Von Bastille bis Waterloo. Wiki
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Leben,

Thaten und Schicksale

des

in Paris hingerichteten

Marschalls Ney.

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Aus dem Französischen.

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Saarlouis 1816.


Den Marschall Ney stellen wir mit Recht an die Spitze der Verschwörung, welche in Frankreich den Insurgenten Napoleon Buonaparte wieder einführte, und ihm den Weg bahnte, mit schnellen Schritten als siegender Rebell vorzudringen, und ohne Schwertschlag, ohne daß ein Schuß fiel, in die Hauptstadt einzuziehen. -- Niedere Herkunft schändet nicht, darum mag man es nicht spöttelnd sagen, daß Ney der Sohn eines Trödlers aus Saar-Louis war. Als Tabakshändler besetzte er sich in Straßburg; um seinen Gläubigern zu entgehen, nahm er bei dem Regiment Elsaß in Straßburg Dienste, als gemeiner Soldat. In den ersten Schreckenszeiten der Revolution war er eifriger Jacobiner, zeichnete sich als wüthender Redner in den Klubbs aus, und wurde General-Adjutant. Habsucht und Ehrgeiz waren die Quellen seiner Tapferkeit, seiner rastlosen Thätigkeit, und wo es seyn mußte, seiner Unterwürfigkeiten und Speichelleckerey. Er hatte mit Erfolg die Feldzüge unter Pichegrü, Moreau und Lecourbe mitgemacht, war bis zum Rang eines Divisions-Generals gestiegen, und es mochte wohl mehr der Umstand seyn, daß er Buonapartes Glücksstern bei dem verwegenen Emporschwingen noch nicht traute, als Wahrheit der Empfindung, daß er den Anhänger an Moreau affectirte.

Buonaparte wußte ihn und Richepanse zuerst abzuziehen, schickte ihn im Jahre 1802 als Oberbefehlshaber gegen die Schweiz, dann als Gesandter eben dahin, und dann später commandirte er das Lager bei Montrevil. In den nordischen Kriegen von 1804 und 1805 betrug er sich so zur Zufriedenheit seines Kaisers, daß er Marschall wurde, und dessen näheres Vertrauen genoß. Bei dem Rückzug aus Rußland deckte er an der Berescina den Marsch, und bei den wenigen Kräften, die ihm dabei zu Gebote standen, mußte man ihm die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß er mit Nutzen in der Schule eines Moreau gewesen war. Der dankbare Kaiser ernannte ihn hierauf zum Prinz von der Moskwa, und was in dem letzten Kriege 1813 dieser General in den Gefechten und Schlachten gethan, ist noch in frischem Andenken.

Das Äußere des Marschall Ney, läßt wohl einen rüstigen Kämpfer, aber nicht den feinen Schlaukopf erwarten, als welchen er sich fast vor allen den Verschwornen hervorthut. Doch die Behauptung, daß die Rothköpfe sehr ehrlich oder sehr falsch sind, scheint sich bei ihm zu bestätigen. Er hat rothes, schlichtes Haar, welches seine Verehrer vergebens für hoch blond auszugeben suchen, ein volles nichtssagendes Gesicht, eine große kraftvolle Figur, aber in der Manier, in der ganzen Haltung ist der rohe Soldat unverkennbar, und nichts empfehlendes, nichts einschmeichelndes liegt in seinem Äußern. Uebrigens ist er einer von den wenigen französischen Großen, welche durch eigenes späteres Studium ihrer frühern Unkunde nachgeholfen haben, und er hat nicht gemeine Kenntnisse in der Geschichte, Mathematik und europäischen Länderkunde erst in spätern Zeiten selbst unter dem Geräusch der Waffen sich erworben.

Ney war bei seinem Kaiser in Fontainebleau, und war der Erste, der ihm am vierten April aus dem Journal de Paris unwiderleglich darthat, daß der Senat ihn abgesetzt habe, und den folgenden Tag die Bourbons anerkennen werde. Dieses Unternehmen Ney's, bei dem bekannten Ungestüm Napoleons der erste, unberufene Hinterbringer der vernichtenden Nachricht zu seyn, erscheint weniger gewagt, wenn wir hinzufügen, daß Ney in der Nacht von dem in Paris geschäftigen Talleyrand einen Boten erhalten, und sogleich nachher eine lange Unterredung mit Macdonald, den er wecken ließ, gehabt hatte. Im Gefolge dieser Unterredung versammelten sich am Morgen des 4. Aprils die übrigen Marschälle und Generale, und erwählten Ney, als den, welcher die mehrste Gewalt über Napoleon hatte, dazu, ihn unter diesen Umständen zu bestimmen, daß er einer unabwendbaren Nothwendigkeit nachgeben, und sich und ihnen nicht durch nutzlose Beharrlichkeit die Hoffnung rauben solle, bey gelegener Zeit alles wieder herzustellen.

Napoleon war auch schon von dem, was in Paris geschehen war, unterrichtet, und die Nachrichten, welche Marschall Ney ihm hinterbringen wollte, waren ihm daher nichts Neues. Der aufbrausende Zorn verlor sich, als Ney dem Entthronten Talleyrands Brief vorlegte, nach welchem dieser den Marschall ersuchte, den Kaiser davon zu überzeugen, daß alle seine Diener noch die alte Anhänglichkeit an ihn hätten und behalten würden, und ihn bäten, daß er die Schritte, welche sie für den Augenblick thun müßten, nicht mißdeuten möchte. Hierzu kam die Versicherung der Treue von Ney für sich und im Namen der übrigen Marschälle und Generale, -- und Napoleon war beruhigt. Bald traten diese Generale selbst ein, leisteten in die Haud ihres entthronten Gebieters nochmals den Eid der Treue, und Napoleon sagte zu ihnen mit außerordentlicher Freundlichkeit:

"Ich bin freudig überrascht, zu finden, daß ich noch so viele Freunde hier um mich zähle, und daß ich noch so viele treue Anhänger in Paris habe. So wird es, wie ich erwarten darf, durch ganz Frankreich seyn, denn alle, die mit treulich dienten, habe ich groß gemacht, und ich that es gern. Was aber haben Sie von diesen Bourbons zu erwarten? Ich füge mich jetzt der Gewalt, welche über uns gefallen ist, und Sie werden sehen, daß ich es mit Mäßigung thue, denn ich sehe es wohl ein, nur Mäßigung kann uns retten, die freudeberauschten Sieger täuschen, und uns wieder herstellen. -- Wie wir zu handeln haben, daß muß erst der Gang der Dinge lehren, aber gewiß, wir werden klug handeln. Versichern Sie allen meinen treuen Dienern meine unwandelbare Gunst, und ich darf Nüchternheit und Verschwiegenheit in der wichtigen Periode, welche beginnt, nicht wohl noch besonders empfehlen. Meine näheren, ersten Beschießungen werden Sie durch den Prinz von der Moskwa erfahren!" –

Nun hatte er mit Ney eine lange geheime Unterredung. In dieser verhängnißvollen Stunde wurde der Plan des schändlichsten Betrugs aufgefaßt, und in seinen groben Umrissen entworfen. Diese Unterredung wurde unterbrochen, durch einen Eilboten, welchen Ney von Paris erhielt.

"Alles geht nach Wunsch! -- schrieb ihm Talleyrand, -- die Sicherheit des Kaisers ist außer Gefahr, und er wird sich in die Gegenwart fügen, da er der Hoffnung, und welch einer Hoffnung! wieder Raum geben darf. Zwar erhoben sich einige Stimmen sowohl in als außer dem Senat, welche ein anderes wollten, aber sie sind glücklicherweise theils überschrien, theils durch die verschiedenartigen Impulse unserer Gewalt beschwichtigt. Es ist kein Augenblick zu verlieren, damit man nicht zu früh aus dem Taumel zur Besinnung komme; eilen Sie hierher mit friedfertigen Aufträgen von dem Kaiser; und Sie sollen, überall beruhigt, zurückkehren." –

Noch an demselben Tage fertigte Buonaparte die Marschälle Ney, Macdonald und den General Caulincourt nach Paris ab, um den verbündeten Mächten eine Entsagungsacte zuzustellen, und zugleich die günstigsten Bedingungen für sich zu erwirken zu suchen. Wahrend ihrer Abwesenheit hatte er lange Unterredungen mit Oudinot, Lefebre und Bertrand, und selbst bis spät in die Nacht. Unter der Zeit waren jene General fast beständig um ihn arbeiteten selbst, und viele Boten wurden sowohl heimlich als öffentlich von Napoleon und jenen Großofficieren noch in der Nacht abgesandt. Man sah um Mitternacht den Marschall Oudinot ein großes Paquet Papier selbst aus dem Zimmer des Kaisers tragen, und es in seinen Privatgewahrsam nehmen.

Napoleon hatte den Marschall für seine Reise nach Paris mit einer offenen Vollmacht und Brief an seine Anhänger versehen, worin er sagt: "Wir haben, seit ich an der Spitze der französischen Heere stand, manche verlorene Schlacht zu einem um so größern Siege für uns zu benutzen gewußt. So wird es auch jetzt seyn. Muth und Klugheit nehmen bei einer großen Seele zu, mit der größeren Gefahr. Die ganze Welt gab uns oft für verloren. Nichts konnte meine Generale, meine braven Truppen niedergeschlagen machen. Auch jetzt werden wir der Laune des Glückes keine Gewalt über uns einräumen. Meinen letzten Blutstropfen gebe ich gern für die, welche mir treulich dienten. Ich trage Sie alle im Herzen. Erwarten Sie größeren Lohn als von mir, können größere Versprechungen, welche zu halten unmöglich ist, Sie reizen, so werfen Sie sich diesen Bourbons, welche seit einem Viertel-Jahrhundert die Ursache der blutigsten Kriege waren, treulich in die Arme. Doch das erwarte, das fürchte ich nicht. Die Lage der Dinge hindert mich jetzt, selbst zu Ihnen zu reden. Dem Prinz von der Moskwa sey es vergönnt, die erneuerten Versicherungen Ihrer Anhänglichkeit an mein Haus in Empfang zu nehmen. Auch fern von meinen Getreuen werde ich immer mitten unter ihnen seyn xc."

Die von Napoleon nach dem jetzt ganz umgewandelten Paris gesandte Deputation fand nicht den erwünschten Empfang, noch weniger einen glücklichen Erfolg der von dem Exkaiser gemachten Propositionen. Die Deputirten wurden kalt empfangen, man verwies sie auf die bereits abgefaßten Beschlüsse, und man ließ nicht undeutlich merken, daß die Reihe an dem Exkaiser sey, sich für die Huld zu bedanken, welche ihm und seiner Familie angediehen war. Wohl merkte auch der umsichtige Marschall Ney, daß er sowohl als Macdonald und Caulincourt mit Spionen der royalistischen Partei umgeben waren, und daß sie auch von Seiten der verbündeten Mächte genau beobachtet würden; er konnte daher von seiner Vollmacht jetzt nicht den erwünschten Gebrauch machen, um so weniger, da bei dem äußern anscheinenden Eifer mehrerer anwesender Marschälle und Generale für die neue Sache, er nicht wußte, ob und wem er so ganz trauen dürfe.

So viel ist gewiß, daß Ney spät in der Nacht vom 4. zum 5. April in tiefer Verkleidung an einem dritten Ort (man nennt das Karmeliterkloster) mit * * * und noch einer dritten Person eine lange geheime Unterredung hatte, und daß er eine Abschrift des Briefes von Napoleon in * * * Händen zurückließ. Die dritte Person war der bekannte Abt Sieyes, der in neuern Zeiten von der Bühne der französischen Intriguen verschwunden zu seyn scheint, aber im Geheimen um so gefährlicher wirkte.

Daß jene dritte Person der Abt Sieyes gewesen, wird glaubwürdig, wenn man ihn näher kennen lernt. Als Mitschuldige von Lafayette, Brissot, Marat, Robespierre, Tallien, Barras, Rewbell und Buonaparte schmiedete er Plane, und verrieth oder verließ zuletzt alle. Buonaparte war von seiner grenzenlosen Falschheit überzeugt, umlagerte ihn daher beständig mit Spionen, wollte ihn sogar einmal nach Cayenne schicken, was aber Talleyrand in eine Verweisung auf seine Güter in Touraine zu mildern wußte. Jetzt aber mußte Napoleon von Sieyes Eifer für ihn überzeugt seyn, denn er, als schreiender Republikaner, ohne es je gewesen zu seyn, war der geschworene Feind der königlichen Partei, drang laut auf die Hinrichtung Ludwig des Sechszehnten, gab den Plan zur Ergreifung des Herzogs von Enghien, und konnte daher unter der Regierung eines Bourbon, keine glücklichen Tage für sich erwarten. Dabey beherrscht ihn eine knechtische Furcht vor der Lebenssicherheit seiner Person; er ist nur dazu geschaffen, hinter den Koulissen zu h~ndeln, und dieses versteht und übt er mit einer unbeschreiblichen Kunde. Sein geheimer Einfluß reicht, auch ohne Napoleons Mitwirken, weit über Frankreichs Grenzen hinaus, und darum fürchtete ihn dieser, konnte ihn aber nicht entbehren. Wenn Sieyes aus seiner Zurückgezogenheit in Paris erschien, und Napoleon ihn in seinen geheimen Rath zog, so war es zum Sprichwort: Souverains! Peuples! tremplez! Le brutal ennemi des hommes recommençe, ses traveaux funestes! *)

*) Zittert, ihr Fürsten, ihr Völker, der furchtbare Feind der Menschheit ist wieder in verderbenbringender Thätigkeit.

Nachher hatte Ney noch eine geheime Unterredung mit Carnot, diesem Ungeheuer, welches Ney angewiesen war, sogleich für Napoleon Buonaparte zu gewinnen zu suchen. Etwas Schriftliches an Carnot mitzugeben, wagte Buonaparte nicht. Carnot wurde in dieser Unterredung nicht allein für die Sache Buonaparte gewonnen, sondern wurde nachher auch durch seine Reisen, seine Werbungen, seine gewagten Sammlungen, seinen Briefwechsel sogar nach allen Enden des Reiches, einer der eifrigsten Beförderer. In seiner Höhe sitzend, war er der Scherge, welche die Befehle, die Buonaparte von Elba aussandte, weiter verschickte, der Archivarius der Verschwörungs-Unterhandlungen. -- Er ist der Sohn eines Advokaten aus Noley, war in einer Militärschule gezogen, und unter Ludwig XVI. Ingenieur-Hauptmann. Der Prinz von Conde hatte früherhin ihn unterhalten, und doch schlug er sich zu den Feinden seines Hauses, und stimmte für Ludwig XVI. Tod. Im Wohlfahrts-Ausschuß nahm er Theil an den Schändlichkeiten Robespierres und Barreres, die Militärcommission in Orange war sein Werk, während seiner temporären Souveränität als Direktor sammelte er großes Vermögen, versprach seinem Freunde Aublin, der zur Guillotine verurtheilt wurde, für dessen junge Töchter zu sorgen, machte sie aber beide zu seinen Maitressen, sorgte dafür, daß der empörte Bruder dieses unglücklichen Schwesterpaars erschossen wurde, und nachher gebrauchte Napoleon als Kaiser den Tribun, den er nicht beleidigen mochte, zur Verübung der schändlichsten Grausamkeiten, denn nur bei Verübung heimlicher Tücke befindet dieser Entmenschte sich wohl, und er hat ein Blutregister von allen ehrlichen Leuten.

Napoleons Gesandte konnten für sich jetzt noch nicht öffentlich bei der neuen Regierung Frankreichs etwas erwirken wollen, theils weil sie noch als Geschäftsträger des Enthronten erschienen, theils weil alles in Paris noch im Gähren war, und die Kürze der Zeit, welche ihnen vergönnt war, nichts übrig ließ. Sie versparten die öffentlichen Bewerbungen bis zu einer ruhigern Zeit, nachdem im Geheim schon ein jeder seine Plane angelegt hatte, und reisten wieder ab. Ein Kokardenstreit, den ihr Gefolge veranlaßte, hätte bald schlimme Folgen gehabt. Der Pöbel wurde schon ungestüm, mit Mühe dämpfte die Policeygewalt den Tumult, und ein lautes: Vive le Roi! schallte schon an diesem Tage den Abreisenden nach.

Am fünften April, spät Abends, kamen Ney, Macdonald und Caulincourt nach Fontainebleau zurück. Der Marschall Ney eilte sogleich auf das Schloß, und hatte eine geheime Audienz bei Buonaparte von zwei Stunden, während die übrige Generalität auf ausdrücklichen Befehl in dem Vorsaale sich versammelt hatte. Endlich kam der Marschall aus dem Kabinett mit einem sehr ruhig freudigem Gesicht.

"Ich habe dem Kaiser (so nannte er ihn) das Resultat unserer Sendung nach Paris beigebracht. Ein Pariser Senat hat ihm die Kronen von Frankreich und Italien, und das Protectorat des teutschen Rheinbundes genommen, und dieses geschah unter dem Geräusch feindlicher Waffen, von denen ganz Paris erschreckt ist; denn die öffentlichen Plätze der Hauptstadt Frankreichs, welche seit Jahrhunderten von keinem Feinde betreten wurde, sind gefüllt mit den Bivouaquen der Baschkiren, Kalmücken, Uhlanen, Kroaten, Rothmäntel und anderer Völkerstämme, welche die Geschichte kaum kennt. Der Kaiser ist überlassen worden, sich nach der Insel Elba mit einem angemessenen Gefolge und einer Auswahl von Haustruppen zu begeben, wobei ihm außer der Herrschaft über Elba von Frankreich aus jährlich eine bedeutende Summe auf das große Buch geschrieben ist. Der Kaiser hält es für seine Pflicht, Ihnen, meine Herren, seinen Entschluß mitzutheilen, welcher darin besteht, daß er diesen ihm gemachten Vorschlag ohne alle Nebenbedingungen annehmen wird, zumal er von jeher den Inseln Elba, Sardinien und Corfu den Vorzug gab, und Sie haben dieses denen Ihnen untergeordneten Truppen, welche hier noch versammelt sind, bei guter Frühe bekannt zu machen. Der Kaiser wird morgen bei der Parade erscheinen, und die hier versammelten unentwaffneten getreuen Truppen mustern, und sich des Anblicks der Braven erfreuen, welche mit ihm so viele Gefahren theilten, und auch bei dieser Gefahr um ihn blieben. Sie, meine Herren, noch um sich zu wissen, ist ein großer Genuß für den Kaiser, und wenn er einer Beruhigung bedürfte, so würde dieß die größte für ihn seyn. Seine Empfindungen wird der Kaiser Ihnen morgen selbst zu erkennen geben."

Buonaparte erschien am folgenden Tage (den sechsten) bei der Parade, trotz dem, daß selbst Ney ihn bath, es nicht zu thun, indem die Stimmung der Soldaten nicht die Beste sey. Indeß er trat auf mit der ihm eigenen, alles abschreckenden Gewalt, musterte die Glieder, sprach mit diesem und jenem Einzelnen der Gemeinen und Subalternenofficiere, nannte sie beim Namen, und alle waren ruhig, da sie den Kaiser, wie er noch genannt wurde, so ruhig und unerschrocken, wie sonst, unter sich sahen. -- Nachdem die Truppen an ihm vorbei defilirt hatten, blieb er noch unter den Officieren geraume Zeit auf dem Platze, sprach sehr viel und gefällig, und äußerte mehreremale so laut, daß auch Officiere geringeren Ranges es hören mußten: "er werde jetzt, um sich zu belehren, eine kleine Seereise machen."

Sein Vorzimmer war von jetzt an fast beständig von Officieren gefüllt, und in seinem Kabinette ertheilte er den Marschällen und Generalen viele Privataudienzen. Der Courierwechsel von Fontainebleau nach Paris und so zurück war stark, stärker aber noch das Absenden von Boten in allerhand Verkleidungen nach allen Weltgegenden.

Am Abend des eilften Aprils, wo Buonaparte für sich und seine Nachkommen auf die Kronen von Frankreich und Italien schriftlich Verzicht geleistet hatte, war der Marschall Ney allein bei ihm bis nach Mitternacht, reiste dann nach Paris ab, und -- kam nicht wieder. Am 12. April unterzeichnete er und Macdonald den zwischen den alliirten Mächten und Napoleon abgeschlossenen Tractat.

Schon früher hatten es mehrere von der Generalität so gemacht, späterhin folgten auch die übrigen dem Beispiel oder vielmehr der Anweisung; denn wohl zu merken ist, daß keiner abreiste, ohne zuvor eine besondere Unterredung mit Buonaparte gehabt zu haben, und das alles geschah zuletzt so ohne die dem Exkaiser eigenthümliche Geheimnißkrämerey, daß man sicher wissen mußte, nicht von feindlichen Spionen umgeben zu seyn.

Nun hätte Buonaparte seine Abreise nach Elba beeilen sollen, die Commissarien, General Schuwalow, General Koller, Oberst Campbell und Oberst Truchses-Waldburg waren bereit; nicht ohne Grund verzögerte er sie von Tage zu Tage, von Stunde zu Stunde. Erst suchte er einen Aufenthalt darin, daß er einen andern Weg, nämlich den über Briare, Raone, Lyon und Avignon nehmen wollte, dann war die Ordre des französischen Gouvernements an den Commandanten der Insel Elba ihm nicht deutlich und bündig genug, und Unterdeß schickte Buonaparte nicht nur in den Nächten gegen hundert Munitions-, Pack- und Geldwagen varaus, sondern dieser Aufenthalt wurde ihm auch dadurch vortheilhaft, daß noch bis zur Nacht auf den 21. April alle die Boten zurückkehrten, deren Rückkehr er erwartet hatte. Den letzten Brief von Ney erhielt er am 21. April Morgens um 5 Uhr, ließ sogleich den General Bertrand zu sich rufen, gab ihm den Brief zu lesen, und rief laut genug, "was sagen Sie nun? Haben wir Sie nun nicht in der Tasche?" Ein Mensch, von dem man wußte, daß er in Carnots Solde stand, und daß dieser sich seiner besonders zu Kuppeleyen bediente, hatte den Brief gebracht, -- die_er Brief hatte den Exkaiser so freudig gestimmt, daß, als man ihm gleich darauf die Nachricht brachte, daß der Mameluck Rustan und der erste Kammerdiener Constant in der Nacht ihn verlassen und noch bestohlen hätten, er ausrief: "die Bestien handeln wie sie müssen, -- der Mensch ist ein undankbares Thier!"

Endlich am 21. April 1814, nachdem der Plan zu dem großen Trauerspiele, welches den größten Theil von Europa wieder mit Kriegsunruhen erfüllte, entworfen war, nachdem die ersten Rollen ausgetheilt waren, und es nur noch des Umstandes bedurfte, daß das Schicksal einen Zeitpunkt herbeiführe, um die Catastrophe zu entwickeln, reisete mit voller Ruhe, eine sichere Hoffnung bei sich tragend, der Schänder der Lilien von Frankreich *) nach dem Orte seiner Verbannung ab. "Lesen Sie die Geschichten der Griechen und Römer, waren seine gewöhnlichen Entlassungsworte an seine Getreuen, und Sie werden finden, daß Exilirte, denen es darum zu thun war, in größerer Herrlichkeit wiederkehrten, und eine Geißel derer wurden, welche sie exilirt hatten;" und der Toast, den der Marschall Ney seitdem im Kreise der Vertrauten ausbrachte, war: "der Kopf, die Hoffnung und der Degen!"

*) Das französische Wappen hat Lilien, deren Zahl Carl der Sechste auf drei festgesetzt hatte. Einige Heraldiker halten sie für Fliegen oder Bienen, noch andere für die Spitzen der Hellebarden, die auch Kröten heißen. Buonaparte machte diese sogenannten Kröten zu wirklichen Kröten, und die Bienen zu Wespengeschmeiß.

In dem Hafen von St. Raphor ohnweit Frejus, hatte Buonaparte am 28. April sich eingeschifft, und der Zufall wollte, daß an eben dem Tage Ludwig XVIII. in Calais zuerst wieder den vaterländischen Boden betrat, um auf dem Throne der Bourbonen nieder zu sitzen. Wenn auch die Freude der geringern Volksklassen überall, wo der König erschien, wohl aufrichtig war, so entging es doch dem unbefangenen Beobachter nicht, daß alle Ehrenbezeugungen der Soldateska nichts als befohlene Manövres waren, und daß auch durch die Rotten der gemeinen Soldaten schon jetzt der Geist des Aufruhrs verbreitet war.

Fremd kam Ludwig der Achtzehnte zu Fremden in ein fremdes Reich, und sich selbst überlassen, überzeugt davon, daß ein Theil davon ihn ungern sehe, einem andern Theile er ganz gleichgültig sey, wählte er das Mittel, die stehende Armee sich gewinnen zu suchen, daß übelste, welches er bei einer Armee, die ein Buonaparte ihm zurückließ, ergreifen konnte.

Kaum war eine Ahndung hiervon seinem Erscheinen vorangeflogen, so waren die Anhänger Buonapartes mit geschäftiger Eile bemüht, dieses mangelnde Gefühl eigner Selbstständigkeit für sich zu benutzen, und hatten sie, die Unterdeß schon in eine enge Verbrüderung getreten waren, in der Gunst, in dem Vertrauen des neuen Regenten sich erst eingeschmeichelt, so werde es ihnen auch ein Leichtes seyn, meinten sie, den Monsieur, den Herzog von Bourbon, und den Herzog von Berry, welche sie von dem nähern Umgang mit dem Könige nicht entfernen konnten, und die ihm leicht etwas zuflüstern mochten, zu blenden. Leicht ausführbar war auch dieser Plan, denn Ludwig hatte seit fünf und zwanzig Jahren in seinen Zufluchtsörtern in Deutschland, Rußland und England nur Biederkeit, Treue und Offenherzigkeit kennen gelernt. Ganz fremd war ihm, daß der Leichtsinn in selbstflüchtige Falschheit, affectirtes Wesen in unergründbare Verstellungskunst, Witz, in Heimtücke, Muthwille in die boshafteste Schadenfreude ausgeartet seyn konnte.

Marschall Ney war schon vor der Ankunft des neuen Königs in Paris mit seinem großen Werke für Buonaparte weit vorgerückt. Massena, Soult, Suchet waren nicht schon allein ganz eng mit ihm verbunden, sondern auch schon thätige Mitglieder des furchtbaren Bundes. Savary, Caulincourt, Mortier, Hülin, Darü und Marchand hatten theils mündlich, theils schriftlich ihre Versicherungen der treuen Ergebenheit für die Dynastie der Napoleone ihm angegeben, und dagegen von ihm die Vergewisserung erhalten, daß aus allem, was sie jetzt thun würden, nicht die geringsten Mißdeutungen entstehen sollten. Carnot leitete den Geschäftsgang der Verschwörung, und hielt sie in reger Bewegung. Sein Ausruf unter den Verbündeten war, als er sah, daß die Sache sich merklich förderte: "es lebe die geheime Regierung über Frankreich!"

"Der Kaiser (so sagte Ney zu den Verbündeten in der Versammlung, und schrieb eben so an die entfernten Bundesglieder) betrachtet den jetzigen critischen Augenblick als eine wichtige militärische Operation, bei welcher er auf die Klugheit seiner Generale sich verlassen muß, die, unabhängig von seinen Befehlen, welche sie nicht erreichen können, selbstthätig zu einem gemeinschaftlichen Zwecke handeln müssen. Wir haben uns den Fall vorzustellen, er sey jetzt durch ein Streifcorps von den übrigen Theilen der Armee, von dem Mutterlande abgeschnitten. Wodurch sind wir dem Feinde des Landes furchtbarer geworden, als durch unsere Corpsgefechte? Jeder Anführer ist da ein Feldherr für sich, ohne von dem Oberfeldherrn Befehle zu weitern Maßregeln einholen zu können. Seiner eigenen Klugheit bleibt es überlassen, seine Haufen der Hauptarmee wieder zuzuführen. Es wird auch jetzt vielleicht schwer halten, durch eine geheime Kette uns stets in Verbindung zu setzen. Der Zweck unsers Vorhabens ist: den Kaiser Napoleon wieder im Pallast der Tuillerien zu sehen; jeder von uns handelt dafür; und das Signal zu der Schlacht, welche wir bereiten, ist: das Erscheinen unsers Kaisers auf französischem Boden! Klugheit, Verschwiegenheit, Nüchternheit, Mäßigung und Geduld wird uns siegen lassen; verfehlen wir diesen Sieg, so haben wir unser Leben in den Lagern umsonst zugebracht, und Schandsäulen werden auf unsere Gräber gesetzt. Ein guter Erfolg adelt das Beginnen."

Das Zusammenlegen der Hände auf den Rücken, die unbemerkte Berührung des linken Ohrläppchens mit der linken Hand, ein leichtes Schwenken des Hutes bei dem Gruß und das Wort: Pah! waren die geheimen Zeichen, die Verbündeten unter einander zu kennen. Das violette Band trugen sie nur in ihren Klubs. Carnot theilte es aus, sobald die neuen Mitglieder in seiner Liste eingetragen waren.

Von jetzt an bemerkt man nicht mehr des Fürsten Talleyrand unmittelbares Handeln bei diesem Bunde; sey es nun, daß der Zweck ihm unerreichbar oder zu gewagt erschien; sey es, daß er bei des Marschalls Ney vorgreifender Gewalt sich zurückgesetzt fand, oder sey es, daß er glaubte, durch eine längere Verborgenheit und Verstellung noch kräftiger für die Sache Buonapartes wirken zu können. Wir sind geneigt, das Letztere anzunehmen. Seine nachherige Sendung an die Schweizer Eidgenossen war ganz dazu geeignet, durch Anspinnung eines Verrathes unter den Bündern einer wieder anwachsenden Buonapartischen Armee die Verbindung mit Italien zu eröffnen, eine Verbindung, welche von den wesentlichsten Vortheilen gewesen seyn würde; und die jetzt gegen Frankreich verbündeten Mächte können es den Schweizer Eidgenossen nicht genug danken, daß sie mit einer eigenen Macht von 30,000 Mann ihre Selbstständigkeit behaupten, und das ihnen unerwartet kommende Anerbieten einer fremden Macht, sie schützen zu wollen, bescheiden dankend ausschlugen.

Als Ludwig der Achtzehnte in Paris angekommen war, und Generale und die Armee ihm den Eid der Treue geleistet hatten, war Marschall Ney einer der ersten, welcher die Gunst des neuen Regenten und seiner Familie (den Herzog von Angouleme ausgenommen) zu gewinnen wußte, und seine Vorschläge, seine Beurtheilungen waren es hauptsächlich, welche den König zu Wiederanstellung der einzelnen Individuen der Generalität bestimmten. Was er in dieser Hinsicht vermochte, beweise nur ein einziges Beispiel. Der Marschall Davoust, dieser furchtbarste aller Henkersknechte, der schon vorher in den nordischen Kriegen den Namen der Franzosen geschändet hatte, der zuletzt von Buonaparte selbst nur losgelassen wurde, wenn unerhörte Greuel ausgeübt werden sollte, hatte zuletzt in Hamburg mit einer Grausamkeit gewüthet, welche alle Beschreibung überstieg. Die Menschheit entsetzt sich vor diesem Scheusal, und seine Brandmarkung ging vor ihm voraus, als er in Paris erschien, nachdem er Hamburg den Russen hatte abtreten müssen. Durch den Marschall Ney suchte er bei dem König Gehör, und zweimal schlug es der König rund ab. Doch dieser Davoust war eine zu wichtige Person, als daß die Verschworenen seiner hätten entbehren können; Ney machte zum drittenmal Vorstellung: Davoust erhielt Audienz, und wurde wieder zu Gnaden aufgenommen. Nicht seinem Aeußern, seiner Beredsamkeit mochte er diese Gnade danken, denn er ist eine kleine, untersetzte, unansehnliche Figur, dessen Gesicht Gott gezeichnet hat, und seine Beredsamkeit besteht in dem Aufruf zu Mord und Brand. Nur Ney's Empfehlung also hatte er diese Gunst zu danken; und diesem glückte es sogar auch, den furchtbarer Plünderer Vandamme, den selbst die siberischen Wüsten wieder ausgeworfen hatten, bei dem gern verzeihenden Ludwig einzuführen.

Die neuesten Geschichten, wie Ney seinen König verrieth, wie er gefangen gesetzt, und sein Proceß eingeleitet, geführt und beendigt wurde, ist durch die öffentlichen Blättern noch in frischem Andenken. Am sechsten Dezember 1815 Nachts wurde ihm sein Urtheil vorgelesen. "Marschall Ney, überwiesen, in der Nacht vom 13. zum 14. März 1815 Emissarien des Usurpators bei sich empfangen zu haben; überwiesen, am 14. März zu Lons-le-Saulnier, auf öffentlichem Platze, an der Spitze des Heeres, eine aufrührerische, zum Abfall reizende Proclamation verlesen zu haben; überwiesen, unmittelbar darauf den Befehl zur Vereinigung mit dem Feinde gegeben, und diesen Befehl wirklich ausgeführt zu haben; überwiesen, dadurch des Verbrechens und des Hochverraths, und eines Attentats gegen die Sicherheit des Staates, welches die Veränderung der Regierung und der rechtmäßigen Thronfolge zur Absicht hatte: wird von der Kammer der Pairs nach den Gesetzen des Staats zum Tode und in die Unkosten verurtheilt."

Als der das Archiv bewahrende Secretär der Pairs-Kammer sich zu dem Marschall begab, um ihm das Endurtheil vorzulesen, und ihm Beileidsbezeugungen machen wollte, unterbrach ihn der Marschall mit den Worten: "Sie verrichten Ihr Geschäft; jeder hat das seinige auf dieser Welt." Bei der Einleitung des Urtheils rief er: "Zur Sache! zur Sache!" Bei den Worten: königlicher Codex, welche in den Beweggründen seiner Verurtheilung vorkamen, sagte er: "Sie irren sich; der Codex ist nicht abgeschafft; er ist der Kaiserliche." Als man seine Titel der Länge nach ablas, rief er: "Wozu das alles? Michael Ney; ein Haufen voll Staub, dann ist es genug." Das Urtheil war abgelesen. Der die Functionen eines Greffiers verrichtende Secretär bemerkte, daß es höchster Zeit sey, testamentarische Anordnungen zu treffen. "Ich bin bereit zu sterben, wenn man es verlangt," war die Antwort. Man sagte ihm hierauf, wenn er in den letzten Augenblicken den Trost der Religion empfangen wolle, so dürfte er nur den Pfarrer von St. Sulpice rufen lassen, der seine Dienste dazu angeboten habe. "Schon recht, mein Herr; ich werde daran denken" war die Antwort. Auf die Bemerkung, daß er nach einem andern Geistlichen schicken könne, wenn ihm dieser nicht anständig wären, sagte der Marschall: "Noch ein Mal, es ist schon gut so; ich brauche keinen Priester, um von ihm sterben zu lernen." Als man ihm bemerkte, es stünde bei ihm, von seiner Frau und seiner Kindern Abschied zu nehmen, verlangte er, man möge ihr schreiben, daß sie zwischen sechs und sieben Uhr Morgens käme. Ich hoffe, "setzte er hinzu, "daß Ihr Brief der Marschallin die Verurtheilung ihres Mannes nicht melden werde; mir kommt es zu, sie mit meinem Schicksale bekannt zu machen." Der Greffier entfernte sich hierauf; der Marschall legte sich angekleidet zu Bette und schlief sogleich ein. Um vier Uhr früh wurde er durch die Ankunft der Frau Marschallin Ney geweckt. Seine Kinder und Madame Gamon, ihre Schwester, begleiteten sie. Die unglückliche Frau sank beim Eintreten erstarrt auf den Fussboden hin; der Marschall und einer seiner Wächter halfen sie aufrichten; auf eine neue Ohnmacht folgten Thränen und Schluchzen. Der Zustand der Madame Gamon, die vor dem Marschall Kniete, war nicht minder beklagenswerth; die Kinder standen düster und schweigend, weinten aber nicht; der Älteste mag fünfzehn Jahre zählen. Der Marschall besprach sich lange mit ihnen, aber seine Stimme war leise. Plötzlich stand er auf und beredete seine Familie, ihn zu verlassen.

Als er mit den Wachen allein geblieben, ging er m Zimmer auf und ab. Einer seiner Wächter, ein Grenadier von Larochejaquelin, sagte zu ihm: "Marschall! sollten Sie in Ihrer jetzigen Lage nicht an Gott denken? Es ist doch ist doch immer eine gute Sache, sich mit Gott zu versöhnen." Der Marschall blieb stehen, blickte ihn an, und nach einer kurzen Pause sprach er: "Ihr habt recht; ihr habt wahrlich recht; man muß als ehrlicher Mann und Christ sterben. Ich wünsche den Pfarrer von St. Sulpice zu sehen." Das ließ sich der brave Grenadier nicht zweimal sagen; es ward sogleich fortgeschickt, und bald darauf trat jener Pfarrer in das Zimmer des Verurtheilten. Er blieb drei Viertelstunden mit ihm eingeschlossen. Als er wegging, bezeigte ihm der Marschall den Wunsch, ihn in seinen letzten Augenblicken noch zu sehen. Der tugendhafte Geistliche versprach es und hielt Wort. Um halb neun Uhr kam er wieder, und um neun Uhr reichte ihm der Marschall die Hand, half ihn in den Wagen, und sagte: "Steigen Sie zuerst hinein, Herr Pfarrer! Ich werde geschwinder als Sie da oben seyn."

Um sieben Uhr Morgens besetzten die Gendarmerie zu Pferde, die Nationalgarde zu Fuß und zu Pferde alle Ausgänge des Pallastes Luxembourg. Um 8 Uhr ward ein Miethwagen herbeigeholt, welchen der Marschall um neun Uhr bestieg. Er hatte sich umgekleidet, trug schwarzes Gilet, eben solche Beinkleider und Strümpfe und einen blauen Frack. Den Rücksitz nahm er und der Pfarrer ein; gegenüber saßen zwei Officiere von der Gendarmerie. Zahlreiche Detaschements königlicher Grenadiere, Gendarmen und Veteranen begleiteten den Zug, welcher Platz zur Execution bestimmt war. Während der Fahrt übergab der Marschall dem Pfarrer seine goldene Dose, mit dem Ersuchen, sie seiner Gemahlin zuzustellen, und die zwei Briefe, welche er in der Nacht geschrieben hatte. Dann zog er einige Goldstücke aus dem Sacke, drückte sie ebenfalls dem Pfarrer in die Hand, und sagte: "Das ist für die Armen." Als der Wagen am Gitter hielt, befand sich dort ein schwaches Detaschement Gendarmerie und sechzehn Veteranen, die ihn erwarteten. Der Marschall, welcher glaubte, man würde ihn auf die Ebene von Grenelle führen, schien dadurch etwas überrascht. Die sechszehn Mann stellten sich in Linie. Ein Gendarmerie-Officier stieg zuerst aus dem Wagen, ihm folgte der Marschall, welcher ihn zu fragen schien, ob hier der Ort zur Execution sey. Nun umarmte er seinen Beichtvater, trat ganz gefaßt mit fester Miene acht Schritte gegen die Mauer vor, und sagte, sich lebhaft gegen die Soldaten wendend, zu denselben: "Cammeraden! gerade aufs Herz! Zielt gut;" Dieß waren seine letzten Worte; er nahm mit der linken Hand seinen Hut ab, und legte die rechte auf die Brust. Der commandirende Officier gab mit dem Degen das Zeichen, und der Marschall fiel, von zwölf Kugeln getroffen, alsogleich nieder, ohne mehr das geringste Lebenszeichen zu geben, denn mehrere Kugeln hatten das Haupt getroffen. Der entselte Körper wurde, den militärischen Gesetzen gemäß, auf eine Tragbahre gelegt, und blieb eine Viertelstunde lang dem Anblicke der Zuschauer ausgesetzt. Dann wurde er mit einem Tuch bedeckt, und von Veteranen in ein Hospizium getragen, wahrscheinlich um seiner Familie ausgeliefert zu werden.

So endigte ein durch seine Tapferkeit mit Recht berühmter Krieger, der aber sein Heldenleben durch eine in der Geschichte unerhörte Verrätherei, und durch ein fast eben so entehrendes Vertheidigungssystem befleckt hatte. Seine letzte Behelfe vor Gericht, worin er die Autorität seines Königs abläugnete, und sein Leben unter den Schutz des Auslandes stellen wollte, sind eines Soldaten unwerth, und ersticken die Stimme des Mitleids. Als er unmittelbar nach seiner Verhaftung vor der Obrigkeit erschien, gab er die schöne Antwort: "Ich bin zu schuldig, um mit meinem König um mein Leben zu handeln; er mache mit mir, was ihm gut dünkt." Seiner Ehre wegen muß man wünschen, daß er nie eine andere Antwort gegeben hätte. Die Nachwelt, auf welche sich der Angeklagte während der Verhandlungen einmal berief, wird dieses nach den strengsten Formen des Rechts geschöpfte Urtheil unterschreiben, welches jetzt schon von allen unpartheyischen Zeitgenossen, von allen Menschen, welche nicht augenscheinliche Wahrheiten einem leidenschaftlichen Vorurtheile aufopfern, gebilliget worden. Die Geschichte wird dem Andenken des Marschalls Ney jene Gerechtigkeit wiederfahren lassen, welche er im Voraus anzusprechen wagte, und welche anzudeuten uns nur sein noch rauchendes Blut verhindert.


Quellen.[]

  • Leben, Thaten und Schicksale des in Paris hingerichteten Marschalls Ney. Saarlouis 1816.
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