Feinde und dem von Schillschen Corps zu einer heftigen Attaque. Da aber der Feind zu stark heran drang; so mußte sich das letztere unter seine Befestigungen zurückziehen.

Gleich darauf nahm ein heftiges Gefecht bei dem Wolfsberge seinen Anfang. Der Feind wurde mit einem lebhaften Feuer unterhalten, ohne dabei etwas Erhebliches auszurichten, außer daß dem Feinde bei dieser Gelegenheit ein Munitionswagen in die Luft gesprengt wurde. Der Verlust der Belagerten war beträchtlich, aber der des Feindes noch weit grösser.

Den 6. Juny wurde stark in der Gegend des Wolfsberges geschossen. Die Besatzung der Festung verlor heute, durch Unvorsichtigkeit ihrer Kammeraden, zwei Mann.

Den 7. Juny wurde eine beträchtliche Anzahl Vieh, Fourage und Lebensmittel nach der Festung gebracht. Der Transport bestand aus 30 Wagen, welche mit Eier, Speck, Brod, Wein, Taback und dergleichen beladen waren welche man dem Feinde bei Neu-Brik abgenommen hatte.

Den 8. Juny wurde der Sieg vom 26. May bei Praga hier bekannt gemacht. Das Feuer aus den feindlichen Batterieen nach der Stadt dauert ununterbrochen fort. Es kam wiederum ein Schiff, welches die bestätigte Nachricht mitbrachte, daß Danzig am 27. May dem Feinde durch Capitulation übergeben worden sey, nachdem es einen dreimaligen Sturm ausgehalten hätte.

Den 9. Juny attaquirten die Vorposten bei Sellnow.

Ein Theil des von Schillschen Corps nahm bei Neu-Brik dem Feinde einige 20 Wagen mit Pallisaden und Lebensmitteln ab, und machten dabei gegen 50 Mann zu Gefangenen.

Den 10. Juny kontinuirte das Feuer in der Gegend des Wolfberges den ganzen Tag, auch schoß der Feind Stundenlang von allen Batterieen nach der Stadt.

Er war mit seinen Trancheen und Laufgräben dem Wolfsberge so nahe gekommen, daß er bereits Bresch-Batterieen angelegt hatte, worinn er eine außerordentliche Menge Geschütz aufführte.

Die Blockhäuser der Belagerten wurden jetzt fast gänzlich demolirt, und die Besatzung war in der größten Gefahr, nicht allein von den feindlichen Kugeln und Granaten, sondern selbst von Holz und Balken erschlagen zu werden.

Den 11. Juny fing der Feind des Morgens um 3 Uhr ein so erschreckliches Bombardement des Wolfberges an, daß er die dortige Artillerie beinahe gänzlich zum Schweigen brachte.

Er demolirte nicht allein das Geschütz in den Schießscharten, sondern zernichtete auch die Blockhäuser und Brustwehren gänzlich.

Nach der Stadt warf er so häufig und so viel Granaten und Bomben, daß es dreimal brannte, welches aber jedesmal bald wieder gelöscht wurde.

Endlich gegen 9 Uhr spannte die schwedische Fregatte ihre Seegel, näherte sich dem Feinde, und unterhielt ihn mit einem sehr raschen und lebhaften Feuer in seinen Batterieen. Nachmittags brannte es in der Dohmstraße, allein auch hier wurde es bald wieder gelöscht.

Ueberhaupt wurden sehr viele Häuser durch Granaten beschädigt, die der Feind nach der Stadt warf. Noch schrecklicher sah es auf dem Wolfsberge aus, so daß sich dessen Besatzung genöthigt sah, zu kapituliren.

Vermöge dieser Capitulation wurde ein Waffenstillstand bis am 12ten Juny des Morgens um 10 Uhr abgeschlossen.

Die Besatzung des Wolfberges zog mit ihren sämmtlichen Waffen ab, und überlieferte diese Redoute dem Feinde. Da aber der Feind diese Nacht anfing zu schanzen, und auch auf wiederholtes Untersagen des Commandanten, nicht davon abließ, so fing man an, ihn des Nachts gegen 11 ½ Uhr durch ein heftiges Artilleriefeuer in seinen Arbeiten zu stören, woran vorzüglich die schwedische Fregatte einen lebhaften Antheil nahm. Der Feind erwiederte dies zwar durch ein lebhaftes Bombardement der Stadt, doch war er nicht im Stande das Feuer der Belagerten dadurch zu mildern.

Den 12. Juny war das Bombardement des Feindes beträchtlich, indem er nicht nur die Häuser außerordentlich ruinirte, sondern auch mehrere Menschen beschädigte.

Den 13. Juny war das feindliche Bombardement noch eben so heftig, wie den Tag vorher.

Es wurde eine schwangere Frau von einer Bombe dermaßen zerrissen, daß das Kind todt neben ihr zur Erde fiel. Eben so wurden 2 Kinder schwer verwundet.

Nachmittags wurden sämmtliche Kranke und Blessirte nach der großen Kirche gebracht, indem der Feind sich verbindlich machte, diese Kirche wegen den Kranken möglichst zu schonen, vorzüglich da viele von seinen gefangenen Kranken dort untergebracht waren. Gegen Abend wurde es ganz ruhig. Man warf nur einige Leuchtkugeln, um den Feind zu beobachten.

Den 14. Juny attaquirten einander die Vorposten bei'm Fichtenkamm. Das Bombardement war heute wegen des anhaltenden Regenwetters nicht so heftig. Es lief ein englisches Schiff mit Kanonen ein, auch erhielt man von Ueberläufern die Nachricht, daß der feindliche General, der Marschall Mortier bei der letzten Kanonade getödtet seyn solle. Gegen Abend rückten sämmtliche Truppen der Besatzung beinahe gänzlich aus, um etwas auf dem Wolfsberg zu unternehmen, welches auch sehr glücklich in's Werk gesetzt wurde.

Man nahm die Redoute mit Sturm, steckte die darinn erbauten Blockhäuser in Brand, zerstöhrte die Brustwehren, eroberten eine Haubitze und machten 245 Gefangene, worunter 1 Obrist und 10 Offiziere waren. Erst gegen Morgen um 5 Uhr

am 15. Juny verließen die Sieger diese Redoute, wo der Feind mit Uebermacht heran drang. Man kann den Verlust des Feindes auf 500 Mann rechnen, der auf preußischer Seite wurde auf 100 Mann angegeben.

Bei dieser Affaire blieb der Hauptmann von Wallenfels Vice-Commandant der Festung und Commandeur eines Grenadier-Bataillons.

Den Tag hindurch wurde fortwährend geschossen. Gegen Abend ging ein Schiff mit den in der verwichenen Nacht gemachten Kriegsgefangenen nach Memel ab.

Dem Feinde wurden bei Spie 11 Wagen mit Taback und dergleichen abgenommen, welche nach der Festung eingebracht wurden.

Ein feindlicher Courier, den man bei Gollnow gefangen hatte, wurde in einer französischen Post-Chaise eingebracht. Allen Nachrichten nach, sollte er aus dem französischen Lager von Tramm zur großen Armee mit Depeschen abgehen. Man fand bei ihm einen Plan von Colberg, der zwar ganz richtig gezeichnet war, nur hatte man die Morast-Redoute darauf vergessen. Diesem war ein Schreiben von dem kommandirenden General beigefügt, mit dem Inhalte: daß er sich auf der Lauenburger Seite der Festung eiligst nähern wolle, um alsdann einen Sturm zu wagen. Um Mitternacht aus kam es auf der Lauenburger Vorstadt zu einem hitzigen Gefecht, wo die Belagerten bis an das Blockhaus am Damm zurückgedrängt wurden.

Den 16. Juny wurde von dem Lauenburger Fort häufig mit Kartätschen auf den Feind geschossen, indem er mächtig heran drang. Einem Mädchen wurde von einer feindlichen Kugel der Arm zerschmettert. Das Feuer kontinuirte den ganzen Tag hindurch. Gegen 11 Uhr des Nachts rückte das von Schillsche Corps gegen Sellnow vor, wobei es zu einem hitzigen Gefecht kam, welches bis

den 17. Juny Morgens um 2 Uhr dauerte.

Der Verlust des Feindes war sehr beträchtlich. Er ward so weit zurückgedrängt, daß die preußischen Truppen schon im Besitz von zwei Schanzen waren. Als aber der Feind durch eine Kanone verstärkt, auf's neue heran drang, mußten die Preußen weichen. Unter dieser Zeit hatten vier Compagnien vom dritten Bataillon den Feind auf der Lauenburger Seite angegriffen. Es war ihnen befohlen, dabei die größte Stille zu beobachten; allein diese wurde bei Annäherung der feindlichen Batterie zu bald unterbrochen, indem man mit einem fürchterlichen Geschrei auf die Schanze losstürzte.

Der Feind ward dadurch zu früh von ihrem Sturm unterrichtet, und konnte sie deshalb mit einem lebhaften Feuer empfangen, wodurch viele Menschen verloren gingen, auch die Hälfte schon die Flucht ergriff.

Doch wurde die Ordnung bald durch den Commandanten wieder hergestellt, der sich in der Nähe befand, und die Schanze, welche mit 300 Mann besetzt war, wirklich genommen.

Die ganze Besatzung bis auf einige 60 Mann wurden nieder gemacht. Die vier Kanonen, welche in der Schanze standen, wurden vernagelt, weil man sie, aus Mangel an Pferden, nicht fortbringen konnte. Auch hier drang der Feind auf das neue so stark heran, daß man sich genöthigt sah, die Schanze zu verlassen.

Von den feindlichen Batterieen auf der Lauenburger Seite und von der Altstadt, wurde den Tag hindurch häufig geschossen.

Den 18. Juny warf der Feind wiederum mehrere Granaten in die Stadt, und machte bis auf den Abend ein ziemlich lebhaftes Feuer.

Den 19. Juny war das Feuer der feindlichen Batterieen stärker als sonst. Gegen Abend segelte die schwedische Fregatte längs dem Strande herauf und unterhielt ein ziemlich lebhaftes, anhaltendes und heftiges Feuer nach dem Wolfsberge.

Nachdem die Fregatte schwieg, unternahm der Capitain Zielau mit den Grenadieren einen Sturm auf denselben, wurde aber von der französischen Artillerie mit einem so mörderischen Kartätschenfeuer empfangen, daß sich das Bataillon mit sehr großen Verlust zurückziehen mußte, nachdem es seinen Commandeur verloren hatte.

Heute wurden auch die Lieutenants von Winterfeldt und von Blumenthal, die zum Batteriebau heraus waren, erschossen.

Den 20. Juny war das Feuer des Feindes so stark, wie den Tag vorher.

Gegen Mittag wurde ein Parlementär zu den Belagerern geschickt, und auch des Nachmittags. Man fing jetzt an, mit dem Schießen gänzlich inne zu halten.

Den 21. Juny des Morgens um 8 Uhr fing man wieder an, das Kanonenfeuer zu unterhalten, welches den ganzen Tag fortdauerte.

Den 22. Juny fiel ebenfalls nichts Bedeutendes vor. Desertionen waren häufig von beiden Seiten.

Nur um Mitternacht wurde es auf der Lauenburger Seite unruhig.

Den 23. Juny blieb es den Tag über so ziemlich ruhig, doch gegen Mitternacht fingen die Unruhen wieder von neuem an.

Der Feind hatte die Vorposten in der Strandflesche zurückgedrängt, und die Schanze von Stubenhagen genommen, er wurde aber bald wieder aus beiden Posten vertrieben.

Den 24. Juny wurde öfters von den Wällen auf die Belagerer mit Kartätschen geschossen, welche die Vorposten der Belagerten zurückdrängen wollten. Die Nacht unterbrach der Feind die Ruhe durch neue anhaltende Attaquen vom Wolfsberge nach den Vorposten der Festung, er wurde aber wieder zurückgeworfen. Man vermuthete, daß er bei diesen wiederholten Attaquen die Absicht habe, die Belagerten nach dem Wolfsberge zu locken, den er jetzt unterminirt hatte, und den er dann, aller Wahrscheinlichkeit nach, in die Luft gesprengt haben würde.

Den 25. Juny dauerte den Tag hindurch das Feuer von beiden Seiten anhaltend und lebhaft fort. Vorzüglich wurde er in der Nacht vor dem Lauenburger Thor äußerst unruhig.

Den 26. Juny war es nicht weniger unruhig. Es marschirten heute viele Truppen von Sellnow nach der Altstadt, wobei sie bei'm Uebergang über die Schffbrücke vom weißen Kruge aus von der Festungsbesetzung heftig begrüßt wurden.

Nachmittag entstand auf der Lauenburger Vorstadt ein lebhaftes Vorposten-Gefecht, welches bis gegen Abend dauerte.

Der Feind schickte zwei Bäckerburschen zurück, die vor einigen Tagen desertirt waren. Sie wurden zur Strafe ihrer Untreue eingeschmiedet. Um Mitternacht kam es auf der Lauenburger Vorstadt wiederum zu einem heftigen Gefecht, wobei der Feind zurück geschlagen wurde. Er erwiederte zwar seinen Angriff mit gefälltem Bajonnet, aber auch zum zweitenmal wurde er mit ansehnlichem Verlust zurückgeworfen. Die Preußen verloren bei dieser Affaire den braven Lieutenant Köhler.

Den 27. Juny dauerten die Attaquen und das Feuer der Batterieen auf der Lauenburger Seite den ganzen Tag hindurch.

Den 28. Juny wurde der Wucher mit den Tresorscheinen öffentlich untersagt. Auf der Lauenburger Seite kontinuirte den Tag hindurch das Feuern der Batterien, auch die Attaquen wurden selten unterbrochen.

Den 29. Juny dauerten die Unruhen und das Feuer der Batterieen auf der Lauenburger Vorstadt so wie die vorigen Tage ununterbrochen fort.

Der Feind vertrieb die Vorposten in den Dörfern Bork und Werder und besetzte beide Orte. Die Annahme von papiernen 2, 4 und 8 Groschenstücken wurde heute anbefohlen, wobei der König und das Gouvernement für die künftige Auswechselung garantirten.

Den 30. Juny war das Feuer aus den feindlichen Batterieen ebenfalls sehr häufig und lebhaft. Der Feind drängte die Vorposten am Strande vor der May-Kuhle zurück und fing an hieselbst Batterieen aufzuwerfen, wobei es zu einem sehr heftigen und lebhaften Gefechte kam, welches im Grunde doch nur wenig Vortheil für die Belagerten hatte. Die Preußen mußten sich nach einem sehr ansehnlichen Verlust an Todten und Verwundeten zurückziehen, obgleich man mit Recht glauben konnte, daß der des Feindes um vieles grösser gewesen seyn muß.

Die Belagerer unterließen für's erste das bauen, fingen aber schon denselben Nachmittag damit wieder an.

Eine schwedische Brigg, welche schon eine zeitlang auf der Rhede lag, lief heute ein. Sie hatte Bomben, Kartätschkugeln, Pulver und vier Mortier geladen. In der Nacht zum

1. July wurde das Feuer der feindlichen Batterieen fürchterlicher, als es je zuvor gewesen war. Bomben, Kugeln und Granaten fielen unaufhörlich in die Stadt und alles suchte sich in den Kellern oder Kasematten zu flüchten.

Sie erhielten zwar von den Wällen eine lebhafte und heftige Antwort, allein das Festungsgeschütz war nicht stark genug, die Menge der feindlichen Batterieen zum Schweigen zu bringen. Gegen Morgen drängte der Feind in einer sehr starken Kolonne mit Sturmschritt auf die Artillerie-Vorposten vor dem Lauenburger Thor, wurde aber mit einem heftigen Kartätschenregen empfangen, und dadurch wieder zurück geschickt.

Endlich glückte es einer feindlichen 50pfündigen Bombe, die Munition des Artillerie-Vorposten auf der Kirche mit der ganzen Mannschaft in die Luft zu sprengen.

Ein Artillerie Unteroffizier nebst Kanonieren, welche gerade zu dieser Zeit unterhalb Dienstverrichtungen hatten, blieben unbeschädigt. Der Unteroffizier wollte gerade herauf gehen, als ihm die übrigen Kanoniere von oben todt und zerstümmelt entgegen geflogen kamen, wovon einige noch Stunden lang am Leben blieben.

Bald darauf flogen zwei Pulverwagen bei der Kirche auf.

Nachher griff der Feind in drei sehr starken Kolonnen am Strande, vom Werder, und vom Gradir-Werke aus die May-Kuhle an. Er steckte das Gradir-Werk in Brand und nahm die May-Kuhle mit Sturm. Alle Kanonen, die in selbiger und auf dem Gradir-Werke waren, fielen in seine Hände. Die fliehende Infanterie des von Schillschen Corps wagte es kaum, sich an der Brücke zu setzen, denn wäre diese nicht durch die Bravour der Husaren behauptet worden, so würde der Feind auch sogar über solche gedrungen seyn. Die Mündner- und Pfanschmiede Vorstädte wurden in Brand gesetzt.

Selbst auf der Seite von Wolfsberge fingen die Vorposten an, sich einander heftig zu attaquiren, und versuchten es, auch auf dieser Seite heran zu dringen. Um Mittag legte sich die Fregatte vor dem Hafen, und machte ein ziemlich anhaltendes und lebhaftes Feuer auf die May-Kuhle, und endlich glückte es den Belagerten, die Brükke, welche über die Persante führt, zur Hälfte abzureißen und anzuzünden. Gegen Abend wurden auch schon mehrere Häuser auf der Vorstadt Stubbenhagen in Brand gesteckt.

In der Nacht selbst wüthete das Feuer fürchterlich. Das Rathhaus mit seinem Thurme brannte herunter. Bomben, Granaten und Kugeln fielen unaufhörlich in die Stadt, und demolirten auf einigen Hauptwerken schon das Geschütz in den Scharten. Auf den meisten Werken sprangen oft mehrere Kanonen und auf der Bastion Neumann sogar beinahe eine ganze Mortier Batterie.

Die Nacht erhöhete das Schreckliche des Tages.

Den 2. July blieb es wie am 1sten des gedachten Monats und die noch nicht brennenden Häuser der Vorstädte gingen von neuem in Flammen auf. Gegen Mittag fing der Feind an, mit Macht vom Wolfsberge aus nach der Münde zu drängen. Schon waren die Preußen um ein beträchtliches zurück getrieben, als die Husaren auf den Feind einhieben und Schrecken und Flucht verbreiteten. Da gebot mit einem Male die Nachricht von dem großen allgemeinen Waffenstillstande Ruhe.

Jetzt blickte man freier um sich. Aber traurig und schwermüthig -- nur auf entseelte Leichname und dampfende Ruinen.

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Anhang.[]

Auszug aus einem Schreiben von Colberg vom 30. Juny 1807.[]

Zur Erläuterung des vorstehenden Tagebuchs.

Unsere brave Besatzung hat wieder mehrere Vortheile über den weit stärkern Gegner erlangt. Zweitausend fünfhundert Schritte vom Mündner Thor entfernt, liegt die unter dem Namen Wolfsberg bekannte Höhe, ein leicht aufgeführtes Werk, das 250 Mann Grenadier und 9 eiserne Kanonen, 25 Tage gegen eine vollständige Belagerung vertheidigte und dadurch von der Stadt über 9000 Schüsse abgeleitet haben.

Der Feind schonte keine Leute, um sich in den Besitz dieser Höhe zu setzen. Am 11. dieses machten seine 10 Batterieen ein lebhaftes Feuer, die Schießscharten verbreiteten einen heftigen Kugelregen und 5000 Franzosen versammelten sich zum Sturme. Unsere Grenadiere standen wie die Mauren, der Commandant, Major von Gneisenau forderte ihren Rückzug, allein der Lohn einer über alles Lob erhabenen Standhaftigkeit blieb nicht aus. Der Feind bot in dem nämlichen Augenblick eine ehrenvolle Capitulation an, die Grenadiere willigten ein, weil die Uebermacht zu groß war und zogen mit ihren Kanonen zu neuen Thaten ab, wozu die vierte Nacht darauf sich die schönste Gelegenheit darbot.

Um die Auslegung einer von England mit 40 Kanonen und vieler Munition angekommenen Brigg und eines mit Getreide beladenen Schiffes zu verhindern, wollte sich der Feind der rückwärts liegenden Redouten bemächtigen. Unser einsichtsvolle Commandant errieth die Absicht, und befahl einen Ausfall unter Führung des Hauptmanns von Waldenfels. In der Nacht vom 14. auf den 15. d. M. marschirten die Grenadier und Füselier aus, der Wolfsberg wurde in wenigen Minuten mit dem Bajonett wieder genommen, und die anrückende Verstärkung des Feindes mit dem heftigsten Kugelregen zweimal zurückgeworfen. Die tapfern Inhaber des Wolfsberges hatten sich verschossen, als die dritte weit ansehnlichere Verstärkung anrückte. Der Commandant schickte daher der Höhe 200 Mann zu Hülfe, mit dem Befehl, ihre Munition mit der ihrer fechtenden Kammeraden zu theilen. Dies geschah pünktlich, die dritte Verstärkung wurde ebenfalls geworfen, und der Feind nach allen Seiten verfolgt. So endigte sich gegen Morgen einer der glänzendsten Ausfälle, der Kampfplatz war mit Leichen angefüllt, in den Laufgräben lagen die Todten stellenweise drei Mann hoch, das vierte Italienische Linien-Regiment war fast vernichtet. Ein Obrist, 1 Oberst-Lieutenant, 2 Capitains, 6 Lieutenants und 180 Gemeine wurden zu Gefangenen gemacht und eine Haubitze erbeutet. Man berechnet den feindlichen Verlust auf mehr als 1000 Mann. Wir bedauren den braven Unter-Commandanten, Hauptmann von Waldenfeld, den eine feindliche Kugel niederstreckte, so wie zwei der tapfersten Offiziere, welche an der Spitze ihrer Untergebenen fielen, und zählte überhaupt 180 Todte und verwundete.

Ein fast eben so bedeutendes Unternehmen wurde auf das stark befestigte Dorf Sellnow gemacht. Unter der Führung des Lieutenants von Gruben, überfielen 500 Mann diesen Ort, jagten die 1600 Mann starke Besatzung heraus, und richteten großen Schaden an. Vier Compagnien Infanterie eilten nach der Malschanze, eroberten in einem Augenblick die vorliegende Flesche, griffen die Schanze selbst an der Kehle an, und wie die Offiziers mit der ausgezeichensten Bravour selbst die Pallisaden eingerissen hatten, drang die Mannschaft ein, hieb den größten Theil der Besatzung nieder, vernagelte drei 12pfündige und eine 6pfündige Kanone, nahm 1 Capitain, 1 Lieutenant und 120 Mann gefangen, und ließ keinen entkommen. Eben so rühmlich that sich ein kleines Detaschement von 1 Offizier und 30 Mann hervor. Ihm war der Lauenburger Damm zu einer falschen Attaque angewiesen worden, es rückte vor, stieg in den ersten Einschnitt, tödtete die darin befindliche Mannschaft, und kehrte mit vollkommener Erreichung seines Zwecks und begleitet von 23 Gefangenen zurück.

Die Grenadier und Füselier haben sich die Zufriedenheit und das Vertrauen des Commandanten in einem hohen Grade erworben, mit ihnen wetteiferten die übrigen Truppen nicht ohne den erwünschten Erfolg um gleiche Achtung. Die ganze Besatzung hatte nur einen Gedanken: zu siegen, oder zu sterben.

Es ist erfreuend und herzerhebend für den Preußen, solche Beispiele von Muth und Tapferkeit auszeichnen zu können, die dem Unpartheiischen überzeugen müssen, daß der alte Geist unter den preußischen Kriegern noch nicht gestorben ist.


Ferdinand von Schill.[]

Der jetzige Major Ferdinand von Schill stand im Jahr 1806 bei dem Dragoner-Regiment Königin als Seconde-Lieutenant, und da er sich während des Krieges in dem Jahre 1806 bis 1807, und hauptsächlich bei der Belagerung von Colberg auf eine so ehrenvolle Art ausgezeichnet hat, daß er in den Annalen des preußischen Heldenruhms immer glänzen wird, so wird hier eine kurze Notiz von seinen Unternehmungen für den preußischen Patrioten gewiß von Interesse seyn.

Er wohnte der blutigen Schlacht bei Auerstädt am 14. Oktober mit bei und kam schwer verwundet nach Pommern. Nachdem er dort so weit wieder hergestellt war, daß er sich stark genug fühlte, das unthätige Pflanzenleben mit einem seinem kühnen Geiste angemeßnen Wirkungskreise zu vertauschen, faßte er die Idee, seinem Könige und Vaterlande noch so nützlich zu werden, als es ihm möglich sey; und daher machte er den Versuch, durch das Sammeln zerstreuter, geflüchteter und sich selbst ranzionirter Soldaten Colbergs Getreidevorräthe noch mit einigen tausend Scheffeln zu vermehren und diese Festung dadurch zu einem tapfern Widerstand gegen eine bedrohte Belagerung noch besser in Stand zu setzen, auch durch einige gewagte Unternehmungen den sinkenden Muth der Besatzung, der Bürgerschaft und der Bewohner der umliegenden Gegend neu zu beleben.

Er begann sein heldenmüthiges Vorhaben nur mit zwei Mann von dem Dragoner-Regiment der Königin, indem er damit die Gegenden um Massow, Stargard, Freyenwalde, für die Feinde unsicher zu machen suchte.

Die glückte ihm auch über alle Erwartung, denn er wies mit diesen zwei Dragonern im Dorfe Mazdorff bei Gollnow etwa 200 Fouragewagen zurück, die ihre Ladung nach Stettin dem Feinde zuführen wollten. Nun besuchte er die umliegenden Städte und Aemter und nahm, mit diesen beiden Leuten, mehrere königliche Kassen in Beschlag, und brachte die darin vorgefundenen Gelder nach Colberg, ehe sie eine Beute der feindlichen Truppen wurden.

Seine Streifereien wurden alle von dem glücklichsten Erfolg gekrönt, denn bei einer einzigen Tagesreise setzte er sich in den Besitz von der bedeutenden Summe von 13000 Thalern.

Es konnte nicht fehlen, daß diese Unternehmungen bald seinen Namen in der umliegenden Gegend bekannt machten und es fanden sich nun mehrere versprengte Soldaten bei ihm ein.

Kurze Zeit darauf rettete er mit 6 Mann die beträchtlichen Magazine in Treptow, Wollin und Kamin, welche der Feind bereits sich zu eigen machen wollte, und nach welchen er zu diesem Zweck, auch schon ein starkes Commando von Schievelbein ausgesandt hatte.

Von Schill, der davon Nachricht erhalten, ließ in Treptow das Gerücht verbreiten, daß Russen im Anmarsch wären, und dies hatte die gute Wirkung, daß das feindliche Commando sich wohlbedächtig zurückzog, um sich keiner Gefahr auszusetzen, zumal von Schill, um diesem Gerüchte den höchsten Grad der Wahrscheinlichkeit zu geben, einige Mann ganz dreist nach Schievelbein zu, detaschirte. Durch diese List wurde das Magazin glücklich nach Colberg transportirt.

Durch diese und viele ähnliche Coups erwarb er sich endlich das Zutrauen des damaligen Commandanten von Colberg, Obristen, (jetzigen verabschiedeten General-Majors) von Loucadou, so daß er von solchem einige Mann zu seinen Expeditionen bekam. Die Zahl dieser Mannschaft beschränkte sich aber nur immer auf 4, 6 bis höchstens 12 Mann, da Schill zu dergleichen noch nicht von dem Könige authorisirt war, indem diese Autorisation erst zu End des Monats Januar 1807 erfolgte.

Indeß war von Schill so glücklich und ging immer mit so vieler Circumspektion und Gewandheit zu Werke, daß er mit dieser Hand voll Leuten doch nie den Kürzern zog, sondern vielmehr, bei jeder Expedition, einige Vortheile davon trug und mehrere Gefangene machte.

Nichts war natürlicher, als daß diese glückliche Fortschritte den kriegerischen Geist in Colberg sowohl bei der Garnison, als auch bei der braven Bürgerschaft und überhaupt bei den Pommern, diesem treuen biedren Volk, daß sich von jener durch Liebe an sein Vaterland und an seinen rechtmäßigen Monarchen ausgezeichnet hat, mit jedem Tage erhöhte und dergleichen Streifzüge die Wirkung hatten, daß die umliegende Gegend von Colberg von feindlichen Streifpartieen und hauptsächlich von einzelnen Marodeurs nicht mehr belästigt wurde.

Das von Schillsche Corps vermehrte sich nun beträchtlich, und die Königsbergsche Zeitung meldete davon unter andern nachstehendes:

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Im November des Jahrs 1806 rückte der Lieutenant von Schill, vom Regiment Königin Dragoner mit einem schwachen Commando von nur 1 Unteroffizier, 17 Mann Infanterie und 5 Mann Kavallerie von Colberg aus, um in Gollnow ein ansehnliches Depot von Mondirungsstücken, so wie die dortigen Cassen abzuholen und nach Colberg zu bringen.

Auf dem Wege traf er auf eine Menge Schanzenarbeiter und 120 mit Fourage beladene Wagen, die von den Franzosen nach Stettin transportirt werden sollten.

Er zerstreute die Bedeckung und schickte die Arbeiter und Wagen in ihre Heimath zurück.

Mehrere Kassen aus Naugard, Greifenberg, Treptow nahm er, ungeachtet der Nähe des Feindes, der die dortige Gegend überall beunruhigte, in Empfang und sandte sie nach Colberg.

Er setzte darauf seinen Marsch nach Golnow fort; bei seiner Ankunft fand er aber, daß die Franzosen schon die Mondirungsstücke weggeführt hatten und mit den Cassen eben abgegangen waren.

Er ließ daher den Cassen nachsezzen, sie wurden eingeholt und glücklich zurück gebracht.

Die Franzosen hatten unterdessen von seinem Vordringen Nachricht erhalten und Anstalt getroffen, ihn mit ungefähr 200 Mann zu umgehen und gefangen zu nehmen.

Der Lieutenant von Schill, dessen Commando sich durch versprengte Leute von der Armee vermehrt hatte, mußte nun das Aeußerste wagen, weil der Feind bereits auf Gültzow vorgerückt war und ihm dadurch den Rückzug abgeschnitten hatte.

Er ging also gerade auf Gültzow los und überraschte hier den Feind, der ihn noch in Golnow vermuthete. Er griff ihn an, und durch seine verständigen Dispositionen, (indem er unter andern, um seine Infanterie zu decken, mit Stroh beladene Wagen auf den beiden Flanken fahren ließ,) brachte er es dahin, daß der Feind, nach einiger Gegenwehr, sich zum Theil gefangen gab, zum Theil die Flucht ergriff.

Die Gefangenen übergab er einigen Leuten seines Commandos, und mit dem Rest desselben verfolgte er die Feinde, von denen ein Theil das Amt besetzt hielt.

Nach einem dreimaligen vergeblichen Versuch, das Amt zu erstürmen, zu dem nur ein schmaler Weg führte, der noch dazu mit einem niedergelassenen Schlagbaum versperrt war, und nachdem einige seiner bravsten Leute ihr Leben eingebüßt hatten, gelang es ihm endlich, sie auch von hier zu vertreiben.

Er kehrte nun nach Colberg zurück und brachte 20 Mann Gefangene, meistens Badensche Soldaten, mehrere erbeutete Wagen und Pferde und eine Menge Armaturstücke und Gelder dahin mit.

Durch mehrere solche stets vortheilhafte Affairen ermuntert, faßte der tapfere von Schill den Entschluß, die Stadt Stargard, den 16. Februar 1807 zu überfallen, in der eine starke Besatzung von italienischen Truppen unter dem General Bonfanti stand. Seine Absicht war aber treulos verrathen worden und er mußte sich, nach einer tapfern Gegenwehr, in welcher beide Parteien gleich viel verloren hatten, wieder zurück ziehen. Er ging nun nach Naugardt, und leistete dort dem ihn mit großer Uebermacht angreifenden Feind tapfern Widerstand, wurde aber bei dieser Affaire verwundet.

In der Ueberzeugung, daß er seine Leute nicht einen Augenblick verlassen dürfe, weil sie größtentheils aus Flüchtlingen von den Schlachten bei Jena und Auerstädt bestanden, die noch nicht gewohnt waren, mit Ausdauer zu kämpfen, blieb er von 1 Uhr Mittags bis auf den Abend unverbunden, und drohte, jeden niederschießen zu lassen, der nicht Stand halten würde.

Doch diese Verwundung und die heftige Verblutung dabei, machte ihn, da er überhaupt noch nicht völlig genesen war, so hinfällig, daß er kaum aufrecht stehen konnte. Dennoch wurde der Feind, obschon sich in dem Naugardtschen Amte nur 60 Mann und 2 Kanonen befanden, und er mit 14 Compagnieen vier Stunden ununterbrochen den Angriff unterhielt, zurückgeschlagen, und würde er von dem von Schillschen Corps von seiner gegen Abend angekommenen Kavallerie gänzlich aufgelöst worden seyn, da er in der größten Unordnung über Langkavel nach Massow flüchtete, wenn der hochherzige von Schill ein Pferd hätte besteigen können, um durch seine Gegenwart und sein Commando den Muth und den Enthusiasmus seiner ihm auf treuste ergebenen Mannschaft anzufeuern.

Es blieb ihm also, bei dieser Hinfälligkeit, da er sich bettlegrig fühlte, nichts übrig, als sich mit dem Rest seiner Mannschaft nach Treptow an der Rega und nachmals nach Colberg zurück zu ziehen, da er am 18. Februar 1807 in dem Sädtchen Naugardt, wo er das Amt in großer Eil, so viel es die Umstände erlauben wollte, befestigt hatte, mit großer Uebermacht angegriffen wurde und er sich zu schwach fühlte, einem so zahlreichen Feind mit Erfolg Widerstand zu leisten. Er suchte also Schutz unter den Wällen von Colberg und er hat mit seinem kleinen Corps, bei der nachmaligen Belagerung hinlänglich bewiesen, was Muth, Gegenwart des Geistes und echter Patriotismus vermögen.

Man erzählt eine Menge Anekdoten von diesem edlen und tapfern Manne, den mehr das reine Motiv der Vaterlandsliebe, als das, sich einen Namen zu machen, bei allen seinen Unternehmungen geleitet hat, und wenn ihm das letztere auf eine höchst ehrenvolle Art zu Theil geworden ist, so kann es zum Beweise dienen, daß auch noch jetzt, wo eine Menge elender Winkelschreiber sich davon nähren, alles zu verunglimpfen und zu lästern, echtes Verdienst von dem unbestechlichen Publikum nicht verkannt wird, das doch noch nicht so ausgeartet ist, um nicht das Große und Gute zu bewundern und zu schätzen.

Ein ehrenvoller Beweis, daß auch sein Monarch seinen Werth anerkennt, ist sein schnelles Avancement vom Seconde-Lieutenant bis zum Major in dem kurzen Zeitraum von noch nicht anderthalb Jahren; der Enthusiasmus, der alle seine Mannschaft bei Nennung seines Namens beseelt, und die unbedingte Folgsamkeit seiner Anordnungen und Befehle, wo jeder freudig Gesundheit und Leben opferte, wenn er an der Spitze stand.

Dieser Enthusiasmus ging so weit, daß er sogar einen gemeinen Soldaten von seinem Corps, bei der Stargard seinen Tod fand, zu dichten begeistern konnte, und wenn auch die Verse, die man in seiner Tasche fand, nicht von hohem dichterischen Talent zeugen, so sind sie doch in der Hinsicht merkwürdig, weil sich darin die Stimmung seiner Untergebenen unverkennbar ausspricht. Sie lauteten folgendergestalt:

Wir sind die alte Preußen noch,
auf! sterben oder siegen,
wir lassen in kein fremdes Joch
den freien Nacken schmiegen.
Wir kriegen für das Vaterland,
und für des Königs Beste,
und schützen nun mit starker Hand
dich, Colberg, unsre Feste.
Wir fürchten nicht das Mordgebrüll
der schwergeladenen Stücke,
denn unser Feldgeschrei heißt: Schill,
und führet uns zum Glücke.
Wir folgen freudig dem Gebot
aus unsers Führers Munde,
und stürzen muthig in den Tod,
und dulden jede Wunde.
Schill! Schill! -- so tönt es überall,
bei Vaterlandessöhnen,
bei Flinten- und Kanonenknall,
und wo die Schwerter tönen.
In jedem Kampf ist er voran,
kühn in den Feind zu fliegen,
er öffnet kräftig uns die Bahn
zu ehrenvollen Siegen.
Wir heißen seine Kinder nur,
wir wollen es auch bleiben,
und von des Landmanns stiller Flut
der Feinde Schaar vertreiben.
Er sorgt für uns mit Vatertreu,
und läßt uns Ruhm erwerben,
Schill, Schill, sey unser Feldgeschrei,
bis wir im Felde sterben.
Er stürzt mit seinem schnellen Roß
in starke Feindesschaaren,
und machet treue Brüder los,
die schon gefangen waren.
Zurück schickt er den Bauersmann
der traurig geht zum Schanzen,
und schaft aus blanken Siecheln dann
den tapfern Pommern Lanzen.
Drum folgen wir ihm froh und gern,
zieht er zum Kampf den Degen;
er leuchtet wie ein Siegestern
auf allen unsern Wegen.
Und alles, was dem Tod entrann,
fortstürzte mit Entsetzen,
schließt an den tapfern Schill sich an,
die Scharten auszuwetzen.
Das Glück ist rund und wandelbar,
das zeiget sich beim Kriegen,
und wer vorher geschlagen war,
kann doch zuletzt noch siegen.
Drum schwören wir mit starkem Muth,
Dich, Schill, nie zu verlassen,
wir opfern gern Dir unser Blut,
im Schlachtfeld zu erblassen.
Es soll der Preußen Ruhm bestehn,
der Ruhm von ihren Waffen,
nie wird und kann ganz untergehn,
was Friedrich einst erschaffen.
Es lebe, König, Vaterland!
und Gott, der Weltregierer,
schütz' Preußen stets mit Vaterhand.
Schill lebe, unser Führer!

Es war aber auch natürlich, daß ein Mann, wie von Schill, bei so ausgezeichneten Verdiensten, den Neid niedriger Seelen rege machen mußte, und jeder elende Egoist, der keine Ahndung davon hatte, dem allgemeinen Besten ein Opfer zu bringen, und dem vielleicht von seinen Leuten eine Jagdflinte, ein Paar Pistolen xc. genommen war, weil es diesen anfänglich an Waffen fehlte, suchte seine Unternehmungen mit giftigem Tadel zu beschmutzen; selbst unter seinen ehemaligen Waffenbrüdern gab es mehrere, die im innern Aerger, daß er so weit über sie empor ragte, ihn zu verkleinern suchten, und ihm wurden sogar von dem ehemaligen Commandanten der Festung Colberg dem Obristen von Loucadou viele seiner Leute, Ranzionirte der Armee, die häufig zu ihm strömten, abgenommen, und nach der Armee in Preußen eingeschifft, damit er nicht zu stark würde.

Er gerieth darüber oft in eine unangenehmen Lage mit diesem Commandanten, der ihm, wenn er Mannschaften und Waffen zu seinen Streifereien verlangte, um die Gegend der Festung rein zu halten, gewöhnlich die Antwort gab:

"Mir ist die Festung anvertraut, diese will ich schon vertheidigen. Was draußen vorgeht, kümmert mich nicht, und ich gebe keinen Mann dazu."

Einst wurde von Schill sogar mit Zimmerarrest belegt. Dies machte eine höchst unangenehme Sensation bei der Bürgerschaft zu Colberg, die ihn liebte und ehrte, und sie war sogar auf den Punkt, ihn mit Gewalt frei zu machen.

In dieser Crisis besuchte ihn der brave Bürgerrepräsentant Nettelbeck, und von Schill hatte die edle Resignation, ihn zu erklären: daß er nicht in Arrest sondern nur krank sey, um nur die erhitzte Gemüther wieder zu besänftigen.

Von Schill schlich sich einst mit 90 Mann auserlesener freiwilliger Kavallerie bis zu den Vorstädten vor Stettin.

Zwölf Mann nahm er mit, die übrigen ließ er in einem vor sich liegenden Gehölz zurück. Mit diesen ritt er durch den Schlagbaum, und die französische Schildwache, die auf nichts weniger, als auf Preußen gefaßt seyn mochte, bemerkte dies nicht einmal.

"Geh," sagte von Schill zu einem Bauer, der aus der Stadt fuhr: "geh, und frage die Schildwache, warum sie so ruhig bliebe, da dich Preußen hier wären?"

I Herr, entgegnete der Bauer: ick schall Prüßen verraden?

"Thu, was ich dir sage," erwiederte von Schill: "hier hast du einen Thaler."

Der Bauer that, was ihm geheißen war, und die Schildwache machte darauf Lärm, indem sie ihr Gewehr abdrückte.

Ein dort in Besatzung liegender Chasseur-Offizier kam sogleich gesprengt; von Schill retirirte hinter den Schlagbaum und erwartete ihn. Hitzig sprengte ihn der Chasseur-Offizier mit siebenzig Chasseurs nach. Von Schill zog sich immer mehr zurück, so daß seine zwölf Mann voranritten, er aber die Arriergarde machte. Der Chasseur-Offizier hingegen sprengte mit seiner Mannschaft voraus. Von Schill jagte ihm entgegen, verwickelte sich mit ihm in ein Gefecht; die Chasseurs so wohl als die preußische Kavalleristen eilten zur Deckung ihrer Anführer herbei. Von Schill machte sich schnell los, retirirte bald, bald avancirte er wieder, reizte den Offizier immer mehr, suchte sich wieder aus dem Gefechte zu ziehen und lockte ihn auf diese Weise bis in den Wald. Hier gab von Schill ein Zeichen, seine Leute sprengten hervor, umringten die Chasseurs und machte sie zu Gefangenen.

"Excusez," sagte von Schill: "ich wollte Ihnen nur eine kleine Visite machen, um Ihnen zu beweisen, daß es noch Preußen giebt."


Der Bürger Nettelbeck.[]

Der Bürger- und Stadtälteste Nettelbeck zu Colberg gehört zu den seltnen patriotischen Männern des preußischen Staats, auf die man mit Recht eine Stelle Schakespears anwenden kann, wo er von einem in einer schwarzen gewitterschwangern Nacht aus der Ferne schimmernden Lichte sagt: es leuchtet, wie eine gute That in einer bösen Welt.

Eine kurze Schilderung dieses echten Vaterlandsfreundes wird daher hier nicht am unrechten Orte stehen.

Nettelbeck ist ein Greis von etwa 70 Jahren, nicht groß von Statur, aber im Genuß einer dauerhaften Gesundheit und von starkem festen Körperbau. Sein Geist ist noch sehr feurig, und ihn beseelt eine rastlose Thätigkeit. Er ist dienstfertig und zuvorkommend, entschlossen und von einer unbestechbaren Ehrlichkeit, aber, auch, wie natürlich, wenn er einen Entschluß gefaßt hat, und von der Rechtlichkeit seiner Absicht überzeugt ist, unbiegsam, und durch nichts darin wankend zu machen.

Mit einem eines Römers würdigen Enthusiasmus liebt er seine Heimath, den unsterblichen Friedrich und dessen Nachkommen, und er würde sein Leben tausenfach für sein Vaterland und seinen König hingeben.

Er hat schon die Belagerung Colbergs während des siebenjährigen Krieges überstanden und aus dieser denkwürdigen Periode der Geschichte manche nützliche Erfahrung gesammelt, die er in der jetzigen verhängnißvollen Zeit zum Besten seiner Mitbürger zu benutzen, sich eifrigst angelegen seyn ließ.

Er ist ein Seemann, aber er hat dieser Beschäftigung schon seit einer langen Reihe von Jahren entsagt, und ernährt sich jetzt vom Brantweinbrennen, doch liebt er noch sein erstes Metier und besitzt darin nicht gemeine Kenntnisse; er ertheilt daher auch noch jetzt jungen Leuten, die sich der Schiffart widmen wollen, Unterricht in der Steuermannskunst.

Als der König den braven und einsichtsvollen Obrist-Lieutenant von Gneisenau als Commandanten nach Colberg sandte, erkannte dieser bald den Werth eines Mannes, wie Nettelbeck. Er gab ihm vielleicht Beweise seines Zutrauens und ließ es ihm nicht an Gelegenheit fehlen, wo er mit Nutzen thätig seyn konnte.

Ein großer Theil der Vertheidigung der Festung Colberg liegt in der Aufstauung der Gewässer, wodurch die umliegende Gegend, nach Süden und Westen zu, inundirt werden kann, und da man nun noch durch künstliche Wasserleitungen den Frauenmarkt, eine Gegend an der Ostseite der Festung, überschwemmen wollte, so war Nettelbeck dabei sehr thätig und besonders nützlich, da er mit jedem Graben und Wasserlauf rund um die Festung auf das genaueste bekannt ist. Vorzüglich beobachtete er aber den Hafen und die ein und auslaufenden Schiffe und er stattete darüber ununterbrochen seinen gutachtlichen Bericht an den Commandanten ab.

Vorzüglich thätig, selbst mit Gefahr seines Lebens, bewies er sich bei dem Löschen des Feuers, das durch das Einwerfen der feindlichen Bomben und Granaten verursacht wurde, und er verrichtete dies mühevolle Geschäft mit einer bewundernswürdigen Gegenwart des Geistes, suchte dabei den Bürgern guten Muth einzusprechen und verließ nie eine Brandstelle, als bis er überzeugt war, daß alle Gefahr vorüber sey.

Doch beschränkte sich sein Eifer nicht blos auf die Festung selbst, er fehlte auch selten bei den Vorpostengefechten, und sorgte dann für Lebensmittel und andre Hülfe.

Hier nun noch einige interessante Anekdoten von diesem braven Patrioten.

Als Nettelbeck, während des Anfangs der Belagerung vor dem Commandanten, Obristen von Loucadou und den Vice-Commmandanten von Waldenfels stand und eben von der Haltbarkeit der Festung die Rede war, nahm er das Wort und sprach:

"Meine Herrn, Colberg muß dem Könige erhalten bleiben, es koste, was es wolle! Proviant und Waffen haben wir vollauf, und wir Bürger sind einig, auszuhalten und wenn auch alle unsere Wohnungen zu Schutthaufen werden müßten. Kehren Sie sich also nicht an die Klage von Einzelnen, und denken Sie um unserntwillen keinesweges je an eine Uebergabe. Ich, meiner Seits, wer mir das verdammte Wort hören läßt, es sey Civil- oder Militairperson, ich steche ihn mit diesem Degen, den Seine Majestät und Sie mir anvertraut haben, auf der Stelle todt und sollte ich mich auch nachher selbst damit durchbohren müssen."

Nettelbeck besaß die seltene Gabe, sich durch ein kluges Benehmen in zweifelhaften Fällen, aus der Verlegenheit zu ziehen und sowohl seine Mitbürger als auch selbst die Soldaten zur Erfüllung der obliegenden Pflichten zu ermuntern.

Bei einem Gefecht in der Nacht wurde unter andern einem Brauer aufgegeben, sogleich einen Wagen mit Stroh vor's Thor zu schicken, um die Verwundeten abzuholen und in die Stadt zu bringen.

Der Brauer erhielt wiederholte Anweisung, dem ihm ertheilten Befehl Folge zu leisten, aber ohne Erfolg. Als dies Nettelbeck erfuhr, ging er selbst zu dem Brauer und bat ihn dringend, nicht länger mit der Absendung des Wagens zu zögern, dieser entschuldigte sich aber damit, daß er zwar seine Pferde nebst Wagen dazu gern hergeben wolle, ihm aber der Knecht entlaufen sey und er nun keinen habe, der herausfahren könne.

Nettelbeck durchstrich sogleich die ganze Stadt, um irgend einen Fuhrmann auszumitteln, der sich diesem Geschäfte unterzöge. Endlich fand er einen Tagelöhner. Er versprach ihm einen Thaler, wenn er mit des Brauers Wagen wegfahren wolle. Dieser verweigerte es aus Furcht, weil es sich schon öfters ereignet, daß mehrere Fuhrleute bei solchen Gelegenheiten ihr Leben eingebüßt hatten. Nettelbeck ließ aber nicht nach, ihn zu bitten, bot ihm zwei Thaler, dann drei und endlich sogar vier Thaler bis der große Gewinn den Tagelöhnern bestimmte, sich zu einem solchen Wagestück zu entschließen. Nettelbeck bezahlte mit Vergnügen dieses Geld und zwar nur froh, seinen edelmüthigen Zweck erreicht zu haben.

Bei einem heftigen Vorpostengefecht bei der in der jetzigen Belagerung von Colberg berühmt gewordene Wolfbergsschanze, war auch Nettelbeck mit herausgegangen, um zu sehen, ob er nicht irgendwo hülfreiche Hand leisten könne.

Ein Soldat begegnete ihm unterwegs, der eiligst nach der Stadt zu lief.

Nettelbeck rief ihm gleich zu: "Wohin, Freund?"

Nach der Stadt, war die Antwort des Flüchtlings.

"Will er einen Trunk zur Herzstärkung?" fragte nun Nettelbeck in treuherzigem Ton und reichte ihm ein Paar Gläser Brantwein.

Mittlerweile ließ er sich weiter in ein Gespräch mit ihm ein und der Soldat erzählte ihm, um seine Rückkehr zu beschönigen, wie er etwas in der Stadt zu bestellen habe.

"Hör' er Freund!" sagte nun Nettelbeck und klopfte dem Soldaten freundlich auf die Schulter: "Thu' er mir einen Gefallen. Kehr' er wieder um. Er sieht wohl selbst ein, daß er auf der Schanze nöthiger ist, als in der Stadt, was er dort zu besorgen hat, will ich schon für ihn ausrichten."

Der Soldat fühlte die Wahrheit dieser mit dem Ton der redlichsten Gutmüthigkeit gesprochnen Worte und kehrte auch gleich wieder auf seinen Posten zurück.

Aehnliche Züge ereigneten sich sehr häufig und trugen nicht allein dazu bei, dem biedern Nettelbeck die Achtung und Liebe des Militairs und der Bürgerschaft in Colberg immer mehr zu erwerben, sondern sein Name wurde auch überall ehrenvoll bekannt, und man las von ihm Nachstehendes in der Königsbergschen Zeitung.

Nettelbeck,

Repräsentant der wackern Bürgerschaft zu Colberg.

Es ist wohlthuend in einer Zeit, wo oft Kleinmuth die Herzen beschleicht, das Bild eines Mannes aufstellen zu können, der im alten deutschen Sinn und Muth Millionen seiner Zeitgenossen voransteht.

Deutsche spiegelt euch daran!

Nettelbeck ist Bürger zu Colberg, 70 Jahr alt, klein, vom Alter gebückt, und hat schon in den drei denkwürdigen Belagerungen des siebenjährigen Krieges seine Vaterstadt vertheidigt. In der jetzigen Belagerung thut er dasselbe als Greis, was er damals als Jüngling that. Er ist allgegenwärtig. Zündet der Feind durch seine Haubitz-Granaten ein Haus an, so steht er mit der Spitze des Schlauchs hoch oben auf der gefährlichsten Stelle. Er geht nicht von dannen, bis das Feuer gelöscht ist. Greift der Feind eine Schanze oder die Vorwachen an, so sitzt er zu Pferde, reitet wie ein Centaur, ermuntert im heftigsten Feuer die Truppen, holt Munition herbei, und ist eben so schnell wieder bei dem Festungs-Commandanten, um ihm Bericht über das Gefecht abzustatten. Hört das Feuer auf, so schafft er Lebensmittel für die ermatteten Truppen hinaus. Zeigt sich ein Schiff, worauf man Zufuhr von Mund- und Kriegsbedürfnissen vermuthet, so ist er, ohngeachtet des Welleschlages, der erste am Bord und der erste zurück, um Kunde davon zu bringen. Auf den Böden und in den Häusern der Bürger hält er Nachsuchung, damit nicht leicht entzündliche Dinge dort angehäuft werden. Der Commandant hat ihm die Obhut über die Ueberschwemmungen übergeben, und wehe dem, der aus Eigennutz oder üblen Willen das Wasser um eine Linie vermindern wollte! wo an den vielfachen Schleusen etwas Wasser durchsickert, sogleich wird er es gewahr. Keine Maus dürfte die Dämme durchlöchern, er würde es sogleich wissen. Ueberall zeigt er Einsicht, Muth und Patriotismus und dies alles thut Nettelbeck umsonst und Nettelbeck ist nicht reich! Er ist ein Wunder und man muß erstaunen, wo er, bei seiner ununterbrochenen Thätigkeit die Kräfte hernimmt. Nur eins könnte ihn zu Boden drücken: wann der Commandant die Festung übergäbe. Ja! dieses Unglück würde er nicht überleben. Aber nein! guter Alter! dies Herzeleid thut dir dein Commandant nicht an. Er wird dir die Freude machen, sich mit seiner braven Garnison, vor der Feind bereits eine heilige Scheu hat, als Männer zu wehren. Lebe deswegen noch lang, deinen Zeitgenossen ein Beispiel des Muthes, der Thätigkeit, des Patriotismus. Spiegelt euch daran! ihr Deutschen!

Auch Friedrich Wilhelm III. erkannte die große Verdienste Nettelbecks in der Vertheidigung der Festung Colberg und hat ihn mit der goldnen Verdienstmedaille geehrt.

Sein Beispiel trug aber überhaupt viel dazu bei, den Geist der Vaterlandsliebe, der Anhänglichkeit und Treue an einen edlen Monarchen, und den Muth in den Gemüthern der Bewohner Colbergs immer lebendig zu erhalten, und er wirkte vorzüglich auf die Repräsentanten der dortigen Bürgerschaft.

Auch diese letztere wurde von einem edlen Enthusiasmus entflammt und war zu jedem Opfer bereit, um ihren echten Patriotismus vor Welt und Nachwelt zu bekunden.

Zu dem Commandeur des Bürgercorps zu Colberg, den das Gouvernement daselbst einen höchst wichtigen Posten der Festung übertragen hatte, kamen mehrere bejahrte würdige Männer der Bürgerschaft, als Repräsentanten derselben und erklärten: daß ihre Pflicht gegen Gott, König und Vaterland es von ihnen erheische, ihre Dienste anzutragen. Sie hätten diese Pflichten, die zur Zeit des siebenjährigen Krieges von ihren Vätern so kräftig ausgeübt worden, von diesen geerbt, wünschten daher ihren Kindern ein ähnliches schönes und ehrenvolles Erbstück zu hinterlassen und wären bereit, einen jeden Posten, den man ihnen anvertrauen würde, mit Gut und Blut zu vertheidigen. Hundert Mann aus ihrer Mitte ständen schon unter den Waffen, um die Befehle, die man ihnen ertheilen würde, zu erwarten, 700 Mann wären ebenfalls dazu bereit und alle, von dem einstimmigen Wunsch beseelt, Glück und Unglück gemeinschaftlich mit den Soldaten zu theilen, und lieber als Preußen ihr Leben ehrenvoll unter Colbergs Mauern für's Vaterland zu verlieren, als dem Feinde auf eine schändliche und entehrende Art die Festung zu übergeben.

Ein ehrenvolles Zeugniß darüber ist das Abschiedsschreiben des Commandanten von Colberg Obrist-Lieutenants von Gneisenau, als er, zu einer andern Bestimmung, diesen ihm anvertrauten Posten verlassen mußte.

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Meine Herrn Repräsentanten der patriotischen Bürgerschaft zu Colberg.

Da ich auf unsers Monarchen Befehl, mich eine Zeitlang von dem mir so lieb gewordenen Colberg trenne, so trage ich Ihnen, meine Herrn Repräsentanten, auf, den hiesigen Bürgern mein Lebewohl zu sagen. Sagen Sie selbigen, daß ich Ihnen sehr dankbar bin, für das Vertrauen, das Sie mir von meinem ersten Eintritt in hiesiger Festung geschenkt haben. Ich mußte manche harte Verfügung machen, manchen hart anfassen, dies gehörte zu den traurigen Pflichten meines Postens, dennoch wurde dies Vertrauen nicht geschwächt. Viele dieser wackern Bürger haben uns freiwillig ihre Ersparnisse dargebracht, ohne diese Hülfe wären wir in bedeutender Noth gewesen. Viele haben sich durch Unterstützung unsrer Kranken und Verwundeten hochverdient gemacht. Diese schöne Empfindung an Colberger Muth, Patriotismus, Wohlthätigkeit und Aufopferung werden mich ewig begleiten. Ich scheide mit gerührtem Herzen von hier. Meine Wünsche und Bemühungen werden immer rege für eine Stadt seyn, wo noch Tugenden wohnen, die anderderwärts seltener geworden sind. Vererben Sie selbige auf Ihre Nachkommen, dies ist das schönste Vermächtniß das Sie Ihnen geben können.

Leben Sie wohl und erinnern Sie sich mit Wohlwollen

Colberg,

den 8. August 1807.

Ihres
treu ergebenen Commandanten,
v. Gneisenau.


Wie sehr der menschenfreundliche Monarch das Betragen der braven Colberger, während der Zeit der Belagerung ihres Wohnorts, zu schätzen weiß, bezeuget unter andern die Cabinets-Ordres vom 21. October 1807, in welchen derselbe der Stadt ihren Antheil an der für die Provinz Pommern zu zahlenden Kriegscontribution erlassen hat, die eine Summe von 180216 Thaler 23 Groschen 10 Pfennige beträgt.

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Sr. König; Majestät von Preußen xc. geben den verordneten Stadtältesten zu Colberg; Dresow, Zimmermann, Nettelbeck und Genossen, auf das unter dem 11. dieses Monats eingereichte Gesuch: um Befreiung von Bezahlung der ausgeschriebenen Kriegescontribution hierdurch zu erkennen, daß dem Rechte nach, zwar die Stadt Colberg, dem Beitrage zur Contribution der Provinz, sich nicht würde entziehen können, da letztere in dem Frieden hat übernommen werden müssen, daß aber die Treue und Ausdauer, welche die Bürgerschaft zu Colberg in der ehrenvollen Vertheidigung der Stadt bewiesen hat, und die willig gemachten Aufopferungen derselben eine Ausnahme von der Regel fordern, und Höchstdieselben daher beschlossen haben, daß der auf die Stadt fallende Contributionsantheil von der Provinz übertragen werden soll. Sr. Majestät geben Ihrer getreuen Bürgerschaft mit Vergnügen diesen ersten Beweis Ihrer Erkenntlichkeit, und haben dem gemäß zugleich den Geheimen Ober-Finanzrath von Borgstede dato angewiesen, sofort alle ferneren Aufforderungen an die Bürgerschaft einstellen zu lassen.

Memel, den 21. Oktober 1807.

Friedrich Wilhelm.


Mein lieber Geheimer Finanzrath von Borgstede!

Bei Zufertigung der anliegenden Vorstellungen des Domkapituls zu Colberg, des Magistrats daselbst, und der dortigen verordneten Stadtältesten, worin sie um Befreiung von Bezahlung der Kriegescontribution bitten, gebe Ich Euch hierdurch zu erkennen, daß dem strengen Rechte nach zwar die Stadt Colberg dem Beitrage zur Contribution der Provinz sich nicht würde entziehen können, da letztere in den Frieden hat übernommen werden müssen; daß aber die Treue und Ausdauer, die die Bürgerschaft zu Colberg in der ehrenvollen Vertheidigung der Stadt bewiesen hat, und die willige Aufopferung derselben eine Ausnahme von der Regel fordern, und Ich daher beschlossen habe: daß der auf die Stadt fallende Contributionsantheil von der Provinz übertragen werden soll, dasselbe aber nicht von dem Contributionsantheile der außerhalb der Stadt belegenen Cämmerei- und Dom-Güter nachgegeben werden darf, die vielmehr ihren Antheil, wie jeder Gutsbesitzer, entrichten müssen. Dies habe ich nun den Stadtältesten mit den Beifügen, daß ich der treuen Bürgerschaft mit Vergnügen diesen ersten Beweis Meiner Erkenntlichkeit gebe, Dato eröffnet, zugleich auch das Domkapitul und den Magistrat hiernach beschieden, und mache Euch daher solches nachrichtlich mit dem Befehle bekannt, sofort alle fernere Aufforderungen an die Bürgerschaft einstellen zu lassen. Ich bin Euer wohlaffectionirter König.

Memel, den 21. Oktober 1807.

Friedrich Wilhelm.


Quellen.[]

  • Tagebuch von der Belagerung der Festung Colberg im Jahr 1807. Nebst einem Anhang, enthaltend: autentische Nachrichten von dem Königl. Preuss. Major von Schill und dem Bürgerrepräsentanten Nettelbeck zu Colberg. Germanien, 1808. (In Commission bei Ernst Littfas, in Berlin.)
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