Von Bastille bis Waterloo. Wiki

J. H. Hassenfratz.[]

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Hassenfratz (J. H.) geboren den 22. Dezember 1753. Er war erster Kommis der Kriegskanzley und figurirte 1792 unter den Wählern der Hauptstadt, stellte sich nachher als Ankläger von Dümouriez und später von Cüstine, und machte sich hauptsächlich den 1. Juny 1793 vor den Schranken des Konvents bemerkt, wo er mit Chuillie erschien und ein Anklagedekret gegen die Staatsmänner (die Girondisten) und nahmentlich gegen die Kommissärs der Zwölfe der National-Versammlung verlangte. Nach Robespierres Fall hörte er nicht auf, sich zu den Grundsätzen der Montagne zu bekennen, wurde beschuldigt, an den Jakobiner-Unruhen von 1795, namentlich vom 1. Prairial, Theil genommen zu haben und folglich vor das Kriminalgericht geführt, und mit Pache, Bouchotte xc. gerichtet zu werden; allein die Amnestie endigte den Fortgang und setzte ihn wieder in Freyheit. Seitdem hat er sich nur mit den Wissenschaften beschäftigt und ist seit mehreren Jahren Lehrer der Physik an der polytechnischen Schule. 1801 gab er für diese Anstalt ein Handbuch der Physik der Himmelskörper heraus.


Hasenfratz.[]

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Dieser Mann, der durch die Klagen des Generals Dumourier, und als Waffenträger des Ex.-Ministers Pache, jetzigen Gross-Veziers von Paris, bekannt ist, gehört zu den entschlossensten Sansculots der neuesten Epoche; auch war er es, der am 22sten May dieses Jahres den Convent belagerte, und durch Tumulte und Drohungen von der gesetzgebenden Versammlung die Verhafts-Decrete gegen die zwey und zwanzig Repräsentanten erpreßte. Hasenfratz war bey diesen anarchischen Auftritten so thätig, daß man sie und ihre Folgen in Paris die Hasenfratzische Revolution nannte. Diese Umstände machen es interessant diesen Hosenlosen etwas näher kennen zu lernen; daher ich den Lesern hier ein Fragment, eines bereits im vorigen December aus Paris erhaltenen Briefes mittheilen wil.

v. A.
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Hasenfratz hat mehrere Statistische Schriften geliefert. Der Name Hasenfratz klinkt recht kräftig deutsch; ganz natürlich, daß ich den Innhaber desselben für einen Deutschen hielt. Allein er ist es nicht; noch scheinen seine Vorfahren solches je gewesen zu seyn. Sein Vater hieß Becq de Lièvre, und hatte in der Bergwerkskunde wichtige Kenntnisse erworben. Umsonst bemühte er sich in diesem Fache angestelt zu seyn; die Deutschen, so für die besten Metallurgen galten, wurden ihn allenthalben vorgezogen, und der Zutritt zum Minister von Tage zu Tage unmöglicher. Was ist zu thun? er verfält auf den Gedanken, sich in einen Deutschen zu metamorphosiren, nach den Begriffen, welche man sich damals von den Gelehrten dieses Landes machte. Zuerst wird mit Hülfe eines Wörterbuchs Becq de Lièvre ins Deutsche übersetzt, und nachdem er das neue Ungeheuer heraus zu würgen gelernt, läßt er sich, die abgestützten Haare wird um den Kopf gezerrt, und in ein steifes, reichsstädtisches Kleid gerammelt, bey dem Minister als ein aus dem Harz gebürtiger, gelehrter Bergmann anmelden."

"Wie nennen Sie sich mein Herr? Herr Hasenfratz schnaubt, schnaltzt, und schnarcht seinen Namen so glücklich heraus, daß dem Bureau die ihren davon brummen. Der Commis schrinkt zusammen. Grosser Gott! ruft er, indem er sich mit dem kleinen Finger im Ohre schüttelt, wenn ich nur Muth hätte, mir ihn wiederhohlen zu lassen. Sogleich windet der bereitwillige Herr Hasenfratz seinen deutschen Namen noch einmal aus der Gurgel. Vergebens durchläuft der Commis die ganze Tonleiter der seinigen, ohne mehr als ein Fetzen nachzuschnappen, welches Pröbchen Indeß, dem Minister überbracht, vollkommen hinreicht, ihn geneigt zu machen. Der Ausländer wird nun ohne weitere Umstände vorgelassen. Anzug und Manieren tragen wie sein Name das unverwerfliche Gepräge der Deutschheit, folglich eines gründlichen und gelehrten Metallurgen -- und Herr Hasenfratz wird auf der Stelle, mit einer Pension von 20,000 Livres angestelt."

Hier sind einige Proben von den Statistischen Kenntnissen und Behauptungen dieses Hasenfratz und zwar aus der neuen Ausgabe seiner Elementar Geographie gezogen:

"Frankreich zählt sieben und zwanzig Millionen Einwohner. Die Zahl seiner männlichen Bürger, zwischen sechzehn und neunzehn Jahren beträgt zehn Millionen; die Zahl seiner activen Bürger, und der Söhne activer Bürger, vier Millionen und 300,000, welches 5,700,000 nicht active Bürger übrig läßt. Die Zahl der Individuen im Stande Waffen zu tragen, ist 6,700,000, wovon 2,880,000 active, und 3,820,000 nicht active Bürger sind."

"Die Linientruppen in Frankreich belauffen sich jetzt (Anfang des Jahres 1792) auf 250,000 Mann. Wenn die Franzosen, welche ihre Freiheit vertheidigen wollen, sich decimirten, das heißt, wenn einer von zehen, die im Stande sind Waffen zu tragen, gegen den gemeinschaftlichen Feind ausrückten, so hätte Frankreich eine Armee von -- 670,000 Mann."

"Die absoluten Kräfte der wider Frankreich verbundenen Mächte sind: Oesterreich 260,000, Preussen 200,000, Reichs-Contingent 40,000, Neapel 50,000, Sardinien 30,000, Toscana 6000; zusammen 586,000 Mann."

"Angenommen, daß diese Mächte zur Bewachung ihrer eigenen ungeheuren Staaten, deren Ausdehnung 21,562 deutsche Quadrat-Meilen beträgt, wovon funfzehn auf einen Grad gehen, und zur Unterwürfigkeit von mehr als vierzig Millionen Individuen, die diese Länder bevölkern, nicht mehr als die Hälfte dieser Truppen nöthig haben, so folgt, daß die ganze Macht, welche gegen Frankreich gerichtet werden kann, 293,000 Mann betrage. Das Departement von Paris allein enthält 100,000 active, und 140,000 nicht active Bürger, worunter es 180,000 streitfähige giebt, davon 80,000 active, und 100,000 nicht active Bürger sind."

So weit dieses Hasenfratz Calcul, der nun zu jedermanns Prüfung offen liegt.


Quellen.[]

  1. Moderne Biographien, oder kurze Nachrichten von dem Leben und den Thaten der berühmtesten Menschen, von Karl Reichard. Leipzig, 1811. In Commission bey Peter Hammer.
  2. Minerva. Ein Journal historischen und politischen Inhalts. Herausgegeben von J. W. v. Archenholz. Hamburg 1793.