Beschreibung der Stadt Leutkirch.[]
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Auch Leutkirch gehört in die Kategorie der ehemaligen Reichsstädte. Sie liegt im Allgau zwischen dem Fürstenthum Kempten und der Grafschaft Waldburg an dem kleinen Flusse Eschach in einer anmuthigen Ebne, und der von ihr benannten Leutkircherheide, die schon im II. Abschnitte beschrieben wurde. Die Stadt selbst ist klein, hat nur eine einzige Hauptstrasse und 3 Thore, deren eins nur im Sommer geöffnet wird. Vor jedem der andern zwey Thore befindet sich eine Vorstadt, welche die obere und untere genannt werden. Die Einwohner, deren 1750 sind, bekennen sich größtentheils zur evangelischen Religion. Indessen zählt doch das ganze katholische Kirchspiel der Stadt, wohin 30 geringe umherliegende Orte eingepfarrt sind, gegen 2300 Seelen.
Ein Theil der Nahrung der Einwohner besteht im Leinwandhandel, der aber in den neuern Zeiten, besonders durch den amerikanischen Krieg, sehr weit herabgesezt worden ist. Vormals war diese Stadt wegen ihrer guten und dicken Leinwand berühmt, wovon sie eine Menge ins Ausland absezte; gegenwärtig aber wird nur blos Farbenleinwand gewirkt. Der amerikanische Krieg gab dem hiesigen Handel einen solchen Stoß, daß er einige Jahre fast ganz aufhörte. Dieser Umstand entkräftete die hiesige zahlreiche Weberschaft so sehr, daß sich diese armen Leute noch bis izt nicht erholen konnten. Ausser dem noch traurigen Rest des ehemaligen Leinwandhandels beschäftigen sich die Einwohner noch zum Theil mit Baumwollarbeiten, und mit dem Feldbau, der beträchtlich ist, und 1440 Morgen in sich begreift. Eben so groß sind auch die Waldungen, die der Stadt gehören, aus welchen jeder Bürger 3 Klafter Holz umsonst erhielt. In diesen Wäldern, und noch in einigen andern angränzenden, genießt die Stadt eine sehr grosse Waldgerechtigkeit, und die Freyheit, daß sie so weit als die Landvogtey selbst jagen darf.
Leutkirch scheint während des grossen Zwischenreiches unabhängig geworden zu seyn. Ihre völlige Reichsfreyheit erlangte die Stadt 1293 unter dem Kaiser Adolf, und wurde mit eben den Rechten und Freyheiten begabt wie Lindau. Gleich nach ihrer Reichsfreyheit stand sie wie andere Reichsstädte unter den kaiserlichen Landgerichten, und war eine sogenannte Mahlstadt des Landgerichts, wo auf öffentlicher Landstrasse Gericht gehalten wurde. Im Jahr 1514 wurde aber diese Mahlstadt nach Isni verlegt. 1336 erhielt Leutkirch vom Kaiser Ludwig das Privilegium, vor keinem fremden Gerichte erscheinen zu dürfen. Eben dieß gab Karl IV. 1366, daß sie weder vor das kaiserliche Hofgericht noch vor andere fremde Gerichte geladen werden sollen. Dieses Privilegium bestättigten auch die Kaiser Albrecht I. 1438 und Maximilian I. 1502. Den Blutbann erhielt die Stadt vom Kaiser Sigmund 1431. Obgleich Leutkirch schon 1293 unter dem Kaiser Adolf die Reichsfreyheit erhalten hatte, so wurde sie doch 1330 an den Grafen Hugo von Bregenz unter dem Titel einer Grafschaft versezt. Die Stadt suchte deßwegen bey dem Kaiser Ludwig die Bestättigung des ihr von Adolf verliehenen Privilegiums, und erhielt diese auch 1332. Karl IV. bestättigte zwar auch die Freyheiten und Reichte Leutkirchs, daß sie nicht wegen Noth des Kaisers und des Reichs verpfändet werden sollte. Allein kurze Zeit darauf verpfändete eben dieser Kaiser die Stadt Leutkirch mit noch 23 andern Reichsstädten an den Grafen Eberhard zu Wirtenberg. Diese Städte löseten sich 1359 selbst aus. Kaiser Wenzel bestättigte neuerdings die Privilegien und Freyheiten Leutkirchs; verpfändete aber demungeachtet 1379 diese Stadt an den Herzog Leopold von Oesterreich. Leutkirch wurde dadurch zum redendsten Beweis, wie wenig zuweilen auf die Schwüre und Versprechungen grosser Häupter zu bauen sey.
Den Ursprung und Namen soll die Stadt Leutkirch von einer Kirche auf den sogenannten hohen Berg bey der Stadt erhalten haben, welches um so wahrscheinlicher ist, weil man die Abhänge der Berge nach dasiger Volkssprache Leuten zu nennen pflegt. Sie führt auch eine Kirche in ihren Wappen. Im Jahr 1546 nahm sie die evangelische Lehre an, bis auf wenige Bürger, die aber wegen ihrer Unruhe der Stadt vielen Verdruß machten. 1540 brannte die untere Stadt ganz ab. Auch in dem dreyssigjährigen Kriege bekam Leutkirch viele Widerwärtigkeiten zu erdulden.
Leutkirch.[]
Charte vom Königreiche Bayern nach seiner neuesten Eintheilung vom Jahre 1808.
Leutkirch, ehemalige freye Reichsstadt im Algow, in Schwaben, am Fluß Eschach, nahe am Stifte Kempten gegen Westen, auf der von ihr benannten leutkircher Heide. Sie hat 1,800 Einwohner, nur eine einzige Hauptstrasse, aber 2 Vorstädte. Die obere ist fast so groß, als die Stadt, und die untere ist noch größer. Das demokratische Stadtregiment bestund aus 3 Collegien, dem Rath, dem Gericht und der Gemeinde. Der Rath aus 15 Gliedern, nämlich 2 Bürgermeistern, (die jährl. wechselten,) 1 Stadtammann, 3 Geheimden und 9 Rathsherren. Die Glieder dieser 3 Collegien sind evangelisch, auch sind es die meisten übrigen Einwohner, bis auf 25 katholische Eben, so daselbst vertagsmässig geduldet werden müssen. Die Hauptkirche gehört den Katholiken, und es sind viele herumliegende landvogteyische Orte in dieselbe eingepfarrt. An dieser stehet ein Franciscanernonnenkloster. Die evangelische Kirche wurde zu Anfang des 17ten Jahrhunderts erbauet. Nebst dem ist zu bemerken, das 1740 neu erbauete Rathhaus. Ausser dem Feldbau beruhet die Nahrung der Einwohner hauptsächlich auf dem Leinwandhandel, der aber in große Abnahme gekommen ist. Da diese Stadt an der Strasse nach Tyrol und nach Italien liegt, so hat sie auch eine starke Passage von Reisenden und Fuhrleuten. Unter den Reichsstädten hatte sie auf dem Reichstage, auf ihrer Bank, die 28ste Stelle. Ihr Matricularanschlag ist 21 fl. und zu einen Kammerziel giebt sie 42 Thl. 19½ Kr. Die Stadt hatte kein Gebiet als ihr Feldmark, zu welcher die Hälfte der im engern Verstande sogenannten Leutkircher Heide gehörte; sie besteht aus 180 Jauchart Ackerfeld. Dann gehören der Stadt noch beträchtliche Waldungen unter Oesterreichischer Hoheit. Die sämmtlichen Einkünfte schätzte man auf 8000 fl. Ihr Wappen ist ein schwarzer gedoppelter Reichsadler im gelben und eine Kirche im blauen Felde. Das kaiserl. Landgericht auf der leutkircher Heide und in der Pirs wurde nicht hier, sondern zu Altdorf, Ravensburg, Wangen und Isny wechselweise gehalten. Diese Heide wird von sogenannten freyen Leuten in 39 Dörfern und Höfen auf 1½ Quadratmeilen bewohnt, welche ehemals zum kaiserlichen Kammergut gehörten, dann aber unmittelbar an das Reich kamen. Doch wurden ihre Vorrechte durch das kaiserl. Landgericht öfters eingeschränkt, und Oesterreich betrachtete sie als den obern Theil der Landvogtey. Die Anzahl dieser nur dem Namen nach freyen Landleute beträgt über 2,500 Seelen. Dies ist die Leutkircher Heide im ausgedehntern Verstand. Sie wurde im Jahr 1803 nebst der Stadt Leutkirch als Entschädigung an Pfalzbaiern gegeben.
Quellen.[]
- ↑ Erdbeschreibung der gesammten pfalzbairischen Besitzungen mit steter Hinsicht auf Topographie, Geschichte, physische Beschaffenheit, Land- und Staatswirthschaft, von Johann Georg Prändel, Professor der Mathematik,. . . Amberg, in der Uhlmannschen Buchhandlung, 1806.
- ↑ Geographisch- Historisch- Statistisches Zeitungs-Lexikon von Wolfgang Jäger, Professor der Geschichte und Geographie zu Würzburg. Nürnberg, bey Ernst Christoph Grattenauer 1806.
