Von Bastille bis Waterloo. Wiki

Lage der Stadt und Festung Danzig.[]

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Anderthalb Stunden unter Mewe und dem Ausfluß der Fers in die Weichsel theilt sich dieser mächtige Fluß in zwey große Arme, wovon der eine, unter der Benennung Nogat, rechts über Marienburg nach dem frischen Haf geht, der andere seinen Lauf in nördlicher Richtung über Dirschau bis eine gute Stunde von der Ostsee fortsetzt, und dann in zwey schiffbaren, eine Zeit lang östlich und westlich mit dem Seegestade beynahe parallel laufenden Armen, sich rechts als alte Weichsel in den frischen Haf, und links unter seinem eignen Nahmen in das baltische Meer ergießt. An dem linken Ufer des Letztern, und eine Stunde Wegs von seinem Ausfluß, liegt in der schönsten und gesegnetsten Gegend von Pohlen und Preußen die ansehnliche Handelsstadt Danzig, welche über 60,000 Einwohner zählt, die Producte des pohlnischen Bodens, und vorzüglich das Getreide, durch ganz Europa führt, und den größten Theil des weiten Länderstrichs zwischen der Memel und Oder mit den Erzeugnissen anderer Staaten versieht. Die Modlau, die aus den Höhen in der Nachbarschaft von Dirschau entspringt, geht in zwey schiffbaren Canälen mitten durch die Stadt, vereinigt sich innerhalb derselben mit der Radaune, die von Zemplin herunterkommt, und bildet, indem sie in die Weichsel fällt, einen vortrefflichen Hafen, in welchem selbst bey einer Belagerung die Schiffe ziemlich sicher liegen. Jenseits des Ausflusses der Modlau schneidet ein Canal, die Loake genannt, die Biegung der sich plötzlich nördlich wendenden Weichsel ab, und bildet dadurch eine gegen die Stadt hin sehr breite, dem Ausfluß zu aber spitzlaufende, drey Viertelstunden Wegs lange Insel, den Holm. Die Mündung der Weichsel ist rechts durch das alte Fort Weichselmünde, links durch die Verschanzungen von Neufahrwasser vertheidigt. Ersteres ist ein bastionirtes Viereck, das inwendig eine uralte Steincitadelle enthält, und in den neuesten Zeiten durch eine Menge von Aussenwerken und Schanzen ziemlich furchtbar geworden ist, letzteres war ehedem nur eine kleine, mit zwey Lünetten versehene Brückenschanze, die Westerschanze genannt. Um dieses verfallene Werk herum haben sich seit der russischen Belagerung von 1734 so viele Familien angesiedelt, daß daraus eine besondere kleine Stadt entstanden ist. Da die alte Mündung bey Weichselmünde versandete, so war links eine neue künstliche Mündung eröffnet worden, wo große Schiffe ohne Gefahr einlaufen können, dadurch erhielt der Ort den Nahmen Neufahrwasser, die durch beyde Mündungen gebildete Insel war mit besonderen Schanzen hinlänglich versehen, und Neufahrwasser, das auf zwey Seiten mit Sümpfen umgeben ist, war durch einige Werke ein weitläuftiges und doch sehr wohl zu vertheidigendes, verschanztes Lager geworden. Die Stadt Danzig selbst hatte, als sie 1792 ihre bisherige Freyheit aufgeben mußte, ein vortrefflich versehenes Zeughaus mit Kriegsvorräthen aller Art, und sehr wohl unterhaltene, sogar pallisadirte Festungswerke; der Hauptwall hat 20 Bastionen, wovon die 8 zwischen der Modlau und der Weichsel befindlichen wegen der vorliegenden Berge sehr hoch sind. Die Bastionen auf beyden Flügeln, die den Nahmen Jackobs- und Auerochs-Bastion führen, sind vorzüglich hoch, und enthalten Cavaliere, die übrigen zwölf Bastionen, die gegen die Fläche und den Fluß zu liegen, werden immer niedriger, je mehr sie sich von der Gebirgsseite entfernen. Die Wälle haben ein gutes Profil, sind mit Rasen bekleidet, und zum Theil mit lebendigen Hecken umgeben, sie haben durchgehends eine Faussebraie, oder wenigstens eine gute Ringmauer, und an vielen Orten Grabenvertheidigung. Der Graben ist breit und reichlich mit Wasser versehen, es liegen nur drey Außenwerke darin, nämlich das Ravelin zwischen dem Jacobs- und Legerthor, und die beyden Lünetten zu Deckung des Eingangs der Modlau. Nur auf der Westseite ist der Stadt bey einer Belagerung beyzukommen. Der Boden besteht hier aus unzähligen, wellenförmigen Bergen, die dem Grund eines ausgetrockneten Meeres gleichen. Die vielen Schluchten, welche hindurch ziehen, machen den kleinen Krieg schikanenreich, erleichtern aber den Angreifenden das Annähern. Zwey von diesen Höhen, der Hagels- und Bischofsberg, befinden sich ganz nahe vor dem Glacis der Festung, und enthalten jeder ein Fort. Der Hagelsberg hat nur zwey Bastionen nebst einem kleinen Ravelin, und ist nirgends revetirt, weit grösser, befestigter und dominirender ist aber den Bischofsberg; beyde sind durch eine Envelope mit einander verbunden, die mehrere ein- und ausgehende Winkel und Bastionen enthält, und links bis an die Weichsel, rechts bis an die Modlau fortläuft, auch in der Ebene Wassergräben hat; ein guter verdeckter Weg umgibt das Ganze. Auf diese Art hat man es mit einer doppelten Festung zu thun, und kann die innere gar nicht angreifen, so lange man nicht eines von beyden Forts, und mit ihm einen Theil der Envelope erobert hat. Der Raum zwischen beyden Festungen ist so groß, daß er an einigen Stellen ansehnliche Vorstädte enthält. Beyde Forts sind zwar durch die unmittelbar davor liegenden Berge, Grantberg, Zikanberg und Stolzenberg überhöht, doch sind sie, wenn sie gehörig mit Pallisaden und Blockhäuser versehen werden, einer langen Vertheidigung fähig. Von hier erhebt sich das Terrain nach und nach immer mehr, wird zusammenhängender, und endlich schließen sich alle Schluchten in der ansehnlichen Höhe von Pitzkendorf, Michau und Wonneberg, deren Fuß rechts bey Praust durch die Radaune bespühlt wird, und die links nach der Gegend von Oliva, in einer halbstündigen Entfernung von dem Seegestade fortläuft. Ein anrückendes Corps findet auf diesem schon ziemlich rauhen Gebirg eine feste Stellung gegen die Stadt. Mehrere Quellen gehen aus seinem Busen hervor, und suchen die See. Die Thäler, welche sie bilden, sind vor allen nachtheiligen Winden geschützt, und wetteifern in Güte des Klima's mit den südlichsten Gegenden von Deutschland; Anlagen der reichen Danziger verwandeln die in kleine Paradiese.

Auf allen andern Seiten ist der Stadt gar nicht beyzukommen, wenn man nur die sich selbst darbiethenden Mittel benutzt. Der Holm ist mit wenig Mühe zu befestigen, und so leicht zu vertheidigen, daß man die Communication mit Weichselmünde und der See immer behaupten kann, so lange man die frische Nehrung nicht ganz verliert. Dieser Strich Landes, welchen manche auch die Halbinsel nennen, ist eigentlich eine Insel, die nördlich durch die Ostsee, und südlich durch die beyden Weichselarme, und den frischen Haf begränzt wird. Ihre westliche Spitze ist bey Weichselmünde, die östliche erstreckt sich bis Pillau, von welchem Fort sie nur durch den Ausguß des frischen Hafs getrennt ist. Sie ist gegen 25 Meilen lang, und meistens nur eine Viertel- oder halbe Meile breit, außer in der Gegend des Ausflusses der alten Weichsel, wo sie gegen zwey Meilen breit wird, und ziemlich guten Boden hat. Diese übrigens aus Dünen und Sandbergen bestehende Erdzunge, die mehrere Dörfer enthält, verschafft dem Besitzer von Danzig, so lange er Herr zur See ist, eine beständige Communication mit Königsberg zu Lande, und hinreichende Deckung der Verbindung mit Weichselmünde. Zwischen Danzig, der Modlau und Weichsel liegt ein sehr niedriger, aber vortrefflicher Strich Landes, der Danziger Werder, dieser enthält 33 Dörfer mit höchst wohlhabenden Einwohnern, welche eine ausgezeichnete Rindvieh- und Pferdezucht treiben. Das schmahle Stück Landes zwischen der Modlau und Radaune, das die Danziger Niederung genannt wird, ist von gleicher Beschaffenheit. Von der Stadt aus kann diese Gegend auf eine Stunde Wegs weit unter Wasser gesetzt werden. Die große Insel zwischen der Weichsel und Nogat enthält durchaus reiches Land, und kann einer starken Besatzung von Danzig, so lange man sie nicht einzuschliessen vermag, viele Vortheile gewähren.


Quellen.[]

  1. Archiv für Geographie, Historie, Staats- und Kriegskunst. 1813.