Von Bastille bis Waterloo. Wiki

Krönung Napoleons zum Kaiser der Franzosen.[]

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Der zweyte December 1804.

Musée Carnavalet, Paris
Musée Carnavalet, Paris

Jetzt, auf dem Teppich vor dem Hochaltar in der Kirche Notre Dame zu Paris, stund der weiland Artillerie-Lieutenant Bonaparte auf dem höchsten Gipfel der Ehre. Niederkniend vor dem Pabst empfiengen er und Josephine die Salbung von demselben auf Haupt und Hände. Während der Messe segnete der Pabst die Kronen, Mäntel, Ringe und das Schwert Karls des Großen ein. Dann nahm der neue Kaiser die Krone von Altar, und setzte sich solche, wie einst König Friedrich I. von Preussen, selber auf. Die Kaiserin, welche am Altar niedergekniet war, wurde von ihrem Gemahl gekrönt, worauf der Pabst beyde zu dem Thron am Ende der Kirche führte, ein kurzes Gebet sprach, den Kaiser auf die Backen küßte, (man kann denken mit welchen Empfindungen!!) und dann dem Volk zurief: "Vivat Imperator in eaternum!" Nun leistete Napoleon den constitutionsmäßigen Eid auf das Evangelium und Herolde verkündigten die geschehene Krönung. Die Krönungs-Procession gieng beym Schein der Fackeln über die prachtvoll erleuchteten Boulevards nach dem Pallast der Tuillerien zurück und die große Ceremonie war zu Ende.


Von Reisende.[]

Anon.[]

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Paris im Januar 1805.

Endlich habe ich dir versprochen, einige nähere Betrachtungen über die Hauptpersonen jener heroischen Oper, welche ich beschrieben habe, anzustellen: deine Bitte giebt mir um so mehr ein Recht dazu. -- Hunderte haben über Napoleon geschrieben -- alle mit gleicher Competence, und ich schließe mich an diese Hundert mit demselben Rechte, mit der kurzen Einleitung an, die einer meiner akademischen Lehrer zu . . . . . brauchte, wenn er bei einer Doktorpromotion zu opponiren anfing -- etiam ego. Ich weiß wohl, daß er in so fern mit seinen lieben Unterthanen von einerlei Geschmack in Rücksicht der Kritiken ist; daß er, so wie diese über litterarische Werke keine Kritiken, sondern nur Ankündigungen vertragen, über seine Handlungen keine Kritik, sondern nur rühmliche Erwähnung derselben leitet; ich kann ihm aber nicht helfen, denn ein Regent ist alle Mal in einem jeden aufgeklärten Lande als ein gedrucktes und öffentlich verkauftes Buch anzusehen, und den anständigen Urtheilen der Menschen ausgesetzt. -- Napoleon Bonaparte ist von den mehrsten als Mensch, als General, und als Regent beurtheilt worden; da aber das, was den Krieg und die Krieger betrifft, nicht mit meiner Denkungsart zusammenstimmet, und außer der Sphäre meines Wissens liegt, so will ich bei dem ersten und letzten Gesichtspunkte nur verweilen, und bleibe erst bei ihm als Mensch stehen; weil er vorher Mensch war, ehe er Kaiser wurde (als geschworner Feind aller Calembourgs bitte ich in diesem Ausdrucke keinen zu suchen). Ich habe, besonders während meines Aufenthalts in Marseille, Gelegenheit gehabt, Menschen kennen zu lernen und zu sprechen, die ihn in seiner Jugend gekannt haben; alle behaupten, etwas außerordentliches in seinem Karakter schon früh bemerkt zu haben; ein in diesem Alter ungewöhnlicher Ernst war in allen seinen Handlungen sichtbar: früh schien seine militairische Erziehung sein Herz für zärtliche Gefühle zu verschließen, doch ohne daß dieß auf seinen Biedersinn und auf sein von Natur gutes Herz Einfluß gehabt hätte, eine der grausamsten Begebenheiten der Revolution, der er, und leider nicht als bloßer Zuschauer, beigewohnt hat, was die mehr als unmenschliche Metzelei zu Toulon: er war aber damals nur Subaltern-Officier und sogar die obersten Befehlshaber dabei führten nur die Befehle der Regierungscommissaire aus. Es ist mir auch aus dieser Periode seines Lebens kein Schritt bekannt, welcher seinem Herzen zur Last gelegt werden, oder nur das geringste unvortheilhafte Licht auf seinen Karakter werfen könnte; ich leugne es nicht, einige seiner Handlungen als Regent (als erster Consul und als Kaiser) scheinen nicht ganz von dieser Beschaffenheit zu seyn: so wie ich aber bei allen meinen Untersuchungen den goldenen Spruchs Epiktets: eine jede Sache hat zwei Seiten, von denen sie betrachtet werden kann, nicht zu vergessen strebe; so macht mein eigenes Interesse bei dem Urtheile über meinen Helden, daß ich seine Handlungen nie einseitig betrachte, und dadurch habe ich bis jetzt weder meine gute Meinung von ihm, noch meine Hoffnungen auf ihn für das Wohl der Menschheit verloren. Eben diesen Gesichtspunkt wünschte ich auch nun dir mitzutheilen -- ich bedarf nicht dir zu nennen die revolutionairen Exekutionen, die vor und nach der Affaire mit der Höllenmaschine Statt fanden; daß diese ersten Opfer an der That, für die sie eigentlich verhaftet, angeklagt und verurtheilt wurden, eben so unschuldig waren als ich und du, will ich mit tausend Andern gern glauben, und daß dieses auch jetzt täglich mit allen denjenigen, die überall in Frankreich von militairen Tribunalen in die Ewigkeit spedirt werden, derselbe Fall ist, will ich auch nicht in Zweifel ziehen; aber daß alle diese immer in etwas, wäre es auch nur in dem bösen Willen und Vorsatze, schuldig sind, darauf kann ich einen Eid ablegen. -- Gefährliche Menschen sind sie immer gewesen, und wäre auch die Beraubung der Freiheit die angemessene Strafe der Gefährlichen, so sind die letzten doch in so fern Schuld an ihrem eigenen Tode, da sie aus dem Schicksal ihrer Vorgänger gesehen haben konnten, daß die jetzige Regierung mit einem gegen alle contrarevolutionaire Bewegungen unfehlbar befundenen Radikalmittel gleich vom Anfange an begann.

Was nun aber die unter dem Schein einer gerichtlichen Form geschehene Hinrichtung des unglücklichen . . . . . . . die Ermordung des rasenden . . . . . . . . die unwürdige Behandlung des braven . . . . . . betrifft, so weiß ich wohl, daß ich mehr Mühe haben werde, die erträgliche Seite dieses durchdachten Planes und seiner Ausführung, so wie ich beide jetzt zu kennen glaube, aufzusuchen, auch thäte ich vielleicht besser, diese Arbeit nie anzufangen; doch darf ich nicht unterlassen, das wenige, was ich dir zu geben weiß, so zu geben, wie ich es von einigen seiner getreuesten Anhänger empfangen habe: stelle dir also vor, daß er an eine Art von Prädestination, einen Glücksstern, eine Bestimmung wirklich glaubt, und daß er so sich selbst als von der Vorsicht bestimmt um die Ruhe und das Glück Frankreichs wieder herzustellen ansieht: die Nothwendigkeit, nach so vielen Umwandlungen und Verunstaltungen der Regierung, ihr einmal die möglichste Festigkeit zu geben, kann doch wohl den Fall, in dem er sich befindet, außerordentlich machen und ihm hier und da auch den Gebrauch außerordentlicher Mittel erlauben, die in der Türkey beständig, und vor kurzem noch in Rußland einige Zeit zur Ordnung des Tages gehörten. Daß sein Herz nicht boshaft ist, daß er sich von der harten Nothwendigkeit gezwungen glaubt, wenn er einen in den Augen der Welt grausam scheinenden Schritt thut, darüber benimmt uns seine Kaltblütigkeit und Hartnäckigkeit, mit welcher er solchen ausführt, allen Zweifel: dieses ist mein Glaubensbekenntniß über sein Herz und über die Handlungen, durch welche dieses verkannt werden könnte.

Unter den mächtigen Fürsten Europas hat dieser das eigene, daß man noch nicht eine Beschäftigung kennt, womit er seine wenigen Freistunden zubringt: von dem Fürsten eines mächtigen Staats weiß man doch, daß ihn die Gärtnerei amüsirt, einen andern die Janitscharenmusik seiner Leibgarde u. s. w. Napoleons Lieblingsbeschäftigung kennt man aber noch nicht, denn das Jagen scheint er nur als diätetisch des Genusses der freien Luft wegen anzusehen. Daß er sogar allen Freuden der Jugend entsagt habe, glaubt man gewöhnlich außer Frankreich; in Paris will man aber hierüber schon lange besser unterrichtet seyn.

So viel über den Menschen Napoleon -- der Kaiser Napoleon äußerlich betrachtet, nimmt sich recht vortheilhaft aus, aber doch ganz anders, als ich mit ihn vorgestellt habe: denke dir, ein sehr bleiches, ziemlich fettes Gesicht, mit einem weit hervorstehenden Kinn, ganz wie auf den 5 Frankstücken vom Jahre XII (hierin hat Kotzebue Recht) -- schwarze Haare, auf dem Kopfe einen kleinen dreieckigen Hut mit einem Knopfe vorne und einem überaus großen Straußfederbusche, einem rothen sammtnen Mantel mit unzähligen Sternen, weiße seidene Unterkleider, so hast du sein Ansehen und sein kaiserliches Kostume, welches er bei allen Feierlichkeiten anzieht: sein Gang, seine Sprache, alles hat ein Air, welches Ehrerbietung einflößt, und wodurch er sogar seine Familie und seine vormaligen Freunde in einem gewissen Abstande hält. So weiß ich, daß bei einer Assemblee (er giebt gewöhnlich jeden Sonntag eine Art Assemblee, wo das corps diplomatique, die Französischen Minister, die grands dignitairs etc. sind, und zwischen 8 und 9 Uhr anfängt) alles mit Kartenspiel oder in gesellschaftlicher Conversation beschäftigt war, als er um 10 Uhr im Saale erschien, gleich war alles auf den Füssen (auch die Kaiserin) er ging langsam herum, von einem zum andern, und alle, die er anredete, ob sie gleich mit andern im Gespräche waren, (auch seine Brüder) machten Front, so oft er vorbei passirte; um 11 Uhr war er schon verschwunden. Es scheint, als ob sich unter den Menschen, die ihn umgeben, sich auch kein einziger befinde, der seine Vertraulichkeit genösse, und man glaubt sogar, daß im diplomatischen Fache Talleyrand nur seine Maschine sey: in Kriegsoperationen ist es ziemlich gewiß, daß er seine Plane niemanden eher mittheilt, als bis sie ausgeführt werden sollen, und daß kein Mensch auf Gottes Erdboden außer ihm weiß, was z. B. aus der Landung in England werden wird. Unter denen, die ihn täglich umgeben, scheint er dem General Clarke, der in Toskana war, besonders geneigt zu seyn.

In dem ich von der Betrachtung seines Aeußerlichen auf sein Inneres zurückkomme, habe ich nur weniges dem beizufügen, was ich schon vorher darüber gesagt habe. Was ihn in meinen Augen achtungswerth macht, und meine innigsten Wünsche für sein Wohl erregt, ist erstens sein guter Wille, von welchem ich glaube überzeugt zu seyn: daß er Frankreichs Glück wünscht, daß er, um dieses zu gründen, alles, was in seiner Gewalt stehet, anwendet, darüber ist bei mir kein Zweifel; ob er nun dieses thut, weil es der einzige Weg ist, wodurch er sich selbst souteniren kann, oder weil es ihm die Menschenliebe und eine warhaft patriotische Gesinnung eingiebt, darüber will ich eben so wenig raisonniren, als es im Allgemeinen meine Gewohnheit nicht ist, die Beweggründe der menschlichen Handlungen aufzusuchen: -- achtungsvoll bleibt er mit zweitens wegen seiner unermüdeten Arbeitsamkeit, die weiter geht, als man glaubt; durch einen meiner vertrautesten Freunde, der in der Regierung angestellt ist, ohne sein Anbeter zu seyn, weiß ich, daß der Minister des Innern an den mehrsten Tagen der Woche um 7 Uhr des Morgens im Kabinette des Kaisers seyn muß, und da gewöhnlich bis Mittag, ja zuweilen bis 3 bis 4 Uhr mit ihm arbeitet: auf dieselbe Art wendet er den übrigen Theil des Tages mit den andern Ministern an; selten, wenn das Wetter recht schön ist, habe ich zu dieser Zeit ihn gesehen auf der Terrasse gegen den Tuilleriengarten außer seinen Fenstern in der Gesellschaft eines Adjutantens einigemal auf und nieder gehen. Ob die Nation ihm sein Anstrengnug belohnt, ob er geliebt ist, geschätzt? ist eine Frage, die ich nicht aufwerfen will, weil du schon in einem meiner ersten Briefe ihre Antwort findest: Leichtsinn und Undankbarkeit sind die Hauptzüge in der Karakteristik dieser Nation: die schändlichen Frevler, die einen unschuldigen König ermordeten, und darauf Jahre lang die Gleichheit der Menschen von Geburt über den ganzen Erdboden ausschrien und verbreiten wollte; diese können jetzt gar nicht vergessen, daß ihr jetziger Beherrscher ein Fremder ist, und aus keiner königlichen Familie herstammt: ich bin gewiß, daß, wenn ein Einziger von der feigen aussterbenden Familie, die einst Frankreich beherrschte, den Kopf gehabt hätte, wie Napoleon (einen Brief, wie dessen letzterer an den König von England selbst hätte schreiben können) sie hätten ihn vergöttert, Tempel hätten sie den noch lebenden gebauet. Ob er fühlt, daß er nicht geliebt ist, ob er unglücklich dabei ist? habe ich mich oft selbst gefragt -- ich glaube es nicht; ich glaube, daß er Stolz genug besitzt, die Lobreden und den Tadel der jetzigen Generation in Frankreich zu verachten: der von jedem in Frankreich Reisenden zu verehrende Meyer in Hamburg hat aus meinem Herzen gesprochen, wenn er das Urtheil fällt, daß "Bonaparte nicht geliebt seyn wolle, wie es ein Ludwig XIV war. Er lebt nicht für die Pariser, er lebt für die bessere Menschheit." *) Anderwärts **) sagt Meyer: "Ein hohes Selbstbewußtseyn des Uebergewichts seiner Größe und seiner Kraft erhebt sich auf dieser breiten offenen Stirn, mit zuversichtlicher Ruhe gemischt, die jene ihm fremde Besorgniß für sein Leben ableugnet, womit er von außen her mit Bajonetten umgeben wird. Feste Selbstständigkeit des Regentenkarakters ist unverkennbar der herrschende Zug in dieser Physiognomie." Und da in die Rede von Schriftstellern für Reisende in Frankreich ist, so empfange Meyer den herzlichsten Dank eines Unbekannten für alle seine unterhaltende Schriften und für die mit Fleiß, Genauigkeit und Anstand bearbeiteten Briefe über Paris und das Innere Frankreichs: hätten Kotzebue, Reichardt und Konsorten diese Schrift als Vorbild angesehen und diesem gefolgt, so hätten sie weder den Lesern mit den kalten Küchen der Gesellschaften, zu denen sie unverdienter Weise eingeladen wurden, aufgewartet, noch den nach ihnen Reisenden durch ihre schändliche Gewohnheit, allerlei Personalien dem Publikum zu erzählen, geschadet; ja, da ihnen sonst nur wenig Materie übrig geblieben wäre, so hätten sie uns wohl gar mit ihren Kleinigkeiten verschont. –

*) Meyers Briefe aus der Hauptstadt und dem Innern Frankreichs. 1. Th. S. 182.
**) S. 81.


Anekdoten von Bonaparte.[]

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Mitten unter den beunruhigenden Entdeckungen und Begebenheiten dieser Wochen zeigte Bonaparte eine grosse Furchtlosigkeit. Am Mardi gras, wo er schon um die Verschwörung wußte, warf er Abends eine leichte Verkleidung um, und entfernte sich zu Fusse aus den Tuillerien. Nur ein einziger Guide, ebenfalls in Maskenkleidung, begleitete ihn. Man will ihn die und da in der Stadt, ja sogar in den Hallen des Palais royal, gesehen haben. So viel ist wenigstens gewiß, daß er bis in die Vorstadt St. Martin kam, und daß er während dieses Ganges manches wahrnahm, was ihm zu der Zeit, wo sein Gefolge um ihn ist, so leicht nicht in die Sinne fallen kann. Von diesen Wahrnehmungen machte er einige Tage darauf gegen den gegenwärtigen Polizei-Präfekt von Paris, Dübois, Gebrauch, jedoch nur so, als ob er sie aus der dritten Hand erhalten habe. Unter anderm sagt er: er habe gehört, daß während der Maskentage in der Carnevalszeit manche Plätze in Paris nicht hinlänglich erleuchtet worden wären: und so habe man besonders in der Vorstadt St. Martin die Erleuchtung sehr schwach gefunden. -- Die Bemerkung ist richtig -- entgegnete ihm hierauf Dübois -- allein dies geschah nicht ohne Absicht; man wußte, daß ein gewisser kühner, aber der Republik sehr theurer, Mann sich, nur in einen grauen Frak verhüllt, und blos von einem einzigen Guide begleitet, in das wilde Getümmel auf den Strassen tragen würde, wozu eine vollkommne Erleuchtung unter den gegenwärtigen Umständen eben nicht dienlich war! -- Man sagt, daß Bonaparte, dem der Gedanke zu diesem Ausfluge nur flüchtig eingekommen war, und der, nach seiner bekannten Taciturnität, weder vorher noch nachher jemanden auch nur das Geringste davon gesagt hatte, über diese Wachsamkeit der Polizei sich verwundert, und ihrem Präfekten sein Wohlgefallen darüber bezeugt habe, daß man auch seine Schritte nicht unbemerkt lasse.

Während der Gefangennehmung der Verschwörer gieng er beynahe täglich in die Theater, wo er bey dieser Gelegenheit doppelt und dreyfach beklatscht wurde. So oft Bonaparte ins Theater kommt, begrüßt er das Publikum durch eine Verbeugung, auf dieselbe Weise dankt er für den Beyfall, endlich zieht er sich etwas in seine Loge zurück, um dem Händeklatschen ein Ende zu machen. Wenn er fortgeht, und dies geschieht meistens nach dem Hauptschauspiel oder sogar nach dem Aufzug, der ihn angezogen hatte, verbeugt er sich wieder gegen das Publikum, und wird aufs neue beklatscht. Der Ausdruck seine Physiognomie bey diesen Gelegenheiten zeugt von einem edeln Bewußtseyn der wechselseitigen Verhältnisse von geleisteten und noch dauernden großen Diensten, von Zutrauen und Dankbarkeit zwischen ihm und diesem Volke, als dessen Repräsentant das Publikum der bessern Theater gar wohl angesehen werden kann. Er erscheint meistens in einfacher National-Uniform, und sogar bey seinen Audienzen bemerkt man oft eine steigende Kleiderpracht in absteigender Linie des Ranges und der Verdienste.

Bey Gelegenheit der Besuche, die ihm nicht nur die verschiednen öffentliche Autoritäten und Institute, sondern auch viele Privatpersonen machten, sagte er viele interessante Dinge, wovon blos der kleinste Theil in die Zeitungen eingerückt worden ist. Besonders gegen die Mitglieder des National-Instituts war er äusserst freundlich. "Die Entdekungen in Wissenschaften und Künsten, sagte er denselben, sind schöne Eroberungen, die ohne Schwerdtstreich geschehen, und die man nicht zurückgeben muß, um den Frieden zu erhalten." Es schien ihm mitten unter seinen Kriegsplanen und innern Gefahren wohl zu thun, sich auf einige Augenblicke ganz in den stillern friedlichen Kreis der Wissenschaften einzuschliessen.

Bonaparte ist gegen den Erzbischoff von Paris von einer merkwürdigen und herzlichen Freundlichkeit, mit der liebenswürdigsten Sorgfalt erkundigte sich leztens der jugendliche Held um alle kleinen Umstände der Lebensart dieses ehrwürdigen, beynahe hundertjährigen Greises. *) Als dieser ihm sagte, er gehe um 10 Uhr zu Bette, antwortete Bonaparte: "So muß man im 50sten Jahre leben, in Ihrem Alter sollte man sich im halb neun Uhr zur Ruhe begeben." Da alles, was Bonaparte umgiebt, sein Betragen nachahmt, so liebt der Greis die Gesellschaft der Tuillerien auch sehr, "ich bin da immer in meiner Familie," sagte er vor wenigen Tagen einem seiner Freunde.

*) Er ist im 97sten Jahre seines Alters, genießt der vortrefflichsten Gesundheit und der glücklichsten Erhaltung seines Gedächtnisses und seiner Sinne. Sein ruhiges Temperament hielt ihn von jeher von aller Leidenschaft entfernt, aber sein heller Geist lehrte ihn die menschlichen Schwachheiten errathen, und sein gutes Herz heißt ihn sie dulden. Die Beschreibung, die ich leztens durch einen seiner Freunde von ihm machen hörte, glich ganz jener göttlichen Schilderung des Greises auf der Felsen-Insel in unserm Oberon.

Madame Bonaparte betrug sich bey Gelegenheit der Conspiration sehr edel, mehrere unschuldigerweise in Verhaft gesezten Personen erhielten durch ihren Vorschub ihre Freyheit. Sie wird täglich mehr geschätzt und geliebt.

Bey der Parade vom 26sten Februar wurden einige ausserordentliche Sicherheitsmaasregeln ergriffen, niemand als das Militär durfe im Hof der Tuillerien seyn, selbst die präsentirten Fremden mußten in den Zimmern bleiben, und viele derselben entbehrten das Vergnügen, die Parade zu sehen. Abends war großer Cirkel bey Madame Bonaparte, die Frauen der meisten Oberbeamten der Republik erschienen bey der Gemahlin des ersten Consuls, um ihr zur Erhaltung ihres Gatten Glück zu wünschen, sie verdoppelte bey dieser wichtigen Gelegenheit ihre gewöhnliche Liebenswürdigkeit. Seitdem geht alles seinen gewöhnlichen Gang, nur war gegen das Ende des Monats der Consul meistens in Malmaison. An dieser Entfernung aus Paris mag aber eben so sehr die Rückkehr des Frühlings Schuld seyn, als die politischen Begebenheiten, an welchen überhaupt das Publikum mehr Antheil genommen zu haben scheint, als diejenigen, welche dieselben näher angiengen.

Der Festigkeit, welche Bonaparte bey Durchsetzung wichtiger Plane und bey andern Gelegenheiten beweist, können mehrere Beyspiele von edler Zurücknahme von Irrthümern oder von auf falsche Berichte gegründeten Verfahren entgegengestellt werden. So wurde z. B. vor Kurzem ein Professor aus Caen bey ihm auf eine Weise verläumdet, die ihn nöthigte, denselben seiner Stelle zu entsetzen. Der Gekränkte kam nach Paris, und übergab seine Rechtfertigung dem Staatsrathe Fourcroy und dem Consul Lebrun. Jener wies sie dem ersten Consul zuerst, und als dieser Fürsprache thun wollte, erhielt er von Bonaparte zur Antwort, "ich kenne die Sache, er hat seine Stelle wieder erhalten, er ist schon wieder abgereißt."


Quellen.[]

  1. Neues historisches Handbuch auf alle Tage im Jahr mit besonderer Rücksicht auf die Ereignisse der neuesten Zeiten von Wagenseil Königl. baier. Kreißrath. Augsburg und Leipzig in der Jenisch und Stageschen Buchhandlung.
  2. Paris zur Zeit der Kaiserkrönung. Nebst einer Schilderung der Hauptpersonen bei diesem merkwürdigen Schauspiele. Aus den Briefen eines Augenzeugen. Kölln, bei Peter Hammer. 1805.
  3. Französische Miscellen. Tübingen in der J. G. Cotta'schen Buchhandlung. 1804.