Von Bastille bis Waterloo. Wiki

Metropolitan Museum of Art


S. Cloud.[]


S. Cloud,[1] Flecken in der Isle de France, an der Seine, 2 Meilen von Paris mit 1500 Einwohn. und einem königl. Schlosse, welches der Herzog von Orleans besaß. Jezt ist es eine gewöhnliche Residenz des Kaisers. Die Pariser bedienen sich der hiesigen Annehmlichkeiten sehr oft, und das Obst, sonderlich die Pflaumen, sind hier von vortrefflichem Geschmack. Auf dem Schlosse sit König Heinrich III. 1589 meuchelmörderischer Weise von einem Mönch erstochen worden. Der Flecken selbst gehörte dem Erzbischof zu Paris, als ein Herzogthum. Er hat eine Porcellanfabrik, welche sehr feine Waare liefert.


British Library.


Von Reisende.[]

F. J. L. Meyer.[]

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[1801]

Paris. In der Gegend weit und breit um Paris ist der herrliche Park von St. Cloud mein Lieblingsort. Auf seinen Höhen, durch die Tiefen und Gänge an der Seine hin, schweife ich in den Abendstunden umher, bis die Sonne sinkt, und der Mond sein mildes Licht in die breiten Gänge, in den Strom und auf die Wasserspiegel streuet. Der Park trägt le Nostre grossen Karakter in allen seinen Theilen. Sein Schöpfergeist hat die glükliche Lage des weiten Umfangs ganz benuzt, und die schöne Vegetation, besonders in den tiefern Gründen, kam ihm zu Hilfe in der Anlage grosser und erhabener Partien. Dieser Karakter ist unverwüstet geblieben, nachdem selbst der gröste Theil des Parks verwildert ist. Man hat die breiten Gänge am Abhange und die Plätze auf der Höhe, zu Saatfeldern benuzt, und dadurch einige Ansichten noch verschönert. Von dem Hügelrüken schweift der Blik frei über Wald und Feld an den weiten Horizont hin. Der hohe Dom des Pantheons erhebt sich im Gesichtspunkt der breiten durchsichten des Waldes. Ich will den Parisern ihre Freude an den neuern Wasserkünsten und Springbrunnen gönnen, welche Sonntags viele Menschen herziehen. Mir erscheinen sie gegen die Grösse dieses ganzen der Natur als kleinliche Künsteleien, wodurch ein le Nostre seine Schöpfung nicht entstellt hätte. -- Mir ist die Stille dort auf den entferntern Höhen des Parks lieber; das melancholische Girren der hier nistenden Turteltauben, der Gesang einsamer Vögel, -- der Mondstrahl, welcher hier durch das Gebüsche schleicht, und dort die hohen Lindengänge verherrlicht. -- -- Das Schloss von St. Cloud ist noch ziemlich gut erhalten; besonders die Reihen der königlichen Wohnzimmer, welche vor zwölf Jahren eingerichtet, und von Ludwig 16 mit seiner Familie in den beiden vorlezten Sommern seiner Regierung bewohnt wurden. Man hat sogar die sonst allenthalben vertilgten Namenszüge der Königin an der Wandtäfelung ihrer Zimmer gelassen, und an dem Kamingesimse blieben die eingelegten Krönungsmedaillen unberührt. Sauvage's schöne Werke, grosse und täuschende Basreliefgemälde sind in der Kapelle Denkmale seiner Kunst. Mit geringem Kostenaufwand würde das Schloss wieder bewohnbar gemacht werden können. Man sagt Bonaparte werde es mit seinem kleinen stillen Malmaison vertauschen, und hier künftig wohnen; "und von hier nach Versailles," sezen die so gern mit Worten und Sachen tändelnden Pariser hinzu. "Il n'y a qu'un pas" *) (ist ja nur ein Schritt.) -- Bis zu der Epoche des 18ten Brumaire, und der ephemeren Residenz der beiden Direktorial-Räthe, was das Schloss einem Speisewirth verpachtet, der hier seine Lärmfeste gab. In der reichen Gallerie (Gallerie d'Apollon) versammelten sich, am 19ten Brumaire der Rath der Alten, in dem schmuzigen, schmalen Orangeriesaal die Fünfhundert. Ich stand hier wenige Schritte von der Thür an der Stelle, wo Bonaparte unbewafnet dem Sturm der gegen ihn eindringenden Feuerköpfe einige Augenblike aushielt, dann auf der Schlossterrasse mit einem Wink den versammelten Truppen die Losung gab, und die Regierung Frankreichs umformte. Als der Saal durch die Grenadiere aufgeräumt war, fand man neben der Stelle, wo Bonaparte stand, einen Dolch.


Chateau de Saint Cloud (Coté du Fer à Cheval.)


Helmina von Chézy.[]

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[1803]

Spazierfahrt nach St. Cloud.

Brief an Fräulein Auguste von H. in Berlin.

Paris den 1. Vendemiaire XI.

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Château de St. Cloud.

Château de St. Cloud.

Wir fuhren nach St. Cloud, welches eben eingerichtet war. Der erste Konsul bewohnte es noch nicht, allein sobald Madame Beauharnois sich genannt hatte, wurden wir hineingelassen. Der Commandant des Schlosses wurde benachrichtigt und eilte herbey, um uns den Arm zu geben. Es war der General Deriaux, ein schöner junger Mann, der im Feldzuge nach Egypten sechs und zwanzig Wunden bekommen hat. Seine Gesundheit ist schwach, aber sein Ansehn blühend. Er unterhielt uns von den Campagnen seines Feldherrn, und zeigte uns mit der größten Gefälligkeit alles Interessante im Schlosse. Der erste Konsul hat die alte Bibliothek und viele der Meubles, die dort waren, an ihre Stelle gelassen. Seine Zimmer sind sehr prunklos, aber mit Geschmack eingerichtet. Neben seinen Studierzimmer ist eins mit einem Ruhebette, weil er öfters der Ruhe bedürftig bey Tage eine halbe Stunde schläft. In seinem Studierzimmer befindet sich eine große Bibliothek in Wandschränken, ein grünes Sofa mit goldnen Troddeln und Schnüren und ein schöner Schreibtisch. Die Aussicht dieses Zimmers ist eine der schönsten des Schlosses. Der prächtige Park von St. Cloud und hinter ihm Paris mit seinen Thürmen und Höhen breiten sich dort vor dem Blick aus. Dicht an seine Arbeitszimmer stößt das seines Sekretärs. Es hat dieselbe Aussicht und ist äußerst hübsch meublirt und mit einer Bibliothek geschmückt. Nebenan stoßen noch ein Kabinett und ein Schlafzimmer für ihn; die elegante sorgfältige Einrichtung dieser Zimmer beweist, daß der Konsul den liebt, dem es sie bestimmt hatte. -- Die Einrichtung dieses Schlosses hat sechs Millionen Franks gekostet. Die Zimmer tragen alle Gepräge der Simplicität und prunkloser Schönheit, die ein hübsches Landschloß charakterisiren müßen. In dem Flügel, den Madame Bonaparte bewohnt, ist mehr Pracht als in den Zimmern des ersten Konsuls. Hier befindet sich die schöne Gemäldegallerie, die sich stets dort befand, aber sie ist nun von verschiedenen Gemälden aus dem Museum von Paris und dem von Versailles verschönert; auch viele neue Gemälde von jetzt lebenden Künstlern schmücken sie. Der erste Konsul zu Pferde von David und Madame Bonaparte von Gerard befinden sich hier, aber nur in der Kopie. Viele Wanduhren, Leuchter, Vasen und Meubles aus Versailles aus den Zimmern der verstorbenen Königinn befinden sich nun zu St. Cloud in denen der Madame Bonaparte. Sehr schöne Landschaften schmücken die Wände, auch Gemälde von den Feldzügen des ersten Konsuls sind hier. Der erste Konsul hat meistens die Brabanter Tapeten in seinen Zimmern gelassen, allein in denen der Madame Bonaparte sind alle Tapeten neu. Ihr Badezimmer ist besonders hübsch, durch eine besondere Stellung der Spiegel erblickt man es unzählich vervielfältigt. Die Gardienen, Schirme, Drapperien, Tapeten und Teppiche darinn sind himmelblau mit Silber. Ein Saal neben diesem Badezimmer zeichnet sich besonders aus. Er ist mit himmelblauem Stoff, worinn goldne Rosensträuße eingewirkt sind, bekleidet. Die Gardinen sind himmelblau mit goldnen Franzen und Troddeln, die Stühle und Sopha von gleicher Farbe, mit goldnen Rosen durchwirkt. Die Schönheit der Tische in Mosaik, hetruskischer Arbeit, Perlemutter und Marmor ist unvergleichlich. Einige Tische sind von egyptischen Steinen, die der ersten Konsul mitgebracht hat; andre antike und aus Italien. Auch der Schauspielsaal ist sehr geschmackvoll. Es werden öfters von der Familie selbst Schauspiele aufgeführt: Michaut, der Direktor des Theaters zu Malmaison, ein Mann von ausgezeichnem Talent, der stets in seiner Rolle ganz Natur ist, und sonderbarer Weise nicht nur Ifflands's Stimmer und Minenspiel, sondern sogar seinen Wuchs und sein ganzes Aeußere hat, lehrt die Damen von der Familie des ersten Konsuls spielen. Ueberhaupt sucht die Regierung die schönen Künste zu befördern. Der erste Konsul, der vielen Schönheitssinn hat, thut es nicht sowohl aus Liebe für Frankreichs Künstler als aus Geschmack, und seine Damen folgen gern seinem Beyspiel. Madame Bonaparte besonders bemüht sich eifrig, die Beschützerinn der Kunst zu seyn. Sie kauft und bestellt Kupferstichsammlungen, Prachtausgaben, Statüen Canora's, u. s. w. sie unterhält sich anhaltend und mit vieler Theilnahme mit Künstlern. Sie vereinigt viel Herzensgüte mit einem natürlichen bescheidenen Verstande, und mit richtigem Gefühl für das Schöne. Alles, was sie umgiebt, liebt sie, und ist durch sie glücklich.

Man führte uns zur Kapelle, in welcher noch Matrazen und andre Dinge lagen, welche man bis jetzt dort aufgehäuft hatte. Man hatte noch keine Anstalt gemacht, sie in Ordnung zu bringen; wir wurden zuletzt in den Garten geführt, der vom öffentlichen Park abgesondert ist. Ich liebe diesen kleinern Park nicht so wie den öffentlichen mit seinen uralten majestätischen Linden und seiner herrlichen Aussicht auf die Seine hin.

Im Schlosse sind für die Konsuln, Generale, Adjutanten und Minister noch hundert und funfzig Wohnungen mit allen Bequemlichkeiten zubereitet, um dort bey Gelegenheit großer Feste die Nacht zubringen zu können. Drey Generale der Wache der Konsuln wechseln alle vierzehn Tage auf dem Schlosse mit dem Commando und der Wache ab, so daß jeder drey Monat im Jahre dort Dienste thut.

Ich dankte Madam Beauharnois sehr für das Vergnügen, welches sie mit durch den Anblick dieses schönen Schlosses gemacht hatte. Unser Freund R. in Berlin hatte mir einst, als ich von all der Schönheit von Frankreich noch keinen Begriff hatte, gesagt: St. Cloud ist das irdische Paradies! ich rufe es jetzt mit ihm aus. So oft ich es gesehn habe, hat es mich entzückt. -- Wie gern, liebe Auguste, macht ich hier mit ihnen einen Spaziergang! . . . .


Helmine von Chézy.[]

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St. Cloud.

Brief an meinen Neffen August und Adolf H. in Heilsberg.

Liebe Neffen, es muß euch bey euerm kindischen Sinn dort in Westpreußen gar drollig vorkommen, wenn euch gesagt wird, daß ihr eine Tante habt, die so weit weg ist, wo ihr weder hingehen noch hindenken könnt, nämlich in Paris. Für euch bin ich wie eine Fee aus einem Kindermärchen, seht ihr mein Bild unter dem Spiegel an, kömmt ein Brief von mir an euern Vater, so ist das alles was euch beweißt, daß ich wirklich bin. . . Ach, liebe Kinder! wie gern möcht ich mehr für euch seyn, wäre gern um euch am vaterländischen Heerde, und sähe euch schön werden, und gros und gut, aber es ist nun einmal so, und will ich nicht anders werden! –

Nun so laßt euch denn wenigstens aus weiter Ferne etwas von eurer Tante erzählen; ein Märchen soll es nicht seyn, denn in unserm Zeitalter wollen weder Kinder noch Alte mehr welche hören; man verlangt Wahrheit, und zugleich soll die Wahrheit so amüsant seyn, wie die Fabel. Auch verlangt man die Wahrheit nicht eben in Gedanken und Schlüssen, welches Gebiet sie in allen guten Märchen behauptet, sondern blos in der trocknen Thatsache, die geschehen ist, und vorgetragen werden soll. -- Du kannst dir denken, lieber August, daß bey so bewandten Sachen der Stoff zum Erzählen öfters fehlen mag, dafür aber sorgt das Schicksal, und läßt Helden und Herrscher erstehen, und groß und wunderbar handeln, und so, Kinder, haben wir immer etwas zu erzählen.

Euer Vater und andre Menschen mehr, werden euch von Napoléon Bonaparte und von seinen weltbekannten Thaten gesagt haben, wodurch er von einem Grafen aus der Korsen-Insel zum Erretter und Erhalter einer Republik, und die Bewunderung der Welt geworden ist. Vor Zeiten geschahen solche Dinge durch Zauberey, und durch Hülfe mächtiger Geister, jetzt aber geschehen sie durch die Größe des eignen Geistes, durch Tapferkeit, Heldenmuth, Beharrlichkeit und Seelenstärke. All diese Gaben kommen von der Höhe, und so selten sie auch sind, können sie auch durch euch, meine Lieben, erlangt werden, und solltet ihr dadurch euch nicht zu Consuln eines Staats erheben, so wird doch unser edler König, und alles was euch kennt und liebt, Freude daran haben. -- Noch seyd ihr zu klein, als daß ich euch von Bonapartes Siegen erzählen sollte; darum sag ich euch nur von seinem schönen Schlosse zu St. Cloud, euer Vater soll euch meinen Brief vorlesen, er selbst ist nicht zu groß, um sich nicht an der Beschreibung zu freuen, und was ihr nicht versteht, das wird er euch schon erklären.

St. Cloud hat seinen Namen von einem Sohne Clodomirs, einem Enkel von Clovis und der Heiligen Clotilde. Dieser Prinz hieß Clodoardus, man verfolgte ihn sehr, und er begab sich in diese schöne Waldung, welche jetzt mit allen Schätzen der Welt prangt, und voll vom Geräusch des Hofes ist, zu jener Zeit, im Jahre 551 nach Christi Geburt aber eine einsame Wüste war, wo dieser Prinz ein Kloster stiftete; aus großer Andacht entblößte er sich selbst von seinem Haupthaar, welches damals eine königliche Zierde war, und welche er abschnitt, um alles zu entfernen, was ihn an die Reichthümer und Eitelkeiten der Welt erinnern konnte.

Das Kloster wurde leer, es wurde darum her eine Burg erbaut, wo König Heinrich der Dritte hinflüchtete, und getödtet wurde von einen Jakobiner, welcher sogleich, als er den König umgebracht, das Opfer seiner That wurde. Dieser Mönch hieß Frère Jacques Clement, in welchen drey Worten auf diesen Königsmörder ein Anagramma gefunden wurde: L'enfer m'a cree (die Hölle hat mich geschaffen). Dieser kühne Mord geschah im Jahre 1580, auf dem Schlosse Gondi in St. Cloud, von wo man Paris übersehen konnte.

Hundert Jahre nachher wurden die alten Dickichte des Waldes gelichtet und in Alleen vertheilt, der königliche Hof von Frankreich hauste dort, und belustigte sich, und die Pariser Welt betrat im schönsten Schmuck den umgeschaffnen Wald. Große kühne Kaskaden spielten nun in künstlichen Sprüngen und Bogen bis an die tausendjährigen Baumwipfel hinauf, wo sonst die wilde Quelle aus den Klüften auf unbetretnen Rasen gesprudelt hatte; und, wo ehedem ein schlichtes Kruzifix Clodoardus frommen Kuß aufgenommen, standen und weiße Marmorgruppen von heydnischen Göttern und Göttinnen. Der Bruder Ludwig des vierzehnten, und zwey Könige nach ihm, hielten hier ihren Hof. Ludwig der 16te lies das Schloß für sich, und für Maria Antoinette neu errichten, und auf das mannichfaltigste und reichste verzieren und ausschmücken. Bald darauf brach die Revolution aus, die Schlösser wurden verwüstet, der König und die Königin enthauptet, und ihr Stamm zerstreut; das ganze schöne Land war in Aufruhr, wo man hin sah, erblickte man blutigen Tod. Damals war St. Cloud leer, die königlichen Zimmer waren in Unordnung, die köstlichen Geräthe und Gemälde, und die goldnen Vorhänge und bunter Tapeten waren mit Spinnweben und Staub bedeckt, und in der reichen Kapelle, wo König vor Gott gekniet hatten, lag unsauberes Geräth, waren die Wände entblöst von den Zierrathen, und die Altäre entweiht. Diese Verwüstung hatte schon viele Jahre gewährt, als der Held Napoléon Bonaparte in entfernten Theilen der Welt drang. Seine Glorie stieg zum Himmel, und Frankreich sank in den Abgrund; als er davon Kunde bekam, eilte er mit Blitzesschnelle von Aegypten nach St. Cloud, wo er mit Hülfe seines Bruders Lucien, und der Freunde der Republik am 18 Brumaire An. 8, oder am 9 Nov. 1800 Frankreich rettete, und seine Ruhe und sein Glück begründet hat.

Sobald dieser Stral von Glorie auf das verwaiste Land geschienen, ist es froh geworden, und steht nun da in verjüngter Schöne. Die Ruinen wurden zu Palästen, die Künste und die unendlichen Arme des Wissens breiteten sich wieder aus, und erstanden in aller Herrlichkeit. Die beseeligende Religion hob ihr weinendes Haupt empor, und erquickte sich an der neuen Sonne. Aus allen Ländern wurden die von des Helden Kriegern eroberten Schätze der Kunst in Frankreich niedergelegt, und das dankbare Volk vertraute Napoléon Bonaparte auf immer die höchste Gewalt.

Unter den vielen Lustorten und Pallästen in und um Paris, hat sich der erste Konsul das Schloß St. Cloud zum Aufenthalt erkohren, und es im antiken Geschmack mit großer Pracht einrichten lassen; es steht nun fertig da, und alle Fremden eilen hin, um die Seltenheiten dort zu sehen.

Wenn man in das Innere des Schlosses tritt, besteigt man eine Treppe mit Marmorstuffen und Seitenwänden von Marmor und Porphyr. Es sind dort hohe Wände mit Spiegeln so eingerichtet, daß man sich immer selbst entgegenzukommen scheint, wenn man heraufsteigt. Die Geländer sind mit Vergoldung und Erz im schönsten Geschmack, und alles ist so ernst und fest gebaut, und in so grossen stolzen Massen, als wenn es ewig dauern sollte.

Der Vorsaal ist besezt mit den Büsten vier tapferer Generale, die unter Bonaparte gesiegt haben und gefallen sind: der schöne jugendliche Hoche, und die berühmten Desaix, Kleber und Dampierre. Von Regnault sieht man hier das Gemälde des Generals Desaix, wie er sterbend in die Arme des jungen Lebrun fällt. Alle Verzierungen sind groß und ernst um diese Erinnerung des Todes her. Ueber die hohe Eingangspforte ist ein weitfaltiger Vorhang von Goldstoff mit Blumen durchwirkt.

Von hier tritt man in die Gemälde-Gallerie, welche bey weitem nicht so groß und glänzend ist als die des Museums, und die bey Lucien Bonaparte. Die Haupt-Gemälde, welche sie zieren, sind: Karl der 8te von Léonardo da Vinci, und Pabst Julius der zweite von Sanzio Raphael.

In diesem Saal stehen hohe Vasen von Porcellan, deren eine ich euch abgezeichnet habe, die ihr im Kupfer finden werdet. Sie ist von dunkelblauem Porzellan, die Blumen und Fruchtranken, die ihr darum her seht, sind von stark vergoldetem Porcellan, und die opfernden Figuren auf dem Basrelief sind von weissem Porcellan auf weissem Grunde, die übrigen Verzierungen sind auch alle golden. Sie ist siebentehalb Schuh hoch, welche Höhe bey dieser Porcellanmasse sehr kostbar und selten ist. Eine gleiche Vase ist vor vielen Monaten nach England geschickt worden.

Die zwey andern Vasen sind von braunem Porcellan, und weniger hoch als diese, statt der Henkel klettert an beiden Seiten ein kleiner Amor an Strikleitern herauf. Alle drey Vasen sind aus der Porcellanmanufaktur von Sevres.

In dem Salle du Conseil ist ein großer runder Tisch, um welchen her der erste Konsul und seine Räthe sitzen. Jeder Platz ist bestimmt und hat ein Schreibzeug und ein Nadelkissen, die Stühle um den Tisch her sind sehr schön vergoldet und mit der reichsten Blumenstickerey geziert, besonders schön gearbeitet ist der große Lehnstuhl vor dem Kamin, auf welchem Bonaparte sitzt.

Auf dem Kamin steht eine antike Büste von weissem Marmor, welche einige Kenner der Antiken aus unsrer Gesellschaft für den Kopf eines jungen Nero erkannten. Auf einer Konsole steht die Gruppe des Nils im Kleinen, wovon sich das Original auf dem Museum Pio Clementinum befindet. Neben dem Nero sind zwey Obelisken mit Schiffsschnäbeln, welche Ebersköpfe haben und daraus hervorsehen, man nennt sie Columna rostrata; die Alten errichteten sie zu Denkmalen berühmter Seekriege; diese zwey Columna rostrata sind vom Kapitol.

Im folgenden Zimmer fanden wir Tapeten, von der Fabrik des Gobelins, worauf der Raphaelsche Parnaß vom Vatikan, und das Urtheil des Paris von demselben Meister abgebildet ist. Lezteres aber ist nicht nach dem Gemälde im Vatikan, sondern nach dem Kupferstich, den Mark Anton nach Raphaels erster Handzeichnung machte, und der Parnaß war mit Veränderungen. Diese Tapeten sind schön und sehr künstlich, sie sind noch von der Zeit Ludwigs des Sechszehnten. Die Bibliothek ist noch geblieben wie sie war, viele Bücher fehlen, und es sieht etwas wild darin aus. Auf dem Tisch lag ein Buch mit Hieroglyphen aufgeschlagen.

Die Kapelle ist Grau in Grau gemalt, welches die halberhobene Arbeit täuschend nachahmt, die Sitze sind von Purpur mit Golde, und der Altar ist köstlich verziert; Gemälde sind nicht in dieser Kapelle. Jeden Sonntag wird hier die Messe gelesen, welcher Bonaparte und seine Familie, nebst den Konsuln und Generalen beywohnt. Die Messe wird mit Gesang und Musik und großer Feyerlichkeit begangen, man kann Gelegenheit finden sie zu sehen.

Der Eßsaal ist ganz mit lakierter Malerey bekleidet, in der angenehmsten Frischheit der Farben und Eleganz. Es ist alles bunt darin, aber nicht grell, sondern in einer Mischung, die das Auge lieblich einladet. Es sind auf den Wänden Figuren aus dem Herkulanum. Man sagt, dieser Saal sey nach der Angabe der Madame Bonaparte, welche sich viel mit den schönen Künsten beschäftigt; sie kauft und bestellt Statüen, Canovas, läßt Künstler auf ihre Kosten reisen, und mehrere Kunstwerke unternehmen. -- Der Kronenleuchter dieses Saals ist von ächtem Kristall de roche, seine Form ist sehr elegant, und er ist besonders lieblich, weil alle Farben des Saales in seinen geschliffenen Facetten wiederspielen, und sich in tausend Veränderungen brechen.

In einem Zimmer hängt das berühmte Gemälde von Guerin: Hippolit vor Theseus. Ihm gegenüber befindet sich ein Remus und Romulus von Pietro da Cortona.

Das Schlafzimmer des ersten Konsuls ist in einem sehr schönen Geschmack, es ist zugleich das Schlafzimmer seiner Frau Das griechische Bett ist mit weissem indischen golddurchwirkten Mousselin verschleyert, der so ätherisch darüber drappirt ist, und schimmert, wie ein goldnes Morgengewölk. -- Ohne Zweifel hörst zu gern von etwas Goldnem, lieber August, und von Edelgestein, da du weist wie es blinkt und flimmert, und da die Kinder gern nach dem Glänzenden greifen; wisse aber, daß, wenn gleich der Glanz an sich die Zierde eines Stoffes ist, so ist deshalb der Stoff doch nicht eher zierlich als bis er in eine schöne Form gearbeitet ist; deswegen ist auch der Glanz des Reichthums nicht erfreulich bis der Reichthum angewandt ist, und bis das Gold das der Reiche besitzt, statt in stummen Hauffen zu liegen, in tausendfachen Formen zur Ergötzung des Auges vor ihm steht. Ich kann die Pracht nicht verachten und schmähen, sobald sie sich mit der Zierde vereinigt, und sinnreich zur Verschönerung des Lebens angewandt ist. Die heidnische Idee von Gottheit ist das Bild eines geistigen Menschen, der im Ueberfluß lebt, und die Schätze der Welt auf Einen Punkt zu seiner Ergötzung vereinigen kann. -- Nichts destoweniger gehen Reichthum und Kunst auf Wiedererschaffung der Natur zurück, alle unsre schönsten künstlichen Werke haben ihren Quell in ihr, und reitzen nur durch die Vergleichung mit ihr. Auch ist das Raffinement der Genüsse, und der Ueberfluß in allem Guten dem Reichen schwer und drückend, und hat er nun auch es mit Goldaufwand und Kunstsinn und Studium so weit gebracht, daß er die wahre herzliche Natur in seinen todten Umgebungen wieder zu finden glaubt, so ist er doch nicht so glücklich dabey, als der Mensch, dessen Bedürfnisse einfach geblieben, und der die Schönheit rein und einzig in ihrer wahren Quelle sucht und findet. Drum meine lieben Neffen, wünsch ich, daß ihr Zeitlebens die einfachen Genüsse und Freuden dem falschen Glanz der Künstlichkeit vorzieht, und daß ihr die Poesie des verfeinerten Lebens nur als Bildniß in euer wahres und simples Leben hineinzieht, denn ihr könnt es mit glauben, daß die Phantasie, und besonders die jugendliche, mächtiger zaubert als die irdischen Schätze, und daß ihre Schöpfungen lebendiger sind und inniger wirken, als alle Werke von Menschenhänden.

Ich könnte euch noch vieles sagen von dem Badezimmer der Madame Bonaparte, wo man seine Gestalt tausendfach wieder erblickt; von ihren Sälen, Gemälden, Stickereyen und andern Sachen, das alles aber steht schon in Büchern geschrieben, wo ihr es finden könnt. Nur von einem ihrer Zimmer will ich euch sagen, wo drey berühmte Gemälde hängen, deren eins: die heilige Jungfrau von der Sedia, von Sanzio Raphael eine Wallfahrt verdiente, wenn es in einer Wüste hienge. Unzähliche Kopien sind von diesem Werke gemacht worden, aber in keiner noch kann man das Original nur ahnden. Wer es noch nicht gesehen hat, der suche das Bild einer jungen schönen Mutter, die vom irdischen Leben nur das Höchste kennt und ahndet, und die Gestalt des Christkindes im innersten Heiligthum seiner Phantasie, und er wird die Madonna della Sedia finden; denn als Gemälde kann dies Werk gar nicht betrachtet werden, es ist eine göttliche Erscheinung, die sich dort auf immer niedergelassen, und deren herrlichste Weyhe dem Künstler ward, der sie zuerst schaute.

Der Madonna gegenüber hängt die Hochzeit der heiligen Catharina, eines der ersten Werke vom Correzzio, und das berühmte Gemälde aus dem Palazzo Pitti von Rubens.

Beym Herausgehen im Vorzimmer fanden wir den Plan der Schweiz, wo die Seen von Spiegelglas, und die Berge und Waldungen von grünem Kies gemacht sind; nach diesem richtigen und schönen Plan hat der erste Konsul, wie man uns sagte, seine Kriegsplane auf Italien und die Schweiz gemacht.

Ein andermal, liebe Neffen, erzähl ich euch mehr von St. Clouds Herrlichkeiten, und von dem Leben des Helden, der es bewohnt. Bewundert seine Größe und freut euch, daß ihr so jung seyd, und auch noch zu etwas Rechtem werden könnt, wenn ihr weise genug seyd, euch die Mühe nicht verdriessen zu lassen, denn alles was köstlich ist, muß errungen werden.

Helmina.


Zeitungsnachrichten.[]

1806.[]

[5]

Frankreich.

Am 13. Jul. legten nach der Audienz zu St. Cloud nachstehende Personen ihren Eid in die Hände des Kaisers ab: die Senatoren Beurnonville und Primat (Erzbischof von Tours), der Div sionsgeneral Lapoipe, der Brigadegeneral Boyer und der Adjutant-Commandant Duveyrier.


1812.[]

Paris, den 22sten July. [6]

Se. Durchlaucht, der Prinz Erzkanzler, war gestern zu St. Cloud, um Ihrer Majestät, der Kaiserin und Königin, seine Huldigung darzubringen. Die Großbeamten des kaiserl. Hauses hatten die Ehre, auch bey Ihrer Kaiserl. Majestät zugelassen zu werden.

Se. Majestät, der König von Rom, hat seit einigen Tagen das Schloß zu Meudon verlassen, und wohnt jetzt im Schloß von St. Kloud.


Paris, den 28sten July. [7]

Vorgestern, Sonntags den 26sten July, empfingen Ihre Majestät, die Kaiserin und Königin, nach der Messe im Pallast von St. Kloud in der Gallerie die Huldigungen der Mitglieder der verschiedenen Korps und der vorgestellten Personen. Nachdem sich Allerhöchstdieselben nach diesem Cerkle in den Thronsaal begeben, hatten die Prinzen, Großdignitarien, die Minister, die Großofficiers des Reichs und die Großadler die Ehre, ihre Aufwartung zu machen. Ihre Majestät empfingen hierauf das diplomatische Korps, welches mit den gewöhnlichen Formalitäten in den Thronsaal eingeführt wurde.


Vermischte Nachrichten. [8]

Am 13ten September, als dem zweyten sogenannten Festtage von St. Kloud, der durch sehr schönes Wetter begünstigt ward, sah man den ganzen Tag die Straße von Paris nach St. Kloud mit Kutschen und Fußgängern bedeckt. Die Wasserkünste sprangen um 5 Uhr Abends. Ihre Majestät, die Kaiserin, vom König von Rom begleitet, fuhr mehrere Male im Park herum, und wurde von dem zahlreichen Volke mit Freudengeschrey begrüßt.


Quellen.[]

  1. Geographisch- Historisch- Statistisches Zeitungs-Lexikon von Wolfgang Jäger, Professor der Geschichte zu Landshut. Landshut, bei Philipp Krüll, Universitätsbuchhändler. 1811.
  2. Briefe aus der Hauptstadt und dem Innern Frankreichs, von F. J. L. Meyer Dr. Domherrn in Hamburg. . . Tübingen in der J. G. Cotta'schen Buchhandlung. 1802.
  3. Französische Miscellen Erster Band. Tübingen in der J. G. Cotta'schen Buchhandlung 1803.
  4. Französische Miscellen. Tübingen in der J. G. Cotta'schen Buchhandlung. 1803.
  5. Wiener Zeitung. Nro. 61. Mittewoche, den 30. Julius 1806.
  6. Allgemeine deutsche Zeitung für Rußland. No. 188. Dienstag, den 6/18. August 1812.
  7. Allgemeine deutsche Zeitung für Rußland. No. 189. Mittewoch, den 7/19. August 1812.
  8. Allgemeine deutsche Zeitung für Rußland. No. 246. Sonnabend, den 12/24. Oktober 1812.