St Michel, das zweite Nachtlager hinter Mont Cenis, d. 9 Jul. 1806.
Nun haben wir die Straßenräuber, den Französischen Zoll, und den Mont Cenis glücklich hinter uns. Der Weg von Mailand bis Turin ist gegenwärtig so unsicher, daß selbst ein Französischer Kurier ermordet worden, und die Soldaten die ihn eskortirten, verwundet. Nachts macht Niemand diese itzt. Das Glück wollte uns so wohl, daß wir in unserm ersten Nachtlager hinter Mailand zwei Französische Seeoffiziere fanden. Ich faßte den Entschluß, den vornehmsten, einen Kapitän von der Marine in Toulon, zu mit bitten zu lassen, um mich bei ihm wegen der französ. Douane in Turin zu erkundigen; denn selbst die ersten Personen, und auch der bedeutendste Bankier in Mailand, hatten mich bange gemacht. Noch vor drei Tagen hat eine angesehene Dame für ihren Schmuck 300 Dukaten Transitozoll bezahlen müssen, ihre Kisten und Koffer sind durch und durch gesucht worden, Schatullen und Person sind nicht verschont geblieben. Der Seekapitän kam sogleich zu mir; ich sagte ihm mein Anliegen. Er erwiederte, daß, wenn mein Paß in gehöriger Form sei, und ich alles Akzisbare angäbe, ich gewiß nicht schikanirt werden würde. Hierauf sah er meinen Paß durch, unterhielt sich mit mir, und erbot sich, da er den nehmlichen Weg mache, sich zu mir zu halten und mich aufs Zollamt zu begleiten. Er hielt redlich Wort. Bis Turin verließ er und seine Gefährte mich nicht. Mit 4 Louisdoren kam ich auf der Dogana ab. Vier bewafnete Männer führten uns glücklich durch die unsichere Straße. Doch fuhren wir sehr früh aus, um noch bei hellem Tage ins Nachtquartier zu kommen; denn selbst mit bewafneter Begleitung reiset man itzt durch diese Straße nicht in der Nacht.
Der neue Weg über den Mont Cenis ist vortreflich. Man merkt es kaum, wie steil und hoch man hinauffährt. Nur die rauhe Luft, und die tiefen Thäler in die man hinabblickt, sagen es einem, daß man auf einer sehr beträchtlichen Höhe ist. Die Dörfer in den Thalern scheinen Maulwurfshügel, die Wälder Heidekraut zu sein. Die vielen Wasserfälle bringen in diese grause Gegend eine angenehme Lebendigkeit. Die hohen Schneegebirge bewirkten keinen angenehmen Eindruck auf mich; vielleicht, weil der scharfe Wind der auf der Höhe des Berges hauset, mich krank machte. Ueber 12 Stunden gingen hin, ehe wir vom Berge herunterkamen. Auf der Mitte desselben liegt ein See; nahe an diesem See, ein Kloster, in welchem acht Mönche leben, die sich dem Geschäfte widmen, im Herbst Winter und Frühling denjenigen beizustehen, welche etwa das Unglück haben verschneiet zu werden. Sie halten Hunde, die darauf abgerichtet sind, in solchen Zeiten Menschenspur aufzusuchen. Viele sollen durch die Sorgfalt dieser Mönche im Schnee gefunden, und ins Leben zurückgebracht worden sein. Auch herrscht auf diesem Berge zuweilen ein so wüthender Sturm, daß Menschen und Thiere emporgehoben und in Thäler hinabgeschleudert werden.
Unser gestriges Nachtlager Lasnebourg lag in einem so tiefen feuchten Thale, daß wir heizen mußten und fast alle Krank wurden. Das heutige hat die unangenehme Luft nicht, auch ist die Gegend anmuthiger; aber an Tyrol reicht Savoyen nicht. Was ich noch von Savoyischen Gebirge sah, gefällt mir unter allen Gebirgen die ich kenne, am wenigsten. Seit wir Turin verlassen haben, finden wir an allen Orten einige Cretins, und Männer und Weiber mit abscheulichen Kröpfen.
Aigues belles, d. 10 Jul.
Unter heftigen Regengüssen und fürchterlichem Donnerwetter legten wir heute die letzte Hälfte unsers Weges zurück. Von St. Michel bis la Chambre ist die Gegend romantisch schön. Das Grausende wechselt mit dem Lieblichen ab; rauschende Wasserfälle stürzen sich auf allen Seiten von den bald rauhen, bald fruchtbaren Felsen schäumend in die tiefen Thäler hinab. Wir waren gerade in einem schönen fruchtbaren, von hohen Bergen umkränzten Thale, als schreckhaft schwarze Wolken sich von allen Spitzen und Seiten um uns schauerlich herabsenkten, und die ganze Gegend so bezogen, daß wir nichts als ein dunkles Nebelmeer um uns hatten, durch welches wir fuhren, ohne drei Spannen jenseit des Weges zu sehen. Der Donner rollte über uns, Blitze durchkreuzten die grausende Dunkelheit, und Regengüsse stürzten auf uns nieder. Es dauerte drei volle Stunden, ehe der Himmel sich erheiterte, und wir die Gegenstände rund umher zwischen dem sich verdünnenden Nebel wieder erkennen konnten. Da fanden wir uns zwischen rauhen Klippen in eine wilde feuchte Gegend versetzt. Ueber einander gerollte Steine und Felsstücke lagen auf einem Sumpfboden, aus dem nur Schilf empor sproßte. Die rauschende Arc, deren schäumende Silberwellen ich vorher mit Vergnügen sah, hatte, gleich den Wasserfällen, eine gelbliche Schmutzfarbe angenommen, und erweckte ekelhaften Schauer: -- wie ein Charakter, der sich durch seine wilden Leidenschaften verunreinigt, in uns Abscheu und Grausen erregt.
Hier ist der erste Ort, wo wir weder Cretins noch Kröpfe um uns her sehen. Seit wir Turin verließen, fanden wir dieser armseligen Geschöpfe viele. Noch manches Andere kam zusammen, wodurch das menschliche Gefühl tief verwundet wird. Wir begegneten Rekruten, die in langen Reihen an den Hälsen an einander gekettet waren. Gleich darauf hielten wir an einem Oertchen, um uns Eier kochen zu lassen; und fanden die hübsche Wirthinn wahrhaft trostlos: weil ihr einziger Bruder von ihrer Seite gerissen, und, gleich einem Thiere am Halse gekettet, nun in dieser Hitze so viele hundert Meilen zum Kriege getrieben würden. 300 Franken habe sie aufgebracht, um ihren geliebten Bruder loszukaufen; und dennoch habe man ihr denselben entrissen. . . Ach! das Reisen durch Italien ist für den Menschenfreund itzt ein herzzerreißender Anblick. Nichts als Jammer und Elend! Durch übermäßige Abgaben ist eine Theurung entstanden, von der man sich kaum eine Vorstellung machen kann. Und welche traurige Erzählungen habe ich hier aus dem mittlern und dem untern Italien gehört! –
d. 12 Juli.
Heute ruhen wir hier aus, theils wegen großer Reisemüdigkeit, theils, weil wir an dem Doktor Socket, und seinem Freunde Hrn Brun, einem großen Mathematiker, zwei interessante Männer gefunden haben, durch die wir das Merkwürdige in Chambery kennen lernen. Gestern sahen wir ein vortreflich eingerichtetes Hospital, dessen Vorsteher und Arzt Hr. Socket ist, und ein eben so gut eingerichtetes Armenhaus. Einzelne edle Menschen haben im 15ten Jahrhundert diese milden Stiftungen gemacht. Unser 19tes Jahrhundert ist zu arm an Geld und an Edelsinn, um der leidenden Menschheit beizustehen. Man braucht Menschen, um Menschen zu morden, aufdaß Länder andere Herren bekommen und ausgesogen werden. Guter Gott! wo wird das Elend enden! –
d. 13. Juli.
Roußeau's Einsiedelei, in welcher er mit Madame de Warens, lebte, haben wir besucht. Das Häuschen liegt am Fuß eines einsamen Hügels, der von hohen Gebirgen umschlossen ist, und welchen liebliche Thäler umgeben. Doch kenne ich schönere Gegenden, selbst in Karlsbad. Aus dem Gärtchen habe ich für Dich von einem Rosenstocke, den Rousseau gepflanzt erzogen und geliebt hat, eine Rose gebrochen. Auf seinem Sopha saßen wir; was mag er dort gedacht, empfunden, und gesprochen haben!
Abends um 9 Uhr.
Wir kommen von einer herrlichen Spazierfahrt. Ein schönes, reiches, weites Thal, von wunderbaren Bergformen umschlossen, durchfuhren wir. Schönheit und Majestät wechselten ab. Nußwälder und Kornfrüchte mancher Art waren malerisch durch einander verwebt. Eine Kette oder Reihe Berge fesselte meine Aufmerksamkeit: denn sie schienen von einander gerissen zu sein, und jeder Berg hatte das Ansehn, als wäre ein Drittheil seiner Masse niedergesunken. Ich sagte meine Bemerkung dem Doktor Sokket, und hörte von ihm, daß in dieser Gegend, zwischen Chambery und Grenoble, vor 500 Jahren die Stadt St. André versunken sei. Nur die Abtei St Mians (Notre Dame de Mians) sei auf einer Felsenspitze stehen geblieben, und werde noch heute daher als ein heiliger Ort verehrt. Im Archive zu Chambery sind Notizen über die versunkene Stadt. Sie soll grösser und ansehnlicher als Chambery gewesen sein.
Wir kamen zu einer einsamen Papiermühle in einem engen Thale. Freundliche, fleißige Menschen empfingen uns, und führten uns durch enge romantische Schlüfte zu einem Wasserfall, der für uns einzig in seiner Art war. Bisher sahen wir alle Kaskaden sich von Felsen herabstürzen; nun standen wir in einem hohen Felsenkessel: aus dessen geschichteten Massen flossen im Halbzirkel von einer sehr ansehnlichen Höhe beträchtliche Wasseradern, die zusammen kamen, und dann einen starken Wasserfall bildeten, der ein rauschender Strom wird, welcher schäumend sich in das Thal stürzt. Ueber diese Wasseradern erhebt sich der Felsen wenigstens 80 Fuß, und über diesen Felsenberg sieht man einen noch höheren in einiger Entfernung, der an seinem breiten hohen Gipfel Stellen die von Blitzen zerrissen sind, trägt. Der einsame schauerliche Ort war recht dazu geeignet, in diesen traurigen Zeiten den Wunsch in fühlenden Seelen rege zu machen, in solcher Abgeschiedenheit mit seinen Lieben zu leben, um nicht durch die Gräuel stündlich niedergebeugt zu werden, die man immerfort sieht und hört, wohin man kömmt. Was habe ich nicht bloß in den wenigen letzten Tagen vernommen, wo ich bald mit Franzosen, bald mit Italiänern sprach, die gegen einen Fremden ihr Herz mehr lüften zu dürfen glauben! –
Seit dem 14ten sind wir hier. Meine beiden Reisegefährten waren einige Tage krank, und auch mein Befinden ist nicht das beste. O du liebes interessantes Rom! nach deinem milden Klima sehnt sich mein Körper, wie sich mein Herz nach meinen Freunden sehnt.
Ich wohne hier in la Balance sehr gut, und minder theuer als ich fürchtete; aber dennoch viel, sehr viel theurer, als zu Rom und Neapel. Seit ich Rom verlassen habe, fand ich mich nirgend so behaglich als hier. Doch könnte ich in diesen beiden Tagen nur wenig sehen, denn mein Körper war abgemattet. Wir haben uns alle gegenwärtig so weit erholt, daß wir das Thal bei Chamounis zu besehen wünschen. Der geistvolle Simondi hat die Gefälligkeit uns zu begleiten. Er und der Prediger Gerlach sind unsre einzige Bekannten. –
St. Martin près Salanche, 17 Jul.
NB Bern
Du kennst diesen Ort, und die herrliche Gegend die zu ihm führt. Freilich verhüllten Nebel uns den größern Theil der Schönheiten; doch sahen wir die Kaskade von Arpanaz, und sehen itzt das ewige Eis des Mont Blanc. Bei unserer Einfahrt ins Thor hatten wir alle einen Schreck, der mich noch schaudern macht. Der Kutscher fuhr mit Gewalt an das steinerne Thor, sodaß die eine große steinerne Säule mit Gekrach niederstürzte. Unser Wagen war in Gefahr umzuwerfen; allein die noch größere war, daß der Wirth des Hauses unter der Steinmasse erschlagen sei: denn er kam uns entgegen, und es schien, als stürze die Säule auf ihn. Der Bediente wollte vom Bocke springen, als die Pferde wild wurden und sich falsch wandten; zum Glücke that er es nicht, sonst hätte der Sturz ihn getroffen. Ich sah den Wirth kommen, die Säule niederschmettern, und rief: o Gott! ein Mensch ist erschlagen! T. glaubte, es sei der Bediente, weil er ihn den Augenblick vorher in der Stellung des Herunterspringens gesehen hatte. Wir alle wurden todtenbleich. S. entdeckte zuerst daß Niemand zu Schaden gekommen sei, und rief: l'homme s'est sa vé. Der Wechsel von Angst und schmerzhaftem Schrecke zur Freude brachte uns alle zu stillen Thränen; und lange war ich nicht so froh als diesen Abend. Ich fragte den Wirth: Par quel miracle vous êtes-vous sauvé? Er antwortete ganz gravitätisch: Je repoussai la colonne de pierre de ma main. Dies sagte er nicht im Scherz, sondern behauptete in vollem Ernst diesen Unsinn. –
Seit gestern sind wir in diesem interessanten Thal, dessen hohe Schönheiten wir unter Nebel und Regengüssen ahnen, und die uns heute durch einen dicken Nebel, der Alles versteckt, ganz entzogen sind. Gestern sahen wir zwischen dem Nebel die Eisfelder; heute sehen wir nichts als die nahen finstern Häuser. Das Landvolk und die Wettergläser prophezeihen anhaltendes böses Wetter. Resignazion und Geduld sind die einzigen Mittel, Widerwärtigkeiten zu erleichtern. -- Du weißt es, wie kostbar diese Reisepartie ist, und wie viel wir verlieren, Alles durch Wolken und Regen um uns her verhüllt zu sehen. Des treflichen S. Gesellschaft ist unser einziger Ersatz; aber er selbst ist so niedergeschlagen, daß ich ihn trösten muß; und meine Reisegefährten sind noch mehr betrübt, daß ich umsonst solche Kosten und Beschwerden habe, und das nun doch keiner die großen Bilder der Natur in seine Seele wird aufnehmen können, die Jeder von uns seit frühester Jugend so sehnlich zu sehen wünschte. -- Drei geistvolle Franzosen fanden wir hier, die auch diese Bergreise machen, und eben so traurig über ihre vereitelte Hofnung sind als wir.
d. 20sten, Abends.
Das Glück war uns günstig. Gestern Nachmittag schon hatten wir ein paar gute Stunden, und besuchten das Eisfeld Bosson, und die Eisgrotte, auf welche der Lac Veron sich stürzt. Jetzt kommen wir vom Eismeere, und dem Montanverd. Unsre Führer waren Pierre und Jacques Balmat. Beleuchtung hatten wir nicht, also sahen wir nur das majestätisch Grausende, nicht das Schöne dieser interessanten Naturerscheinung. Nahe am Einmeere, am Fuße der Montanverd, pflückte ich für Dich diese Alpenrose.
Ich bin sehr müde. Heute kann ich weiter nichts sagen, als daß diese Eispartie uns wohlgethan hat; daß wir aber noch mehr Genuß auf dem feuerströmenden Vesuv, als auf dem Eismeere gehabt haben. Diese Naturerscheinung ist schauderhaft groß, doch einförmig; jene ist furchtbar schreckhaft, aber mannichfaltige Reize bezaubern das Auge, bewegen und erschüttern das Gemüth. Der feuerströmende Vesuv begeistert; die Eisfelder des Montblanc erwecken trübe Schwermuth, und ein Erstaunen über die Kraft der Natur, die solche kolossale Eisstücke zusammenthürmt. Wie das kalte Herz eines verwüstenden Egoisten, erscheint mir der Montblanc. Der Flammenerguß des Volkans verwüstet auch; aber wenn die Lava erkaltet, so trägt sie segenreich vielfache Früchte. Das todte Eismeer erweckt unaufhörlichen Schauer, und kein Wesen gedeihet in dieser kalten Region. Aber wie unendlich lieb ist es mir, beide den Vesuv und den Montblanc gesehen zu haben!
-- Erinnerst du dich, in dem großen Buche, in welches die Fremde ihre Namen einschreiben, eine sehr interessante Geschichte gelesen zu haben? Ein Venezianer klagt über die traurige Umwälzung seines Vaterlandes, und über den Verlust seiner Therese, die gezwungen ward einen Andern zu heiraten. Ein folgender Reisender (wenigstens eine andere Hand) setzt die Geschichte fort, und erzählt, wie er und seine Familie den durch Verlust des Vaterlandes und der Geliebten unglücklichen gefunden hat. . . Diese ganze Erzählung ist von unserm geistvollen S. aus Langerweile, bei Regen und Nebel, in Chamounis gemacht und schnell in das große Buch eingeschrieben worden, als er vor ein paar Jahren mit einigen Freunden durch böses Wetter hier eingesperrt war, und sich und seinen Reisegefährten die Zeit vertreiben und die böse Laune verjagen wollte. -- --
Gestern Abend vor 8 Uhr kamen wir von unserer interessanten Lustfahrt nach Hause; freilich alle sehr müde: denn um 3 Uhr Morgens mußten wir Chamounis verlassen, wenn wir noch vor Thorschluß hier sein wollten. Unsere Rückreise war glücklich, das Wetter besser. Diesen Nachmittag und Abend bin ich auf der Campagne unsers Bankiers: Zum Anblicke des Sonnenuntergangs lud er mich so artig ein, daß, obzwar ich wirklich sehr müde bin, ich dennoch die Einladung angenommen habe. -- Morgen bleibe ich noch hier.
Quellen.[]
↑Neue Berlinische Monatschrift. Herausgegeben von Biester. Sechzehneter Band. Berlin und Stettin, bei Friedrich Nicolai.