Von Bastille bis Waterloo. Wiki
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Versailles.[]

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Versailles, das größte und merkwürdigste französische Schloß, in Isle de France, 5 Stunden von Paris, und ehemals die gewöhnliche Residenz des königl. Hauses.


Vue du Chateau de Versailles (Côté de Paris.)


Es war nur ein mittelmäßiges Jagdschloß, welches Ludwig XIII. anlegte. K. Ludwig XIV. aber hat es von 1661 bis 1678 vermittelst eines Aufwands von 160 Millionen Livres zu einem der prächtigsten Lustschlösser in der Welt erbauen, auch inwendig mit den vortrefflichsten Malereyen und andern kostbaren Zierrathen ausschmücken lassen. Bey aller Pracht hat es inzwischen doch beträchtliche Fehler: auch ist die Lage übel gewählt, indem es in einer niedrigen, oft mit Nebeln bedeckten Gegend stehet. Unter die vorzüglichsten Merkwürdigkeiten gehört die königl. Kapelle, welche ein Meisterstück der Baukunst ist, die Schloßpfarrkirche de notre Dame, die große ehemals mit kostbaren Gemälden, Spiegeln, krystallenen Leuchtern xc. angefüllte Gallerie; die prächtige sogenannte Prinzentreppe, mit ihrem marmornen Geländer, der Herculessaal, der Sallon de Guerre, der Komödiensaal, das Gemälde- und das Kunstcabinet, die königlichen Ställe, die Gärten, die Orangerie, das Labyrinth, die aus kupfernen Figuren springenden Lustgewässer, wozu die Seine durch künstliche Maschinen von Marly aus hat hergeleitet werden müssen, das kleine Lustwäldchen, die unzählbaren Statuen von Erz, Marmor und Alabaster, antique Gefässe von allen Arten Steinen, der grosse Kanal u. s. w. Die mit Gittern verschlossene Wasserwerke ließ man nur bey grossen Feyerlichkeiten springen: die unverschlossenen springen den Sommer über beständig.


Vue du Chateau de Versailles (Côté du Parc.)


In der Menagerie findet man ein artiges Wohngebäude, um welches herum seltene und merkwürdige Thiere in 6 Höfen verwahrt wurden. Ihre Ueberbleibsel befinden sich nun im Museum d'Histoire Naturelle zu Paris. Der Bezirk des Gartens faßt auch den Palast Trianon in sich, welcher zwar nur ein Stockwerk hoch ist, aber wegen des angebrachten bunten Marmors schön in die Augen fällt, und einen botanischen Garten bey sich hatte, in welchem die Pflanzen durch angehängte zinnerne und kupferne Täfelchen bezeichnet waren. Le petit Trianon liegt in dem großen Lustwalde, der viele Dörfer, Schlösser und Lusthäuser enthält. Seit der Revolution ist ein Gastwirth im Besitz von Petit-Trianon. Die große Freyheit, welche Fremden von Stande zu Versailles im Garten, in den königl. Gemächern, und anderwärts gestattet wurde, machte den Aufenthalt daselbst doppelt angenehm.


Vue du Chateau de Trianon.


Da der königl. Hof hier seine ordentliche Residenz hatte, so ist aus dem Dorfe Versailles, welches Ludwig XIII. im J. 1630 für 20000 franz. Thaler kaufte, durch die nach und nach erbauten Häuser eine Stadt mit regulairen und zum Theil prächtigen Gassen entstanden, die in alt und neu Versailles abgetheilt wird, und im J. 1780 über 80000 Seelen. enthielt.


Vue des Grandes et Petites Ecuiries de Verssailles.

Hier versammelten sich 1789. 1sten May die Reichsstände, welche sich bald darauf als Nationalversammlung erklärten. Am 5ten und 6ten Octob. wurden große Gewaltthätigkeiten und Ausschweifungen von einer aus Paris herbeygekommenen Menge Volks, selbst im königl. Schloß, ausgeübt; und Ludwig XVI. war genöthigt, diese Residenz zu verlassen und nach Paris zu gehen. Versailles hörte von nun an auf Residenzstadt zu seyn, und das prächtige Schloß wurde unter dem stürmischen Regimente der Jakobiner nicht nur aller seiner Kostbarkeiten beraubt, sondern auch von den Gärten und Gebäuden ein großer Theil verwüstet und beschädigt. Auch das berühmte Wasserwerk verfiel; man ist aber jezt bemüht, es auf eine einfachere Art wieder herzustellen, und seit 1803 wird auch an der neuen Einrichtung des großen Schlosses auf Befehl des Kaisers gearbeitet. Obgleich Versailles bey der Eintheilung des Reichs die Hauptstadt im Depart. der Seine und Oise wurde, so sank doch die Zahl der Einwohner, welche ehemals größtentheils vom Hofe gelebt hatten, im J. 1802 bis auf 25000 herab. Auch im J. 1807 fanden sich nur 26037 Einwohner. In dieser Stadt befinden sich die vorzüglichste von den 5 großen Gewehrfabriken des Reichs; die übrigen sind zu Maubege, Charleville, Lüttich und St. Etienne. Im J. 1803 wurde zu Versailles ein Bisthum errichtet, dessen Sprengel sich über die beyden Departem. der Eure und Loire und der Seine und Oise verbreitet. Es steht unter dem Erzbischof von Paris. Zu dem Bezirk von Versailles gehören die Cantons: Argenteuil, Chevreuse, Limours, Marly, Meulan, Montfort-Lamaury, Palaiseau, Poissy, Rambouillet, St. Germain-en Laye, Sevres, und Versailles.


Versailles.[]

Von Richer Serizi. [2]

Tot quondam populis terrisque superbum

Regnatorem Asiae; jacet ingens littore truncus

Avulsumque humeris caput et fine nomine corpus.

Dieß war die erste Idee, die mein bewegtes Herz erschütterte, da ich von der Höhe der Hügel von Meudon herab, jenes Wunder der Künste, jenen herrlichen, einst so prunkvollen, jetzt nachten und einsamen Pallast, erblickte. Was ist, fragte ich mich, aus jenem mächtigen Manne geworden, der über diese glänzenden Domainen gebot? Jener König, der vor kurzem noch über so viele große Länder und so viele Völker herrschte, liegt jämmerlich zur Erde gestreckt; sein Haupt ist von den Schultern getrennt, und der entstellte Rumpf ist nicht mehr kennbar.

Diese schreckliche Contrast der Nichtigkeit und Größe, das düstere Colorit der Natur, das in diesem Augenblicke über die umgebenden Gegenstände verbreitet war, hatte mein ganzes Wesen durchdrungen; die Sonne, die sich kaum über den Orient erhob, vergoldete mit ihrem bleichen Feuer nur erst den Gipfel des Schlosses; ihre unwirksame Wärme hatte noch nicht die dicken Dünste zerstreut, welche das Thal bedeckten; schon fiel das gelb werdende Blatt, ein Bild des Lebens und unserer flüchtigen Freuden, rauschend herab, und bestreute die Erde; ein heftiger Wind wie er dem Sturme vorhergeht, jagte die zerstückelten Wolken gegen Süden, und heulte unter den alten Bäumen, diesen Kindern des großen Jahrhunderts, die, durch lange Perspective dem erstaunten Auge von allen Seiten den Pallast unserer letzten Könige zeigen.

Zerstört ist jener Lustgang von Paris nach Versailles, unter dessen majestätischem Schatten so lange die Furcht, die Gier, der Ehregeitz, kurz alle die fressenden Leidenschaften wandelten, die den Menschen, das Kind des Grabes, verzehren.

Zerzört ist jene Allee, durch welche die Corneilles, die Colberts, die Forbins, die Turennes giengen, wenn sie Ludwig die Meisterstücke des Genies, die Plane des öffentlichen Wohls, und die Palmen des Sieges brachten. Wenn man damals nur allzuoft das Blut der Menschen die Erde benetzen sah: so trockneten wenigstens der Handel, der Ueberfluß, und die tröstenden Künste die Thränen unserer Väter; sie erndteten gemeinschaftlich die Früchte ihres Muths. Aber uns, uns macht jeder Sieg nur noch elender; die blutigen Lorbeeren, die unsere vom Schmerz gefurchten Stirnen umwölken, schützen uns nicht vor Unglück; wie sterben unter unsern treulosen Triumphen; nur die Eroberung der Welt fehlt uns noch zur Vollendung unsers Verderbens. Ein neuer Ossian, glaubte ich euch, tröstende Schatten so vieler Helden, aus den Wolken herabsteigen, glaubte euch an meinem Schmerze Theil nehmen zu sehen; umgeben von diesem feyerlichen und schweigenden Gefolge schritt ich langsam dem Schlosse zu.

Du, den ich in diesem Augenblicke anrufe, Ossian, erhabner Barde, meine Seele, melancholisch und düster, wie die deine, bedarf deines Genies, um die schmerzhaften Gefühle zu schildern, von denen sie niedergedrückt wird.

Komm, begleite mich in den unbewohnten Pallast; unter jene verlassene Portiken, in welchen überall Gold, Marmor und Azur in Flammenzügen strahlen. Welche Verschwendung von Pracht! das Genie, das hier Meisterstücke auf Meisterstücke thürmt, unterjocht die Natur, und gebietet den Elementen; hier ist nichts Menschliches mehr; von Gefühlen zu Gefühlen kommt man auf den religiösen Gedanken, daß die Hand des Menschen diese Wunder nicht allein erzeugen konnte. Man glaubt sich in jene fabelhaften Zeiten versetzt, wo die aus dem Himmel vertriebenen Götter einen Wohnort auf der Erde suchten, und die Künste cultivirten. Nur Amor konnte so diese Venus uns geben; Apollo nur konnte den Meisel führen, der Daphne gestaltete; du, keusche Diana, bildetest jenen Endymion; jener Marmor, der eure reizende Züge darstellt, göttliche Zwillinge, wird weich unter euern brüderlichen Händen; du Neptun, öffnetest jene Canäle; ihr, mythologischen Götter, wolltet um die Wette diese Stätte für den Helden verschönern, der die Künste schützte, und das Genie der Girardon und der Corneille belebte.

Hier sah der Doge von Genua seinen Stolz gedemüthigt, hier erkannte Elsaß, Franche Comté, Flandern, Holland, besiegt unsere Gesetze an; von hier aus sahen die beyden Meere, auf Ludwigs Ruf, ihre freundschaftliche Wellen sich vereinigen, um in beyden Welten unsern Ruhm und unsere Industrie hinüber zu bringen.

Hier, in diesem entfernten Asyl, irrten der bescheidene Catinat, und der feurige Condé, auf neue Eroberungen sinnend; hier donnerte Bossuet den Ungläubigen nieder; hier ließ Racine Berenice in Versen seufzen; hier schärfte Moliere, unter der Menge von Hofleuten, seinen Griffel, und der Mahler der Sitten, der ernste la Bruyere, zeichnete hier seine Portraite.

Nicht eine Stelle giebts hier in dieser prächtigen Ruhstätte, die nicht den Sinnen und dem Herzen große Muster zeigte, und hohe Lehren gäbe; man fühlt sich versenkt in die Fluthen der Künste; unsere Seele entflammt bey feyerlichen Erinnerungen.

Aber wie ward mir, da ich, nach einiger Erholung von diesem ersten Enthusiasmus, das, was sie Einbildungskraft mir in der Perspective gezeigt hatte, von nahem sehen wollte!

Schon war die Sonne in der Mitte ihres Laufs, und ihre brennenden Strahlen fielen senkrecht auf die Terrasse und den Pallast; einige Soldaten, mit Lumpen bedeckt . . . . . . . . . ersetzten traurigerweise jene glänzende und zahlreiche Garde, die einst diese Portiken bewachten und beseelten, einige dürftige Rentiers mit niedergeschlagener Miene und hungrigen Zügen waren hier, nicht sowohl um diese Meisterstücke zu bewundern, als vielmehr, um mit schüchterner Miene ein ungewisses Almosen zu suchen. Kommen Reisende in die Ge- Gegend, so sehen sie von weitem die Wüsten von Thebais und die Ruinen von Palmyra. Für jene Männer, die sich unter einander fragten: ob die Tataren unser Reich zerstört hätten, ist Girardon bereits der Zeitgenosse von Praxiteles und Phidias.

Andere durch eine alberne Neugierde geleitete Menschen -- und diese Menschen waren Franzosen -- schienen weniger belebt, als jene Werke von Bronze und Marmor, die sie mit gleichgültigen Augen sehen; der Marmor athmete mehr Empfindung und Leben, als jene Zuschauer mit stumpfem Blicke; sie allein waren die Statuen; überall sah ich Götter, die von unvernünftigen Thieren betrachtet wurden; und unwillig eilte ich davon, Schatten, frische Luft und mein Herz unter dem dicken Luftgebüsche wiederzufinden.

Aber schon dringen Gras und Unkraut hervor, wo sonst die Rose und Anemone unter den Händen der Schönheit wuchsen; hier sieht ein Baum seinen Freund von gleichem Alter, der neben ihm blühte, zu Boden gestreckt; alles wankt; alles verkündigt einen nahen Ruin: die in ihrem Laufe angehaltenen sumpfichten Wasser; die verstümmelten Statuen; der Esel und die Siege, die an den Dornbüschen, längs der wüsten Ufer, im Schooße jenes prächtigen Canals, weiden, der einst in leichten Barken auf seinen spiegelhellen Fluthen die Heroen und Amors spielen sah; alle diese traurigen Ruinen scheinen bereits diesen göttlichen Denkmälern das Schicksal zu verkündigen, das ihnen vorbehalten ist.

Aus der Tiefe eines Schlammes schwingt sich der Gott des Tags auf seinem mit vier Rennern bespannten Wagen empor; die staubigen Tritonen sind auf dem Trocknen; die über ihre Nacktheit schaamvolle Najade kann sich nicht unter dem Wasser verbergen, und sengt unter den Strahlen der Sonne die verwegene Hand, die sich beym Betasten verirrt.

Amor beweint auf dem Schooße seiner Mutter die Flügel, die ihm die Vandalen abgeschlagen haben, wahrscheinlich um ihn weniger unbeständig zu machen; -- Achill ist ohne Schwerdt; so wenig haben die republicanischen Helden den Helden Thessasaliens geschont; -- Apollo bedroht vergebens die Schlange Python; sein Bogen ist zerbrochen; er badet sich; aber die Nymphe, mit den Gesichtszügen der Montespan, die ihm Räucherwerk streute, hat keine Hände mehr; -- der Athlet scheint nicht sowohl an dem Dolchstiche, als an dem ihm angeschlagenen Fuße, zu sterben; -- Dido schwingt sich auf den Scheiterhaufen, und findet das Schwerdt nicht, daß ihr das Leben rauben soll; -- Socrates ist ohne Ohren; Solon hat keine Nase mehr; Demosthene's beredter Mund ist zerbrochen; unsere neuern Philosophen haben, wie unsere neuen Helden, die Achtung vergessen, die sie ihren alten Mustern schuldig waren. Räuberische Hände, feindliche Hände, gereitzt durch die Lockspeise des Eisens oder des vergoldeten Kupfers, das sie stützt, zerbrechen, plündern, entführen in einsamen Stunden des Tags, oder in stiller Nacht, die Weisen, Helden, und Göttinnen, und verkaufen, Tags darauf, das Haupt eines Gottes für einen Thaler.

Betrachte ich das Innere des Pallastes: so versetzt ein seltsames Gemisch der schrecklichsten Contraste, ein Jahrhundert, das sich zwischen dem gestrigen und heutigen Tage zu erheben scheint, ein Jahrhundert, in welchen sich die Frevel aller Weltalter vereinigen, meine Seele in die tiefste Trauer, erfüllt sie mit vergeblichem Bedauern; die, ihres ach so unnützen, Gitterwerkes beraubten Höfe sind mit dickem Grase bedeckt, und schon wurzelt an dem Fuße der Mauer der Epheu, und verbindet sich mit dem sich spatenden Steine.

Mit schnellen Schritten, als ob ich auf Leichen zu treten fürchtete, steige ich die großen Stufen hinauf, auf welchen der Marmor von Paros und Italien verschwendet ist; Stufen, die ehedem zum Glück und zu Ehrenstellen führten; die natürliche und röthliche Farbe einiger dieser Marmorstufen erinnert mich knirschend an das Blut, womit der verhaßte Philipp sie nachher überschwemmte. Ich trete unter die glänzenden Decken:

Apparet domus intus et atria longa patescunt,

Apparent Priami et veterum penetralia regum.

Aen.

Welches Schweigen! welche Einsamkeit! welche schreckliche Nacktheit! Was ist aus jenen Garden, jenen Hofleuten, jenen Ministern; was ist aus jenem Golde, jenen Gesteinen, jenen Cristallen, jenen reichen Broderiren, in welchen die Kunst noch die Materie übertraf, geworden? Wo sind jene durch die Zeiten zerstückelten Denkmale des Genies, des Reichthums, der Größe, die allen denen, die durch sie hieher gelockt wurden, das Genie und die Macht des französischen Volks bezeugten? Der Ausländer, der es müde war, sie in unsern Mauern zu bewundern, hat sie an sich zu ziehen, hat sie in die Hütten der Schweiz *) zu versetzen gewußt; das Serail des Deys von Algier schmücket sich mit dem Reichthum von Versailles.

*) Delsous, ein Banquier und Schweizer, hat klein Trianon, das Frankreich sechzehn Millionen kostete, für hundert tausend Livres soumissionirt. Dieser reizende Zufluchtsort, der für den Mann von Geschmack eine schöne Geßnersche Idille war, wird in ein Wohnhaus verwandelt; und schon hat die Hand des Maurers sich dessen bemächtigt. Dieß sind noch nicht alle Acquisitionen des Bürgers Delsous!

Nur einige Gemählde, einige Büsten ohne Zierden, die keinen andern Werth haben, als den das Genie ihnen ausdrückt, stehen noch hier und da der Gier der dreyfarbigen Geier ausgesetzt, die noch täglich, zur Belohnung ihrer nützlichen Dienste, diese traurigen Reste rauben.

Im Hercules-Saale fand ich einen Algierer um den Amor handeln; weiter hin bot ein Jude auf ein Gemählde Carl XII, der durch seine wilden Blicke über die Kühnheit des Räubers Unwillen zu zeigen schien; ein anderer kaufte Carl I um eine Copie davon zu nehmen, und sie an alle Könige zu schicken. Nur noch einige Tage, und auch diese letzten Monumente werden verschwinden; noch einige Tage vielleicht, und der Lieferant Mandrin ruht mit der Jungfer Lange *) im Alcoven Ludwigs des Großen.

*) Man versichert, daß diese Creatur alle Spitzen der Königin besitzt. Ich werde gelegentlich auf diesen Gegenstand zurückkommen; unterdessen mögen die Elenden sich ihres Genusses freuen.

Durch kalte Feuchtigkeit und sträfliche Nachlässigkeit fallen die Gemählde der Gallerie schichtenweise von den Wänden herunter; und die Meisterstücke von le Brun, die Züge von Turenne verschwinden; Oesterreichs Adler hat nur noch einen Kopf, Spanien hat den seinigen verlohren; er droht in Stücken zu fallen, und der Friede ist gänzlich verloschen.

Einige ehemalige, jetzt mit Lumpen bedeckte Diener, die aber noch in ihrer Physiognomie die Spuren ihrer ehemaligen Achtung tragen, zeigen mit trauriger Miene, diese herrlichen Reste.

Hier, sagen sie Euch, war der Thron; hier versammelte Ludwig sein Conseil; hier sprach er die Befreyung der Sclaven der todten Hand aus; hier versammelte er die Notablen; hier unterzeichnete er das Edict, welches dem Volke seine Rechte wiedergab, und die Stände zusammen berief; jene geographische Charten sind von seiner Hand gezeichnet; jenen das öffentliche Wohl betreffenden Schriften sind Anmerkungen von seiner Hand beygeschrieben.

Dort lachten Necker und seine Tochter, in jener schrecklichen Nacht, bey dem Geschrey einer bewafneten und wüthenden Menge; dorthin stürzte der Haufe der Mörder *); aus jener verborgenden Thüre flüchtete sich bald nackend die Unglückliche! in die Arme ihres Gemahls; dort fanden Miomandre, Saint-Marie, Varicourt ihren Tod. Sehen Sie hier den Fuß dieser Säule; sie färbten ihn mit ihrem Blute; sehen Sie weiter hinunter, der Flecken ist noch da.

Von hier aus sehen wir Vater, Mutter und Schwester, und die bleichen Kinder, den Tod auf ihrem Gesichte, durch eine dichte Reihe von Dolchen hingehen, und in ihre von allen Seiten bedrängte Wagen steigen; zum letztenmale warfen sie auf uns und auf diese Stätte einen kummer- und thränenvollen Blick, und verschwanden auf immer aus den Augen des vor Erstaunen starren Versailles, das, aber nur zu spät, bemerkte, daß die Stunde seines Unterganges geschlagen hatte.

Noch sprachen diese guten Leute mit mir, als ich niedergedrückt und verfolgt durch diese Phantome, und zerrissen durch diese Gemählde von Elend und Größe, von Glück und Unglück, von Verbrechen und Tugend, gleich einem Reisenden, der aus eine Schlange getreten hat, diese langen Gallerien, die gebrochenen Marmorwerke, diese großen, durch Mordthaten besudelten Zimmer floh.

Jetzt erblickte ich die Capelle. Ich fühlte das Bedürfniß, im Schoosse der Gottheit die Ruhe zu suchen, die mein Herz wünschte; ich drang in die geheiligten Gewölbe; aber ich fand nicht mehr den Gott meiner Väter. Auch aus diesem Heiligthume, welches so lange von erhabenen Accorden ertönte, wo so lange ein ihm würdiger Weyrauch brannte, hatte die alles verheerende Philosophie ihn verbannt; einige an Säulen gelehnte Arbeiter, Werkzeuge einer kindischen, großer Reformatoren unwürdigen, Rache, verstümmelten den Marmor und seine Wunder, um die darein gegrabenen Lilien zu vertilgen. *) Aus Christi Glorie machten sie eine rothe Mütze, und der Jungfrau gaben sie eine Pike in die Hand. Die zerstörten Altäre waren nur noch ein Haufen von Ruinen; die Beichtstühle waren verschwunden; aber trotz dieser Schmach des Atheismus, trotz dieser Entweihung der Unwissenheit, ist dich das Siegel, welches das Genie des großen Jahrhunderts allen seinen Werken aufdruckt, so stark, daß es den Barbaren nicht gelungen ist, die Gottheit ganz aus jenem herrlichen Tempel zu verdrängen. Sie athmet in jenen Werken von Bronze, unter jenen Gewölken, auf jenen Teppichen; überall scheint ihre Gegenwart uns zu umgeben; unwillkührlich beugen sich Eure Kniee. Ich sah den wilden, mit dem Blute seines Bruders und des Leviten der Vendee gefärbten Soldaten, aus unwiderstehlicher Macht, seine Hand an den Helm legen, und auf die Strahlen jener Glorie, die noch über den großen Altare schwebt, einen scheuen und frommen Blick wenden; -- so sehr hat die Kunst überall ihre unsterblichen Merkmale einzudrücken gewußt!

*) Hoffentlich wird bald ein Decret der Natur die Pflicht auflegen, bey Strafe, als Beleidigerin des französischen Volks angesehen zu werden, diese Blume im ganzen Umfange des Gebiets der Republick nicht mehr wachsen zu lassen; es ist ärgerlich, sie den Operationen der Weisheit und Politick unaufhörlich entgegen wirken zu sehen.

Aber der Tag neigt sich; schon verlängern sich um uns herum die Schatten; die Sonne verbreitet nur noch sterbende Strahlen. Jene lange Colonade, jene ins Graue fallende Mauern fangen an, sich zu verdunkeln; das Weisse jener unzähligen Statüen mischt sich unmerklich in das düstere Grün der sie umschattenden Bäume. Ich höre nur noch das traurige Geschrey des Nachtvogels und jenes ferne Geräusch, das sich von der Stadt her erhebt, und mit dem Tage abnimmt; jene Stätten, einst glänzend zur Nachtzeit durch tausend Leuchten, vor welchen die Sterne verblichen, begraben sich in einer Düsterheit; finster wie das Grab, das ihren ehemaligen Besitzer umschließt. Ich eile von dannen.


Von Reisende.[]

Dr. Johann Friedrich Droysen.

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[1801]

Von Paris nach Versailles kann man sehr wohlfeil kommen, es halten beym Revolutionsplatze mehrere 100 Wagen, mit ein oder zwey Pferden bespannt, welche vier bis sechs Personen fassen können, und im steten Trott die 5 Lieues für 6 Livres zurücklegen. -- Man sitzt freylich etwas unbequem, aber doch bedeckt. Der Weg führt längs der Seine hin durch eine wahrhaft reitzende Gegend. Die Seine bildet hier mehrere fruchtbare, grüne Inseln, ihre Ufer sind mit Fruchtgärten bekleidet und allenthalben ragen Schlösser, Landhäuser und einzelne Wohnungen hervor. Sevres liegt auf dem halben Wege, merkwürdig wegen der großen Porzellanfabrik der Nation. Der Vorrath an fertigen Arbeiten war in mehreren Sälen aufgestellt, und die Schönheit der Farben und Zeichnungen, so wie der Formen übertrifft bey geringern Preisen, das Deutsche Porzellan.

Versailles mit seinem schönen Schlosse zeichnet sich von der Seite nach Paris zu nicht vortheilhaft aus. Diese Seite des Schlosses ist alt, winkelig und unregelmäßig, aber doch durch die Begebenheiten merkwürdig, welche hier in jener schrecklichen Nacht vorfielen. -- Hier stand das Gitter, welches die beyden Flügel verband, und welches die Schweizer so tapfer vertheidigten. Ueberall findet man noch die Spuren der gewaltsamen Zerstörung. Die Trophäen, Urnen und Bildsäulen auf dem flachen Dache der schönen Façade nach dem Garten zu sind verstümmelt, verletzt und beschädigt. In dem untern Stocke, welches jetzt von Invaliden bewohnt wird, verschwindet nun vollends jede Spur des ehemahligen Glanzes und der ehemahligen Pracht.

In den Zimmern des zweyten Stocks war unser Führer ein alter Castellan, der Anfangs nur einsylbig unsere Fragen beantwortete, bald aber, wie wir sein Zutrauen gewannen, mit Rührung bey den Plätzen verweilte, die durch die Leiden der unglücklichen königlichen Familie in jener Schreckenszeit merkwürdig, ihm heilig geworden waren; und mit der Umständlichkeit des Alters und der Liebe setzte er diese traurige Geschichte auseinander. –

Von allen Mobilien und Kostbarkeiten, welche ehemals diese Zimmer schmückten, war nur eine Commode der Königinn und eine sehr kostbare Vase übrig geblieben, alles übrige war zertrümmert, zerschlagen und gestohlen. Die leeren Wände waren nun mit den Gemählden der neuen Französischen Schule gefüllt, und ihre Zahl so groß, als ihre Aufstellung zweckmäßig. -- Statt der alten königlichen Mobilien waren kostbare Stücke aus den Wohnungen der Emigranten und aus den Klöstern aufgestellt, und machten ein Museum der Central-Schule des Departements ''de la Seine et l'Oise'' aus.

Die königliche Bibliothek war der Central-Schule zugetheilt und in dem ehemahligen Ministersaale und Archiven aufgestellt, sie ward zu 65000 Bände angegeben, man zeigte uns ganz insgeheim ein Werk, welches die Gemählde der königlichen Familie enthielt und versteckt war. –

Das Museum der Naturgeschichte für die Central-Schule bestand aus mehreren Sälen, in welchen die Doubletten aus den Pariser Sammlungen aufgestellt waren; für die Zoologie, Mineralogie und Botanik waren bedeutende Schätze und seltene Stücke zusammengebracht. In einem andern Saale waren Kleidungen, Waffen, Hausgeräthe fremder Völker gesammelt, und unter der Aufschrift Simulacres des différents cultes 1) standen Opfergeräthe, Götzenbilder heydnischer Völker, zu welchen man ein Crucifix gestellt hatte. Alle Stücke waren ziemlich wissenschaftlich geordnet und mit Nahmen bezeichnet. Allenthalben wandelten Invaliden umher, um auf die Befolgung der Inschrift: Respect aux proprietés nationales 2) oder Voyons, et ne touchons rien 3) Achtung zu haben. –

1) Bilder verschiedener Gottesverehrung.
2) Achtung für das Eigenthum der Nation.
3) Sehen, aber nicht anrühren.

Die Capelle im Schlosse, so wie der große Opernsaal geben noch hinlängliche Beweise von der ungeheuren Pracht und Verschwendung, welche hier unter den Ludwigs herrschte. Der Castellan versicherte, daß zur Erleuchtung der Oper bey Ludwig XVI. Vermählungsfeste allein 15000 Lichter gebrannt hätten.

Die große Terrasse nach dem Garten zu, ganz von Marmorstufen, überhaupt die ungeheure Menge des hier allenthalben angebrachten Marmors, die großen Wasserkünste zu Marly, welche dort das Wasser aus der Seine heben, welches hier, eine Deutsche Meile davon, aus unzähligen Fontänen hervorspringt, die einzelnen wirklich schönen Anlagen des Gartens, und die Reste der schönen Statüen, von denen manche erbärmlich verstümmelt, die schönern aber nach Paris geführt sind, machen den Ort noch jetzt, wo er so gewaltig entstellt ist, sehenswerth. Ludwig XIV. welcher eigensinnig die Idee durchsetzen wollte, hier, wo die Natur so nichts, so gar nichts gethan hatte, einen reitzenden Wohnsitz zu erbauen, mußte durch Kunst und Pracht die stiefmütterliche Natur zu ersetzen suchen, -- und so ward selbst der Garten von Versailles nur durch die Kunst schön. -- Die vielen Fontänen, unter denen sich das Bassin der Diana und der Flora durch schöne Gruppen und Figuren auszeichnen, sind wirklich schön. Das in einem Gebüsche angelegte Bad des Apollo von Girandon, wo in einem künstlich erbauertem Felsen die Horen den Wagen des Sonnengottes abspannen, und die Sonnenpferde ins Bad führen, ist reitzend unter Baumgruppen mahlerisch versteckt. -- Die reiche Colonade von 32 Marmorsäulen, die ein Marmorbad einschließen, ist mehr kostbar als schön in der Anlage, und die Wassergrotte, wo aus unzähligen Muscheln und Marmorbecken das Wasser über hintergestellte Lichter rieseln soll, ist als Idee der Königinn angelegt, mit unglaublichem Kostenaufwand ausgeführt, aber nur ein Mahl gebraucht. Die vielen Urnen und Statüen, welche den Garten zieren, sind so viel möglich wieder hergestellt, das Ganze liegt doch jetzt nicht so, wie während der Revolution ohne alle Cultur, der Rasen wird erhalten, die Gänge werden gereinigt, und der völligen Zerstörung wird entgegen gewirkt.

Die Gewehrfabrik in Versailles beschäftigt jetzt noch 360 Arbeiter in einem ungeheuer großen Gebäude, alle Arbeiten werden stückweise bezahlt, und nur einzeln ins Magazin geliefert; ich habe hier ganz vortreffliche Arbeiten gesehen; besonders zeichneten sich die Jagdflinten des General Moreau durch saubere, geschmackvolle Arbeit aus. Die Ehrenpistolen sind mit allem Zubehör in Kasten eingepackt und ganz vortrefflich gearbeitet, es war hier unter andern ein solches necessaire mit der Aufschrift pour le premier trait de bravour sur le sol Anglais, und ein anderes mit der Inschrift: pour le General St. Michel, le premier Consul. Die Ehrenflinten haben ein Schild, worauf der Nahme und die That des Helden eingegraben ist. –

Weniger scheint auf Gross-Trianon verwandt zu werden, dieses von Marmor in einem guten Geschmack erbauete Jagdschloß, liegt etwa eine Viertelmeile von Versailles, steht leer und öde, die zum Theil zerschlagenen Fenster sind nicht einmahl wieder gemacht, und zwischen den Marmorfugen der Treppe keimt das Gras hervor.

Klein-Trianon, einstens Antoinettens Lieblingsaufenthalt, war in seiner Zeit gewiß ein liebliches Plätzchen. Den Eingang zu einem reitzenden Englischen Garten bildet ein schönes Wohnhaus, jetzt von einem Restaurateur bewohnt und gemiethet, der öffentliche Feste, d. h. Ball, Illumination und Feuerwerk in dem reitzenden Garten veranstaltet. Noch in den Trümmern, an denen die zerstörende Zeit und der Muthwille der ungehinderten Menge ihre Kraft ausüben, erkennt man das Reitzende dieses ehemahligen Sitzes der gebildetsten, verfeinertsten Freuden der Sinnlichkeit. -- Ermitagen, schöne Baumgruppen, ein Schweizer-Dorf, Lauben, ein lieblicher Tempel der Liebe (Der Gott dieses Tempels, der den Bogen schnitzt, steht noch in Versailles), dunkele Gänge, welche auf einsame Hütten zuführen, ein kleiner See, Anger und Fluren wechseln reitzend in diesem lieblichen Garten. -- Hier, wo ehemahls der höchste Glanz von Europa sich zur Freude versammelte, war nur für den geringen Preis von 3 Livres Entrée ein Fest angeordnet, welches durch seine Armseligkeit und Geschmacklosigkeit für den, der den ehemahligen Glanz dieser Gegend kannte, nur durch den lebhaftesten Contrast, und für den, der diese Gegend zum ersten Mahle sah, nur durch den lauen, schönen Sommerabend und den lieblichen, reitzenden Ort Interesse haben konnte. –


Quellen.[]

  1. Geographisch- Historisch- Statistisches Zeitungs-Lexikon von Wolfgang Jäger, Professor der Geschichte zu Landshut. Landshut, bei Philipp Krüll, Universitätsbuchhändler. 1811.
  2. Minerva. Ein Journal historischen und politischen Inhalts. Herausgegeben von J. W. v. Archenholz. Hamburg 1796.
  3. Dr. Johann Friedrich Droysen's Bemerkungen gesammelt auf einer Reise durch Holland und einen Theil Frankreichs im Sommer 1801. Göttingen bey Heinrich Dieterich. 1802.
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