Schweitz.[]
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Schweitz, Helvetien, eine Republik, deren Besizungen südlich an das Königreich Italien, die Republik Wallis und an Frankreich, gegen Westen an Frankreich, gegen Norden und Schwaben, und gegen Osten an Tyrol gränzen. Der Flächeninhalt beträgt nach der gegenwärtigen Ausdehnung gegen 630 ge. QM. Auf der Südseite begränzen das Land einige der höchsten Alpenrücken, welche sich auch auf der Ostseite weit gegen Norden ziehen; auf der Westseite streckt sich an einem Theil der Gränze das weniger hohe Juragebirg hin, und nur in der Mitte und auf der Nordseite öfnet sich das Land durch niedrige Berge. Zwischen den Gebirgen bilden sich viele Seen, von welchen der Genfer- der Boden- der Züricher- und der Waldstädter See von ausgezeichneter Größe sind. Die Flüsse des Landes der Rhein, die Rhone, Rüß, Aar und einige andere haben im Berglande noch reißenden Lauf, und bringen wenig Vortheil für Handel und Schiffahrt. Wegen der hohen Gebirge, von welchen die Alpen nie ihren Schnee verlieren, ist das Land kälter, als es nach seiner Lage zwischen dem 46 und 48 Gr. der Breite seyn sollte. Die Geb__ge dienen daher mit ihren Kräutern wohl zur vortrefflichen Viehzucht, aber nicht zum Getreidebau, und selbst die dazwischen liegenden Thäler bringen es nicht immer zur Reife. Weit fruchtbarer sind die ebenern nördlichen Striche, und auf der Südseite vorzüglich die Gegenden am Genfersee, und viele Thäler des Cantons Tessin auf der Südseite der Alpen. Sie liefern, ausser dem Getreide, Flachs, Hanf, Tabak und Obst, vielen und zum Theil sehr guten Wein, Seide und Südfrüchte. Die Berggegenden haben zur Ausfuhr ihr Vieh, und die Produkte desselben herrliche Käse und Butter. An Salz hat das Land Mangel, nur ein Salzwerk im Canton Waadt ist vorhanden, welches nicht den zehnten Theil der Schweiz versorgen kann; es wird als aus Frankreich und aus Baiern eingeführt. Die Manufakturen haben durch die Revolution an Wichtigkeit verloren, sind aber noch immer beträchtlich. Vorzüglich zeichnen sich die Cantone St. Gallen und ein Theil von Appenzell durch ihre beträchtlichen und vorzüglichen Manufakturen von Baumwollenzeuchen und Leinwand aus, so wie Zürich, Basel und noch mehrere, vorzüglich die protestantischen, Cantone, durch ihre Strumpf- Hut- Seidenzeuch- Flor- Band- Papier- und mehrere andere Fabrikate.
Die Bevölkerung der Schweiz ist in den nördlichen und westlichen Cantonen sehr beträchtlich, geringer aber in den Gegenden des hohen Gebirgs; die ganze Menschenzahl berechnet man gegenwärtig auf 1500000.
Dieses Land, so das alte Helvetien begrief, ward theils durch Julius Cäsar, theils durch Tiberius, der Augusts Kriegsvölker anführte, unter römische Botmässigkeit gebracht. Im fünften Jahrhundert nach Christi Geburt eroberten einen Theil desselben die Allemannen; einen andern die Burgunder. Das ganze Land kam endlich nach und nach unter fränkische Herrschaft.
In der Theilung des Reichs unter den Söhnen Ludwigs des Frommen kam die Schweitz mit zu dem Antheile Lothars, und darauf zu dem Antheile seines Sohnes Carl, nach dessen Absterben Ludwig der Deutsche das meiste von der Schweitz an Deutschland brachte.
Nach Carls des Dicken Absetzung gehörte die Schweitz zum transjuranischen Burgundien, und als Conrad II. das Königreich Burgund mit dem deutschen Reiche vereinigte, so kam auch die Schweitz mit dazu, in welcher von dieser Zeit an, die beyden Häuser, Habsburg und Zähringen, schöne Länder an sich brachten.
Es ließen die Kaiser die schweizerischen Lande bey ihren alten Freyheiten. Sie wurden durch Landvögte regiert, die von Kaisers und Reichs wegen gesetzt wurden. Albert I. ließ durch diese Vögte den Schweizern viel Drangsal anthun, damit sie Lust bekommen sollten, sich lieber dem Hause Oesterreich zu unterwerfen, als länger unmittelbar unter dem Reiche zu stehen. Dieses that eine widrige Wirkung. Die drey Cantons, Schweiz, Uri und Unterwalden, machten 1307 den 13. Okt. einen Bund, welcher der Grund der Schweizerischen Eidgenossenschaft ist. Sie verfochten darauf ihre Freyheit gegen das Haus Oesterreich tapfer, und es traten immer mehr Cantons zu dem Bunde, nämlich 1332 Lucern, 1351 Zürch, 1352 Glaris und Zug, 1353 Bern, 1481 Freyburg und Solothurn, 1501 Basel und Schafhausen, und 1513 Appenzell. Die schweizerische Republik wurde endlich 1648 im westphälischen Frieden für einen vollkommenen Freystaat erkannt.
Seit dieser Zeit lebten die Schweizer, ohne an einem der vielen Kriege aller ihrer Nachbarn Theil zu nehmen, ruhig fort, gewannen durch Manufakturen und Handlung, und durch die Summen, welche von mehreren Europäischen Mächten, vorzüglich von Frankreich, für die Erlaubniß in das Land kamen, daselbst Truppen werden zu dürfen, einen beträchtlichen Wohlstand. Selbst an dem Revolutionskrieg gegen Frankreich nahmen die durch mehrere Beleidigungen gereizte Schweizer keinen Antheil, obgleich England alles anwendete, sie zu feindseeligen Schritten zu bewegen. Dies konnte sie aber im Jahr 1798 nicht schützen, als das Direktorium in Frankreich Friede mit Oesterreich hatte, seine müssigen Truppen beschäftigen und unterbringen wollte, und Geld brauchte. Es benüzte die nicht ungerechten Klagen der Bewohner des Waadtlandes über die aristokrat. Regierung der größern Cantons, und ließ nach vergeblichen Unterhandlungen, durch welche vorzüglich Bern mit Entsagung aller aristokrat. Einrichtungen den Krieg abwenden wollte, den General Brune mit einer überlegenen Macht einrücken. Die schwenkenden Maasregeln des Berner Magistrats beförderten die Niederlage der tapfer fechtenden Schweizer; und nun wurde Bern, Freyburg xc., bald auch ohne weitere Anstrengung alle größern Cantons die Beute der Franzosen, welche die Kassen, Zeughäuser xc. leerten, Requisitionen ausschrieben, und als Gebieter sprachen, da sie sich anfangs als Helfer für die Unterdrückten angekündigt hatten. Noch mußten aber die kleinen Cantons zur Folgsamkeit gebracht werden. Vergebens versicherten diese, daß bey ihnen die reinste Demokratie zu Hause sey, daß sie keine andere Verfassung wünschten; man grief sie mit Uebermacht an, und so kräftig sie fochten, unterlagen sie doch der größern Zahl und bessern Rüstung. Das ganze Land sollte nun Eine Republik bilden; und da dies wegen der sehr abweichenden Verhältnisse der Bewohner nicht gefallen wollte, so gab ihm endlich Kaiser Napoleon im J. 1803 seine noch bestehende Verfassung, welche der Lage des Landes wirklich weit angemessener ist, Rücksicht auf die ehemaligen Verhältnisse nimmt, und ihnen doch zugleich einen Vereinigungspunkt zur Erhöhung der gemeinschaftlichen Kraft giebt.
Ehemals bestund der Staatskörper aus 13 Cantons, welches Schwyz, Uri, Unterwalden, Luzern, Zürich, Zug, Glarus und Bern, bis 8 alten Cantons hießen, und den wichtigsten Einfluß auf die öffentlichen Geschäfte hatten, weil ihr ewiger Bund sich schon vom Jahr 1481 datirte, und sie ihn durch ihre Tapferkeit längst in Ansehen gesezt hatten, ehe die 5 neuen Cantone Freyburg, Solothurn, Basel, Schafhausen und Appenzell beytraten. Die allgemeinen Angelegenheiten wurden durch diese 13 Cantone auf den Tagsazungen abgeschlossen. Jeder derselben bildete aber in seinem Innern eine eigne unabhängige Republik, konnte Krieg führen, Frieden und Bündnisse schließen, und Verfügungen nach seinem Belieben machen, wenn sie nur dem gemeinschaftlichen Bunde nicht entgegen stunden. Die größern Cantone hatten aristokratische, die kleinern Bergkantone größtentheils demokratische Verfassung.
An einige dieser Cantone schlossen sich andere kleine Staaten des Landes als Bundesgenossen oder zugewandte Orte, nemlich: Graubündten, Wallis, Genf, Toggenburg, Stadt und Abtey St. Gallen, das Bißthum Basel, das Fürstenthum Neufchatel, dann die Städte Bühl und Mühlhausen. Sie alle stunden unter dem Schutz der Cantone, waren völlig frey in der Verwaltung und Anordnung ihrer innern Angelegenheiten; aber bey den allgemeinen Staatsverhandlungen der Schweiz hatten sie keinen Zutritt und Antheil.
Auch Unterthanen hatten sich bey ihren frühern Kriegen, theils alle, theils mehrere, theils nur einzelne Cantone, und auch einige zugewanderte Orte erworben, welche durch das ganze Land auf deutscher und italiänischer Seite zerstreut lagen; ihre Lage und Schicksal war nach den Bedingungen, unter welchen sie die Herrschaft anerkannt hatten, sehr verschieden. Diese große Verschiedenheit der Lage, so wie die Unzufriedenheit vieler Staatsbürger in den aristokratischen Cantonen gegen die herrschenden Familien, hatte den Ausbruch und Fortgang der Revolution im Jahr 1798 sehr begünstigt.
Nach der durch Kaiser Napoleon befohlnen Bundesakte, giebt es nun keine zugewandten Orte und keine Unterthanen mehr; jeder Landesbewohner ist Schweizerburger, und der ganze Staat in 19 Cantone getheilt, bey welchen der Rang nach dem Alter des Beytritts zu dem alten Bunde ist beybehalten worden, nach folgender Ordnung: Uri, Schwyz, Unterwalden, Luzern, Zürich, Glarus, Zug, Bern, Freyburg, Solothurn, Basel, Schafhausen, Appenzell, wozu die neu aufgenommenen kommen, St. Gallen, Bündten, Argau, Thurgau, Tessin, und Waadt oder Leman. Einige Landschaften, Genf, Bißthum Basel, Biel, und Mühlhausen wurden schon früher zu Frankreich gezogen, und Wallis wurde zur eignen Republik ernannt; dagegen fügte Frankreich das Friedthal zum Canton Argau.
Jeder Eingebohrne hat das Recht, sich einen beliebigen Canton zum Aufenthalt zu wählen, und auch Fremden wird der Zutritt zum Bürgerrechte nun mehr als in ältern Zeiten erleichtert. Die innere Besorgung der Staatsverwaltung bleibt jedem Canton frey. In den Demokratischen entwirft der Cantonsrath mit den Standeshäuptern und Landamman an der Spitze die Geseze, und die Gemeine bestätigt oder verwirft sie. In den größern aristokratischen Cantonen erwählen die Zünfte, in welche die Bürger getheilt sind, den großen Rath; dieser hat die gesezgebende Gewalt, und wählt aus seiner Mitte den kleinen Rath nebst 2 Bürgermeistern, welche die vollziehende Macht haben und die alltäglichen Geschäfte besorgen.
Ueber Krieg, Frieden, Bündnisse aber und andere Gegenstände, welche auf die ganze Republik Bezug haben, entscheidet die Schweizer Tagsazung, bey welcher jeder Canton eine, Bern, Zürich, Waadt, St. Gallen, Argau und Bündten aber wegen ihrer beträchtlichern Volksmenge zwey Stimmen haben. Das Präsidium führt der Landamman, welchen mit jedem Jahre abwechselnd einer der 6 Cantone Freyburg, Bern, Solothurn, Basel, Zürich und Bern stellt; denn nur in diesen Städten wird ausschließend die Tagsatzung gehalten. Drey Viertel der Stimmen entscheiden über die vorgetragenen Gegenstände; hier ist der Sitz der souveränen Macht des Staats; an die Tagsazung wenden sich daher auswärtige Gesandte, in ihren Händen ist die gewaffnete Macht, sie entscheidet über die Streitigkeiten der einzelnen Cantone, über den Abschluß von Bündnissen, Ueberlassung von Truppen an fremde Mächte, und über die Gränzzölle, (im innern Lande sind sie abgeschafft).
Zur Erhaltung innerer Ordnung dürfen die Cantone 200 Mann halten; zur Landesvertheidigung stellen sie aber, nach Proportion ihrer Größe und Bevölkerung, ihr Kontingent zu einer Armee von 15,203 Mann, welche auf Befehl der Tagsazung mobil gemacht werden. Jeder Schweizer ist daher wie ehemals gebohrner Soldat, und dient aufgerufen von der Republik von seinem 16ten bis zum 50sten Jahre. Zur Bestreitung der gemeinschaftlichen Kosten hat man ausgemittelt, wieviel jeder Kanton nach seiner Proportion zu liefern habe, so oft für das Ganze 490507 Schweizerfranken erforderlich sind. Nach dem nemlichen Maasstabe werden auch die liquidirten Landesschulden vertheilt, welche im Jahr 1804. 3568702 Franken betrugen.
Mit Frankreich, welches vielen Einfluß auf die Landesgeschäfte hat, schloß die Tagsazung im Jahr 1803 ein Defensivbündniß und eine Kapitulation für die 4 Schweizerregimenter (jedes zu 4000 Mann), welche in französ. Dienste stehen. Auch in spanischem Dienste stehen 5 Regimenter Schweizer Truppen, jedes zu 1909 Mann.
Die Schweizer sind von starker und dauerhafter Leibesbeschaffenheit, mehrentheils von großer Statur, zur Arbeit so gut, als zum Krieg, geneigt, mässig in ihrer Lebensart, und unbekannt mit dem Luxus. Hier und da klagt man aber doch auch über Sittenverderbniß und tadelswürdige Nachahmung der Ausländer. Daß sie zu den Künsten und Wissenschaften sehr geschickt sind, beweisen die vielen großen Gelehrten und Künstler, welche die Schweiz hervorgebracht hat. Die Sprache ist ein Dialekt der deutschen. Doch wird auch die französische, sonderlich in denen an Frankreich gränzenden Ländern, stark geredet. In den italiänischen Landvogteyen und in einigen Distrikten des Graubünderlandes wird ein verderbte italiänische Sprache geredet, von der sich das Romanische oder Churwälsche, das auch in Graubünden üblich ist, unterscheidet, ob es gleich einerley Ursprung, nämlich aus dem Lateinischen hat.
Die christliche Religion soll schon im zweyten Jahrhundert in der Schweiz ausgebreitet worden seyn. Hauptsächlich aber geschahe es im siebenten Jahrhundert, durch die Bemühung des heiligen Gallus. Die römisch-katholische Religion war die einzige im Lande, bis Zwingli anfieng, dem Pabstthum zu widersprechen. Dieses geschahe 1519. Seine Lehre fand anfänglich nur bey den Zürchern, nachmals bey mehrern Cantons Beyfall. Zürch, Bern, Basel und Schafhausen nahmen durchgängig die reformirte Religion an. Ein gleiches thaten die Genfer, und die Einwohner des Fürstenthums Neufchatel, und des Ländchens Biel, wie auch die Stadt Mühlhausen und St. Gallen. Die Cantons: Freyburg, Solothurn, Luzern, Zug, Schweiz, Uri und Unterwalden verblieben durchgehends katholisch. Eben so ergieng es mit dem Gebiethe des Abts von St. Gallen, Rappersweil, Baden, den freyen Aemtern und den italiänischen Landvogteyen. Zwey Cantons, Glaris und Appenzell, blieben zum Theil katholisch, zum Theil nahmen sie die reformirte Religion an. Und so machten es auch die Graubünder, Toggenburger, Thurgauer und Rheinthaler.
Jeder Canton hat in der Schweiz das Münzrecht. Man rechnet den Gulden zu 16 Bazen, 14 Schilling, 60 Kreuzer und 160 Rappen. Aber fast in jedem Canton herrscht Verschiedenheit in dem Werthe dieser Münzen, in Schafhausen gilt der französis. 6 Livres Thaler 2 ¾ fl., in Zürich 2 ½ fl. xc. Im Jahr 1803 wurde zwar festgesezt, daß ins künftige 36 ⅕ Schweizerfranken von der feinen Mark geprägt werden sollten; 10 Bazen sollen einen Frank, und 6 Rappen einen Bazen ausmachen. Aber es ist wenig davon im Umlauf, und man behilft sich mit den alten Geldsorten. Die Geldmünzen sollen so ausgeprägt werden, daß sie so vielmahl 8 ⅕ Gran feines Gold enthalten, als das Stück Franken gelten soll.
Was das Justitzwesen anlangt: so haben die Schweizer ihre eigenen Gesetze, nach welchen in den Gerichtsstuben, mit Ausschliessung aller fremden bürgerlichen Rechte, gesprochen wird.
Das Wappen des schweizerischen Freystaates bestund ehemals aus 13 neben einander gestellten Schilden (5. 5. 3) Der erste Schild ist links durchschnitten mit Silber und Blau, wegen Zürch. Der andere Schild ist das Wappen von Bern, ein goldener Rechtsquerbalke, belegt mit einem schwarzen Bären, im rothen Felde. Der dritte ist getheilt mit Silber und Blau, wegen Lucern. Der vierte hat einen schwarzen Auerochsenkopf, mit rothen Hörnern und Ring in der Nase, in goldenem Felde wegen Uri. Der fünfte einen rothen Schild, mit einem silbernen in den linken Oberwinkel gestellten Kreuzlein, wegen Schweiz. Der sechste Schild ist gespalten mit Roth und Silber, mit einem Schlüssel, dessen doppeltes Schließblat aufwärts gekehrt ist, mit abgewechselten Tinkturen, wegen Unterwalden. Der siebende ist ein blauer Balke in silbernem Felde, wegen Zug. Der achte Schild ist in rothem Felde ein silberner Pilgrim, mit einem goldenen Scheine ums Haupt, in der Rechten einen goldenen Pilgrimsstab, und in der Linken ein goldenes Buch haltend, wegen Glaris. Der neunte Schild ist eine schwarze Angel, oder, wie andere wollen, ein schwarzes Futteral zu einem Bischofsstabe, wegen Basel. (s. den Art. Basel, Bißthum.) Der zehende Schild ist gespalten mit Schwarz und Silber, wegen Freyburg. Der eilfte gespalten mit Roth und Silber, wegen Solothurn. Der zwölfte ein springender schwarzer Widder mit goldenen Hörnern und Krone in silbernem Felde, wegen Schafhausen. Der dreyzehende ist das Wappen von Appenzell, ein aufgerichteter schwarzer Bär in silbernem Felde. Ueber alle diese Schilder ist oben ein großer Hut, als das Zeichen der Freyheit, ausgebreitet. Seit dem J. 1803 wurde als Staatssiegel eines Schweizers in alter Rüstung mit der Helleparte in der einen Hand. Mit der andern lehnt er sich auf einen Schild, der die Worte enthält: Neunzehn Cantone Schweizerischer Eidgenossenschaft.
Von Reisenden.[]
Friedrich Köppen.[]
- [1820]
December 1820.
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Meinen jugendlichen Reisewünschen lag ein ganz bestimmter Zweck zum Grunde, nämlich Kunstfertigkeit in der Landschaftmalerey, welche nicht anders zu erreichen stand, als durch den Anblick malerischer Gegenden. Oft schon als Knabe hatte ich Kupferstiche nach Claude und andern Meistern angestarrt, in eine Zauberwelt der Gebirge und reichen Gründe mich hineinträumend, wovon die Niederungen der Ostsee kein Urbild darboten. Kam mir zufällig ein Gemälde von dichterischem Werth vor Augen, so hielt ich Alles darin, samt dem Himmel darüber, für Lüge, preis aber denjenigen selig, der so zu lügen verstehen. Ein Besuch der Dresdner Gemäldegallerie brachte meine Phantasie vollends in Aufruhr, es ward die Landschaftmalerey mir entschiedne Lebensfreundin, und die verkehrtesten Uebungen und mislungensten Versuche konnten mich von ihrem Umgange nicht zurückschrecken (Vergleichen Sie meine Briefe über Landschaftmalerey in den Vermischten Schriften, Hamb. 1806.). Am Rande der Universitätsjahre schwebte mir die Schweitz vor -- Italien lag zu weit -- als das Land der Gebirgwunder, des Studiums der Natur, der gepriesensten Aussichten. Wer einmal dergleichen gesehen, meynte ich, wer auf dem Papiere flüchtig solche Eindrücke aufbewahrt, könne ruhig späterhin durch Steppen des bürgerlichen Lebens wandeln und seine Freuden durch Erinnerung und Phantasie vervielfältigen. Hr. Meiners und Andre mit ihren Beschreibungen der genossenen Seligkeit hatten auch Antheil daran, und nimmer gedachte ich damals der Möglichkeit, einst den größten Theil meiner Lebenstage unweit der Alpen zu wohnen; ich hielt die Vaterstadt für den Kreis meines ferneren Daseyns und für den Ort meines Grabes. So kam denn, daß mit einigen Jugendfreunden, welche nach derselben Gegend wollten, im Sommer 1797. die Schweitzerreise angetreten wurde.
Anfangs blieben die Erwartungen unerfüllt. Basel, die erste Schweitzerstadt, schien mir finster, die Umgebung zu sanft, zu wenig ausdruckvoll, und ich lehnte ab einen Thurm zu besteigen, weil dort ja nichts mehr zu sehen sey, als vom Gasthause und Walle, keine kühne Linien und Formen; die Prospekte Aberlis hatten ganz andere Dinge gezeigt, und auch in ihrer Art die Bergstraße und das Rheinthal, am Neuenburger und Bieler See, der Weg war zu eben, die Witterung zu regnerisch, obwohl schon einige Zeichnungen meine Sammlung zu füllen anfiengen. In Nidau zürnten wir auf Hrn. Meiners, der diese unbedeutende Stadt mit hinreichend flacher Umgebung als ein irdisches Paradies beschrieben, und uns zu einem Wege dahin verleitet. Wahrscheinlich hatte er besseres Wetter oder lebhaftere Phantasie. Letztere fanden wir späterhin bestätigt an Orten, die er grausend beschreibt, wo er vor Schwindel sich nicht zu retten wußte, während wir unsern Wanderschritt kaum unterbrachen.

Bern zuerst gab rechte Naturgröße. Die Gebirgsgipfel des ewigen Eises, emporragend hinter den grünenden, auf welchen im Hochsommer der Schnee schmilzt, werden vor dort aus in einziger Art gesehen, und wenn auch anderwärts eine längere Kette sich vor den Augen ausdehnt, so erscheinen doch die Formen minder ausgezeichnet, und wirken weniger als Masse. Die Jungfrau, die beyden Eiger, das finstere Aaarhorn, das Schreckhorn und Wetterhorn wechseln in ihren Gestalten, und jede Gestaltung hat ein eigenthümlich Kühnes. Bekannt ist zugleich, wie zu den verschiednen Stunden des Tages sich Farbe und Beleuchtung verändern, daher immer neues darbieten, als mit frischer Ueberraschung anziehen. Noch im vergangnen Herbst, als ich die Pracht dieser Kette vom Gurten, einem Berggipfel neben Bern, überblickte, sah ich am Abende einen Glanz des Schnees, wie ich ihn zuvor nie wahrgenommen, und auch unsre Berner Freunde nannte ihn selten, verkündeten aber für den nächsten Tag Regen und unruhige Luft. Jedesmal, wenn ich die bekannten Standpunkte in und um Bern besuchte, konnte mein Auge von der Scene sich kaum wegwenden, sie lag ausgebreitet mit ewig neuem Reitz. Bern macht durch seine feste Bauart, durch die Sauberkeit, worin es erhalten wird, welche an aristokratische Fülle des Reichthums erinnern, einen vornehmen und wohlthätigen Eindruck. Dazu prangt die Umgebung der Stadt mit den lieblichsten Landhäusern, recht zum Wohnen einladend, und es ist grade nicht zu verwundern, wenn reiche unabhängige Grafen oder fürstliche Leute die Sommermonate dort zubringen. Inzwischen ist bey alledem die eigentliche malerische Schönheit des Ganzen geringe, es wird hier die Kunst von der Natur überboten, und wenn die Maler sich an diesem Gegenstande versuchten, wenn ich selbst einen Ausriß der Stadt und ihrer Gebirge in meiner Sammlung bewahre, so dient dieses mehr zur Erinnerung des Gesehenen, als daß es für sich ein landschaftliches Bild darböte.
In Bern wurde bey unserm Jugendbesuche der Plan zur weiteren Reise entworfen, welcher keine geringe Mühe machte. Man traue doch nicht den Planmachern an Ort und Stelle, jeder rühmt, was er gesehen, bedenkt nicht die Zeit und den Zweck des Reisenden, welcher stets Einiges beyseite lassen muß; sogar Ebel in seiner Anweisung fehlt manchmal in dieser Beziehung. Wir vereinigten uns endlich über einen Entwurf, der für die Umstände am zweckmäßigsten war, und der fast von allen andern Planen abwich. Den Jura, mit dem Urgebirge vergleich unbedeutend, ließen wir unbesucht, es gieng sogleich an den Genfersee, von dort ins Chamouny, Wallis, ins Berner Oberland, über Grimsel und den Griesberg nach den italienischen Vogteyen, über die Borromäischen Inseln nach Mayland, über den Gotthard zurück auf den Rigi, und zuletzt an den Constanzer See und zum Rheinfall nach Schafhausen. Die seltenste Sommerwitterung begleitete uns allenthalben, so daß alles Merkwürdige in schönsten Lichte prangte. Meine Skizzensammlung ward täglich reicher, und dennoch konnte trotz unermüdeter Thätigkeit nicht Jedes Dargebotene aufgenommen werden; man mußte wegen der Nachtlager bestimmte Tagreisen festsetzen. Zu bemerken ist indessen, daß die gewöhnlichen Schweitzerprospekte topographische Rücksichten nehmen, nicht allemal der reichen malerischen Beurtheilung folgen, weswegen einige Künstler, denen ich damals meine Entwürfe zeigte, sich zu erkundigen pflegten, wo ich die Standpunkte gefunden, und mit Verwunderung hörten, daß Alles am Wege lag. Späterhin hat Guillerat, einer der vorzüglichsten gegenwärtigen Schweitzer Landschaftmaler, seine treffliche Ansicht vom Schreckhorn und Rosenlavigletscher an derselben Stelle gezeichnet, von wo aus meine Sammlung sie aufbewahrt.

Die Nordseite der Alpen gewährt dem Landschaftmaler immer nicht ganz was er sucht, wie schön und überraschend auch die Natur entgegentritt. Der herrliche Genfer See liefert selten Bilder, überhaupt ist mit Seen, wenn sie in der Nähe liegen, wenig auf dem Papier anzufangen. Chamouny ist zu rauh und wild, zu ungeheuer, um es in Rahmen zu fassen, die Gletscher als solche sind nicht bloß schwer darzustellen, sondern auch unmalerisch. Erst an dem südlichen Abhange der Alpenkette ward mein Auge befriedigt, und die Wanderung neben der Tosa im Thal Antegoria und Formazza glich einem vollständigen Rausch. Vielleicht hatte die Luftperspektive hieran keinen geringen Antheil. Ich erinnere mich noch jenes großen Eindrucks, als wir den Griesberg hinabstiegen und Italiens Himmel über den Gegenden lag. Die Schweitzeratmosphäre ist durchsichtig, man bemerkt in den Fernen auch die kleinsten Gegenstände; die italienische Luft ruht als ein Vorhang vor ihnen, alle Entfernungen zeigen sich als Masse, hier erst findet man Claude Lorrain und seine Wahrheit, hier erst die tiefen Farben und das zauberisch zitternde Licht. Ein Abendhimmel in Mayland so glühenden Dunst und solche Wolkenformen, wie weder vorher noch nachher von mir wahrgenommen wurden, und Grass bemerkt richtig, man sehe Vieles nur Einmal im Leben, wenn man auch dieselben Orte wieder besucht. Als ich eilf Jahre später im September nach dem obern Italien und Venedig kam, war nichts dergleichen vorhanden. Auf Italiens Alpenseite nähern sich zugleich die Gebirgsumrisse mehr der Kegelform, welche dem Maler anziehender dünkt, als das zerrissene zackigte Gestein. Erwähnung verdient gleichfalls ein Wasserfall der Tosa bey Pomat, der durch seine Höhe und verhältnißmäßige Wasserfülle alles Aehnliche in der Schweitz übertrifft, wenigstens weit stärker überrascht, als der berühmte Rheinfall bey Schafhausen, und an Tivoli erinnert. Unsre Zeit war kurz, es gelang mir nicht in Schnelligkeit einen Standpunkt für die Größe jenes Gegenstandes zu wählen, dessen Darstellung ohnehin kaum den größten Meistern gelingt, und ich bewahrte mir den Eindruck bloß im Gedächtniß. Die zweyte Schweitzerreise ließ mich unter den geistreichen Skizzen des verstorbnen Landschaftmalers Heß -- welche im Besitze seiner Wittwe, jetzt verehlichten Stolz *) zu Zürch sind -- diesen Wasserfall dargestellt finden, den ich sogleich wiedererkannte. Heß hat ihn als Oelgemälde ausgeführt -- gleichfalls im Besitz der Wittwe -- doch ist darin, ungeachtet seiner Meisterschaft, manches Lebendige und Natürliche der Skizze verloren gegangen.
- *) Stolz starb den 12. März 1821.

Soll ich noch andrer Naturschönheiten gedenken, denen die italienische Schweitz in reichem Maaße darbeut? Sie sind nicht zu beschreiben, oder wurden schon möglichst beschrieben. Herrlich prangen die Seen, der von Lugano, von Luvino und Como, der Lago Maggiore mit seinen berühmten Borromäischen Inseln; jedoch dieser am wenigsten malerisch. Ich wollte ein Bild davon entwerfen, mußte aber den ganzen Vordergrund und selbst den Mittelgrund hinzudichten. Wir hatten die Malerische Reise von J. H. Meyer bey uns, mit einigen trefflichen geäzten Blättern versehen, sie liest sich gut und unanstößig, an den Orten selbst haben wir darüber gelacht, so sehr standen die Kunstmittel der Beschreibung hinter der Natur des Wirklichen zurück. Weg also mit Beschreibungen, als charakterlosen oder falschen Abdrücken der Wirklichkeit. Weil das Eigenthümliche der italienischen Schweitz meine Phantasie hingerissen hatte, wollte mich bey der Rückkehr in den deutschen Theil das Gepriesensenste nicht mehr in Entzücken setzen; es war durch Entzückung das Entzückende verschwunden. Hart sagte einmal der alte Franz Kobell in München, ein geistvoller Mann und reich an herrlichen Erfindungen, die Schweitz verderbe den Landschaftmaler, und er sagte damit ein wahres Wort, weil er den hohen Still dichtender Darstellung meynte, welcher die Urbilder Italiens oder Siciliens in der Seele trägt. Inzwischen muß, wer das Jenseits nicht anschauen kann, sich mit dem Disseits behelfen. Auf der Rückreise durch Deutschland -- noch dazu im Spätherbste -- wollte mir gar keine Gegend der Aufmerksamkeit werth dünken, und als ich in die nördliche Vaterstadt zurückkehrte, schien Alles winzig, der Himmel samt Färbung entfernter Gegenstände, aschgrau. Man bedenkt selten auf der Erde, was ein Himmel ausmacht, bis man es erlebte; -- während einer Reihe von Jahren in Holstein erschien nur selten ein Abendroth, was mich an die Schweitz erinnerte; es verdoppelte dann, die liebliche Schönheit der Seen mit ihren sanften Waldhügeln und Gründen.
Meine beyden letzten Schweitzerreisen hatten Erholung und Stärkung der Gesundheit zum Zweck. Ueberraschen konnten die Gegenden nicht, theils weil ich sie schon kannte, theils weil ich Tyrol, Salzburg und Oberbaiern zuvor besuchte. Gleich dem Wiedersehen alter Freunde gewährten sie dennoch Vergnügen. Das Waadtland, Berner Oberland, der Rigi, blieben, was sie sind, und Freyheit von Geschäften im Mitgenuß werther Freunde gab mannichfaltige Lust. Erzählungen davon haben für den Dritten nichts Anziehendes.
Die Bewohner der Schweitz? Sie gleichen andern Menschenkindern in ihrer Mischung von Vorzügen und Fehlern, und danken es den nahen Gebirgen und der besuchenden Fremdenschaar, wenn ihrer öfter in Büchern gedacht wird. Nur daß niemand patriarchalischen Sinn und unschuldige Sitteneinfalt unter diesen Alpenbewohner zu finden wähne. Die Reisenden, welche jährlich das Land und selbst die entlegensten Thäler durchziehen, haben allenthalben Liebe zum Gewinn vorherrschend gemacht, welche überhaupt als Eigenschaft sprichwörtlich den Schweitzern beygelegt wird. Sie suchen während der Reisemonate für den einsamen Winter Entschädigung. Dies erstreckt sich von den sehr theuren Lohnkutschern zu den Wirthen, Führern, zum Theil bis in die Sennhütten hinauf. Inzwischen bietet es auch wieder seine angenehme Seite; wer das Geld nicht achtet, hat dafür Bequemlichkeiten, die er sonst bey Gebirgsreisen vermißt, gute Nachtlager, allerley Aufwand der Tafel, eingerichtete Bedienung. Als ich vergangenen Herbst ins Grindelwald hineinging, fragte mich ein alter Mann, wie mir die grausigte Gegend gefalle? In dieser furchtbaren Einöde giebt es jetzt zwey Wirthshäuser, und das dritte wird gebaut. Einer der Wirthe soll im letzten Sommer übertrieben gefodert haben, und ist von der Regierung in Bern gestraft worden. Theurer wie anderwärts muß schon das Geringste seyn, weil man es weit herschafft, und bei gutem Sommerwetter dennoch eine Flut von Fremden herbergen soll. Im Wallis und in der italienischen Schweitz entbehrt man schmerzhaft dergleichen Vorsorge. Derbe Rohheit und Natürlichkeit sind begreiflicher Weise allen Gebirgsbewohnern eigen, und dies gefällt meist dem Reisenden wegen seines Gegensatzes mit ausgebildeter Feinheit, wird auch bey manchem Schweitzervolk versetzt durch Zuvorkommen gegen Fremde, welche Geld in die Thäler bringen.
Die Städte unterscheiden sich nach Größe und Lage. Genf und Lausanne sind ihres Umgangtones wegen berühmt, und man sendet dorthin junge Leute vom Stande, um französische Sprache und Sitten zu lernen. Bern genießt gleichfalls den Ruf seiner Gesellschaft, und ist halb französisch und deutsch, doch mehr noch das erstere, weswegen manche Deutsche, welche dorthin gezogen, sich nicht ganz heimisch fühlen. Deutsche Litteratur z. B. wird weniger geliebt als französische, die Mundart des Berndeutsch ist dem Fremden fast unverständlich, man redet deswegen lieber französische, außer mit Bekannten. Auf Landhäusern herrscht unter den Familien viel Gastfreyheit, und wer in deren Wesen und Treiben eingeht, befindet sich wohl. Luxus und Sittenverderbniß größerer Städte haben theilweise überhand genommen und man erzählt davon böse Geschichten. Zürch ist ungleich deutscher, trotz der harten Mundart, und zugleich ein Hauptsitz schweitzerischer Gelehrsamkeit. Bürgerliche Stille und Eingezogenheit beherrschen das Zürcher Leben, weswegen es dem Fremden todt und öde vorkommt. Auf der ersten Schweitzerreise hatten wir Wohnung und Tisch bey dem bekannten Leonhard Meister, einem einfachen, wenig gesprächigen Manne; mit seinem Bruder Heinrich, dem Freunde Diderots und der Encyclopädisten, ward mehr durchgesprochen und gestritten. Die Einförmigkeit der Lebensweise war so groß, daß alle Tage dieselbe Suppe, dasselbe Fleisch und Gemüse auf den Tisch kamen, was mir anfangs lästig däuchte, sehr bald aber durch Gewohnheit sein Auffallendes verlor. Von andern Städten, wie Lucern u. s. w. schweige ich, indem wir dort nur durchflogen, und ich überhaupt meyne, mit einzelnen Abweichungen sehe allenthalben das Leben der Menschen in größern und kleinern Städte sich gleich.
Vor dem Ausbruch der französischen Revolution konnte manchem Reisenden das altherkömmliche demokratisch oder aristokratisch ausgebildete Republikenwesen der Schweitz merkwürdig dünken und ist daher ausführlich genug beschrieben worden. Doch steht schon in meinen damaligen Tagebüchern: "Greise singen die Litaney ihrer Jugend, die Schweitzer singen die Litaney ihrer Freyheit." Seitdem die französische Revolution uns ihre rauhen Wege geführt, haben wir die Mängel des Alten, mit denjenigen des Neuen sattsam kennen gelernt, und kümmern uns weniger um einzelne abweichende Formen, zumal in kleinen Staaten. Alle republikanische Verfassungen nähren Partheysucht, welche unter despotischer Regierung unmöglich ist, indem jedermann dem Gebieter schmeichelt, und sich selbst allein mit Ausschluß Anderer in Gnade zu bringen strebt. Kurz vor den französischen Mishandlungen sah ich die Schweitz zuerst, und mußte mich wundern über jene Heftigkeit, welche in allen Cantonen die Gemüther trennte, besonders über eine starke Vorliebe für Franzosen und deren Einrichtungen, wodurch den letztern bald darauf nicht schwer fallen konnte, sich einzumischen und das Bestehende umzustürzen. In Aarau versammelte sich damals noch die helvetische Gesellschaft, welche späterhin meines Wissens aufgelöst wurde, und man erkannte dort leicht die Gegensätze. Grade die verständigsten, lebhaftesten und einsichtvollsten Männer waren dem Alten abgeneigt, woran die Ruhigeren, Beschränkteren und Scheuen mit liebgewordner Gewohnheit hingen. Als ich zum zweytenmale gleich nach der deutschen Volkbefreyung (1814.) wiederkam, erhob das unterdrückt gewesene Alte sein Haupt, fand aber Gegner, welche mit der Bonapartischen Mediationsakte ungleich zufriedner gewesen. Insonderheit zu Bern herrschte Gegensatz zwischen Stadt und Land, dies veranlaßte sogar kriegerische Bewegungen, woraus glücklicherweise kein Bürgerkrieg hervorging. Für den fremden Beobachter war die Partheyung und deren Zweck nicht leicht zu enträthseln; denn Herr von Haller, welcher mit seiner Staatrestauration bey allen Freunden der erblichen Aristokratie und Legitimität so beliebt ist, saß damals wegen Umtriebe unter dem Landvolk in Verhaft, und hatte die Berner Regierung zu diesem Schritt genöthigt. Im vergangenen Herbste fand ich solche Bewegung verschwunden; von Seiten der Aristokratie waren manche der Gegner zufrieden gestellt, und weil sie schwiegen, hörte man wenig. Ueberhaupt scheint mir, jede Aristokratie der Geburt und des Reichthums könne leicht einen Aufruhr der Gemüther dämpfen, sobald sie jenen Theil der Bürger, welcher durch ausgezeichnetes Talent oder ausgezeichneten Eigenthumbesitz den Vorrang Anderer unwillig trägt, in ihren gerechten Ansprüchen befriedigt, sie in ihre Mitte aufnimmt und den Vorwurf der Kastengeschlossenheit durch die That widerlegt, wo denn die größere Masse, ihren Mangel hinreichender Ansprüche fühlend, sich den Rang der Geburt und des Reichthums gefallen läßt. Auch in Frankreich wie in England, wird der Kampf politischer Partheyen meistens darum geführt, wer Minister seyn solle, und wer es wird, erbt von seinem Vorgänger ganz ministerielle Gesinnungen. Wollen die Aristokraten und Erzlegitimen gar Nichts zugestehn, so laufen sie in unsern Zeiten Gefahr, Alles zu verlieren, dagegen einiges Zugeständniß ihnen den Besitz des Uebrigen vollkommen sichert. Menschen sind so schwer nicht zu regieren, als man meynt, man muß nur vermeiden, mit baarer roher Gewalt und Hartnäckigkeit ihnen die strengste Form der Herrschaft aufzudringen.
Mögen nun diese Wahrheit unsre Politiker zu Herzen nehmen oder nicht, meine Reisebeschreibung ist am Ende, und Sie werden einsehen, wieviel die Philosophie davon wegtrocknete. Ich wünschte nachgrade, Freunde und Gegenden kämen zur mir, ohne daß ich ihnen nachzureisen brauchte; und mit den Gegenden, um derentwillen ich zuerst die Schweitz besuchte, ist dieses am leichtesten zu haben. Wer sein malerisches Auge übte, sieht mit Hülfe weniger flüchtigen Umrisse ganze Bilder vor sich, und die Gefälligkeit mancher Künstler, welche mir Ansicht ihrer Skizzen verstatteten, hat mich mit dem Charakter Römischer und Neapolitanischer Umgebungen ziemlich bekannt gemacht. Franz Kobells Federzeichnungen und Landschafterfindungen gaben oft eine viel reichere Anschauung der mannichfaltigsten Formen, als halbjährige Schweitzerreisen. Der alte und jetzt auch kränkliche Künstler sah einst Italien *), und seine unerschöpfliche Phantasie bringt demjenigen, der seine Handschrift zu lesen weiß, die schönsten Gegenden vor das Auge. Ein ungeübter Blick wird gefällige Ausführung daran vermissen, der geübte denkt alles Fehlende hinzu, und freut sich der Mannichfaltigkeit, so daß jemand nicht mit Unrecht einst sagte: es sey daraus fast mehr zu lernen, als aus der Natur selbst, denn diese erscheine hier geistig gesteigert und mit geschmackvoller Auswahl. Dergleichen Beschauen hat mich zu eignen Erfindungen gebracht, wodurch ich Gesehenes und Nichtgesehenes mir vorführe, zugleich wirkliche Natureindrücke mit der gedichteten Welt in Verbindung bringe, und dadurch meinen Sinn für landschaftliche Gegenstände vergnüge. Möchte dies mit abwesenden Freunden auf ähnliche Weise geschehen können, es wäre dann die Entfernung keine Entfernung, und häusliche Einsamkeit das geselligste Leben. Bücher und Briefe thun viel, aber die geistige Aufregung der Gegenwart geliebter Menschen ist unersetzlich; ein Bildniß vermag nicht zu reden, und wirklicher Umgang übt stets eine neue frischgeborne Kraft.
- *) Er starb in München den 14ten Januar 1822. Vergl. einen Aufsatz vom Prof. Speth im Kunstblatt des Morgenblatts 1822. N. 46.
Habe ich nun in diesem Briefe mehr von der Landschafterey gesprochen, welche mich zuerst in die Schweitz führte, als von der Schweitz selbst, so hören Sie noch meine gegenwärtige Ansicht der Kunst, und wie ich die verschiedenen Bestrebungen derselben in einige Hauptklassen stelle.