Von Bastille bis Waterloo. Wiki
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J. Petion-de-Villeneuve.[]

J. Petion.

Pétion.

Petion-de-Villeneuve (J.) Advokat zu Chartres, ward Deputirter des dritten Standes dieser Stadt bey der General-Stände-Versammlung, wo er sich durch eine gänzlicher Anhänglichkeit an die revolutionäre Parthey auszeichnete. Mit einer glücklichen Physiognomie, mittelmässigen Talenten, einen ziemlich unternehmenden, doch in Gefahren schwachen Charakter, ward er einer der ersten aufwiegler zur Revolution.

Bey dem Ausgange der königlichen Sitzung vom 23. Juny 1789 war er einer von denen, welche sich gegen die vom Könige versuchte Autoritätshandlung erhoben, und redete der Versammlung zu, auf ihren ersten Beschlüssen zu beharren. Nachdem er sich mit ganzen Eifer der Orleansschen Faction hingegeben hatte, ward er im October Mitglied der ersten Sicherheitsausschusses. Im laufe des Jahres 1790 sah man ihn mit demselben Eifer die Revolutions-Parthey unterstützen.

Er bestritt die Meinungen seiner Gegner mit einer Art von Wuth und blieb öfters, wenn er sich der Tribune bemächtigt hatte, beynahe allein im Saale.

Im Juny 1791 ward er Präsident des Pariser Kriminalgerichts, und als die Versammlung die Abreise Ludwig XVI. erfahren hatte, ernannte sie ihn zu einem der drey Kommissärs, die diesen Fürsten zu Varennes abhohlen mußten, wo er nicht das menschenfreundliche Betragen gegen diesen unglücklichen Monarchen beobachtete, welches Barnave demselben bezeigte.

Als die Mitglieder der National-Versammlung sich von den Jakobinern zurückzogen, war Pétion der sechste, der unter ihnen beharrte, und sein folgendes Benehmen täuschte das Zutrauen dieser Gesellschaft eben so wenig, wie das des Herzogs von Orleans.

Zu Ende des Septembers sandte ihn der Herzog von Orleans nach England, um, nach Merciers Behauptung, daselbst mit Frau von Genlis und Voidel, die Magazine für das Getreide einzurichten, welches jener in der Absicht, eine neue Hungersnoth zu verursachen, aus Frankreich ausführen wollte; diese Spekulation schlug zwar fehl, doch erhielt Pétion bey seiner Zurückkunft die Stelle des Maires und wurde den 18. November in dieselbe eingesetzt.

Von dieser Epoche datirt sich sein wirklicher Einfluß, und von da fangen die gröblichen Beleidigungen an, mit denen er Ludwig XVI. bald durch seine Anschlagzettel, bald durch Insurrektionen, die er hauptsächlich leitete, überhäufte. Den 20. Juny 1792 führte er die Rebellen mit der unumschränktesten Herrschaft an, und sprach, sowohl in der Mitte der Versammlung, als in dem Schlosse der Tuillerien, der Ohnmacht des Königs Hohn. Den folgenden Tag sprach Ludwig XVI. mit ihm in festen Tone. Um sich zu rächen, ließ Pétion alsobald seine Unterredung mit dem Fürsten drucken, in der Hoffnung, dadurch das Volk von neuem gegen denselben aufzureitzen. Indessen hatte der allgemeine Rath des Pariser Departements den Muth, ihn den 6. July seiner Stelle zu entsetzen, und der König bestätigte diese Entsetzung; Pétion aber setzte alsbald die Sectionen in Thätigkeit, die ihn mit grossem Geschrey zurückforderten, und den 12. erschien er selbst vor dem Schranken. In einer äusserst langen Rede ließ er sich in der That weniger seine Rechtfertigung angelegen seyn, als eine Menge Schmähungen gegen den Hof und das Departement auszustoßen, die ihm den Beyfall der Tribunen und die Aufhebung seiner Amtsentsetzung verdienten.

Indessen machte ihn dieser Handel furchtsamer am Tage des 10. August, wo er Unentschlossenheit zeigte, und sich selbst widersprechende Maßregeln nahm. Von dem 3. August an, hatte er förmlich in der Versammlung, im Namen der Gemeine, die Entthronung des Königs verlangt, seit mehreren Tagen erforschte er die Stimmung der Gesetzgeber durch seine Berichte über die Lage der Hauptstadt, und den 10. hatte er, um alle Verantwortlichkeit von sich abzulehnen, die Vorsicht, sich in seinem Hause von Aufrührern, die unter seinen Befehlen standen, bewachen zu lassen. In seinem Briefe, den er mittelst der Journale den 10. November ins Publikum brachte, sagte er aber selbst, daß er nicht wenig beygetragen habe, den 10. August herbeyzuführen. Mercier behauptet, daß bey Eröffnung des Konvents gewisse Mitglieder Petion zu einem Diktator oder einem Souverain machen wollten. In dieser Ueberzeugung sagte Lafayette in seiner Proklamation, durch die er seine Armee zum Widerstande zu ermuntern suchte: "Wählet zwischen der Konstitution und Petion, als König." Nach Mercier hatte Petion keinen Antheil an den Septemberszenen; Prüdhomme behauptet das Gegentheil. Es ist indeß sicher, daß er sie mißbiligte; doch that er keinen wirksamen Schritt, um sie aufzuhalten, während dessen ihn sein Amt dazu verpflichtete.

Er war der erste Präsident des Konvents, und dekretirte in der ersten Sitzung desselben den 21. September 1792 die Aufhebung des Königthums; den 11. Oktober trat er in den konstituirenden Ausschuß. Seit diesem Augenblick bis zu dem Tode Ludwigs XVI. bestieg er beynahe täglich die Tribune, um den Tod dieses Fürsten zu beschleunigen; und man sah ihn noch damals sich des Herzogs von Orleans annehmen, dessen Parthey er ziemlich zugethan schien.

Indeß fing im November zwischen ihm und Robespierre ein Haß auszubrechen an, der zu Petions Verderben ausschlug, und er ließ selbst den 10. eine Rede und einen Brief erscheinen, welche kostbare Denkmale für die Geschichte bleiben werden, in Rücksicht der Nachweisungen, welche sie über das Jahr 1792 und insbesondere über Robespierre, Marat, Brissot und ihn selbst enthalten.

Im Januar 1793 votirte er den Tod Ludwigs XVI. mit Appellation an das Volk, und im März wurde er zum Mitglied des ersten Wohlfahrts- und Vertheidigungsausschusses ernannt.

Die Sitzungen vom 10. April und den folgenden Tagen waren beynahe ausschließlich dem Kampfe zwischen Petion und Robespierre gewidmet, welche das Theater der Revolution zu eng für sich fanden und sich in Gegenwart ihrer Kollegen einen Krieg auf Leben oder Tod schworen; Robespierre, Danton und die Gemeine behielten aber endlich die Oberhand.

Man benutzte die Erklärungen des Generals Miaczinski, der Petion als Mitwisser von Dümouriez Planen angab, um eine Kommission niederzusetzen, der die Untersuchung seiner Handlungsweise übertragen wurde; den 2. Juny dekretirte man seine Anklage und den 28. July wurde er geächtet, weil es ihm gelungen war, der Aufsicht des Gendarmen, der ihn in seinem Hause bewachte, zu entkommen.

1794 fand man ihn nebst Büzot, Hungers gestorben, oder ermordet, halb von Thieren aufgefressen, in den Ebenen des Departements der Gironde bey St. Emilion, wohin er sich gerettet hatte, nachdem er lange Zeit in der Bretagne und an den Ufern der Gironde herumgeirrt war. Das war das Ende eines Menschen, den das Pariser Volk vergöttert hatte.

Es ist sehr interessant, von ihm die verschiedenen Schilderungen Merciers, der Madame Roland, der Frau von Genlis und Bertrands von Molleville zu vergleichen.


Charakterschilderung.[]

Von Madame Roland.

Petion.

Ein wahrhaft rechtschaffener Mann und guter Mensch; er ist unfähig, die geringste Rache, welche die Redlichkeit verletzt, oder das geringste Unrecht gegen jemanden zu thun, oder ihm den kleinsten Kummer zu verursachen. Er kann viele Dinge für sich selbst vernachlässigen; niemanden in der Welt aber es abschlagen, ihn zu verbinden. Die Lauterkeit eines guten Gewissens, die Sanftmuth eines gefälligen Characters, die Freymüthigkeit und die Munterkeit liegen in seiner Physionomie. Er war ein vorsichtiger Maire, und ein getreuer Repräsentant; aber er ist zu sehr vertrauensvoll, und zu friedlich, um die Stürme vorauszusehen, und sie zu dämpfen. Ein gesunder Verstand, reine Sitten, und das, was man Richtigkeit des Geistes nennt, characterisiren seine Meinungen und seine Schriften, die mehr den Stempel der gesunden Vernunft, als den des Talents an sich tragen. Er ist ein kalter Redner, und lau in seinem Style als Schriftsteller; als ein billiger Administrator, und guter Bürger, war er geschickt, in einer Republik Tugenden auszuüben, nicht aber eine solche Regierungsform bey einem verderbten Volke zu gründen, das ihn einige Zeit als seinen Götzen betrachtete, und sich nachher über seine Achterklärung, wie über diejenige eines Feindes freuete.

Während der constituirenden Versammlung, zur Zeit der Revision, war ich eines Tages bey Buzot's Frau, als ihr Mann sehr spät aus der Versammlung kam, und Petion zum Mittagsessen mitbrachte. Es war die Epoche, wo der Hof sie als Factionisten behandeln, und als Intriganten schildern ließ, die alle beschäftigt wären, Empörung und Aufruhr zu erregen. Nach der Mahlzeit fing Petion, der auf einer großen Ottomane saß, an, mit einem jungen Jagdhunde wie ein Kind zu spielen; sie wurden beyde müde, und schliefen zusammen ein; einer lag auf dem andern; die Unterredung zwischen vier Personen, hinderte Petion nicht, zu schnarchen. "Da sehet den Factionisten! sagte hierauf Buzot lachend; wir sind, als wir den Saal verließen, von der andern Seite scheel angesehen worden; diejenigen, die für ihre Parthey sehr ruhig sind, und uns anklagen, bilden sich ein, daß wir hier Manöver machen!"

Dieser Auftritt und diese Worte kamen mir oft wieder ins Gedächtnis, seit der unglücklichen Zeit, daß man Petion und Buzot mit eben so vielem Grunde als Royalisten anklagte und verbannte, als der Hof sie damals wegen Intrigen anklagte. Immer für sich mit ihren Grundsätzen, glaubten sie, die sich mit den Personen, welche ähnliche Grundsätze bekannten, nur über relative Meinungen unterhielten, daß es genug seyn mußte, hartnäckig die Gerechtigkeit zu fordern, beständig die Wahrheit zu sagen, sich aufzuopfern, und sich lieber jeder Gefahr auszusetzen, als jene Dinge zu verrathen; hierdurch erklärten sie sich für Verräther gegen das Vaterland!

Ich muß hier eine ziemlich merkwürdige Thatsache erwähnen. Man weiß, daß das erste patriotische Ministerium die Einrichtung getroffen hatte, daß der Minister der auswärtigen Angelegenheiten von den Geldern, die für sein Departement bestimmt waren, zu geheimen Ausgaben einige Summen nehmen, und sie dem Maire von Paris zustellen sollte, theils für die Polizey, die aus Mangel an Mitteln auf nichts zurückgebracht war, theils für die Schriften, die dazu bestimmt waren, denjenigen des Hofes das Gleichgewicht zu halten. Als Dumouriez das Departement der auswärtigen Angelegenheiten verlassen hatte, sprach man über denselben Gegenstand mit d'Abancourt, nehmlich über die bloß für die Polizey nöthigen Gelder; d'Abancourt wollte nichts für sich selbst thun; er behauptete aber, dies wäre eine Sache, die man dem Könige deutlich machen müßte, und deren Richtigkeit einzusehen derselbe nicht ermangeln könnte. Der König billigte den Vorschlag nicht, und antwortete mit den Worten: daß er keine Ruthen geben würde, um ihn selbst damit zu peitschen; dies war nun vernünftig, weil er es mit der Constitution nicht redlich meinte; und man konnte sich daher auf diese Antwort gefaßt machen. Aber wenige Tage hierauf begab sich Lacroix, der damalige College von Danton, der mit ihm Belgien verheerte, rechtschaffene Menschen verfolgte, und Herrscher des Tages war; Lacroix, der damals in der gesetzgebenden Versammlung saß, und der wie man mußte das Schloß fleißig besuchte, Lacroix, sage ich, begab sich zu Petion, um ihn zu versichern, daß er über drey Millionen frey schalten und wallten könnte, wenn er zur Unterstützung Sr. Majestät Gebrauch davon machen wollte. Der Maire mußte bey seinem Character diesen Vorschlag beleidigender finden, als der König den andern ungelegen gefunden hatte. Auch ward er verworfen, trotz der sehr intimen Aufnahme, die Petion zu derselben Zeit beym Könige fand. Er ward nehmlich ins Schloß gerufen, und anstatt den König wie gewöhnlich mit Menschen umgeben zu finden, in sein Cabinet geführt, wo niemand anders zu seyn schien; bis dahin hatte Petion den König nie allein gesehen, Ludwig XVI verschwendere gegen ihn alle Beweise von Freundlichkeit uns Interesse, und selbst die kleinen liebenswürdigen Schmeicheleyen, die er, wenn er wollte, sehr gut anzubringen wußte. Das leichte Geräusch von der Bewegung eines seidenen Stoffes hinter der Tapete, überzeugte Petion, daß die Königin gegenwärtig wäre, ohne gesehen zu werden; und die Schmeicheleyen des Königs bewiesen ihm noch mehr seine Falschheit. Er blieb standhaft und redlich, ohne dem Fürsten, der ihn zu verführen suchte, nachzugeben; so wie er nachher in dem Processe eben dieses Königes an das Volk appelliren wollte, ohne ihm darum zu schmeicheln. Lacroix hingegen, der dem Könige gedient hatte, und sich wahrscheinlich dafür bezahlen ließ, fand nachher nicht, daß man ihn zu schnell zum Tode schicken könnte.


Quellen und Literatur.[]

  • Moderne Biographien, oder kurze Nachrichten von dem Leben und den Thaten der berühmtesten Menschen, von Karl Reichard. Leipzig, 1811. In Commission bey Peter Hammer.
  • Minerva. Ein Journal historischen und politischen Inhalts herausgegeben von J. W. v. Archenholz. Für das Jahr 1795. Im Verlage des Herausgebers.
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