Der König entfernt sich heimlich von Paris.[]
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Der schlimme Ausgang dieses Vorhabens brachte den Monarchen um die Achtung seiner Unterthanen, und bereitete auf diese Weise die Gemüther vor, sich für die Republik zu erklären. Um so wichtiger ist es, zu sehen, an welchen Kleinigkeiten oft das Schicksal der Menschen und Staaten hängt; und diesen Vortheil gewährt folgende Erzählung, die ich auf einer Handschrift übersetze.
"Das Projekt zur Flucht gehört dem Baron von Breteuil, (damals zu Wien,) der es dem Monarchen mittheilte. Dieser konnte sich, seiner Denkart gemäß, lange nicht dazu entschließen: endlich aber siegten die Bitten der Königinn, zumahl neue Mishandlungen, die er hatte erfahren müssen,*) und die Unordnung, die im ganzen Reiche immer weiter um sich griff, diesen Bitten Nachdruck gaben. Der Vicomte von Verac, ein Sohn des französischen Gesandten in der Schweiz,*) hatte mehrere Reisen zu dem Ende nach Paris gemacht. Er überbrachte dem Baron von Breteuil den Entschluß des Königs, und dem zufolge machte man alle nöthige Vorkehrungen, um seine Flucht zu sichern. Herr von Bouille ward in die Sache verflochten, ihm die Ausführung auf der Gränze übertragen. Die Thätigkeit dieses Generals, seine Bravheit, das Zutrauen der Truppen, das er sich bis dahin zu erhalten gewußt, und zuförderst das Glück, das stets alle seine Unternehmungen begleitet hatte, schienen im voraus einen glücklichen Erfolg zu versprechen. Der Kaiser Leopold hatte einige Regimenter nach dem Luxemburgischen gesandt; dieß nahm er zum vorwand, um einen Angriff auf die Gränzorte vorzuspiegeln, einen Cordon zu formiren und ein Lager bey Montmedy abstechen zu lassen. Er sandte Reitercompagnien nach Chalons, an die Brücke von Sommeville, nach St. Menehould, nach Clermont und nach Varennes, die, wie es hieß, Geldwägen escortiren sollten, welche den 20. oder 21. Juny ankommen würden. Anstatt der Hauptleute, hatten diese Trupps von hundert Mann meist Obristen an ihrer Spitze, als den Düc de Choiseul-Stainville, den Grafen Karl von Damas u. s. w. welches in diesen Oertern zu vielem Gespräch Anlaß gab, und wobey man nicht bedacht hatte, daß zu viel Vorsicht oft schadet. Der Kriegscommissar, Herr von Valcour zu Thionville, reiste nach Montmedy, um für 6000 Mann Lebensmittel und Quartiere in der umliegenden Gegend anzuordnen. Mehrere Regimenter wurden befehligt, sich zwischen dem 20. und 25. daselbst einzufinden, unter andern die Husaren Sachsen und Bercheny, so wie das Regiment de Castella. Der General Heymann, Marechal de Camp, sollte sie dahin führen. Herr von Bouille hatte zur Bestreitung der Unkosten eine Million Livres erhalten, und der Marschalls-Stab war ihm gewiß, wenn das Projekt glückte.
- *) Den 28. April und die folgenden Tage.
- *) Barthelemy kam an seine Stelle, nachdem der König die Constitution unterzeichnet hatte. Das lesenswürdigste Werk über die Schweitzer-Revolution ist das von Mallet du Pan. Der deutschen Uebersetzung ist ein höchst interessanter Brief einer edeln deutschen Frau, Emilie von Berlepsch, angehängt, der sechs Bogen füllt.
Dieß waren die Anstalten außer Paris. Hier erbat sich der russische Botschafter Herr von Simolin einen Freypaß den 5ten Jun. vom Herrn von Montmorin (damaligem Minister der auswärtigen Angelegenheiten) für eine russische Dame, die Baroninn von Korff, die Entschädigungen für einige im Elsaß liegende Besitzungen deutscher Fürsten negocirt hatte, und nach Frankfurt zu reisen wünschte. Dieser Freypaß, vom König und vom Minister unterzeichnet, lautete also:
De par le Roi.
A tous Officiers Militaires, Municipaux et autres charges de veiller à l'Ordre publik, Salut. Nous vous mandons et ordonnons de laisser passer la Baronne de Korff, allant à Frankfort, avec deux enfants, un Valet de chambre, trois domestiques et une femme de chambre: le présent passeport valable pour un mois seulement. Fait à Paris le 5. Juin 1791.
- (Signé)
- Louis
- et plus bas
- Montmorin.
Einige Tage darauf schrieb Frau von Korff an Herrn von Simolin, daß in den Unruhen, während der Anstalten zu ihrer Abreise, sie, beym Verbrennen unnützer Papiere, den gütigst ertheilte Freypaß ins Feuer habe fallen lassen, und ihn daher bäte, ihr ein Duplicat zu verschaffen.*) Dem Verlangen des Russischen Ministers gemäß, ließ Herr von Montmorin es sogleich ausfertigen.
- *) Auf den ersten reiste sie selbst aus Frankreich.
Den 11ten Juny kamen der König und die Königinn auf das Zimmer der Frau von Rochereuil, die bey der Erziehung der Königlichen Kinder angestellt war, und das von der einen Seite an das Schlafgemach der Königinn anstieß, von der andern aber mit einer Treppe in Verbindung stand, die zu der Wohnung des Herrn von Villequier führte. Die Königinn untersuchte sorgfältig alle Ausgänge, und sagte der Frau von Rochereuil: sie werde vielleicht ihr Zimmer für eine ihrer Kammerfrauen bedürfen. Der König besah sich Indeß die Wohnung des Herrn von Villequier, die eine Ausgangsthüre in den Prinzenhof hatte.*) Er verlangte den Schlüssel zu dieser Thüre. Frau von Rochereuil erwiederte, daß seit der Abreise des Herrn von Villequier diese Thüre offen bliebe, und daß sie sich begnügt hätte, die, welche aus ihrem Zimmer nach der Treppe ginge, zu verschließen.
- *) Den Grundriß des Königlichen Schlosses zu Paris findet man im 9ten Band von Girtanners Nachrichten zur Geschichte der französischen Revolution.
Den 13ten Juny ließ der König einen Schlüssel zu dieser Thüre machen. Den 17ten befahl er einem seiner Leibgardisten, du Moutier, sich eine Courierweste von gelbem Tuch anzuschaffen, und seinen beyden Kameraden, von Valory und Maldent, dasselbe zu sagen. Den 20sten Juny ritt Herr von Valory nach Bondy voraus, um Postpferde zu bestellen und die Herrschaft daselbst zu erwarten. Herr Dü Moutier wurde an das St. Martins Thor gesandt, wo er einen viersitzigen, mit vier Pferden bespannten Wagen antraf. Diese Berline hatte der Graf Fersen, ein Schwede, der seit langer Zeit bey der Königinn in Gunst stand, zu Paris bauen lassen. Er hatte auch eine mit zwey Pferden bespannte Diligence besorgt, die Abends um eilf Uhr in den Prinzen-Hof fuhr; ein anderer zweysitziger Wagen stand beym Eingang der Königlichen Brücke. Punkt zehn Uhr war Herr von Maldent im Prinzen-Hof: gleich darauf erschien ein Unbekannter, der ihn in ein Kabinet eintreten ließ, wo er bis Mitternacht blieb.
Nachdem alles in Bereitschaft war, gab der König für morgen Befehle, ging nach seinem Zimmer und legte sich zu Bette.
Vor der Abreise schrieb die Königinn ein Billet an die Frau von Ossün, ihre erste Kammerdame, die sich damals zu Versailles aufhielt, worin sie ihr rieth, sich zu entfernen; jedoch mit der Aeußerung schloß, wie sie hoffe, sie bald wiederzusehen und zu umarmen. Halb zwölf Uhr ging die Königinn herunter in das Zimmer ihrer Tochter, befahl der Frau Brunier, einer von den Hofdienerinnen, die Prinzeß anzukleiden und sie dann zum Dauphin zu führen.
Frau von Tourzel, die Obersthofmeisterinn der Königlichen Kinder, trat zur selben Zeit, dem Befehl der Königinn gemäß, in das Zimmer des Dauphins, und befahl der Frau von Neuville, ihn anzukleiden. Sobald dieß geschehen war, begaben sich der junge Prinz, seine Schwester, Frau von Tourzel und die beyden Kammerdienerinnen, Neuville und Brunier, in ein an das Wohnzimmer der Königinn anstoßendes Kabinet, wo sie den König, die Königinn, die Prinzessinn Elisabeth und zwey ihnen unbekannte Herren antrafen. Einer von diesen erhielt den Auftrag, die beyden Kammerdienerinnen nach dem Wagen zu begleiten, der an der Abfahrt bey der königlichen Brücke hielt. Nachdem dieser Herr sie in den Wagen gehoben hatte, befahl er dem Kutscher nach Claye zu fahren und entfernte sich.
Der Andere begleitete den Dauphin, die junge Prinzeß und die Obersthofmeisterinn über den Gang, der aus dem Zimmer der Frau von Rochereuil nach dem Prinzen-Hof führt, bis dahin, und ließ sie in den Wagen einsteigen. Der Kutscher fuhr ab und hielt am äußersten Ende des Caroußelplatzes. Die Königinn und die Prinzessinn Elisabeth gingen allein, zu Fuß, aus dem Schloß, dem Wagen nach, bis wo er hielt; der Kutscher öfnete beyden die Thüre und sie stiegen ein. Einen Augenblick darauf kam der König, am Arm des Herrn von Maldent; Se. Majestät stieg in den Wagen, Herr von Maldent hinten auf, und der Kutscher fuhr nach dem St. Martins Thor. Hier stieg die Königliche Familie aus, und setzte sich in die Berline, die durch Herrn Dü Moutier dahin gebracht worden war. So kamen sie glücklich bis nach Bondy, wo sich die durch Herrn von Valory bestellten Postpferde vorfanden. Der Wagen, worin die beyden Kammerdienerinnen saßen, schloß sich zu Claye an den das Königs an, und sie setzten ohne irgend einen widrigen Zufall ihre Reise durch Montmirail und Chalons fort. Der König schien sehr heiter; er stieg oft aus dem Wagen und ließ sich mit den Leuten, die er antraf, in ein trauliches Gespräch ein.
Den 21sten Abends um halb acht Uhr langte die Königliche Familie, auf diese Art, sehr vergnügt zu Menehould an. Der Postmeister Drouet stand eben an der Hausthüre; er glaubte die Königinn zu erkennen und erstaunte über die Aehnlichkeit des Königs mit seinem auf einem Assignat, das er gerade in der Hand hielt, abgedruckten Bildnisse. Sein Argwohn verdoppelte sich, als er nach wenig Minuten einen Trupp Dragoner ankommen sah, welche, wie es schien, die beyden Wagen escortirt hatten. Er erinnerte sich, daß der Düc de Choiseul, der mit einem Detachement zu Menehould war, die Postpferde für die Frau von Korff schon des Mittags bestellt hatte, und dieser Umstand vermehrte sein Mistrauen. Er ließ Indeß anspannen und die Wagen fuhren ab. Aber als die Dragoner sich fertig machten zu folgen, so zweifelte er nicht länger, daß die Königliche Familie so eben durch die Stadt gefahren sey. Eiligst lief er auf die Hauptwache, ließ die National-Garde versammeln; man zog die Sturmglocke und der Abzug der Dragoner ward verhindert. Der Düc de Choiseul entkam, ward aber den Tag darauf zu Verdun arretirt.
Drouet beredete einen seiner Freunde, Namens Guillaume, ein Pferd zu besteigen und mit ihm den beyden Wagen nachzusetzen. Ohnweit Clermont begegneten sie den zurückkommenden Postknechten, welche aussagten, anstatt nach Verdün, wären beyde Wagen auf Varennes gefahren. Einen Fußsteig reitend, hoften sie den Vorsprung zu gewinnen, würden aber doch zu spät gekommen seyn, hätte sich nicht folgender Vorfall ereignet.
In Varennes nämlich ist kein Postamt; der General Bouille hatte als von Stenay, wo er sich mit dem Regiment Royal-Allemand befand, Pferde dahin beordert: aber anstatt diesen wichtigen Auftrag einem erfahrnen Offizier anzuvertrauen, hatte er seinen jüngsten Sohn und, aus Freundschaft für die Frau von Jobal in Metz, einen jungen Menschen, Namens Raigecour, dem er dadurch eine schnelle Beförderung sichern wollte, mit einer Compagnie Husaren von Lauzun dahin gesandte. Diese beyde Herren, sagt man, hätten, sobald sie nach Varennes gekommen wären, blos auf ihr Vergnügen gedacht, sich umgezogen und einigen Weiberchen die Aufwartung gemacht. Soviel ist wenigstens gewiß, daß die Pferde, anstatt vor Varennes auf dem Wege nach Clermont zu stehen, hinter der Stadt, auf dem Wege nach Stenay zu, hielten. Ja, man hatte auf jenen Weg nicht einmal einen Corporal oder andern sichern Mann gestellt, um dem König Nachricht zu geben, wo die Pferde anzutreffen wären. Wie sehr muß dem würdigen General der Gedanke das Leben verbittern, aus väterlicher Zärtlichkeit und Neigung für eine hübsche Frau, so leichtsinniger Weise die Person des Monarchen, das Schicksal [Königreich Frankreich|[Frankreichs]], ja vielleicht das von ganz Europa aufs Spiel gesetzt zu haben!
Dieser unverzeihlichen Nachlässigkeit halber war man denn genöthigt, nach dem Wirthshaus zum goldnen Arm zu fahren. Da auch hier keine Pferde sich vorfanden, so stieg die Königin aus, gab Herrn von Valory, der als Courier voraus geritten war, den Arm, und beyde forschten um so ängstlicher in den übrigen Herbergen der Stadt nach den für sie bestimmten Pferden, da die Dragoner-Detachements alle zurück geblieben waren. Darüber verstrich eine höchst kostbare Zeit. Weil nirgends Pferde anzutreffen waren, und Niemand zu sagen wußte, wo sie stünden, so entschloß sich die Königinn, nach dem Wagen zurück zu kehren, und befahl den Postknechten, sie bis nach Stenay zu bringen. Diese wollten aber nicht eher fort, als bis ihre Pferde sich erfrischt hätten. Mittlerweile kamen Drouet und Guillaume an; sie begegneten zwey jungen Leuten von der National-Garde, Namens Le Blanc und Joseph Poncin, theilten diesen ihren Argwohn mit, und empfahlen ihnen, so geschwind als möglich die National-Garden und die Bürgerschaft herbey zu rufen, um die Abreise des Königs zu verhindern. Drouet und Guillaume eilten Indeß nach der Brücke, die beym Stenayer Thor über die Ayre führt. Von ohngefähr trafen sie, nahe dabey, einen mit Mobilien beladenen Karren, diesen schoben sie queer vor, verhinderten so jede Ueberfahrt und kamen dann auf den Marktplatz zurück. Le Blanc, Poncin und einige andere National-Gardisten traten an den Wagen, als eben die Postknechte fertig mit Füttern waren und endlich abfahren wollten. Sie hielten sie zurück, und verlangten von den Reisenden, ihren Paß vorzuzeigen. Frau von Tourzel gab ihn hin. Man trug ihn in die Schenkstube, wo er genau untersucht wurde. Die meisten meinten, es sey nichts dagegen zu sagen; aber der Postmeister Drouet gab zu bedenken, er sey nur vom König und von einem Minister unterzeichnet, und er müßte es eigentlich auch von dem Präsidenten der National-Versammlung seyn. Hierauf ging er wieder heraus, wandte sich an die Frau von Tourzel, und stellte ihr vor: wie erstaunlich es sey, daß sie, als eine Fremde, gleichwohl soviel Einfluß im Königreich habe, sich von hundert Dragonern escortiren zu lassen; womit er auf die zielte, deren Abzug von Menehould verhindert worden war. Frau von Tourzel erblaßte und schwieg. Le Blanc trat herbey, und bat den König auszusteigen. Die Königinn machte die dringendsten Vorstellungen, daß man fortfahren solle: aber die Bürger, die schon in großer Zahl versammelt waren, drohten, die Postknechte niederzuhauen, wenn sie nur Miene machten, ein Pferd zu besteigen. Der König stieg also aus und trat in die Schenkstube. Hier ward er von einem Chirurgus, Namens Mangin, erkannt, welcher die Municipalität, die sich bereits versammelte, davon Nachricht hab. Sauße, ein Lichtzieher und seit der Revolution Procurator der Gemeinde, lief sofort nach der Schenke und bat den König, nach seinem Hause zu kommen, wo er bequemer und weniger im Gedränge des Volks seyn würde. Da keine Dragoner-Bedeckung da war, mußte man sich dieß gefallen lassen.
Dem Detachement zu Clermont war es wie dem zu Menehould gegangen. Die unerwartete Ankunft eines so zahlreichen Trupps, das geheimnißvolle Wesen, welches man unter den Offizieren bemerkte, ihr Gezischel mit den Dragonern hatte Argwohn erregt. Der Postmeister bestärkte ihn durch die Aussage: ein Unbekannter, der eilf Pferde bestellt und drey Schild-Louisd'or (19 Thaler) dafür auf den Tisch gelegt habe, sey mit dem Obersten Grafen von Damas eine lange Weile in Unterredung gewesen.*) Sobald der Wagen des Königs abgefahren war, befahl der Obrist den Dragonern aufzusitzen. Der Maire und zwey Municipal-Beamten traten herzu, und verlangten seine Vollmacht zu sehen; er schlug dieß ab und ließ von neuem zum Abmarsch blasen: aber die Dragoner (von Regiment des Grafen von Provence, dem ältern Bruder des Königs) übereilten sich eben nicht, und als der Maire sie, im Namen der Nation, dieser neuen Zauberformel für die Franzosen, auffoderte zurück zu bleiben, schrie alles: Hoch lebe die Nation! Der Oberst fand es nun unmöglich, etwas auszurichten, und hatte von Glück zu sagen, daß er voritzt mit dem Leben davon kam. Er sprengte mit dem Hauptmann de Floirac und dem Quartiermeister durch ein Seitengäßchen nach dem Thor, welches nach Varennes führt, wo alle drey ankamen, als auch hier schon alles in Aufruhr war, und wo sie mit dem König gefangen genommen wurden.*)
- *) Vermuthlich wegen des Zurückbleibens der Dragoner, unter dem Düc de Choiseul-Stanville, von Menehould.
- *) Sie wurden den Tag darauf, bey der Abreise des Königs, in das Stadtgefängniß gebracht. Der Graf hätte entwischen können, wenn er sich nicht zum König begeben hätte.
Zu Varennes befand sich Indeß ein Detachement der Husaren von Lauzun, die sich aufsetzten und geneigt zu seyn schienen, die Fortsetzung der Reise des Königs zu sichern. -- Der junge Herr von Bouille sprengte nach Stenay, um seinen Vater mit dem Regiment Royal-Allemand herbey zu holen; Herr von Raigecour blieb bey der Schwadron, und der Regiments-Adjutant de Goguelas begab sich zum König, um seine Befehle zu vernehmen. Es war kein Augenblick zu verlieren. Wenn der König als König gesprochen und die ohnmächtigen Drohungen der Spießbürger, deren Gewehre nicht geladen waren, verachtet hätte; so ist kein Zweifel, daß die ihn begleitenden Leibgardisten, vereinigt mit den Husaren, seine weitere Reise würden erzwungen haben. Jenseits der Brücke hätte er den Vorspann gefunden, und nichts ihn weiter aufhalten können. Seine Unentschlossenheit war sein Verderben. Der Procurator Lichtzieher erklärte: "das Leben des Königs sey in Gefahr, wenn man irgend einen Versuch mache, ihn aus seinem Hause wegzubringen." Hierdurch ward der König ängstlich und legte sich aufs Bitten, anstatt mit ernster Miene zu befehlen. Er gab dem Herrn Lichtzieher güldne Worte, machte ihm die größten Versprechungen, suchte ihn durch die Schilderung des Schrecklichen seiner Gefangenschaft, des Zustandes der Hauptstadt, und der Unglücksfälle, die Frankreich bevorstünden, zu erweichen; die Königinn zerfloß in Thränen, zeigte ihm den Dauphin und beschwor ihn, sie und dieses theure Kind zu retten: aber nichts konnte diesen fühllosen Klotz bewegen; er antwortete einmahl über das andere: "der König dürfe nicht ohne Vorwissen der National-Versammlung herumreisen; und man müsse dem Gesetz gehorchen!" Als er des Decrets erwähnte, welcher dem König untersagt, sich weiter als zwanzig Stunden (französische Meilen) von dem Orte, wo das Gesetzgebende Corpus seine Sitzungen hält, zu entfernen, schlug sich der König voll Unwillen an die Stirn, und rief: "Nein! Nie habe ich ein solches Decret sanctioniren können!" Als Herr von Goguelas sah, daß hier nichts zu thun sey, stieg er zu Pferde, und wollte mit seiner Husaren-Schwadron abziehen, um den Weg zwischen Clermont und Varennes zu verlegen, die von Paris etwa kommenden Couriere aufzufangen, und den General Bouille erwarten. Die Stadtwache widersetzte sich aber dem Abzug und pflanzte zwey Kanonen auf. Da Herr von Goguelas wußte, daß sie nicht geladen waren, sprengte er mit gezogenem Degen unter die Bürger, in der Voraussetzung, daß die Husaren ihm folgen würden; aber diese blieben zurück, der Stadt-Major schoß eine Pistole auf ihn ab und verwundete ihn an der Schulter, man zog ihn vom Pferde, die Husaren saßen ab, und mischten sich unter die Bürger.
Den 22sten früh um sechs Uhr kam ein Flügeladjutant des Herrn de la Fayette nach Varennes, der das Decret der National-Versammlung überbrachte, welches allen Municipalitäten im Königreiche befahl, das Reichs-Oberhaupt, dem diese Menschen Unterthänigkeit geschworen hatten, gefangen zu nehmen. Der Graf Damas, der Indeß auch angelangt war, suchte vergeblich den König zu einer herzhaften Widersetzung zu entflammen; stellte ihm, nebst einigen andern Personen, vergeblich vor, wie das Wohl des Staats und der Königlichen Familie darauf beruhe, daß er fest erklärte: er werde nach Montmedy reisen, und Herr de la Fayette und die National-Versammlung hätten ihm nichts zu befehlen. Dieser unglückliche Fürst, der noch öfterer dazu bestimmt war, die Schrecknisse der demüthigsten Gefangenschaft zu erfahren, war keines kühnen Schrittes fähig. "Das ist nun das zweytemal (sagte er) "daß Herr de la Fayette mich arretiren läßt,*) um seine Republik zu Stande zu bringen.**) Kommt! weil es denn so seyn muß." Traurig stieg er mit seiner Familie in den Wagen, und der Zug setzte sich nach Paris in Bewegung. Der günstige Augenblick, es zu verhindern, war freylich auch schon vorbey. Die Municipalität hatte Bothen nach allen umliegenden Oertern geschickt, und so war eine ungeheure Menge Menschen, mit Flinten, Spießen, Hacken und Heugabeln bewaffnet, in die Stadt gekommen, die alle Straßen stopften, und in einem fort schrieen: der König müsse nach Paris! Hätte er nicht gutwillig nachgegeben, so wäre er sicher mit Gewalt nach dem Wagen geschleppt worden.
- *) Das erstemal geschah es nämlich am 7ten Octbr. 1789 zu Versailles.
- **) La Fayette vergaß sich den 21. Jun. so sehr, daß er in der ersten Hitze das Benehmens des Königs infam nannte; er klatschte, als man die Umänderung der monarchischen Regierungsform in eine republikanische vorschlug; er machte den Jacobinern seine Aufwartung. Da aber Danton und Robespierre bald darauf im Jacobiner-Club gegen ihn sprachen; da er merkte, er werde in Frankreich nicht Washington's Rolle spielen können: so ward er wieder monarchisch, und ließ sich, ein Jahr darauf, vom König das rothe Band geben.
Herr von Bouille erfuhr des Morgens um drey Uhr, durch seinen Sohn, was zu Varennes vorging. Er ließ alsobald zum Appel blasen, zog sein Regiment auf einer Ebene vor der Stadt zusammen, hielt hier an Offiziere und Gemeine eine alles begeisternde Anrede, sagte ihnen, der König habe den Entschluß gefaßt, nach Montmedy zu gehen, sey aber zu Varennes, auf Anstiften von Menschen, die das Haus Bourbon auszurotten trachteten, angehalten worden; der König habe das Regiment zu seiner Leibwache ausersehen, weil er sich auf die Anhänglichkeit an seine Person und die Treue eines so tapfern Regiments verlassen zu können glaube, und er sey überzeugt, keiner werde sich bedenken, Leib und Leben daran zu wagen, den Monarchen aus den Händen von Narren und Bösewichtern zu befreyen. Ein wiederholtes: Hoch lebe der König! erscholl zur Antwort. Der General ließ nun zweyhundert Schild-Louisd'or (2200 Reichsgulden) unter die Reiter vertheilen, und setzte sich in Marsch. Da er an due Ayre kam, sah er in weiter Entfernung den König schon zurück bringen, hörte, ein Edelmann, der in der Nähe sein Gut habe, Herr von Dampierre, sey keine zweyhundert Schritt vor Varennes, weil er sich dem Wagen des Königs genähert, man wisse nicht, ob um ihn blos zu sehen oder mit ihm zu sprechen, niedergeschossen worden. Man hatte sechs (französ.) Meilen im schärfsten Trott gemacht, noch eine gute Stunde zu reiten, um die Wagen einzuholen; ein Volkshaufen von zehn bis zwölftausend Menschen, von Wein und constitutionellem Wahnsinn trunken, war aus einander zu jagen; Reiter und Pferde waren ermattet; die Stimmung seiner Leute schien sich geändert zu haben: alles dieß, vielleicht auch die Furcht, das Leben des Königs in Gefahr zu bringen, bestimmten ihn, das Regiment Halt machen und zurückgehen zu lassen. Seine Lage war über alle Maassen kritisch. Er beschloß mit seinem Sohn und mehreren andern Offizieren das Reich zu verlassen, und ins Luxemburgische zu entfliehen. Die Generale Heymann, Hoffelize und Klinglin, die unter ihm bey dieser Gelegenheit waren gebraucht worden, nahmen gleichfalls die Flucht. Das Regiment Royal-Allemand rückte wieder in Stenay ein.*)
- *) Bey der Debatte über die Flucht des Königs in der Nat. Versamml. nannte der nachher berüchtigte Blutsauger Vadier Ludwig XVI. einen gekrönten Räuber, und schloß seine den 15 Jul. gehaltene Rede mit der Aeußerung: qu'il falloit nommer une Convention nationale pour prononcer sur la déchéance que Louis XVI. avoit encouruë. In demselben Ton sprachen an diesem Tage: Prieur, Robespierre und Pethion, und behaupteten, die Person des Königs sey nicht heilig, und er müsse vorgefodert, vernommen und bestraft werden. Condorcet ließ eine Schrift drücken, die den Titel führt: De la République; ou: un Roi est-il nécessaire à le conservation de la liberté? Man sieht hieraus, daß schon 1791 das Projekt existirte, dessen Ausführung nur durch den Krieg bewürkt, aber nicht erzeugt wurde. Um den Krieg einzuleiten, mußte der friedliebende Delessart ins Gefängniß wandern, und der hitzige Dümouriez an seine Stelle als Minister der auswärtigen Angelegenheiten treten.
Gefangennehmung des Königs Ludwig zu Varennes, den 22. Jun. 1791.[]
[2]
Immer mehr und mehr beschränkte die siegende Parthey der Jacobiner die Macht des Königs, sie war bald nur Schein, und seine Freunde zitterten für seine Freyheit -- sein Leben.
Der tapfere Bouillé hatte mehr als einmal versucht, den König zu bewegen, Paris zu verlassen, und unter dem Schutze seiner treuen Truppen seinen Feinden zu trotzen, aber stets vergebens. Endlich häuften sich die Unbilden gegen den König und seine Familie so sehr, dass seine oft versuchte Geduld ihre Grenzen berührte, und zerbrach.
Am 18. April wollte der Monarch, um sich zu zerstreuen, vielleicht auch, um zu erproben, in wie ferne er frey sey, -- mit seiner Familie eine Reise nach dem nahen St. Cloud unternehmen. Die Jacobiner entbrannten bey der ersten Nachricht von dieser Spazierfahrt, und liessen das Volk glauben, der König wolle das Reich verlassen. Ein zahlreicher Pöbel begab sich nach den Tuillerien, doch hielt er sich entfernt, um nicht durch seine Andrängen die Anstalten zur Abreise zu stören; kaum aber war die königliche Familie in dem Wagen, als er herbey stürmte, die Pferde aufhielt, und sich gewaltsam der Abfahrt widersetzte. Eben kam La Fayette mit der National-Garde zu Pferd heran, um den König zu begleiten, aber das Ansehen, welches er sonst über das Volk hatte, war in dem entscheidenden Augenblicke ohnmächtig. Die Bürger-Miliz empörte sich gegen ihn, und drohte dem Könige und ihm mit den Bajonetten; sein Muth vermochte nichts gegen die überwiegende Menge, man überhäufte die königliche Familie mit den gemeinsten Schmähungen, und die Frechheit des Pöbels gieng unglaublich weit. -- Die Lieblinge des Königs, die sich um den Wagen drängten, wurden hinweggerissen und misshandelt. La Fayettes Drohung mit dem Kriegsgesetze wurde mit Hohngelächter beantwortet, und der König gezwungen, zu bleiben.
Auch die Anklage, welche er den folgenden Tag vor der National-Versammlung brachte, fand kein Gehör, und sein wiederholtes dringendes Verlangen, die Reise zu unternehmen, um zu beweisen, dass er frey sey, wurde abgewiesen.
Nun erst lieh er Bouillé's Anträgen Gehör, und beschloss, sich nach Montmedy zu begeben, um in diesem festen Platze, umgeben von treuen Kriegern, und nahe an der Grenze, den Unbilden trotzen zu können, welche seine erbitterten Unterthanen über ihn verhängten.
Der Plan war klug entworfen, -- alles vorbereitet, um die königliche Familie unbemerkt von Paris zu entfernen, und Reutergeschwader von Chalons sur Marne bis Montmedy vertheilt, um die Flucht zu sichern. Die Königin hatte unter den Namen einer Baronin von Korf, von dem Minister Montmorin, einen Pass erhalten, der König sollte als ihr Kammerdiener gelten, und glücklich entwischten sie ihrem Palaste, der nur ihr Gefängniss war, und erreichten die bestellten Wagen. Drey Gardes du Corps waren als Kuriere vorausgegangen; der Dauphin, die Kronprinzessin, und Prinzessin Elisabeth, die Schwester des Königs, begleiteten sie; -- in einem zweyten Wagen war ihr Gefolge.
Im schnellen Fluge kamen sie bis Ste. Menehould in Champagne, mehrere von Bouillé's Detachements hatten sich, wie durch Zufall, angeschlossen, und nahe winkte schon die Freyheit, als der Verrath eines einzigen Mannes alle Hoffnungen zerstörte.
Der Postmeister Drouet zu Ste. Menehould, ein eifriger Jakobiner, hatte den König erkannt. Sein Plan war schnell entworfen, er verrieth sich nicht gegen den Monarchen, sondern liess bald die Pferde anspannen; heimlich aber gab er dem Postillon den Befehl, einen Umweg über ein von der eigentlichen Strasse entferntes Dorf zu nehmen, indess er selbst, mit seinem Freunde Guillaume sich auf flüchtige Rosse warf, und auf dem nächsten Wege nach Varennes flog. Sie eilten zu dem Kommandanten der National-Garde, zu dem Vorsteher des Bürgerrathes, verkündeten des Königs nahe Ankunft, und forderten sie auf, ihm zu verhaften.
Erschrocken willigten diese in alles, was Drouet vorschlug, und eilten, die Miliz und die Einwohner zu berufen. Indess waren die Wagen des Monarchen schon angekommen, und Drouet, um der Abreise so viel als möglich Hindernisse in den Weg zu legen, ward mit Guillaume einen beladenen Frachtwagen, der zufällig an der Brücke stand, quer über diese hin, um die Strasse zu verrammeln.

Zugleich gieng er mit einem Wirthe, Leblanc, und einigen andern dem Wagen entgegen, der eben wieder abfahren wollte, und zwang ihn mit gespannten Pistolen zu halten, um die Pässe zu zeigen. Die Hofdamen, welche im zweyten Wagen waren, stiegen aus, um in dem nahen Wirthshause den Pass zu zeigen, und schon wollten die Bürger sie abreisen lassen, als der Postmeister sagte: Sie könnten wohl keine Fremden seyn, da man bemerkt habe, dass die mit Officieren der auf dem Wege stationirten Truppen im Einverständnisse wären, und diese ihnen gefolgt wären. Man beschloss jetzt, sie diese Nacht nicht reisen zu lassen, der König, noch immer unbekümmert, gab selbst den Befehl, die Pferde auszuspannen, und trat mit seiner Familie in das Wirthshaus, wo er mit froher Laune ein Glas Wein trank. Sausse, ein Seifensieder, und Syndicus von Varennes, kam, und bot dem Könige unter dem Vorwand mehrerer Bequemlichkeit, ein Zimmer in seinem Hause an; dankbar nahm der König es an, und gieng dahin. Noch immer glaubte er sich unerkannt, als plötzlich Sausse ihn vor sein Bild führte, und sprach: "Sire, das sind sie." -- Ein Donnerschlag für den Monarchen, doch fasste er sich bald, und sagte: "Wohlan, ich bin euer König, und suche in dieser Provinz treuen Unterthanen, Ruhe und Frieden, da mir und den Meinigen in dem rebellischen Paris der Tod drohte."
"Sie müssen dahin zurück," antwortete trotzig Seifensieder. Der erschrockene König umarmte, bat, beschwor ihn, diess zu verhindern, um ihn zu retten -- umsonst! Auch war es schon zu spät; eine Menge National-Garden und Pöbel hatte sich vor dem Hause versammelt; die Sturmglocken heulten durch die Nacht, und riefen immer mehr bewaffneten herbey. Zwar kam auch ein Detachement Husaren, dem König zu decken, aber die Bürger führten Kanonen gegen sie auf, ihr Officier wurde durch einen Pistolen-Schuss verwundet, und die Husaren ergaben sich.
Der tapfere Bouillé hörte in seinem Hauptquartiere zu Stenay die Gefangennehmung des Königs; an der Spitze eines Dragoner-Regiments flog er zur Rettung und Rache herbey. Varennes zitterte -- man bat den König, den Marsch des Feldherrn aufzuhalten, und Ludwig, um Bürger-Blut zu schonen, schrieb selbst den Befehl, der seinen Retter entfernte. Bouillé gehorcht, und flieht, knirschend, mit seinen Officieren nach den Niederlanden.
Ein Haufen Soldaten und Bauern dringt mit Fackeln, Säbeln und Picken in das enge Zimmer, in welchem der unglückliche Monarch mit seiner Familie war, und fordert ihn auf, nach Paris zurückzukehren; vergebens beruft sich der König auf seine Rechte, auf seine Freyheit, die Barbaren antworten nur mit Schmähungen und Hohn! -- Am Morgen kam ein Adjudant des Generals La Fayette, mit dem Befehle der National-Versammlung, den König gefangen nach Paris zu führen. Nun war alles verloren, und mit ruhiger Grösse ergab sich Ludwig in sein Schicksal.
Quellen.[]
- ↑ Erste Linien zu einer Geschichte der europäischen Staatenumwandlung am Schluß des achtzehnten und zu Anfang des neunzehnten Jahrhunderts. 1807.
- ↑ Denkbuch der Franzoesischen Revolution vom ersten Aufruhr in der Vorstadt St. Antoine den 28sten April 1789. bis zum Todestag LUDWIGS XVI. den 21sten Januar 1793. in 42 Kupfern, mit einem erläuternden Text. von Franz Eugen Freiherrn von Seida und Landensberg.Memmingen In den Christoph.Müller'schen Buch und Kunsthandlung. 1815.
