Steiger.[]
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Steiger, ehrwürdiges Mitglied des Magistrats von Bern, voll Tugenden, Charakter und Talente, war seit langer Zeit die Seele der Bernischen Regierung, als die französische Revolution, gegen die er sich mit dem größten Muthe erklärte, ihm zahlreiche Feinde zuzog. Da ihn seine Verdienste eben sowohl als seine Staatswürde an die Spitze der konstitutionellen Parthey von Bern und folglich von der Schweiz stellten, wußte er die Revolutionärs mit ziemlicher Gewalt in Zaum zu halten, bis Frankreich den helvetischen Bund angriff. Er bot damals alle seine Kräfte auf, um seine Landsleute zu bewegen, daß sie ihre Unabhängigkeit vertheidigen, oder wenigstens auf eine ihrer würdige Art unterliegen möchten; kämpfte lange Zeit fest und standhaft gegen die Hindernisse und Widersprüche, die sich ihm entgegenstellten; und als ihm die Revolutionsparthey, durch die noch viel zahlreichern der Furchtsamen im Rathe verstärkt, das Staatsruder aus den Händen riß, begab er sich trotz seines Alters von 69 Jahren zur Armee an die Seite seines Freundes Erlach, theilte seine Gefahren und Anstrengungen, namentlich im Gefechte von Fraubrunnen, entging nachher, glücklicher als jener, der Wuth eines aufgereitzten Volks- und Soldaten-Haufens, und zog sich nach Augsburg zurück, wo er 1799 starb. Im Jahre 1805 ließ die helvetische Regierung feyerlich aus dieser Stadt seinen Leichnam in sein Vaterland zurückbringen, um seinem Andenken den Tribut schuldiger Achtung zu zollen.
Der Schweizer Cato. Steiger.[]
(Von zuverläßiger Quelle zugesandt.) [2]
In der obigen Schweizer-Revolutions-Geschichte S. 360. u. f. findet man das Schicksal des ehrwürdigen Chefs der Berner Regierung, des Ober-Schultheis, Herrn von Steiger, bey der Umstürzung der Schweizer Freyheit, beschrieben. Unerwarteter Weise erhalten wir einen biographischen Aufsatz über diesen Cato des achtzehnten Jahrhunderts, von respectabler Hand mitgetheilt, und wir eilen, noch in diesem Monatsstücke, dieses schätzbare Denkmal eines Märtyrers der wahren Freyheit, in unsrer Zeitgeschichte aufzustellen. Der Römische Cato wollte nicht die Uebergabe von Utica: der Schweizer nicht die Uebergabe von Bern unterzeichnen. Beyde suchten den Tod im Kampfe fürs Vaterland, und für die Freyheit. Der Römische Cato mordete sich selbst, da er keinen Ausgang sahe. Der Schweizer, der nicht zweifelte, blickte nach der Zukunft, und verließ das Land, das er nicht mehr retten konnte.
"Geboren von einer der ältesten Familien in Bern, genoß der Herr von Steiger eine so sorgfältige Erziehung, wie fast alle Söhne der Senatoren von Bern, welche, um sich Anspruch auf die ersten Stellen im Staate zu erwerben, die Pflicht hatten, alle die zu diesen Staats-Aemtern erforderlichen Kenntniße zu erlernen. Sein starker und energischer Geist entwickelte sehr bald vorzügliche Talente, welche ihn unter seinen Miteiferern auszeichneten. Er zog in der Folgezeit die Aufmerksamkeit der Höfe in Europa auf sich, wurde von Staats-Ministern um Rath gefragt, und seine Urtheile trugen so sehr das Gepräge der weitumfaßenden Einsicht, daß sie fast immer befolgt wurden.
Als er an der Spitze der Berner Regierung stand, erhob er das Wohl dieses Cantons über das Maaß, welches die andern genoßen, und bildete eine Menge weiser Republicaner in seiner Schule, durch die Erhabenheit der Gesetze, durch die Vortreflichkeit der Administration, und durch die Ein ichtungen zur Verbeßerung des Schicksals der Menschheit. Die Natur selbst verschönerte sich unter den Händen des Landbebauers durch die Ermunterungen, die er in neuen Anweisungen und Lehren erhielt. Die Wohlhabenheit wohnte in den niedrigen Häusern des platten Landes, und brachte den Städten, mit frohem Herzen, Nahrungs-Mittel, und vervollkommnete die allgemeine Glückseligkeit.
Der Geist dieses großen Mannes wirkte besonders bey dem Eintritte der Begebenheiten, die einen so allgemeinen Einfluß auf das Schicksal von Europa haben sollte. Er sahe sogleich alle die unglücklichen Folgen vorher, denn er kannte die Ursachen, und geheimen Triebfedern der Französischen Revolution. Treu ergeben an jene alte Monarchie, die stets die Alliirte der Schweizer Nation gewesen war, und welcher die Schweiz seit mehr als zweyhundert Jahren die Rühe ihres Wohlstandes verdankte, konnte er sich der Zahl derjenigen nicht beygesellen, welche ihrem persönlichen Intereße alle ihre Pflichten, alle ihre föderative Verbindungen aufopferten. Er sahe ein, daß die Schweiz, wenn sie zu viel Schwäche zeigte, alle ihre wirklichen Kräfte, und den Rang verlieren würde, den sie bisher unter den Mächten in Europa behauptet hatte, und daß die freywillige Unthätigkeit, zu welcher sie sich verdammte, in der Folge ihr Verderben herbeyführen würde.
Unglücklicher Weise gewannen die falschen Berechnungen, welche die Furcht, und der Handelsgeist calculirten, die Oberhand über alle Vorstellungen, welche Herr von Steiger seinen Landsleuten machen konnte, und die Schweizer Cantons nahmen eine paßive Neutralität an. Bald drang der Schwindelgeist unsrer Zeit bis in die Gebirge Helvetiens. Viele junge Senatoren wurden gebietrisch, die Partheyen formirten sich, das Tribunal der Privat-Meynung herrschte, und der Areopagus wurde durch die Kritik unwißender Schwärmer zum Stillschweigen gebracht.
In dieser Unruhe, in dieser Gährung befand sich die Schweiz, als Buonaparte sie durchreisete, und die kurze Erscheinung dieses Generals war wirklich die eines Zerstörungs-Genius.
Das Verderben der Schweiz schien nun unvermeidlich. Die herannahenden Gefahren des Vaterlandes gaben dem Ober-Schultheiß von Steiger das Ansehn wieder, welches die Factionen ihm so ungerechter Weise entrißen hatten. Er traf einen Blick auf den Zustand seines Vaterlandes, und beschloß, sich eher unter den Ruinen deßelben begraben zu laßen, als es dem Feinde Preis zu geben. Er empfand in seiner Seele noch das Feuer, welches seine Vorfahren belebt hatte, aber er konnte es nicht der gesammten Schweiz mittheilen, weil die Französischen Lehren schon den Gemeingeist verdorben hatten. In dem Augenblicke der Explosion sahe er sich mit Kleinmüthigkeit, und Verrätherey umgeben. Er sahe, daß die Frucht die jungen Sybariten muthlos machte, die man sehr uneigentlich die Hofnung des Staats nannte. Aber je mehr der Muth seiner Mitbürger erlosch, desto stärker wurde der seinige. Er begab sich zur Armee, um an dem Loose der wahren Schweizer Theil zu nehmen.
Er weigerte sich durchaus, die Capitulation von Bern zu unterzeichnen, und bewieß, daß sein Haupt, weiß wie die Gipfel der beschneyeten Alpen, sich zwar unter dem Drucke der Zeit, aber nicht unter dem der Knechtschaft, beugen konnte. -- Er vermehrte die Zahl der illüstern Märtyrer der Wahrheit, des Rechts, und der gesunden Vernunft."
- (Vergl. oben S. 360 u. ff.)