Von Bastille bis Waterloo. Wiki

Schwetzingen.[]

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Schwetzingen, kurpfälzischer Flecken mit 1633 Einwohnern, theils Reformirten und Lutheranern, theils Katholiken, wovon jede Religionsparthey ihre Kirche hat, 1 Meile westlich von Heidelberg, von wo aus eine Allee dahin führt. Das Schloß daselbst war seit 1720 der gewöhnliche Sommeraufenthalt des kurfürstl. Hofs. Unter die vorzüglichsten Merkwürdigkeiten gehören das Komödienhaus mit seinen in Form eines halben Cirkels neugebauten 2 Flügeln, die in vortrefflichsten Geschmacke angelegten weitläufigen Gärten mit ihren Alleen, Gebüschen, Lauben, Terrassen, Orangeriewald, Fontainen, Cascaden, Statuen, Bädern und Teichen. Im J. 1749 ließ der Kurfürst von hier bis zum Rhein einen Kanal graben, um die Gegend noch angenehmer zu machen. Dieser Marktflecken, welcher in einer fruchtbaren Ebene liegt, gehört zur Badischen Provinz des Niederrheins und ist der Sitz eines Amts, welches in 11 Ortschaften und 3 Höfen 8215 Seelen im J. 1802 enthielt. Im J. 1810 wurde es zum Neckar-Kreise gezogen.


Von Reisende.[]

August Josef Ludwig von Wackerbarth. [2]

[1791]

Eine anmuthige Nussbaumallee brachte uns in zwei Stunden von Heidelberg nach Schwezzingen, dem schönsten Garten im ganzen heiligen römischen teutschen Reiche. Der Ort selbst ist ein unbeträchtliches Marktflekchen; seine Einwohner nähren sich fast blos von den Fremden, welche den hiesigen Garten besehen. Das Schloss ist von rothen Steinen auferbaut, dabei unansehnlich, klein, hat ein Paar schreklich grosse Uhrblätter auf beiden Seiten, und steht am Eingange jenes Paradieses. Ich glaube in der That, das Paradies des alten Adams und der neugierigen Eva kann bei weitem nicht so reizend gewesen seyn, als der Garten von Schwezzingen ist.

Man geht durchs Schloss, tritt in den Garten; sieht nichts als ein grosses Bassin, mit Wasser gefüllt und mit Seegöttern von Bronze ausgeschmükt; in der Ferne wird man blos einige lande Gänge zwischen grünem Laubwerke gewahr; und man geräth in Versuchung, zu glauben, dass an dem Garten wohl nicht gar viel seyn möchte, weil man beinahe nichts erblikt.

Doch zeigte uns unser Führer bald die Merkwürdigkeiten und schönsten Partien desselben. Der Garten enthält 334 Morgen Landes im Umfange. Hieraus wird man sich leicht einen Begriff von der ungeheuern Grösse desselben machen können. Der jezige Kurfürst von Pfalzbaiern liess ihn vor 34 Jahren mit unglaublichen Kosten anlegen und noch kostet er jährlich 37,000 Gulden zu unterhalten. Wie viele arme Menschen können durch dies Geld nicht glüklich gemacht werden!

Dieser ganze Garten ist wieder in verschiedene kleine getheilt. So giebt es einen teutschen, einen holländischen, einen französischen, einen englischen, einen chinesischen, einen türkischen, einen indischen, einen amerikanischen, einen botanischen, einen Thiergarten u. s. w. Jeder ist ganz nach dem Geschmakke seines Landes eingerichtet, so dass man hier in Schwezzingen die Lieblingsneigung so vieler, weit abgesonderter Erdeinwohner zusammen fast mit einem Blikke übersehen, vergleichen und bewundern kann.

Ausserdem sah ich noch darin vortreffliche Lusthäuser, sehr schöne Statuen von Marmor, niedliche, überraschende, helle und finstere Gänge, dunkle Grotten, weite Aussichten auf zehn und mehrere Meilen, unvermuthete hohe Wasserfälle in schneeweissem Marmor gemeisselt, Urnen ohne Zahl, Obelisken, Pyramiden, römische Wasserleitungen, Bäder, Prospekte, täuschende Gemählde, Tempel, Bethäuser, türkische Moscheen, alles mit goldenen Aufschriften und Weisheitssprüchen geziert. Im botanischen Garten fand ich ein schönes Denkmal des grossen Linné. Es bestand in einem Tempel, in dessen Mitte die Göttinn Flora, treflich in Marmor gehauen stand, sie hielt in der Hand ein Papier, mit der Aufschrift: Karoli Linnei Systema Plantarum. (Karl Linné's Pflanzensystem.)

Die arabischen Aufschriften der grossen türkischen Moschee, über deren Pracht und Schönheit in Teutschland gewiss nichts geht, und an deren Vollendung immer noch gearbeitet wurde, gefielen mir besonders wohl. Gleich am Eingange standen auf schwarzem Marmor mit grossen goldenen Buchstaben folgende zwei morgenländische Aussprüche der Weisen eingegraben:

Auf der rechten Seite:
In den Sommertagen sey der Ameise gleich.
Auf der linken Seite:
Wegen der Rosen begiest man die Dornen.

Inwendig war der Tempel von grünem Stein erbaut, sah vortreflich aus, und folgende Aufschrift gefiel mir unter mehrern andern am besten:

Rechts:
Erwirb die Gold, so viel du brauchst,
Und Weisheit, so viel du kannst.
Links:
Reichthum und die Welt vergegn;
Gute Handlungen bestehn.


Das Grabmal des Muhamet, die biegsamen, schlanken babylonischen Weiden, die sich drehende Brükke, die langen Teiche, die rieselnden Bäche und hundert andere Dinge zogen unsere Aufmerksamkeit lange an sich. Noch sahen wir ein Kunststük, das hier gewiss einzig in ganz Europa ist, nemlich die Vogelhäuser, von grünem Laubwerk. Ausgestopfte Vögel von den seltensten Farben und verschiedensten Arten aus allen Welttheilen sassen hier auf Stangen befestigt, zwischen durch zeigten kleine und grosse Schlangen ihre Häupter u. s. w. Auf einen Druk unsers Führers an einen Hahn, spieen alle diese sonderbaren Geschöpfe Ströme von Wasser, und auf einen andern Druk hörten sie alle wieder auf.

Wir verliessen endlich, bezaubert von den Reizen dieses vortreflichen Gartens, alle diese Kunstwerke und wanderten in einer schönen Allee nach Mannheim zu, das nur drei Stunden davon entfernt ist. Auf einmal war ich allein: ich sah mich um, und mein Freund war verschwunden. Endlich ergriff ich mein Sehrohr, und zu meinem Erstaunen sah ich ihn jezt, die Länge lang ausgebreitet, unter einem Lindenbaume weit hinter mir zurük liegen, und vom heiligen Dichtergeiste beseelt, Verse in grosser Geschwindigkeit auf seine Schreibtafel niederschreiben. Ich nie zum Dichter geboren, weidete meine Augen noch einmal an den schönen Gebirgen von Heidelberg und auf der entgegengesezten Seite an den jenseitigen Bergen des Rheins, der hier ganz in der Nähe vorbeifliesst, bis endlich mein Freund wieder zu mir kam und wir so beide vereint nach Mannheim fortgiengen. (>>>)


Quellen.[]

  1. Geographisch- Historisch- Statistisches Zeitungs-Lexikon von Wolfgang Jäger, Professor der Geschichte zu Landshut. Landshut, bei Philipp Krüll, Universitätsbuchhändler. 1811.
  2. Rheinreise herausgegeben vom Freiherrn v. Wakkerbart. Halberstadt in der Buchhandlung der Grossschen Erben, 1794.