Von Reisende.[]
F. J. L. Meyer.
Brüssel. Die Lage des Schlosses Laken, an dem Brüssler Kanal, ist äusserst angenehm, und ich kenne nichts heiterers und nichts, was den schönen und leichten Stil überträfe, worin es vor etwa zwanzig Jahren von einem französischen Architekten Montauger erbauet ist. Die Erzherzogin Christine hatte selbst die Lage, auf einer Anhöhe sehr glüklich gewählt. Das Schloss besteht bloss aus einer Hauptetage, über deren reichem Portal von sechs korintischen Säulen, sich ein leicht gewölbter Dom erhebt. Dieses bildet den runden, von oben herab beleuchteten herrlichen Hauptsaal, von einem zartkörnigten weissen Sandstein. Seine Verhältnisse und Dekorationen sind gefällig und edel. Das Gesimse wird von zwölf jonischen Säulen getragen, zwischen welchen eben soviel Basreliefs eingemauert sind. -- Die prächtige zu einer Mezzanine führende Treppe, scheint mir der einzige Misgriff in dem Plan des Schlosses zu seyn. Sie ist schön, aber zu reich, zu breit, und zu viel fordernd für den Zweck zu einem Zwischenstok von kleinen Wohn- und Schlafzimmern für die Hofleute und Bediente zu führen. -- Die Gipsdecken und eingelegten Fussboden der untern Säle, sind geschmackvoll, mit erfinderischer Mannigfaltigkeit angelegt und unverlezt. Uebrigens ist das Schloss ausgeleert und öde. Schon während der innern belgischen Unruhen unter Joseph II ward ein grosser Theil der kostbaren Hausgeräthe und bei der Annäherung der französischen Armee das übrige feste und unfeste in dem Schlosse nach Deutschland gebracht. Alles, selbst die marmornen Kamine und vergoldeten Thürbeschläge, ward mitgenommen. Dann hielt die belgisch-französische Armee mit dem Volksrepräsentanten Juspié an ihrer Spize, die Nachlese von Sachen geringern und des geringsten Werthes, welche auf hundert und dreyzehn Wagen, nach Brüssel geschleppt, und verkauft wurden. Der Repräsentant Juspié, räuberischen Andenkens, seines Handwerks ein vormaliger Pariser Trödler, verschleuderte das alles an seine Zunftgenossen. Die äussern Beschädigungen des Hauses und in dem Parck, an Tempeln, Stauen und Denkmälern (unter welchen auch das Todtenmal, welches die Tochter ihrer edlen Mutter Maria Theresia sezte, nicht verschont ward) werden allein der rasenden Verheerungswuth der vormaligen belgischen Truppen von der Zucht van der Noot und Eupen zugeschrieben. Nachdem diese Pöbelhelden ihr Spiel geendigt hatten, warfen sich ihre Lohnknehte in die französischen Armeen, rückten mit diesen zuerst in das Land ein, und fielen nun wie wüthende Hunde das Eigenthum ihrer vormaligen Herren an. Sehr naiv antwortete ein französischer General den Aufsehern des Schlosses, die über diese Zerstörer bei ihm klagten: "schiesst die Hunde nieder; nur muthet mir nicht zu, dass ich sie von ihrer Arbeit anhalte." Von der Gallerie des Doms herab beherrscht man weit umher die Gegend, den Park mit seinen buschichten und lichten Partien, die Wiesen mit den malerischen Bäumengruppen und dem Wasserspiegel, den Kanal bis nach Brüssel, die Felder und Hügel des jenseitigen Ufers. Eine grosse lachende Landschaft. Sie ist noch reicher von dem chinesischen Thurm auf der Höhe des Parks anzusehen, wo man hundert und vier und zwanzig Fuss von der Erde, aus dem elften Stockwerk den ganzen Horizont Belgiens umfasst. Schön und traulich liegt in dem Park der Tempel der Freundschaft, gegen die Nordstürme von einer dichten Buschwand geschüzt, und gegen den milden Himmelsstrich hin offen. Von den übrigen Anlagen dieses Parks lässt sich nicht urtheilen, da alles wild verwachsen, und seit zwölf Jahren keine Durchsicht zwischen den Bäumen und Büschen hin geöfnet ist. Doch scheint es, dass der Ort zu malerischen Ansichten und Gesichtspunkten nicht genug benuzt ward, und das ist wenigstens nicht der Schuld der Natur und des Bodens von Laken. -- Ueberhaupt steht die Gartenkunst mit andern Künsten des Friedens, unter den Neubelgiern noch auf einer niedrigen Stufe, soweit ich ihre Früchte gesehen habe.
Quellen und Literatur.[]
- Briefe aus der Hauptstadt und dem Innern Frankreichs, von F. J. L. Meyer Dr. Domherrn in Hamburg. . . Tübingen in der J. G. Cotta'schen Buchhandlung. 1802.

