Von Bastille bis Waterloo. Wiki
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Fell's

Reise

durch die

Batavische Republik

Aus dem Englischen übersetzt, und mit Anmerkungen begleitet

von

D. Karl Murhard.

Leipzig,

bei C. H. Reclam. 1805.


Erster Brief.[]

Briel, Oktober 1800.

Ist die Nachricht von unserm Abentheuer Dir noch nicht zu Ohren gekommen, so wirst Du Dich nicht wenig über diesen Brief aus Briel wundern, da Du die Kunde von unsrer glücklichen Landung in London bereits erwartetest. Kaum zwölf Stunden hatte uns ein günstiger Wind vom Hafen geweht, als wir plötzlich in einer Entfernung von ohngefähr zwei englischen Meilen einen französischen Korsar mit der Wegnahme eines englischen Schiffs beschäftigt erblickten. Dieser Anblick bestürzte uns, wie Du leicht denken kannst; denn uns fehlte es an allen Mitteln zur Vertheidigung und diesem zur schnellen Fahrt und zum Fechten absichtlich eingerichteten Schiffe durch die Flucht zu entkommen, war gar nicht zu hoffen. Gegen dreissig Schiffe waren zugleich sichtbar, mehrere von ihnen konnten sogleich vom Korsar genommen werden, und ich tröstete mich mit der Hoffnung, unser gutes Glück würde uns behüten, dass nicht auf uns die Wahl fiele. Kurze Zeit begünstigte der Anschein unsre Hoffnung. Ein Fahrzeug mit zwei Masten war neben und, mit mehr äussern Zeichen von Reichthum ausgeziert als das unsrige, darum machte auch der Korsar auf jenes mehr als auf dieses Jagd.

Dieser Zustand von Angst und Ungewissheit war fürchterlich; da noch Hoffnung zur Flucht vorhanden war, hielt sich jeder berechtigt, die traurigen Folgen der Gefangennehmung in dem schrecklichsten Lichte darzustellen, wie man aber sah, dass die Gefangenschaft unvermeidlich sey, so schien jeder mit Standhaftigkeit ausgerüstet, sich in sein Schicksal zu ergeben. Diese Ergebung trat an die Stelle des Muths und sie vertritt gewiss bei Leuten von gewöhnlicher Denkungsart vollkommen diese Tugend. So leicht bequemen sich die Menschen nach den Umständen.

Die arme L. schien ihren Verlust nicht zu fühlen, bedauerte aber desto mehr den Kapitän, dessen Antheil am Schiff, die Frucht seiner Sparsamkeit und die Belohnung eines vieljährigen Fleisses, nicht assekurirt war. Er verlor ein Eigenthum, für dessen Erwerbung er sein ganzes Leben hindurch gearbeitet hatte, es war ein kleiner Vorrath für den Winter seiner Tage, es sollte ihn mit den Bedürfnissen des Lebens versehen, wenn Alter und Schwäche die Thätigkeit hemmen.

Auch das Schiffsvolk verdiente Mitleiden, jeder erzählte seine Geschichte und liess sich bedauern. Sie alle hatten grosse Familien mit ihrem Fleiss zu ernähren, und rührend war es zu bemerken, wie weit ihre Besorgniss für das Schicksal ihrer Abwesenheit das Gefühl ihrer eigenen Lage übertraf. Mit den Empfindungen der innigsten Freundschaft kann ich selbst die rohesten Erdensöhnen lieben, wenn ich in ihnen solche Zärtlichkeit der Verwandtschaft entdecke, wodurch der Einzelne an die Familie geknüpft ist und alle auf Verletzung elterlicher Liebe gegründete Handlungen, mögen sie auch das Gepräge öffentlicher Tugend an sich tragen, betrachte ich als Kriminalverbrechen gegen die heiligsten Gesetze der Natur.

Unsre Flagge ward von einer Musketenkugel getroffen, unsre einzige Kanone that einen Nothschuss, dessen Schall mir noch jetzt vor den Ohren rauscht, und ein Boot vom Korsar nahm sogleich Besitz von unserm Schiff. Der Kapitain und das Schiffsvolk wurden nebst der wenigen Bagage, die man ihnen mitzunehmen verstattete, an Bord des französischen Fahrzeugs gebracht, und es war augenscheinlich, dass die Passagiers, wozu noch ausser mir drei Frauenzimmer gehörten, ihnen folgen sollten. Ich ahnte die Ungemächlichkeit und üble Lage auf einem, mit so vielen Menschen beladenen und von allen Bequemlichkeiten entblössten, Schiffe und hatte das Glück, vom französischen Kapitain, jedoch nicht ohne Schwierigkeit, die Erlaubniss zu erhalten, dass wir auf dem erbeuteten Schiffe bleiben durften. Ich erfuhr, dass der Name des Korsars Le Chasseur war, der Kapitain hiess Blackman und war aus Dünkirchen, seine Jagden an den englischen Küsten waren ungewöhnlich glücklich ausgefallen.

Keiner halben Stunde bedurfte es zu unsrer Gefangennehmung und mit unaussprechlicher Betrübniss und Herzensbeklemmung sah ich das Schiff von der englischen Küste steuern. Die reizenden hoch in die Wellen sich erhebenden Ufer von Yorkshire lagen ausgebreitet vor meinen Augen, und mit gierigem Blicke haschte ich nach ihnen, bis sie endlich in die Wellen zu versinken schienen. Was unter andern Umständen für mich ein Gegenstand der Bewunderung gewesen wäre, schlug jetzt tief meine Seele nieder. Sonst füllte die Entfernung vom Lande und das Fortströmen auf dem Busen des Meeres meine Seele mit erhabenen, feierlich andächtigen Gefühlen; die zurückweichenden Hügel, der weite Umfang des Wassers, worein das Schiff stolz Furchen grub, erschienen mit als eine Szene des Triumphs, den der Mensch über ein feindseliges Element erkämpft. Aber jetzt sah ich mich nur von so vielen meiner zärtlichen Bande gerissen, von meiner Familie und dem Vaterlande getrennt, in der Gewalt von Menschen, deren Beschäftigung war, das Unglück des Kriegs noch zu vermehren.

Was ich an feinern Gefühlen des Herzens gewann, das verlor ich wieder an Selbstständigkeit, da ich als Theilnehmerin meines Unglücks ein Weib zur Seite hatte, deren Freuden und Leiden mit den meinigen so innig verwebt sind, dass ein Übel, das ich mit ihr theile, zehnfach mich drückt.

Die vier Franzosen, denen das Schiff anvertraut war, zeichneten sich durch die Hässlichkeit ihrer Mienen aus, ich erfuhr, dass sie sämtlich aus Dünkirchen gebürtig und nie in Paris gewesen waren, sonst hätte ich geglaubt, sie wären bei jenen schrecklichen Auftritten thätig gewesen, die in der frühern Periode der Revoluzion die Menschheit entehrten und jene Stadt schändeten. Indessen können auch diese Gesichtszüge, die mit besonders auffielen, in Lokalumständen ihren Grund haben. Dünkirchen ist der Schlupfwinkel der Abenteuer und des Gesindels mehrerer Nazionen, die im Frieden vom Schleichhandel mit England, im Kriege von der Kaperei leben: da diese Beschäftigungen mit einem hohen Grade von Gefahr verbunden sind und oft taub machen gegen die Stimme der Menschheit, so erhalten die Leute, die sich damit abgeben, einen Ausdruck im Gesicht, der den Meuchelmörder und Räuber zugleich bezeichnet.

Inzwischen beunruhigten mich diese fürchterlichen Mienen weniger als die grobe Unwissenheit in der Schifffahrtskunst und in der Behandlung eines Schiffs, die ich an ihnen entdeckte. Der Abend war stürmisch und gegen Mitternacht bliess ein heftiger Wind an einer gefährlichen Stelle. Wollte ich Dir unsere Lage in der Seesprache erklären, so würde ich Dir unverständlich werden, und ich bin nicht im Stande, Dir meine nautischen Kenntnisse auf eine fassliche Art mitzutheilen. Ich bemerke daher nur kurz, dass das Schiff dreissig Stunden lang in der äussersten Gefahr schwebte, und daran war allein die Ungeschicklichkeit und Unwissenheit dieser Franzosen Schuld.

Wir waren zwei Stunden von der holländischen Küste entfernt und hatten sechs Klaftern Tiefe, ehe man daran dachte, das Senkblei zu werfen, und selbst da hätte man dieses noch nicht für nothwendig gehalten, wäre es mir nicht gelungen, sie zu überzeugen, dass wir nicht mehr fern vom Lande wären. Ein solches Beispiel von Unwissenheit ereignet sich selten auf der so gefährlichen holländischen Küste, wo unzählige Untiefen lange noch, ehe das feste Land sichtbar wird, dem unvorsichtigen Seemann drohen.

Reinlichkeit ist überhaupt keine Tugend, wodurch Seeleute irgend einer Nazion sich auszeichnen, sie haben gewöhnlich etwas an sich, das mehr als einen Sinn beleidigt, und keine Menschenklasse ist weniger aufmerksam auf ihr Äusseres. Unsre Franzosen waren die ekelhaftesten wie die unwissendsten ihres Standes.

Der holländische Steuermann, der beim Ausfluss der Maas an Bord unsers Schiffs kam, gab mir Anfangs keine günstige Idee von der Aufnahme, die wir in diesem Lande zu erwarten hatten. Ein ihm gehöriges Fischerfahrzeug war im vergangenen Jahre durch die englische Flotte unter General Mitchel zu Grunde gerichtet worden, und sein Sohn lebte als Gefangner in England. Ein orangefarbiger Shawl, den L. unglücklicherweise trug, beleidigte ihn, und er erklärte sich und seine Landsleute für die bittersten Feinde der englischen Nazion. Der Steuermann hatte allerdings durch die Engländer gelitten, und sein Sohn war ein Gefangner; aber seine Heftigkeit gegen unsre Nazion war von der mildesten Art, war nur Herzlichkeit der Freundschaft, verglichen mit dem Abscheu, den er gegen die Franzosen äusserte.

Da ich ihm die Ungeschicklichkeit unsrer Matrosen schilderte, so versicherte er mich, unsre Gefahr sey unendlich grösser gewesen, als wir selbst geahnet hatten; viele Schiffe waren vor kurzem da gescheitert, wohin die Franzosen, ohne die geringste Vorsicht anzuwenden, sich wagten. Er sprach gut englisch und war uns darin sehr nützlich, dass er uns auf die Mittel aufmerksam machte, wodurch wir uns vor der Raubsucht der republikanischen Matrosen sichern konnten.

Nachmittags warfen wir zu Briel Anker und sogleich wurden wir von den Böten am Ufer und den Wachtschiffen visitirt. Man benachrichtigte mich, wir dürften nicht eher an's Land treten, bis ein besonderer Befehl dazu von der Regierung ertheilt werde; allein ich machte sogleich dem Kommodor meine Aufwartung, und auf meine Vorstellung, wie übel wir uns bisher befunden hätten, versprach er, uns den folgenden Tag auf sein eigenes Schiff zu nehmen. Auch erhielt ich von ihm eine Wache zur Sicherheit unsrer Personen und unseres Eigenthums, und er hatte ausserdem noch die Höflichkeit, Erfrischungen, wie er sie nach den Strapatzen unsrer Reise und gegen die gewöhnlichen Wirkungen der See für uns am zuträglichsten hielt, uns zuzusenden.

Meine Franzosen waren mit dem Schutz, den uns die holländische Regierung ertheilte, äusserst unzufrieden; denn sie hatten uns bereits als ihr ausschliessliches Eigenthum betrachtet und nach der Sitte ihrer Obern schon eine Kontribuzion in Geld oder Kleidungsstücken uns zugedacht. Allein die Gegenwart zweier handfester Holländer zerstörte ihren Plan, und sie begnügten sich mit eitlen, ohnmächtigen Drohungen.

Bei den Franzosen, wie bei andern Nazionen, ist es gebräuchlich, dass die Kaperschiffe Reisende, die so unglücklich sind, ihnen in die Hände zu fallen, ausplündern; allein die Klagen über dieses Verfahren würden seltener werden, wenn die Reisenden sogleich sich unter den Schutz der Obrigkeit an dem Orte, wohin man sie bringt, begäben; Leute von einem gewissen Range und Ansehen sind selten geneigt, öffentliche Verletzungen der Gerechtigkeit zuzulassen, so sehr sie auch vielleicht selbst bisweilen sich kein Gewissen daraus machen, Privatbeleidigungen der Rechte Einzelner zu erlauben.

Wir bleiben nun beim Kommodor als Kriegsgefangene, bis Pässe vom Haag ankommen, die uns entweder in unser Vaterland zurückzukehren verstatten, oder uns die Erlaubniss ertheilen, das Merkwürdigste in der Batavischen Republik in Augenschein zu nehmen. Da mich nun das Schicksal jetzt gerade hierher verschlagen hat, und es wenig wahrscheinlich ist, dass ich, sey es in Geschäften, oder aus Noth, oder zum Vergnügen je wieder in diesen Theil des festen Landes von Europa komme, so habe ich beschlossen, wenn ich die Erlaubniss dazu auswirken kann, diese Gelegenheit zu benutzen und eine Reise in die vereinigten Staaten zu unternehmen. Ich nenne dieses Land die vereinigten Staaten, denn die Batavische Republik steht noch nicht auf unsern Landkarten und Zeitungen, auch verbinde ich mit jener Benennung etwas erhabenes und heldenmässiges, während diese keine günstige Ideen in mit erweckt, daher werde ich wahrscheinlich, wenn ich auf Gegenstände stosse, die meinen Beifall verdienen, sie als zu den vereinigten Staaten gehörig anführen, die mit missfallenden aber zur Batavischen Republik zählen. Ich bin nicht abgeneigt, zuzugeben, dass die letztere Benennung die richtigere ist, allein es dauert mich, dass ein Name vertilgt werden soll, den dieses Land von jenen Helden erhielt, die so tapfer ihre Freiheit gegen die Riesenkräfte der spanischen Monarchie vertheidigten, und ein weises heilsames Freiheitssystem aufstellten, das die Bewunderung der angrenzenden Nazionen wurde.

Der Kommodor verstattete uns, zwei Stunden zu Briel am Ufer zuzubringen. Es ist eine, jedoch wenig bedeutende, Festung *). Seit der englischen Expedizion im vorigen Jahre sind die Wälle wieder hergestellt und neue Batterien errichtet worden. Eine Kette von Festungswerken erstreckt sich von der Mündung der Maas bis zu dieser Stadt, die dem Feinde eine Landung sehr schwer und gefährlich machen würden; auch erblickt man Signalposten, Wachtfeuer und Telegraphen auf allen Seiten, so dass bei Annäherung einer feindlichen Flotte sogleich Lärm geschlagen und alles in Aufruh gebracht werden würde.

*) Briel war die zweite Stadt, die vom König Philipp dem zweiten abfiel, und mit Recht sind seine Bewohner darauf stolz, dass einst ihre Ahnen den Weg zur Unabhängigkeit der vereinigten Staaten bahnten.

Vor der Hauptkirche ist der Freiheitsbaum errichtet, worauf ein ungeheuer grosser zinnerner Hut mit der dreifarbigen Kokarde prangt. Verschiedene Sinnbilder, hässlicher gemalt als die Engel auf den Aushängeschildern unsrer gemeinsten Bierhäuser, sind hier angebracht und ganze Listen voll holländischer Reime, deren Werth ich nicht zu beurtheilen vermag.

Aber ach! der Baum ist schon verwelkt und abgestorben! Wenige Bäume von einem gewissen Alter und Grösse leiden eine Verpflanzung, dasselbe war auch bei diesem der Fall.

Die Ansicht des Landes, das Äussere des Volks und die Einrichtung ihrer Häuser ist von allem, was ich in England oder anderswo sah, durchaus verschieden. Das Land giebt ein merkwürdiges Beispiel von den mächtigen Würkungen, die menschliche Industrie hervorzubringen vermag. Es ist ein grosses, an Ackerbau reiches und mit Städten besäetes Land, durch angestrengte Kräfte der Menschen der Herrschaft des Meeres entrissen *). Vom Verdeck des Schiffs, worauf ich diesen Brief schreibe, erblicke ich, so weit mein Auge reicht, nichts als reiche Gefilde, fette Weiden, Städte und Dörfer, der Boden ist überall vollkommen eben, die Schiffe schwimmen auf einer ungeheuern Wassermasse mehrere Fuss über die Wiesen erhaben, wo zahlreiche Heerden grasen. So erscheint das Land zur Zeit der Ebbe, bei niedrigem Wasser aber soll die See beinahe einen Fuss über die Erdfläche halten, es sind daher Dämme von ungeheurer Grösse und Stärke nothwendig, um Überschwemmungen zu verhüten.

*) Goldsmith's Beschreibung von Holland verdient eben so sehr wegen der Vortrefflichkeit der Dichtung, als der Treue des Gemäldes wegen unsre Bewunderung. Er sagt:

To men of other minds my fancy flies,

Embosomed in the deep, where Holland lies,

Methinks her patient sons before me stand,

Where the broad ocean leans against the land,

And, sedulous to stop the coming tide,

Lift the tall ramparts artificial pride.

Onward, methinks, and diligently slow,

The firm, connected bulwark seems to grow;

Spreads its long arms amidst the wat'ry roar,

Scoops out an empire, and usurps the shore;

While the pent ocean, rising o'er the pile,

Sees an amphibious world beneath him smile; --

The slow canal, the yellow-blossom'd vale,

The willow-tufted bank, the gliding sail,

The crowded mart, the cultivates plain –

A new creation rescued from his reign.

Ich verstehe nicht, was der Dichter mit "the yellow-blossom'd vale" meint, allein die übrige Beschreibung ist ungemein glücklich und lebhaft gerathen.


Zweiter Brief.[]

Oktober 1800.

Ich sollte Dir jetzt unsre Einrichtungen beim Kommodor beschreiben, die allerdings schön und bequem sind, verdiente nicht die zuvorkommende Höflichkeit und ununterbrochene Aufmerksamkeit dieses braven Mannes auf alle unsre Bedürfnisse einer vorzüglichen dankbaren Erwähnung. Er unterlässt nichts, um uns unsern Aufenthalt bei ihm angenehm zu machen, und es ist ihm vollkommen gelungen, das Andenken an alles Unangenehme, was mit unsrer unwillkührlichen Herreise und unsrer Gefangenschaft verbunden war, aus unserm Gedächtniss zu verlöschen. Der Kapitain eines andern Kriegsschiffs, ein Veteran von erprobter Tapferkeit, dessen Mienen Ehrlichkeit und Menschenliebe ausdrücken, ist ebenfalls beeifert, uns Vergnügen zu machen; und da sie beide englisch und französisch mit besonderer Leichtigkeit reden, so kostet es uns keine Mühe, unsre Ideen gegenseitig auszutauschen. Beide Männer sind gut unterrichtet und in der englischen wie französischen Literatur wohl bewandert. Doch ich übergehe jetzt mit Stillschweigen die Ausbildung ihres Geistes, die in der That Achtung verdient, um Dich mit dem ersten Offizier auf des Kommodors Schiff, einem der merkwürdigsten Menschen, die mit je vorgekommen sind, bekannt zu machen.

Schon ein gelehrter Seemann ist überhaupt eine Merkwürdigkeit; dieser Mann aber brachte beinahe seine ganze Lebenszeit auf der See zu, und dennoch ist seine Belesenheit so gross, wie man sie selten bei Leuten, die alle ihre Tage den Wissenschaften widmen, antrifft. Selten sah ich jemand so mit den alten Schriftstellern vertraut, wie er ist; aber in der genauesten Kenntniss des ganzen Umfangs der neuern Literatur übertrifft ihn Keiner. Ich war nicht im Stande, einen einzigen berühmten englischen Schriftsteller zu nennen, mit dessen Werken er nicht auf das vollkommenste bekannt war. Er hatte die schwersten unsrer Dichter mit einer Aufmerksamkeit gelesen, die er ihnen nur im Gefühl ihrer innern Schönheiten widmen konnte, und seine genaue Bekanntschaft mit den Novellen Smollet's und Fieldings zeigten seine grossen Fortschritte in Bekämpfung der Schwierigkeiten unsrer Sprache.

Seine Kenntniss von der französischen Literatur hat seinen Geschmack nicht verdorben, seine Verehrung gegen Shakespear war nicht durch Voltaire's elende Spitzfindigkeiten geschwächt worden, und dem grossen Milton wies er die Palme an in epischer Dichtkunst. Meine Kenntniss von der deutschen Literatur beschränkt sich auf die Schriftsteller, die ich in der Übersetzung gelesen habe, und mit diesen so wie mit andern, deren Namen mit nicht einmal zu Ohren gekommen sind, ist er vertraut. Indessen darf man sich hierüber am wenigsten wundern, da die holländische Sprache genau mit der Deutschen verwandt ist *) und die literarische Dürftigkeit seines Vaterlandes ihn wahrscheinlich zuerst antrieb, die Literatur einer Nazion zu studieren, die in Sitten und Charakter der seinigen so nahe kommt. Ich getraue mir nicht, seine Kenntnisse in der französischen und italienischen Literatur zu rühmen, meine geringen Fortschritte darin halten mein Urtheil zurück; allein er sprach ohne Rückhalt und Anmaassung über alle Schriftsteller beider Nazionen, deren Werke er kannte, und zeigte überall eine ausserordentliche Belesenheit.

*) Dies lässt sich nicht so allgemein behaupten. Kein Land von so geringem Umfange wie Holland zeichnet sich durch so verschiedenartige Dialekte aus. Am wenigsten der deutschen Sprache verwandt ist die friesische Mundart, sie kommt der englischen sehr nahe und ist vielen Holländern andrer Provinzen fast unverständlich. An der brabantischen Grenze aber geht die Sprache beinahe in das Flämische über und im Innern des Landes bemerkt man fast stündlich eine Verschiedenheit der Aussprache.

Bei dem allen, und seines vortrefflichen Gedächtnisses ungeachtet, ist seine Unterhaltung wenig angenehm und ich möchte fast sagen ohne Nutzen. Er hat alles, was er gelesen hat, behalten, aber nichts verdaut, er hat ungeheuer viel gesammelt, aber das Gesammelte nicht gehörig geordnet. Sein Geist gleicht einem grossen Magazin von Hausgeräth, wo der Schmuck des Prunksaals und die Bedürfnisse der Küche durcheinander liegen; da findet sich alles, was zum Nutzen oder Vergnügen dient, aber in Unordnung und Verwirrung. Sein Hauptfehler ist, dass ihm seine eigenen Kräfte völlig unbekannt sind, und diesem schreibe ich seinen fast gänzlichen Mangel an Phantasie und Ordnung zu.

Gestern hatte der Kommodor uns zu Ehren eine Gesellschaft vom Ufer eingeladen und Abends hatten wir ein kleines Konzert. Unsre Harmonie wäre aber bald durch einen holländischen Obersten, einen wüthenden Patrioten, unterbrochen worden, der auf das heftigste aufgebracht war, dass der Kommodor die bittersten Feinde der Republik mit so vielen Höflichkeiten überhäufte.

Jeder Engländer war ihm eine gefährliche Person, und in diesen Umständen glaubte er, bedürfe es der wachsamsten Vorsicht. Wären wir noch nicht Spione, so müsste uns unsre Lage und die Gelegenheit dazu machen; mir that er sogar die Ehre, zu äussern, dass ihn meine mehr als gewöhnliche Wissbegierde und Aufmerksamkeit nicht wenig beunruhigten. Ich erfuhr, dieser Mann sei eine Magistratsperson aus Briel; dies hinderte uns, diesen Morgen den vorhabenden Spaziergang am Ufer zu machen, weil ich nicht gern zum zweiten mal die Erlaubniss dazu mit ausbitten wollte.

Die Post, mit der wir unsre Pässe vom Haag erwarteten, ist angekommen; aber die verdammte holländische Langsamkeit, die unter jeder Regierung dieselbe bleibt, hat unsre Hoffnung getäuscht. Dies war für uns um so niederschlagender, was wir noch immer ungewiss bleiben, ob wir mit der ersten Gelegenheit wieder nach England zurückgebracht werden, oder die Erlaubniss zu einer Reise in die Republik erhalten werden. Das Erstere wäre mir sehr unangenehm, da die vereinigten Staaten so viele Städte besitzen, die ich ausserordentlich gern besuchen möchte, besonders aber, weil mir sehr daran liegt, eine vollkommne Belehrung über die gegenwärtige Verfassung des Landes und den Einfluss, den die Eroberung der Franzosen auf den Volkscharakter gehabt hat, zu erhalten.

Ich habe Klagen gehört, dass die vorige Regierung willkührlich gewesen sey, und vielleicht waren diese Klagen gegründet; aber die jetzige ist zugleich drückend und willkührlich, ohne Energie und Würde. Ich bin begierig zu sehen, welche Wirkungen die französischen Grundsätze auf eine so mässige und phlegmatische Nazion, wie die holländische immer geschildert worden ist, hatten, und ob die Theorien der Freiheit, die mir als Jüngling so wohl gefielen und die ich noch jetzt lebhaft bewundre, in der Ausführung eben so vortrefflich und schätzbar sind.

Unser freundschaftlicher Kommodor ist zu Helvoetsluis gewesen, um mit seinem Chef, dem Admiral, für uns zu unterhandeln. Man hat uns die Erlaubniss angeboten, augenblicklich nach England zurückzukehren; allein wir können ohne Einwilligung der höchsten Obrigkeit das Ufer nicht betreten. Wir hörten, das kürzeste Mittel, Pässe zu erhalten, wäre, wenn wir uns, als Gefangne eines französischen Korsars, an den Gesandten dieser Nazion im Haag wendeten; aber gern will ich lieber länger das Unangenehme der Gefangenschaft erdulden, als nur im geringsten die Gefühle unsrer grossmüthigen Beschützer beleidigen. Nur weniger einer unabhängigen Nazion zukommende Rechte hat man dem Holländer gelassen, und ich bin überzeugt, wir würden sogleich aus unsrer Gefangenschaft erlösst werden, wäre nicht zu besorgen, dass diese Maassregel die bei der französischen Regierung in Holland angestellten Personen beleidigen möchte. Ich will den Charakter des französischen Gesandten Semonville nicht tadeln, der mir als ein Mann von der aufrichtigsten, edelsten Denkungsart, dem Hochmuth und Vorurtheil fremd sind, geschildert worden ist; nein, die Personen, worauf ich anspiele, sind niedrige Diener der französischen Republik, Leute, die sich mit zu vielen Lastern der Revoluzion befleckt haben.


Dritter Brief.[]

Rotterdam, Oktober 1800.

Bei Absendung meines letztern Briefs dachte ich nicht, dass die Befreiung von unsrer anständigen Gefangenschaft so nahe sey. Dieser Eindruck gab vielleicht meinen Schreiben einen Anstrich von Unmuth; allein ich bin so wenig geneigt, mir daraus ein Gewissen zu machen, dass ich vielmehr erkläre, ein Mann, dessen Gefühle, Lage und Charakter durch die Umstände und persönliche Empfindsamkeit nicht motivirt werden, ist nicht der, mit dem ich umgehen möchte.

Unsre Gefangenschaft hätte sich wahrscheinlich noch eine Woche und länger verzögert, wäre nicht unsre Lage zu Briel dem General Chorié, der die französischen Truppen zu Rotterdam und auf den Inseln Gorée und Voorn kommandirte, bekannt geworden, und hätte er sich nicht für uns verwendet. Wir reisten in seinem Wagen von Briel nach Rotterdam, und er hat sich selbst bemüht, uns alle nöthige Pässe zu verschaffen.

Zu Maaslandsluis, einer ehemals durch den Fischfang reich gewordenen Stadt, gewahrte ich die traurigsten Merkmale von Verarmung und Verfall. Der Hafen war angefüllt mit Fischerfahrzeugen, die nicht mehr benutzt werden konnten; manche von ihnen waren durch ihrer Eigenthümer Vernachlässigung und Unwissenheit im Wiederherstellen unbrauchbar geworden, und doch waren es diese Schiffe, den im Frieden den Reichthum des Ozeans sammelten und halb Europa der Industrie Hollands zinsbar machten. Der Kay war mit hohem Grase bedeckt, und wohin wir giengen, flehte eine Schaar von Bettlern uns um Unterstützung an. Mehrere der besten Häuser in der Stadt waren unbewohnt, und es hielt uns schwer, Postpferde nach Delft zu bekommen. Beinahe zwei Stunden hielt man uns auf, und es hätte noch länger gedauert, wäre nicht ein französischer General eine zu wichtige Person in Holland, um dergleichen unangenehme Zufälle, die man gewöhnlichen Reisenden ungestraft widerfahren lässt, zu ertragen; seine Beschwerde darüber machte beim Wirth im Hotel den gehörigen Eindruck.

Die Strasse von Maaslandsluis nach Delft führt durch ein herrlich bebautes und fruchtbares Land hin. Die Vernichtung ihres Handels hat vielleicht die Holländer auf die bessere Kultur des Ackerbaues aufmerksam gemacht, und durch Erhöhung des Preises aller Lebensmittel hat der Krieg ihren Fleiss ermuntert und belohnt; aber sie sind dabei in den Irrthum, der noch jetzt auch in England herrscht, gefallen, dass sie ihr Land lieber zur Viehweide als zum Getraidebau benutzen.

Auch ihre Landgüter sind weitläuftiger als ich sie wünschte, und ich erblicke keine so freundliche Häuschen, wie sie die englischen Landschaften verschönern. Ihre Landhäuser sind nette, dauerhafte Wohnungen, deren Bewohner, einer gutmüthigen und ehrwürdigen Menschenklasse, die Benennung von Bauern in der bei uns üblichen Bedeutung des Worts nicht beigelegt werden kann. Indessen zweifle ich sehr, dass in dem ganzen Umfange der vereinigten Staaten irgend etwas an den Landleiten oder ihren Wohnungen zu finden ist, das im geringsten ländlicher Eleganz oder jener bezaubernden Einfachheit des Geschmacks nahe kommt, die die Fortschritte falscher Verfeinerung hemmt.

Bei unsrer Reise durch Delft hatten wir Gelegenheit, die zu des Generals Chorié Brigade gehörige reitende Artillerie in Augenschein zu nehmen. Im Äussern sahen Leute und Pferde ausserordentlich elend aus; allein Chorié versicherte, ihre Disziplin sey vortrefflich. Sie hatten im vergangenen Jahre, wie Holland von den Engländern angegriffen wurde, der Republik sehr wichtige Dienste geleistet. Auch in Deutschland hatten sie Lorbeeren gesammelt; aber ihre schmutzigen Gesichter und zerrissenen Kleider erweckten bei mir eher die Idee von einer Vogelscheue als von Soldaten. Ihre Artillerie ist furchtbar; zwölf lange messingne Feldstücke, die sechspfündige oder eine verhältnissmässige Quantität von Musketkugeln schiessen, müssen in den Händen so erfahrner Kanoniers, wofür die Franzosen allgemein gelten, in den geschlossenen Reihen des Feindes eine schreckliche Verheerung anrichten. Die glücklichen Fortschritte der Franzosen in Deutschland und Italien werden allein der Übermacht ihrer Artillerie zugeschrieben; allein zu so grosser Vollkommenheit sie auch diesen Zweig der Kriegskunst gebracht haben, so bin ich doch überzeugt, dass sie ihre Siege mehr noch der grössern Anzahl ins Feld geschickter Truppen und dem ausserordentlichen Genie ihrer Anführer verdanken.

Chorié ist ein lebhafter Franzose aus Languedoc, den ich Anfangs für einen Gascogner hielt; er hat den Kriegsdienst in mehrern Theilen der Welt kennen gelernt, und ist ein eifriger Anhänger der Revoluzion. Ich weiss nicht, wie sich seine ununterbrochene Aufmerksamkeit gegen uns und die vielen uns erwiesenen Gefälligkeiten mit seinem eingewurzelten Hasse gegen die englische Nazion vereinigen lässt. Wir sind das Volk, mit dem er ewig Krieg führen möchte; aber dennoch hegt er gegen einige Individuen unsre Nazion eine persönliche Hochachtung oder schätzt sie wegen des Ruhms, den ihnen alle Völker Europa's einstimmig ertheilen.

Der Weg von Delft nach Rotterdam wechselt angenehm mit schönen Dörfern und mannigfaltigen Landsitzen in ächtem holländischen Geschmack ab. Er liegt, wie die Strasse von Maaslandsluis nach Delft, auf dem Damm des Kanals, so dass durch die Unvorsichtigkeit des Fuhrmanns der Wagen entweder ins Wasser oder auf die Felder geworfen werden kann, die an manchen Stellen gegen fünf bis sechs Fuss tiefer als die Strasse liegen. Dies ereignet sich wohl sehr selten, allein die scheinbare Gefahr ist gross genug, um furchtsame Reisende zu beängstigen, wozu noch die schlechte Verfassung des Wegs, der ohne Kies und voller Gleise ist, nicht wenig beiträgt.

Schon in der Entfernung erscheint Rotterdam als eine schöne gebaute, weitläuftige Stadt, und je mehr man sich ihr nähert, desto mehr entfaltet sich der Reichthum und die Industrie ihrer Bewohner. Eine grosse Menge, besonders zum Sägen des Zimmerholzes eingerichteter, Windmühlen erblickt man in den Vorstädten; aber nur wenige waren in Bewegung, so ausserordentlich günstig auch das Wetter war. Einige unter ihnen befanden sich in einem so zerrütteten Zustande, dass sie schon lange Zeit unbenutzt geblieben seyn müssen.

Die Sägemühlen sind eine sehr nützliche Erfindung, sowohl um Menschenhände zu sparen, als auch die Arbeiten mit grössten Genauigkeit zu vollenden. Es sind hohe Gebäude von angenehmem Äussern; die Mühle selbst erhebt sich gewöhnlich von der Spitze eines festen, zwei bis drei Stockwerk hohen, Hauses zu einer Höhe, wodurch das nothwendige runde Hause ein leichtes und luftiges Ansehen bekommt Einige dieser Windmühlen sind in einem seltsamen Geschmack gemalt, andere mit abgeschmackten Figuren verziert, wie es der Eigenthümer Phantasie wollte oder ihr Vermögen verstattete.

Wir wohnen in des Generals Chorié Hauptquartier, dem ehemaligen Staatshause und jetzigen Zentralbureau, wo der französische Kommandant residirt und die Munizipalität von Rotterdam ihre Sitzungen hält. Es ist ein weitläuftiges, dauerhaftes, aber schlecht gebautes Haus. Für mich als Engländer besitzt es eine geheime Empfehlung, es war nämlich die Residenz Georg's des zweiten, als er seine hannöverischen Besitzungen besuchte, und mehrerer andrer unsrer königlichen Prinzen.

Die Zeit, dieser unpartheiische Prüfer des Ruhms, hat auf Georgs des zweiten Charakter ihr Siegel gedrückt. Wir können, ohne in den Verdacht der Bestechung zu fallen, ihn loben, oder ohne Einfluss der Vorurtheile einer Parthei tadeln. Es war ein mit vielen erhabnen fürstlichen Eigenschaften ausgestatteter Regent, brav im Felde, weise im Kabinet, sparsam mit den öffentlichen Einkünften und eifersüchtig auf Nazionalehre. Während seiner langen Regierung wurde die Gerechtigkeit mit unpartheiischer Gleichheit in seinen Gerichten verwaltet und nie traten die Vorrechte des Regenten den Rechten der Unterthanen in den Weg. Seine Liebe zu seinen deutschen Besitzungen ist von denen getadelt worden, die das Glück beneideten, das die Nazion unter seiner Regierung genoss, und eher Bewunderung als Tadel verdient der Monarch, der bei Ausübung seiner hohen Würde die Gefühle und Sympathie des Menschen nicht verläugnet. Die Kammer, worin wir schliefen, hiess ehemals Koning-Kammer, köuigliche Kammer, da diese Benennung aber mit der republikanischen Einfachheit sich nicht verträgt, so wird sie nicht mehr von andern Zimmern im Hause unterschieden. Bei unsrer Ankunft in Rotterdam mussten wir uns, jedoch nur der Form wegen, einer Untersuchung vor dem französischen Konsul dieses Orts, dem General Chorié, und einem batavischen Kommissär unterwerfen; hierauf ertheilte man uns Pässe auf drei Dekaden, in welcher Zeit wir wahrscheinlich alle Hauptmerkwürdigkeiten der vereinigten Staaten sehen können.

Wir verlassen morgen des Generals Chorié Hauptquartier und beziehen den Schweinshof, einen vortrefflichen Gasthof am grossen Marktplatz, worin der Konsul die Gefälligkeit gehabt hat, für uns Zimmer zu miethen. Ich bin versichert worden, in diesem Lande müsse man, wenn man die Absicht habe, auf einige Zeit an einem Orte zu bleiben, nothwendig mit dem Gastwirth wegen des Preisses für die Zimmer einen Kontrakt schliessen, sonst bekomme man eine ungeheure Rechnung angesetzt, die, weil man keine Hülfe dagegen erlangen könne, ohne einen Heller Abzug bezahlt werden müsse.


Vierter Brief.[]

Oktober 1800.

Rotterdam *) ist die zweite Handelsstadt der Republik und hat von dem das ganze Land betroffenen Unglück am wenigsten gelitten. Es hat eine zum Handel ganz vorzügliche Lage, denn es liegt am Ufer der Maas, eines zu allen Vortheilen der Schifffahrt vollkommen geschickten Stroms von herrlicher Breite. Die Hauptstrassen sind von Kanälen durchschnitten, die tief genug sind, um Schiffe von zwei bis dreihundert Tonnen aufzunehmen; dies erleichtert ausnehmend den Handel der Stadt, indem die Schiffe dadurch in den Stand gesetzt werden, die Waaren unmittelbar vor den Waarenhäusern abzuladen, und sowohl Zeit als Arbeit ist geringer als in den vollgepfropften Londoner und andern Häfen **). Auch hat dabei der Kaufmann den Vortheil, die Schiffe, die ihm entweder selbst gehören oder an ihn addressirt sind, unmittelbar unter seinen Augen zu haben, so dass er neben Verrichtung seiner Geschäfte zugleich darüber wachen kann, dass ihm durch die Trägheit oder Untreue seiner Leute kein Schaden zugefügt werde.

*) Seinen Namen verdankt Rotterdam dem kleinen Fluss Rotte, dessen Mündung den eigentlichen Hafen von Rotterdam bildet. Dieser Name bedeutet daher nichts anders, als einen Damm an der Rotte.
**) In dieser Hinsicht hat Rotterdam einen grossen Vorzug vor Amsterdam. Grosse Lastschiffe können mit ihrer vollen Ladung nicht in letztere Stadt einfahren, sondern müssen vorher erleichtert werden.

Nach der Aussage eines sehr verständigen und einsichtsvollen Kaufmanns, den ich kennen zu lernen das Glück hatte, geniesst Rotterdam gegenwärtig kaum den zehnten Theil des Handels, den es vor dem Einrücken der Franzosen und der Unterbrechung des Verkehrs mit England besass.

Vor dem Kriege zählte man oft dreihundert englische Schiffe zu gleicher Zeit im Hafen von Rotterdam, und die Anzahl derer, die der Stadt selbst und andern Nazionen gehörten, war noch grösser. Gegenwärtig liegen kaum funfzig im Hafen, und doch ist der Handel, blickt man auf die vorigen Umstände zurück, noch lebhafter als gewöhnlich. Wollte man von dem Lärm und Getümmel in den Strassen, die durch den Transport der Waaren von einem Theile der Stadt zum andern verursacht werden, auf den Handel schliessen, so würde man ihn für sehr thätig halten; denn des Morgens ist in den grösstentheils ohne besondere Fussbänke für die Gehenden versehenen Strassen, wegen der zahlreichen, mit Fässern und Ballen beladenen und unaufhörlich sich durchkreuzenden Schlitten, ohne Gefahr sich zu beschädigen, oder die Kleider zu beflecken, kaum durchzukommen. Ich musste einmal zehn Minuten warten, um eine Reihe solcher Fahrzeuge über eine Zugbrücke vorbei gehen zu lassen, die zusammen eine so geringe Quantität Waaren geladen hatten, dass ein, zwei oder höchstens drei Pferde sie hätten fortziehen können.

Aber die Kanäle Rotterdams waren mit abgetakelten Schiffen bedeckt und ganze Strassen von Waarenhäusern unbeschäftigt. Dieser Verfall des Handels von Rotterdam ist nicht blos dem Kriege mit England, sondern noch vielen andern Ursachen zuzuschreiben. Der Hauptgrund davon liegt vielleicht in der Auswanderung der reichen Kapitalisten, wie auch in der Unterdrückung und den lächerlichen Anordnungen der batavischen Regierung. Durch die Auswanderung der reichsten und angesehensten brittischen Kaufleute ist der gegenwärtige Handel dieser Stadt mit England in die Hände von Menschen gekommen, mit denen die unabhängigen und ehrlichen Handelsleute der meisten Nazionen sich schämen würden, Geschäfte zu machen; die Regierung aber hat aus Vorurtheil den Ausfuhr- und Einfuhrhandel mit Einschränkungen belastet, die dem Verkehr überhaupt nothwendig nachtheilig seyn mussten. Es ist merkwürdig, und einer Bekanntmachung werth, dass zu der Zeit, da die Regierung die Einfuhr englischer Manufakturwaaren in alle Häfen der Republik untersagte, zwischen einigen Mitgliedern des exekutiven Korps und einem Handelshause in Rotterdam ein Vertrag wegen Einfuhr englischen Tuchs zur Montirung der französischen Armee geschlossen ward; dem zufolge achttausend französische Soldaten mit Yorkshirer Tüchern gekleidet wurden, während eine einzige am Bord eines Privat-Kauffahrthei-Schiffs gefundene Elle mit der strengsten Straffe und Konfiskazion belegt worden wäre.

Bald nach dem Ausbruch der Feindseligkeiten mit England wurde ein besonderes Plünderungssystem mit glücklichem Erfolge gegen die Londoner und Amsterdamer Assekuranten von reichen und angesehenen Kaufleuten in Rotterdam ausgeführt. Diese waren die eigentlichen, jedoch unter fremden Namen verborgenen, Eigenthümer der Kaperschiffe, die unter französischer Flagge segelten; da ihre Schiffe in Amsterdam und London assekurirt waren, so liefen sie von der Maas zusammen aus und eine verabredete Wegnahme erfolgte. Das auf solche Art genommene Eigenthum wurde sogleich kondemnirt, und die Assekuranten mussten den scheinbaren Verlust ersetzen. Auf eine unschuldigere Art wurde wohl nie Krieg geführt. Die Entdeckung einiger dieser Betrügereien gab dem Raubsystem den ersten Stoss, und durch vortreffliche Einrichtungen, die der Oberkunsul in's französische See-Gesetzbuch gebracht hat, wurde es völlig umgestürzt.

In jener Zeit segelten Kaperschiffe unter französischer Flagge, die aber eigentlich brittischen theils in Holland, theils in England wohnenden Unterthanen gehörten, aus den Häfen der batavischen Republik ab und nahmen brittische Schiffe von beträchtlichem Werth weg. Das hiess, das Leben, die Freiheit und das Eigenthum seiner eigenen Landsleute angreifen, und gern würde ich Bedenken tragen, eine so entehrende Thatsache anzuführen, könnte ich einigermaasen die Autorität derer in Zweifel ziehen, die sie mir berichteten.

Zur ewigen Schande dieser Menschen muss man bedenken, dass sie jene meuchelmörderische Plünderung ihres Vaterlandes mit keiner der von den französischen und holländischen Ausgewanderten vorgebrachten Entschuldigungen beschönigen können, ich meine den unseligen Zeitgeist und die Härte der revoluzionären Regierungen. Sie konnten nicht vorgeben, dass ihr Vaterland sie verbannt und ihr Eigenthum eingezogen habe. Einige unter ihnen genossen des Schutzes der brittischen Regierung, und diejenigen, die die siegreichen Waffen des Feindes von Vaterlande trennten, konnten doch mit Grund erwarten, und vielleicht wünschen, den Abend ihrer Tage im Schoose des Vaterlands zu verleben. Es verdient bemerkt zu werden, dass die von diesen Menschen besoldeten Kaper mehr als andre auf den Schiffen und an dem Eigenthum neutraler Nazionen Verwüstung anrichteten und ihr Schiffsvolk die ihnen unglücklicherweise in die Hände fallenden Personen mit weniger Menschlichkeit behandelte. Diesen Missbräuchen wird durch die konsularische Regierung sorgfältig vorgebeugt, ich kann aber nicht mit Gewissheit behaupten, dass sie jetzt gänzlich abgeschafft sind.

Bonaparte's Politik fordert es, die Hochachtung aller neutralen Mächte sich zu verschaffen, und seitdem dieser grosse Mann die Zügel der Regierung führt, ist den Klagen der neutralen Eigenthümer wegen Aufhaltung ihrer Schiffe durch französische Kaper schnell und exemplarisch abgeholfen worden.

Kein Kaperschiff kann jetzt unter französischer Flagge segeln, dessen Eigenthümer nicht in Frankreich oder den damit verbundenen Staaten wohnhaft ist, und hinlängliche Sicherheit wegen Ersetzung des neutralem Eigenthume zugefugten Schadens gegeben hat. Es ist jetzt nicht wie ehemals jedem unbedeutenden Handelskonsul der Republik verstattet, Schiffe, die unter seine Gerichtsbarkeit gebracht werden, zu verdammen; (da diese Agenten gewöhnlich bestechlich und raubsüchtig waren, so entsprangen daraus tausend Missbräuche,) sondern die Papiere und Urkunden, wodurch die Wegnahme eines Schiffs als eine gesetzmässige Prise anerkannt wird, müssen dem Gerichte des Seeministers übersandt werden, von dem noch eine Appellazion an das Admiralitätsgericht Statt hat. Dieses letztere Tribunal steht bei neutralen Kaufleuten in grossem Ansehen, und ich habe mehrmals seine Entscheidungen mit denen des Doktor Commons vergleichen hören, mit welchem Recht? kann ich nicht bestimmen. Durch solche weise und heilsame Maassregeln wird Bonaparte seine Würde befestigen und mehr wahren Ruhm sich erwerben als durch hundert erfochtene Siege.

Rotterdam zeichnet sich weder durch Eleganz der Gebäude, noch durch Geschmack ihrer Bewohner aus. Der Boompaes, die vorzüglichste Strasse, liegt an der Maas und ist beinahe eine Meile lang. Die Häuser sind gewöhnlich fünf bis sechs Stockwerke hohe, dauerhafte und weitläuftige, aber unelegante Gebäude. Wegen der Überschwemmungen, denen diese Stadt unterworfen ist, haben die Häuser keinen untern Stock, sondern ein unverhältnissmässig grosses Thor ersetzt dessen Stelle, und führt zu den im hintern Theile eines jeden Hauses befindlichen Waarenlagern. Einen sonderbaren Anblick gewähren die an den obern Stockwerk angebrachten korinthischen Säulenordnungen von Gyps ohne andere Säulen, die sie tragen. Dergleichen Verstösse gegen architektonische Verzierungen sind unbeschreiblich lächerlich, und auch in der innern Einrichtung der Häuser nimmt man Fehler wahr, die man bei einem sehr mittelmässigen Geschmack vermieden haben müsste.

Oft trifft sich's, dass Zimmer, die der Wohnung eines Fürsten Ehre machen würden, aus ihren Fenstern keine andre Aussicht gewähren, als auf die todten Mauern eines Waarenlagers, das zu den niedrigsten Gegenständen des Handels benutzt wird, oft auf ein Magazin von Stockfischen, Fellen, Taback und ähnlichen Sachen. Ein auffallendes Beispiel der Art sah ich am Hause eines Mannes, dessen Gemäldegallerie seiner Freigebigkeit wie seinem Geschmack Ehre macht. Ein Zimmer von fast königlicher Pracht hat die Aussicht gerade auf sein Waarenlager, und mit Abscheu wendet sich das Auge von den Werken Titians und Rubens's auf Krahne, Ballen, Kisten u. s. w. die Bedürfnisse des Handels.

In der Sammlung dieses Mannes sind eine heilige Familie von Rubens, eine schlafende Venus von Titian und ein heiliger Johannes von Rembrandt vorzüglich schätzbare Stücke. Dass diese Gemälde in einem so unvortheilhaft liegenden Saale aufgestellt sind, verdient besonders eine Rüge, da die Fronte dieses Hauses eine herrliche Aussicht auf die Maas, und einen weiten, ununterbrochenen Prospekt auf die entgegengesetzte Seite des Flusses geniesst.

Die Hauptstrassen in Rotterdam sind dicht mit Bäumen bepflanzt, die, verbunden mit den in ihrer Mitte fliessenden Kanälen und den vortrefflich unterhaltenen und schön angestrichenen Zugbrücken, einen lachenden Anblick gewähren *). Die Fenster und Thüren der Häuser sind gewöhnlich grün gemalt; dies giebt ihnen ein lebhaftes Ansehen, wozu noch die überall sichtbare Sorgfältige Reinlichkeit vieles beiträgt. Nicht blos die Fenster, sondern die ganze Fronte des Hauses wird gewöhnlich zwei- bis dreimal die Woche durch besonders dazu eingerichtete Maschinen gewaschen, wozu die Kanäle hinreichend Wasser liefern, und gleiche Solgfalt wird auf das Pflaster der von den Reichen bewohnten Strassen verwandt.

*) Die schönste Strasse in Rotterdam ist die Heerestraet, die angenehmste aber der Boompaes, der zugleich wegen seiner herrlichen Lage an der Maas zu einem anmuthigen Spaziergange dient. Die Strassen in Rotterdam können als Muster vortrefflicher Strassen empfohlen werden. Sie sind breit, hell und in der Mitte mit Steinen gepflastert, auf beiden Seiten aber ist ein besonderer Weg für die Fussgänger mit Backsteinen belegt, den kein Fahrzeug berühren darf. An manchen Orten sind besondere Pfähle gesetzt und neben vielen Häusern ist noch ein geräumiger Weg für die Fussgänger mit schönen schwarzen Quadern belegt. Das Dachtraufenwasser läuft in Röhren an den Ecken der Häuser in die Kanäle herab und berührt kaum die Strassen.

Rotterdam kann sich keiner prächtigen öffentlichen Gebäude rühmen. Die Hauptkirche St. Lorenz ist ein trauriges, schwerfälliges Haus, woran man leichter Fehler als Vorzüge entdecken könnte. Sie besitzt eine Orgel von ungeheurem Umfange, die noch die Harlemer an Grösse übertreffen soll; sie ist noch nicht vollendet, und da die Zeitumstände für dergleichen Unternehmungen ungünstig sind, so können wohl noch mehrere Jahre hin gehen. Die Börse ist ein schönes Gebäude und vollkommen zu dem Zweck eingerichtet, wozu es bestimmt ist. Eine Menge Volks von hässlicher Bildung, dem die Gewinnsucht auf die Stirn gemalt ist, findet sich hier sechsmal jede Woche zwischen ein bis drei Uhr ein, und Sonntags ist hier das Rendez-Vous der Stadtmilitz.

Auf dem Marktplatz ist die Bildsäule des Erasmus *) errichtet, dessen Name man noch jetzt in seiner Geburtsstadt gern hört, und in einer kleinen Entfernung von dieser ehrwürdigen Figur des berühmten Mannes ist auf einen ausserordentlich hohen Pfahl eine Freiheitsmütze gesteckt. Das Absterben dreier oder noch mehrerer Bäume, die man hinter einander der Freiheit gewidmet hatte, machte die Errichtung eines Pfahls an deren Stelle nothwendig, um ein Sinnbild der batavischen Freiheit zu besitzen; allein die Schwäche dieses Pfahls verspricht eben keine längere Dauer als die seiner Vorfahren war, und es ist wahrscheinlich, dass die Munizipalität, sobald die Freiheitsphantome werden verschwunden seyn, keinen neuen errichten wird. Auf dem Fischmarkte und an andern Orten befinden sich ebenfalls ähnliche Freiheitsbäume; sie kommen ihm aber bei weitem an Höhe nicht gleich.

*) Es ist dies das dritte von der Dankbarkeit seiner Mitbürger diesem berühmten Manne gesetzte Ehrendenkmal. Das erste von Holz wurde ihm zum Andenken im Jahre 1549, dreizehn Jahre nach seinem Tode errichtet, wenige Jahre nachher aber wieder weggenommen und durch ein schöneres und dauerhafteres von Stein ersetzt. Gereizt durch einen bigotten Mönch, dem die vernünftige Religion, das grosse Genie und die ausgebreitete Gelehrsamkeit des Erasmus anstössig waren, zerstörten die Spanier, wie sie im Jahre 1572 im Besitz von Rotterdam waren, diese Bildsäule. Die jetzige von Bronze wurde im Jahre 1662 aufgerichtet und ist sehr gut gerathen. Die Figur steht auf einem mit Inschriften verzierten, mit eisernen Gittern umgebenen Piedestal und ist kolossalisch; sie stellt Erasmus in seiner geistlichen Kleidung mit einem offenen Buche in der Hand vor. Bei republikanischen Festen wird dieser Philosoph mit dreifarbigen Bändern geschmückt und vor der letzten Revoluzion musste er dem Hause Oranien ein ähnliches Kompliment machen.

Eine schwache und neuerrichtete Regierung verfährt bei Ausübung ihrer Gewalt gewöhnlich willkührlicher als Autoritäten, die durch langjährige Dauer Festigkeit erhalten haben, darin liegt, nach meiner Überzeugung, der Grund, warum sich hier jedermann hütet, seine wahren Empfindungen in Hinsicht der gegenwärtigen Lage der Republik Andern mitzutheilen. Überall hört man Klagen über ehemalige Missbräuche; aber diese Klagen werden von keiner Billigung der von der jetzigen Landesregierung genommenen Maassregeln begleitet; ihre Verordnungen, oder vielmehr die Verordnungen des französischen Gesandten, werden stillschweigend befolgt; das Geschrei der Parteien wird nicht gehört -- aber wo gewahrt man das Beifallklatschen eines dankbaren Volks?

In keiner Stadt innerhalb des Gebiets der vereinigten Staaten erweckten die Fortschritte der französischen Waffen in den Jahren 1794 und 1795 eine grössere Unruhe als zu Rotterdam. Es war ein Zeitpunkt der allgemeinen Trauer und Bestürzung. Die angesehensten Einwohner der Stadt standen durch Verwandschaft oder Heirath mit England in Verbindung, und alle Stände der Gesellschaft erfuhren die Wohlthaten eines ausgebreiteten Handels mit dem brittischen Reiche.

Mit dieser Vorliebe für die Feinde der französischen Republik verbanden sie eine starke Anhänglichkeit an die statthalterische Regierung, wie sie durch England's und Preussen's Einfluss im Jahre 1787 bestimmt war, und eine gerechte Hochachtung für die Person des Prinzen Oranien. Unter diesen Umständen musste das Anrücken der Franzosen gegen die Republik bei gänzlicher Unmöglichkeit eines Widerstands, ein allgemeines Gefühl von Schrecken und Traurigkeit erwecken.

Die angesehensten englischen Familien verliessen die Stadt, und ihrem Beispiele folgten auch viele Holländer. Zur Ehre eines zahlreichen und nützlichen Menschenklasse muss ich anführen, dass, sobald es gewiss wurde, dass aller Verkehr mit England aufhören würde, kein einziges englisches Dienstmädchen in Rotterdam bleiben wollte, so lange die Franzosen diese Stadt im Besitz haben würden. Viele unter ihnen hatten so lange in dieser Lage gelebt, dass sie aus Dienstboten gleichsam Glieder der Familie geworden waren; aber weder persönliche, noch örtliche Anhänglichkeit konnte die Stärke ihrer Vaterlandsliebe besiegen, und selbst die vortheilhaftesten Bedingungen, in Holland zu bleiben, schlugen sie aus. Dieses Betragen verdient um so mehr Bewunderung, wenn man erwägt, wie viel Entschliessung und Energie es erforderte, diese armen Geschöpfe zu einer solchen Aufopferung zu vermögen; sie überlegten vielleicht nicht einmal, dass sie sich von ihren vertrautesten Freunden auf immer trennen mussten. Die Jahrszeit war bei ihrer Abreise ungewöhnlich rauh, und nur die Reicheren konnten sich mit einigen Bequemlichkeiten versehen. Da die Schifffahrt auf der Maas wie auf den Kanälen durch den Frost unterbrochen war, so fiel auch die in diesem Lande gewöhnliche Art zu reisen weg, und die Nachfrage nach Fahrzeugen war so gross, dass selbst die Wohlhabenden sich glücklich schätzten, wenn sie einen Platz in einem offenen Wagen erhalten konnten. Diejenigen, denen diese Bequemlichkeit nicht zu Statten kam, setzten ihre traurige Reise von Rotterdam nach Helvoetsluis, wo sie sich nach England einschiffen liessen, über Schnee und Eis fort.

Den 22sten Januar nahm die Division des Generals Bonneau von Rotterdam Besitz. Die Französischen Truppen, Infanterie, Kavallerie und Artillerie rückten zu dieser Eroberung auf den gefrornen Gewässern der Maas vor, gleichsam als wollte die Natur ihren Plan begünstigen, und boten ein Schauspiel dar, wie man es in der Kriegsgeschichte nur selten antrifft. Die Festigkeit, welche der Fluss erlangt hatte, beweist hinreichend die rauhe Jahrszeit. Dennoch fehlten den französischen Soldaten die nothwendigsten Kleidungsstücke. Ganze Bataillone hatten weder Schuhe noch Strümpfe und selbst die Kleidung der Offiziere war nicht viel besser als die der Gemeinen. Einer Schildwache auf dem Posten diente oft statt des Überrocks eine zerrissene wollene Decke zum Schutz gegen die Kälte, und Hüte oder Mützen sah man nur selten.

In dieser traurigen Verfassung kamen die französischen Truppen zu Rotterdam an und wurden bei den Einwohnern der Stadt einquartirt. Eine mässige Anzahl von Kleidungsstücken wurde gefordert, die Vertheilung geschah sehr unpartheiisch, und wie der erste Lärm vorbei war, erwarben sich die französischen Soldaten allgemeinen Beifall. Keine Gewaltthätigkeit oder Plünderung entehrte die Disziplin der republikanischen Armee und auch die geringsten Klagen hörten die Generale an und halfen ihnen ab.

An die Stelle der abgesetzten alten Obrigkeit wurde ein provisorischer Magistrat angestellt, der zum Glück aus Männern von gemässigten Grundsätzen und wahrhaft patriotischen Gesinnungen bestand. Durch ihre weisen Maassregeln, verbunden mit dem Beistand und der Unterstützung des französischen Kommandanten wurde die öffentliche Ruhe erhalten, und obgleich der Handel dieses Orts einige Wochen hindurch gänzlich stockte, so wurden doch von den zahlreichen missvergnügten Armen, die hierdurch ausser Brod gesetzt wurden, keine Aufruhr und Unordnungen veranlassende Handlungen begangen.

Die Geschäfte dieser provisorischen Regierung hörten nach Errichtung der neuen Staatsverfassung auf, und mit Bedauern muss ich erwähnen, dass ihre Nachfolger die Mässigung und Tugend dieser rechtschaffenen und nützlichen Männer nicht nachahmten. Die Munizipalität besteht hauptsächlich aus partheisüchtigen, deklamatorischen Bürgern, die, stolz auf ihre ehrenvolle Ämter, die tyrannisch verwalten, und die Schande einer Verbindung mit solchen Männern hält Leute von Ansehen und Charakter ab, sich der Angelegenheiten der Stadt anzunehmen.

Dem von der Macht in den Händen solcher Männer zu befürchtenden Unheil wurde durch den Umstand vorgebeugt, dass die Majorität, und zwar eine starke, grosse Vorliebe für das alte Regierungssystem und die Verbindung mit England hegte. Als die Ringelblume, weil sie das Sinnbild des Hauses Oranien ist, in allen Gärten der Patrioten ausgerottet wurde, waren die Fenster des besonders von den ärmern Klassen der Einwohner bewohnten Theils der Stadt mit Gefässen voll solcher Blumen angefüllt, und eine der Jungfrau Maria in einem frommen Zeitalter geweihte Pflanze *) drückte hier die lebhafte Liebe ihres Besitzers gegen einen vertriebenen Statthalter von Holland aus. Von den rothen und weissen Rosen, welche die York'sche und Lancastersche Partei unterschieden, kannst Du auf die Achtung schliessen, in welcher die Ringelblume von den Anhängern des Oranischen Hauses gehalten wurde. Aber warum sollte die schöne Frucht, die den Namen dieser Familie führt, von den Tafeln der gegenseitigen Partei verbannt seyn? Mässigung, Vernunft und Zeit hat die Strenge der Patrioten in diesem und ähnlichen Punkten sehr gemildert und Orangen können nun wieder, ohne Verdacht zu erregen, genossen werden; doch tragen noch immer manche Bedenken, diese Frucht auf ihre Tafel zu bringen.

*) Sie heisst im Englischen Marigold.

Das Konzert ist eine der vorzüglichsten Vergnügungen von Rotterdam und sehr gut besetzt. Die Zahl der Musiker ist zwar ansehnlich; da sie aber mehr aus Liebhabern als aus Leuten, die mit ihren musikalischen Talenten ihr Brod verdienen, besteht, so zeichnen sie sich nicht besonders aus; dennoch würde es schwer halten, in einer englischen Landstadt, Bath etwa ausgenommen, eine bessere Musikgesellschaft anzutreffen; die Ursache hiervon liegt in der hohen Achtung, die diese schöne Kunst auf dem festen Lande geniesst.

Die holländische Sprache ist so misstönend und unharmonisch, dass der Gesang darin dem Ohr eines Fremden selten angenehm ist. Ich hörte eine Sängerin, die sich durch eine starke melodische Stimme auszeichnetet; aber die rauhen, hässlichen Worte ihres Gesangs zerstörten grösstentheils die Würkung ihrer sanften Melodie. Madame Banti hatte den Sommer in Rotterdam zugebracht, und alles war voll von ihrem Lobe. Mangel an Freigebigkeit, nicht Mangel an Geschmack ist die Ursache, warum man hier keine der berühmtesten Sänger und Musiker antrifft.

Mein Hang zu dramatischen Vorstellungen bewog mich, die erste sich darbietende Gelegenheit zu benutzen, um das Theater zu besuchen, und meine Erwartung ward hier so befriedigt, dass ich nachher meinen Besuch noch zweimalwiederholt habe.

Das Schauspielhaus ist ein schönes schmales und mit vielem Geschmack verziertes Gebäude. Die Logen, deren es nur eine Reihe besitzt, sind mit netten Stühlen und Kissen meublirt, und war besonders bequem ist, die Sitze im Parterre sind mit Rücklehnen versehen. Es ist selten mit Zuschauern angefüllt, ohngeachtet die Dramas, die ich zu sehen Gelegenheit hatte, Stücke von anerkanntem Werth waren und die Schauspieler mehr als mittelmässig gut spielten. Das erstemal sah ich Kotzebue's Menschenhass und Reue mit viel Gefühl und grossem Eindruck vorstellen, und nachher ein Stück nach dem Französischen, es hiess der Fündling.

Der Roscius von Rotterdam ist ein Engländer, Namens Bingley, aber ich konnte in seinem Spiel nichts entdecken, was die hier allgemeine Vorliebe für ihn rechtfertigen könnte; indessen ist es ein Mann von Gefühl und Beurtheilungskraft, sein Ausdruck des Schmerzes ist wahr und richtig. Das Schauspiel endigt sich gewöhnlich mit einem Ballet, das von jungen Leuten gegeben wird, und diese Vorstellungen, mit guten Dekorazionen und entzückender Musik begleitet, sind angenehm und unterhaltend. Dicht beim Theater ist ein Zimmer angebracht, wo Erfrischungen gereicht werden, und hier pflegen die Liebhaber des Tabaks zwischen den Aufzügen ihre Pfeifen zu rauchen. Den zu Rotterdam herrschenden guten Sitten verdankt man es, dass weder das keusche Ohr noch Auge durch die Gegenwart eines einzigen öffentlichen Mädchens im Theater beleidigt wird. Keine Polizeyverordnung, kein Verbot der Theaterunternehmer, sondern allein der öffentlichen Sinn für Anstand und Keuschheit entfernt sie von diesem Ort. Die grosse Anzahl von unglücklichen Mädchen dieser Art, welche die Theater der brittischen Hauptstadt anfüllen, ist ein unerträglicher Missbrauch. In Rotterdam, wie in allen grossen Städten Europa's, giebt es Bordelle, zur Aufnahme solcher Personen bestimmt; aber sie entfernen sich selbst von öffentlichen Orten, und es erfordert schon einige Bekanntschaft mit dem Laster, um ihre Schlupfwinkel zu entdecken.

Die Religion ist zu Rotterdam gerade so geblieben, wie sie vor der Revolution war. Sonntags sind die Kirchen stark besetzt, und ohngeachtet die Prediger im Allgemeinen im Verdacht stehen, zu des Statthalters Partei zu gehören, so wurden sie doch selbst von den eifrigsten Republikanern mit gleicher Hochachtung behandelt und keine Strenge gegen sie liess die geringste Verfolgung argwöhnen. Der Prediger einer hiesigen Kirche, ein eifriger Anhänger des Statthalters, der bei Annäherung der Franzosen, wegen seiner Sicherheit besorgt, aus Holland geflohen war, war mit Erlaubniss der Regierung vor einigen Tagen auf Einladung seiner Gemeinde nach Rotterdam zurückgekehrt und hielt vor einer sehr zahlreichen Versammlung seine Wiedereinsetzungs-Rede, die mehr Politik als Religion, und zwar erstere gar nicht zum Vortheil der gegenwärtigen Ordnung der Dinge, enthalten haben soll.

Holland zeichnet sich durch die Freigebigkeit seiner öffentlichen Wohlthätigkeits-Anstalten aus; aber leider haben auch sie am Unglück der Republik einen grossen Antheil gehabt. Das Waisenhaus, ein Zufluchtsort für Waisen und hülflose Kinder dürftiger Eltern, hat kaum zwei Drittheile von seinen vormaligen Einkünften behalten, und auch andre Anstalten der Barmherzigkeit haben in gleichem Verhältniss gelitten.

Fünfter Brief.[]

November 1800.

Den 9ten November verliessen wir Rotterdam gegen fünf Uhr Nachmittags in dem Treckschüyt, einem Reiseboote, das nach Delft abfuhr.  Das Wetter war unangenehm und stürmisch, aber nichts liess uns den fürchterlichen Orkan vermuthen, der uns kaum eine Meile von Rotterdam überfiel. An Heftigkeit glich er eher den Orkanen, die unter den Wendekreis wüthen, als einem europäischen Sturme. Der tobende Wind, der schreckliche Regen, das Rauschen der Wellen, die Finsterniss der Nacht, und die Unruhe der Reisegefährten zusammengenommen, machten unsre Lage furchtbar. Die ältesten Leute konnten sich keines so reissenden Sturms erinnern und kein Orkan, den ich in Westindien erlebt hatte, kam diesem Gleich.

Die Höhe des Kanals, welcher einige Fuss über die Erdfläche erhaben ist, setzte das Boot der ganzen Wirkung des Windes aus, und es war schlechterdings unmöglich, weder vor- noch rückwärts zu kommen. In dieser gefährlichen Lager hätten wir die ganze Nacht über bleiben müssen; aber zum Glück liess der Sturm gegen neun Uhr Abends so sehr nach, dass wie Overschie, ein schlechtes, drei Meilen von Rotterdam entferntes Dorf, erreichen konnten.

Hier landeten wir und verliessen froh das Treckschuyt, um die Nacht dort zuzubringen. Der Kanal war übergetreten und das halbe Dorf stand im Wasser; bei jedem Schritt wurden wir bis an die Kniee nass, und Ströme von Regen durchnetzen unsre Kleider. Das Ungestüm der Nacht hatte Overschie mit Fremden angefüllt und die meisten Wirths- und Bierhäuser waren mit Gästen besetzt.

Vor zwei Häusern wurden wir abgewiesen, so sehr wir auch alles aufboten, die Habsucht oder Menschenliebe der Wirthe zu erregen, und was unsern Verdruss noch vermehrte, war, dass die Bauern, die, um ein Torf-Feuer gelagert, ihre Pfeifen schmauchten; über unser Missgeschick sich zu freuen schienen. Endlich nahm man uns in einer elenden Hütte auf, und verschaffte uns zum Glück ein besonderes Zimmer. Aber hier war kein Kamin und durch verschiedne Spalten drang Wind und Regen herein. Kaffee und Brantewein waren die einzigen Erquickungen, die dieses Haus darbot und beides war erbärmlich. Ein feuchtes Bette vollendete unsre üble Lage und nach einer schlaflosen Nacht traten wir früh Morgens in einem Wagen unsre Reise nach dem Haag an.

Auf dem ganzen Wege von Overschie nach Delft und von da nach dem Haag bemerkten wir von allen Seiten die Verwüstung des gestrigen Abends. Starke Bäume waren mit ihren Wurzeln ausgerissen, Häuser niedergestürzt und andere völlig ihrer Dächer beraubt. Viele Meilen im Umkreise stand das Land unter Wasser, daran waren die ausgetretenen Kanäle Schuld, und zu Delft waren die Strassen mit dem Schutt niedergestürzter öffentlicher und Privat-Gebäude bedeckt. Die alte Kirche, in welcher die Nazionaldankbarkeit dem Andenken der Admiräle Van Tromp und Peter Heyer Denkmäler gesetzt hat, hatte ihr Dach verlohren, und viele Schornsteine des militärischen Institut, eines schönen Gebäudes, lagen auf der Strasse. Nicht ein einziges Privathaus war ohne Beschädigung der Fenster oder des Dachs geblieben, und unter den schwachen, sonderbar gebauten Tempeln und Sommer-Pavillons, die die Gärten der Holländer schmücken, hatte die Zerstöhrung besonders gewüthet. Den Umsturz der Tempel und Bildsäulen mochten ihre Besitzer immer betrauern, aber mir thaten nur die umgeworfenen Wald- und Obstbäume leid; jene konnten durch Menschlichen Fleiss, die aber nur durch die Zeit wieder aufgerichtet werden.

Der Ruf, den der Haag der Pracht seiner Gebäude und der reizenden Lage wegen geniesst, machte mich so ungeduldig, ihn zu besuchen, zumal da ich gute Empfehlungen an Leute hatte, die mir alle seine Schönheiten zu zeigen im Stande waren, dass ich meinen Aufenthalt zu Rotterdam um einige Tage verkürzte und bei meiner Durchreise durch Delft dieser Stadt nur eine Stunde widmete.

Von Delft bis nach dem Haag ist die Strasse wahrhaft prachtvoll. Der späten Jahreszeit und des letztern Sturms ungeachtet waren die Ansichten und der Weg selbst ausnehmend reizend. Er ist so breit, dass vier bis fünf Wagen bequem neben einander fahren können. Alleen hoher Bäume beschatten ihn auf beiden Seiten, er wird vortrefflich unterhalten und ist so eben, dass man auch nicht geringste Ungleichheit des Bodens gewahr wird. Die Gegend scheint nach der Art, wie die Bäume gepflanzt sind, wo wenig diess doch in der That der Fall ist, vortrefflich mit Waldungen versehen zu seyn und die Sommer-Gebäude der Reichen, womit das ganze Land gleichsam besäet ist, verschaffen eine angenehme Abwechslung. Auf der einen Seite der Landstrasse fliesst der klare, ruhige Kanal hin, worauf Boote theils in Geschäften theils zum Vergnügen unaufhörlich hin und herschwimmen und die Landschaft unbeschreiblich interessant machen. Dicht vor demselben spannen die stolzen Gebäude zu Haag die Erwartung des Reisenden, und der sogenannte Busch zur Rechten der Stadt giebt den Anblick eines weitläuftigen Waldes.

Wir stiegen im englischen Parlement, einem der ansehnlichsten Gasthöfe im Haag ab, welcher von der Unterbrechung des Verkehrs mit Holland von vornehmen brittischen Familien stark besucht wurde. Die Bequemlichkeiten sind hier sehr gut und der Wirth wie seine Leute aufmerksam und höflich, doch nicht in dem Grade, wie man sie mir gerühmt hatte. Der Gewinn der Gastwirth hat mit den andern Zweigen des holländischen Handels in gleichem Verhältniss abgenommen, und das mag die Ursache seyn, dass dieser Gasthof seinem berühmten Namen nicht mehr entspricht. Der vorige Wirth desselben, der seine Gäste zu ihrer vollkommensten Zufriedenheit bediente, war ein Engländer; allein bald nach Verbannung des Statthalters und der damit verbundenen Entfernung der brittischen Unterthanen aus dem Haag legte er seine Geschäfte nieder. Sein Nachfolger, hinlänglich ausgestattet mit allen zur Befriedigung seiner Gäste erforderlichen Eigenschaften, ist nicht im Stande, ihm gleich zu kommen; denn ach! der Haag ist nicht mehr der Vereinigungspunkt der reichsten und üppigsten Bewohner aller Gegenden von Europa; und nur durch solche Gäste allein konnte dieser Gasthof seinen Glanz behaupten. Aus dem Namen des Hotels und weil derselbe oft von Engländern besucht wird, vermuthete ich, hier jemand anzutreffen, der englische spräche; allein ich hatte mich betrogen, und zu meinem Verdruss sprachen die Aufwärter abscheulich schlecht französisch.

Geographen und Reisende nennen den Haag noch immer ein Dorf, weil er nicht mit Mauern oder Festungswerken umgeben ist, die nach ihrer Meinung einer Stadt nie fehlen dürfen; aber wahrscheinlich rührt diese Benennung von dem holländischen Namen: s Graven Haag, des Grafen Hecke her, weil dieser Ort vor mehrern Jahrhunderten einen Theil der Besitzungen der Grafen von Holland ausmachte. Doch ich mag mich bei Untersuchung der eigentlichen Bedeutung eines Namens, worauf in der That doch wenig ankommt, nicht länger aufhalten.

Man nenne inzwischen den Haag Dorf oder Stadt, er bleibt immer ein Ort von seltner Pracht. Die Voorhout, welche ich für die Hauptstrasse halte, prangt mit vielen herrlichen Gebäuden, im edelsten Styl der Baukunst, und man stösst hier nicht auf solche ungeheure, unnatürliche Fehler, welche die im kaufmännischen Geist erbauten Häuser zu Rotterdam schänden. Gieng ich in der Mitte dieser Strasse einher, so glaubte ich mit in eine der prächtigsten Städte Italiens versetzt zu sehen, aber die trübe Atmosphäre, die, mit feuchten Dünsten geschwängert, über meinem Kopfe hieng, und keinem Sonnenstrahl den Durchgang verstattete, die grotestken Figuren der holländischen Milchmädchen und Fischträger, die mit gellender Stimme ihre Waare ausriefen, überzeugten mich vom Gegentheile.

In dieser Strasse sind der Pallast des Fürsten von Weilburg *) und das Hotel des französischen Gesandten, das vorher der englische Minister bewohnte, Gebäude von ungewöhnlicher Schönheit; beiden aber zog ich, ich weiss selbst nicht, ob aus Mangel an Geschmack oder aus zu grosser Liebe zum Einfachen, das Haus des Grafen von Bentink vor. Bei Vernichtung der alten Staatsverfassung der vereinigten Provinzen wurde dieser Graf über zwei Jahre lang in einem Gefängniss verwahrt und seine Güter sequestrirt; jetzt ist er wieder in Freiheit, und alle verlorne Besitzungen sind ihm zurück gegeben worden.

Nach dieser verdient zunächst die Strasse Vyverburg die Bewunderung der Fremden. Sie hat die Form eines längliches Vierecks, ist mit geräumigen von Bäumen beschatteten Spaziergängen versehen und in ihrer Mitte befindet sich ein weitläuftiger Kanal, oder vielmehr ein Bassin. Die Strassen im Haag sind mit einer Art hellgefärbter Backsteine gepflastert, und so dicht an einander gefügt sind, dass man gar keine Zwischenräume entdeckt, worin sich Schmutz verbergen könnte. Darum werden sie auch ausserordentlich rein gehalten, und beim schlimmsten Wetter kann man darin ohne die geringste Unbequemlichkeit spatzieren gehen.

Ich habe die Vyverburg und die Voorhout als die vorzüglichsten Strassen im Haag angeführt; allein es giebt deren hier noch viele andre, die dieses prächtige Dorf des Ruhms würdig machen, den es seiner herrlichen Gebäude wegen behauptet. Diese sind mit Bäumen, geschmackvoll erbauten Brücken und Kanälen verziert, und auch die unbedeutendste Strasse zeichnet sich hier durch vorzügliche Sauberkeit aus.

Vor der Eroberung Holland's durch die Franzosen und der darauf erfolgten Veränderung waren die Häuser des Adels und der Personen von Range mit ihren Familienwappen ausgeschmückt; allein dergleichen Uberbleibsel der Ritterzeit und des Adels konnten nicht länger geduldet werden, und wo die Wegnahme derselben das Gebäude würde entstellt haben, wurden die Schilder nur ihrer Felder beraubt. Da die Wappen an den Häusern, wo die Deputirten der Stände ehemals ihren Sitz hatten, die Zeichen der verschiedenen Provinzen enthielten, so waren sie dieser Anordnung nicht unterworfen, sondern blieben; auch beim Hause des dänischen Gesandten hat man hierin eine Ausnahme gemacht und das, obgleich elend auf Holz, gemalte königliche Wappen stehen gelassen.

Das Schloss des Statthalters, der jetzige Nazionalpallast, wo die Mitglieder des batavischen Direktoriums ihren Sitz haben und die Repräsentanten der beiden Kammern ihre Zusammenkünfte halten, ist ein Aggregat alter in verschiedenen Perioden und ohne regelmässigen Plan aufgerichteter Gebäude, die ein mit Zugbrücken versehener Kanal umgiebt, und hat im Ganzen ein munteres Ansehen. Der verbannte Prinz hatte die Absicht, ein neues Schloss zu bauen und bald nach Endigung des amerikanischen Kriegs wurde die eine Seite eines Vierecks in einem erträglichen Styl aufgeführt. Aber die schnell darauf folgenden Unruhen in Holland verhinderten die Ausführung dieses Plans, und jetzt ist es gar nicht wahrscheinlich, dass derselbe jemals ausgeführt werden wird.

In dem neuen Gebäude hält die erste Kammer der Repräsentanten ihre Sitzungen. Der hierzu angewiesene Saal war des Statthalters Konzertsaal und ist auf eine der Gesetzgeber einer reichen Nazion würdige Art ausgeschmückt. Die Sitze der Mitglieder sind mit grünem Boy bedeckt, in Form eines Amphitheaters aufgestellt, und mit den nöthigen Schreibpulten versehen. In der Mitte befindet sich auf einem mit einem reichen Teppich belegten erhöhten Platze der Stuhl des Präsidenten mit Kramoisin-Sammet gepolstert und mit dem Hute, dem Stabe und andern Sinnbildern der Freiheit verziert. An jedem Ende des Saals sind Gallerien für die Zuschauer errichtet und für den Einlass darf kein Geld genommen werden. Ich war bei einer Verhandlung zugegen, die im Haag ein besondres Interesse gewährte. Der Gegenstand betraf die Frage: ob Korn und andre Lebensmittel auf neutralen Schiffen aus der Republik nach Grossbrittannien dürften gebraucht werden? Diese Einschränkung wurde von der gegen England am feindseligsten gesinnten Partei vorgeschlagen und durch eine starke Majorität unterstützt. Aber die Debatte wurde mit der grössten Mässigung und Gelassenheit geführt und mehrere Mitglieder versicherten mich, es käme selten zu heftigen die Ehre der brittischen Nazion und der Regierung beleidigenden Äusserungen. Der Statthalter ist beinahe gänzlich vergessen, und wenn sein Name noch bei den Debatten erwähnt wird, so geschieht es mit kalter Gleichgültigkeit. Dies ist ohne Zweifel das klügste Benehmen, denn der abgedankte Prinz hat gewiss noch viel eifrige Anhänger, deren Unwille gefährlich und doch schwer zu besänftigen ist.

Auf einem viereckigen Platz vor dem Schlosse steht der sechste Freiheitsbaum, nachdem, wie ich versichert wurde, die Haager Munizipalität bereits fünf Bäume der Freiheitsgöttin zu Ehren vergebens hatte pflanzen lassen. Auch dieser war gestorben; ob aber eines natürlichen oder gewaltsamen Todes? kann ich nicht bestimmen; das letztere scheint wahrscheinlich, denn einige neidische Hände hatten ihm Zweige abgerissen und die Rinde verletzt. Ich habe nicht erfahren, dass jemand wegen dieser unwürdigen Behandlung des Sinnbilds der Nazionalfreiheit bestraft worden sey, auch fanden sich keine Vorbereitungen zur baldigen Anpflanzung eines neuen.

Auf dem Fischmarkte in der Nähe der Hauptkirche sieht man eine Menge sehr zahmer Störche, welche die weggeworfenen Speisen hierher locken und ihnen eine reichliche Nahrung verschaffen, wo sie dann zugleich durch einen Volksaberglauben zu ihrem Vortheil beschützt werden. Dieser Vogel wird besonders von Republiken begünstigt, und, darf man anders einer Volksmeinung Glauben beimessen, so verstattet ihm seine Liebe zur Freiheit keinen Aufenthalt in den Monarchien. Ich will die Richtigkeit dieser Meinung zwar nicht behaupten, aber ausgemacht ist es, dass dieser Lieblingsvogel der Republik schon seit langen Jahren von den Menschen verehrt und beschützt wird.

Plutarch * versichert uns, die Störche wären in Thessalien so in Ehren gehalten worden, dass derjenige mit der Verbannung bestraft worden sey, der unglücklicherweise einen dieser geheiligten Vögel ums Leben gebracht habe, und die Griechen haben in ihrer Sprache einen Ausdruck für kindliche Dankbarkeit [....], der nach der buchstäblichen Übersetzung bedeutet: handeln wie ein Storch. Die Verehrung, welche Griechenland diesem Vogel zollte, wurde von der römischen Republik nachgeahmt. Der edle Antonin liess auf die Rückseite einer Medaille, die mit seinem Brustbild verziert war, das Bild eines Storchs stechen, und das Wort pietas daneben schreiben, ein Dichter aber, der die Sittenlosigkeit seines verdorbenen Zeitalters schildert, nennt ihn: "Pietaticultrix, gracilipes, crotalistria."

Die Sorgfalt dieses Vogels für seine bejahrten Eltern, welche er gegen Angriffe vertheidigt, und mit Nahrung versorgt, ist eine zu bekannte Thatsache, um noch zweifelhaft zu scheinen; aber ich kann weder eine Schönheit in seiner Bildung, noch eine Harmonie in seiner Stimme entdecken. Die Beine sind lang, stehen aber, so vortrefflich sie auch für seine Lebensart passen, mit dem Bau des Körpers in gar keinem Verhältniss und die einzigen Töne, die ich von ihm hörte, waren ein durchdringendes unharmonisches Geschrei. Dennoch hat der Anblick eines Storchs für mich etwas angenehmes und mir gefällt das Vorurtheil, das die pia avis der Griechen und Römer beschützt.

In der Entfernung einer Meile vom Haag liegt das Haus im Busche *), welches ehemals dem Statthalter zum Sommeraufenthalt diente, jetzt aber zur Aufbewahrung der Nazional-Gemälde-Gallerie eingerichtet ist, eine Reihe von Zimmern ausgenommen, welche vom Inhaber einer Weinschenke der unanständigsten Art bewohnt wird. Es giebt keine vortheilhafte Idee von der Denkungsart derer, welchen die Sorge für die Nazionalgüter anvertraut ist, und die vermöge ihres Amts gleichsam als die Wächter öffentlicher Sitten betrachtet werden müssen, dass sie in den geheiligten Mauern eines Nazionalpallastes die Errichtung eines Bordells gestatteten; und doch wird zur Schande der batavischen Regierung zu diesem niedrigen Zweck benutzt.

Bei Einziehung der Güter des verbannten Statthalters errichtete die holländische Regierung mit lobenswürdigem Eifer für die Belebung der schönen Künste aus seiner Gemäldesammlung, die damals für eine der schätzbarsten in Europa gehalten wurde, eine Nazional-Gemälde-Gallerie, und setzte eine jährliche Summe zur Ankaufung neuer Gemälde für dieses Kabinet aus. Eine vortreffliche Reihe von Zimmern des Hauses im Busch wurde dazu eingerichtet, und ein Direktor von Geschmack und Talent mit den nöthigen Gehülfen zur Aufsicht über diese Nazionalsammlung angestellt.

Der Höflichkeit des Herrn J. G. Waldorp, des Aufsehers dieser Gallerie, -- eines Mannes von grossem Verstand und Verdienst, -- bin ich wegen der ausgezeichneten Aufmerksamkeit, die er mir bei verschiedenen Gelegenheiten bewiesen hat, besondern Dank schuldig. Er ist selbst ein geschickter Maler, und daher im Stande, die Werke anderer kritisch zu beurtheilen; so viel Gefühl auch der blosse Liebhaber für diese Kunst haben mag, so müssen ihm doch gewiss manche Schönheiten entgehen, die ein Maler allein zu entdecken und zu schäzzen vermag.

Das erste Zimmer dieser Sammlung ist den Gemälden, welche zur Erläuterung der Geschichte der vereinigten Staaten diesen, gewidmet, und enthält eine Reihe Oranischer Prinzen von Wilhelm dem ersten bis auf Wilhelm den dritten.

Wilhelm der erste, Prinz von Oranien, und Moriz, von Mierevelt, Friedrich-Heinrich und Wilhelm der zweite von Hondhorn und Friedrich Heinrich von Palamedes sind Gemälde von ungewöhnlichem Verdienst; die von Moriz und seinem Bruder Wilhelm dem ersten sind vielleicht die besten darunter.

Das Bild de Ruyters von Ferdinand Bol kann nicht genug bewundert werden, und gleiches Lob verdient der Admiral Van Ness und seine Gemalin, zwei vorzügliche Gemälde von B. Van der Hulst.

Der Herzog von Alba von D. Barns ist ein Charaktergemälde von diesem grausamen Manne. Er ist in der Rüstung abgebildet und jeder Zug seiner Mienen verräth einen wilden, blutdürstigen Charakter. Er ist der Anführer einer Armee von Henkern, der sich mit kaltem Blut über Verwüstung der Länder, Plünderung der Städte und Ermordung vertheidigungsloser Weiber und Kinder mit ihnen berathschlagt. Unmöglich kann man dieses Gemälde ohne Gefühl eines unwillkührlichen Abscheu's ansehen, und empört wendet sich das Herz von dieser getreuen Darstellung eines menschlichen Ungeheuers.

Der brave Republikaner Barneveldt, ein aufgeklärter Staatsmann und eifriger Vertheidiger der holländischen Freiheit, von Paul Moreelse, gewährt dem Beschauer nach der Betrachtung des feindseligen Spaniers einige Erholung.

Aber das kostbarste aller hiesigen Gemälde ist Schalken's Nachtstück von Wilhelm dem dritten von England. Dieser Künstler hatte die Gewohnheit den Gegenstand seines Gemäldes und ein Licht in ein finsteres Zimmer zu stellen und während er durch eine kleine Öffnung blickte, bei Tageslicht das zu malen, was er im dunkeln Zimmer sah. Es wird erzählt, wie er den König Wilhelm malte, wäre der Talg vom Lichte auf des Königs Finger geflossen und hätte dadurch die Mienen dieses phlegmatischen Monarchen sehr entstellt. Die Wirkung des Nachtlichts ist vortrefflich dargestellt; aber im Gemälde liegt etwas steifes, das mir missfällt, ohngeachtet es ohne Zweifel ein Meisterstück in dieser Gattung der Malerei ist.

Ausserdem muss ich noch in diesem Zimmer eines allegorischen Gemäldes von Johann de Wit erwähnen, das eine ihre Eier vertheidigende Gans vorstellt, um die Sorgfalt für die Republik zu bezeichnen. Menschliche Energie und Leidenschaften sind in diesem Bilde gut ausgedrückt und es erinnerte mich an den Geier eines vorzüglichen englischen Künstlers *), den ich bei der vorjährigen Ausstellung der königlichen Akademie zu London sah.

*) Herr Northcote.

Da die Holländische Regierung bis jetzt noch für keine Kataloge zum Gebrauch der Fremden gesorgt hat, so wird man mich entschuldigen, wenn ich der besonders Zierden dieses Kabinets nur kurz erwähne.

In dem zweiten Zimmer enthält die Ermordung der Unschuldigen von Cornelius Van Haarlem viele schreckliche Schönheiten. Eine Maria Magdalena von Carlo Maratti und Titian sind Gemälde von ausserordentlichem Werth; aber die schöne Magdalena von Correggio ist noch kostbarer. Reue und Hoffnung sind auf dem Gesicht des bekehrten Weibes göttlich abgebildet.

Ein Ecce homo von Kaspar de Crayer ist hinlänglich gerühmt, wenn ich anführe, dass Rubens dieses Gemälde bewundern und den Künstler darum beneiden konnte. Die Todesangst in der Miene des Heilandes ist herrlich ausgedrückt.

Kleopatra mit der Schlange an der Brust, von Guido; Johannes der Täufer als Jüngling von Coxie, und Venus mit dem Adonis von Willebors sind Stücke von grossem Verdienst; aber von ihnen und einer schlafenden Venus mit dem Kupido zur Seite vom Ritter Van der Werf wendet der Beschauer gern seine Blicke auf Flink's Triumph der Liebe. Die Venus in diesem Stück ist auf das allerwollüstigste reizend, und nichts bleibt der Einbildungskraft des Bewunderers noch hinzuzudenken übrig.

Quare nuda Venus, nudi pinguntur amores?

Ein heiliger Petrus auf Gobelin-Tapete besitzt Schönheit genug, um den ehrenvollen Platz in diesem Zimmer einzunehmen, ungeachtet er nach dem Plan dieses Instituts eigentlich nicht hierher gehört. Er hat mit den geistreichen Ausstellungen am Hannover-Square in London viel Ähnlichkeit.

Die merkwürdigsten Stücke im dritten Zimmer sind vier Gemälde von Hondekoeter und eins von Wenix. Die Arbeiten des erstern sind berühmter; allein das Kolorit von Wenix ist glänzender. Das Gefieder eines todten Phasans ist eine vollkommne Nachahmung dieses schönen Vogels; eben so sehr zeichnen sich seine Thierstücke durch die allerpünktlichste Genauigkeit aus. Ein Marktschreier, der seine Arzneien feil bietet, von Johann Steen, und die Bude eines Wundarzters von I. M. Sorg sind zwei vortrefflich gelungne komische Stücke.

Der Boden im vierten Zimmer ist von Lairesse, einem Künstler, auf den die Holländer stolz seyn können, gemalt; und vier Erzählungen aus dem Ovid von derselben Hand schmükken die vier Wände dieses Zimmers. Beim T. M. Torquatus, wie er seinen Sohn tödtet, von F. Bol, ist der Rumpf und der abgeschlagene Kopf meisterhaft dargestellt. Ferner befindet sich hier die Abreise des Äneas von Karthago von eben diesem Künstler. Zwei Landschaften von Glauber. Zwölf kleine Gemälde, welche die Geschichte des Claudius Civilis, eines nach der Erzählung des Tazitus vornehmen Batavers vorstellen, der eine Zeitlang die Unabhängigkeit seines Landes gegen die Angriffe Roms unter den Kaisern tapfer vertheidigte, sind vom Pinsel des Otto Venius und so herrlich ausgeführt, dass der berühmte Lord Bolingbroke, -- ein Mann, dem man in allen die schönen Künste betreffenden Dingen vollkommen trauen darf, -- den ausserordentlichen Preis von zehntausend Pfund Sterling dafür geboten hat.

Das zu dem kleinen Audienzsaal oder chinesischen Kabinet *) führende Zimmer enthält ausser vielen andern Gemälden, die ich unberührt lasse, die heilige Familie von Rubens, Maria Magdalena von Vandyke, die Verkündigung der heiligen Maria von Lange Jan, die Geburt der Venus von Jordaans und dessen vier Jahrszeiten. Der Winter wird durch eine alte Frau vortrefflich dargestellt und der Schein des Lichts ist meisterhaft nachgeahmt.

Der grosse Audienzsaal ist ein von Amalia, gebohrnen Prinzessin von Solms, ihrem Gemal Friedrich Heinrich zu Ehren erbautes Achteck; es enthält eine Reihe herrlicher und aus seiner Lebensgeschichte genommner Gemälde.

Die Apotheose Friedrich Heinrichs von Jordaans ist ein Gemälde von beträchtlicher Grösse und ausserordentlichem Werth, worin der Künstler sein eigenes Bildniss angebracht hat. Aber die Darstellung der alles zerstörenden Zeit von demselben Maler enthält grössere Schönheiten.

Die andern Künstler, die zur Ausschmückung dieses Zimmers beigetragen haben, sind Rubens, Van der Werf, Du Buay, Soutman, Van Fulden u. s. w.

Zur Zeit des Statthalters wurde dieses Zimmer oft als Konzertsaal benutzt, und wenn die Oranische Familie öffentlich Tafel hielt, so geschah es in diesem Saale. Hierher kamen die guten Holländer, um ihren Regenten zu sehen, nicht dahin, wo er über Staatsangelegenheiten sich berathschlagte und mit Ausübung seines obrigkeitlichen Amts beschäftigt war, sondern wo er das niedrigste aller Vergnügen, nämlich das Vergnügen einer verschwenderisch besetzten Tafel genoss.

Im gewöhnlichen Speisezimmer sind drei graue Gemälde von I. de Wit, eine Nachahmung vom Bas-Relief. Sie stellen Atalante und Meleager, die vier Jahrszeiten und Venus mit dem Adonis vor, und sind so bewundernswürdig gearbeitet, dass selbst das schärfste Kennerauge in einer kleinen Entfernung getäuscht wird. Sie scheinen so ausserhalb der Mauer zu stehen, dass der Beschauer den Staub von den hervortretenden Figuren wegbürsten zu können glaubt, auch ist die Idee des Künstlers bei diesen Gemälden eben so glücklich als die Täuschung gross ist *).

In diesem Zimmer wird den Fremden auch noch eine alte hölzerne Kugel gezeigt, in welche die ersten holländischen Verbündeten, die zusammentraten, um ihr Land von der Tyrannei Philipps des zweiten zu befreien, eine grosse Anzahl von Nägeln geschlagen hatten, und ein Kelch wird noch aufbewahrt, aus dem diese Patrioten auf den glücklichen Ausgang ihrer heiligen Sache einander zutranken. Ausserdem zeigte man uns eine Kanone von Gold und Silber, reich mit Diamanten besetzt, womit der Day von Algier den Admiral de Ruyter zum Zeichen seiner Hochachtung oder Furcht beschenkt hatte, und einen Artilleriepark en Miniature, der zum Unterricht der Söhne des Statthalters in der Kriegskunst verfertigt worden war.

Die prächtigen Meubeln dieses und anderer Palläste des Statthalters sind von den Franzosen weggenommen und unter dem Vorwande, die Republik habe gegen den Prinz von Oranien selbst den Krieg erklärt, zu ihrem Vortheil verkauft worden. Gleiches Schicksal würde seine prächtige Gemäldesammlung erfahren haben; aber die holländische Regierung löschte weislich diesen Schatz aus und ahmte ihre Schwester-Republik in Errichtung einer Nazionalgallerie nach. Seit ihrer Stiftung im Jahr 1797 bis zum November 1800 sind nur dreitausend, einhundert und zwanzig Einlassbillets ausgegeben worden, ein Beweis, dass entweder nicht viel Geschmack für schöne Künste in Holland herrscht, oder dass nur wenige Fremde nach dem Haag gekommen sind. Der Einlasspreis beträgt ohngefähr zehn Groschen, und dieses Geld ist dazu bestimmt, die Kosten des Instituts zu decken.

In diesem Hause, wie an andern Orten, sind die Wappen der Oranischen Familie sorgfältig überstrichen, und die Bildnisse des Statthalters, seines Vaters, seiner Gemalin und ihrer Kinder haben ihre Stelle verändert. Eine kleine bronzene Figur, die Friedrich den Grossen zu Pferde vorstellt, -- ein Geschenk dieses Königs an seine Nichte, die Prinzessin von Oranien, -- hat ihren Platz behalten, und verdankt diesen Vorzug vielleicht eben so sehr der Ehrfurcht für den Charakter dieses berühmten Monarchen, als der Besorgniss, den mächtigen Berliner Hof zu beleidigen. Aber die Bildnisse von König Georg dem zweiten und Karolina, von ihrer Tochter Anna, der Mutter des Statthalters, und von verschiedenen königlichen Personen neuerer Zeit sind in die entlegensten Kammern des Pallasts verwiesen, damit weder das Auge des Republikaners durch ihren Anblick beleidigt, noch der Oranisch-Gesinnte durch die Abbildungen der Gegenstände seiner Liebe erfreut werde. Da die Bilder der berühmtesten Prinzen aus dem Hause Oranien geblieben sind, so kann die Abwesenheit derer aus den neueren Zeiten die vorurtheilsfreien Beschauer nur wenig betrüben, er müsste denn ihre Wegnahme als eine Beleidigung gefallener Grösse ansehen.

Die Gärten beim Haus im Busch werden auf Kosten der Nazion sorgfältig unterhalten, und bei schönem Wetter von den Bewohnern Haag's als Spaziergang benutzt. Die späte Jahrszeit, in der ich sie sah, setzte mich ausser Stand, über ihre Reise zu urtheilen, wenn sie der Sommer mit den Schönheiten der Vegetazion geschmückt hat; aber ausgemacht ist es, dass sie im schlechtesten Styl der Gartenkunst angelegt sind.

Hier bemerkt man eine Menge stehender Kanäle mit kindischen Brükken, in fantastischen Formen, und Blumenbeete in tausenderlei Figuren. Aber alles ist unnatürlich und künstlich. Der Kanal schlängelt sich ohne Grazie und Bäume, in ihrem Wachsthum aufgehalten, erscheinen nur als Krüpel. Hie lächelt keine Anmuth der Natur und ihre Verrichtungen werden mit mehr als mathematischer Strenge sorgfältig beschränkt. Ein zwar geringerer, aber doch immer beträchtlicher Fehler ist es, dass die Gartenwege hier statt der Kiesel mit Sand und einer weichen Art Seemuscheln bestreut sind. Diese Wege beleidigen das Auge und sind zugleich den Füssen unangenehm; bei nassem Wetter müssen sie, glaube ich, so fest wie Mörtel werden.


Sechster Brief.[]

Unter den Merkwürdigkeiten Haag's die ehemals die Aufmerksamkeit der Fremden auf sich zogen, behauptete das naturhistorische Kabinet des Statthalters und das Museum der Seltenheiten einen vorzüglichen Platz. Es befindet sich nun in Paris, und, je nachdem es die Partei mit sich bringt, wird von einigen dieser Verlust als ein grosses Unglück, von andern als eine der Erwähnung nicht einmal werthe Kleinigkeit betrachtet. Diejenigen, die sich in die Umstände der Zeit zu schicken wissen, schildern dieses Museum als eine Sammlung von Kleinigkeiten, die nur Weibern und Kindern Vergnügen machen könnten; die Feinde des jetzigen Systems hingegen, die gegen die Raubsucht der Franzosen bitter losziehen, erheben es über das Brittische Museum in London. Der wahre Werth desselben liegt vielleicht in der Mitte dieser entgegengesetzten Meinungen.

Professor Pallas, Russland's Plinius, verdankt dieser Sammlung die Grundlage der Kenntnisse, die nachher seinen Namen so berühmt machten, und auch Camper, -- eins der grössten Genies, welches die vereinigten Provinzen hervorgebracht haben, -- dieser seines Ruhms vollkommen würdige Naturhistoriker, studierte in derselben Schule. Man kann daher annehmen, dass diese Sammlung sowohl den Mann von Kenntnissen zu belehren als den blossen Liebhaber zu unterhalten im Stande war, und ihre Wegführung muss als ein den Fortschritten der Naturgeschichte in Holland allerdings nachtheiliges Ereigniss betrachtet werden. Diess ist um so mehr zu bedauern, da die Holländer auf Naturgeschichte und die damit verwandten Wissenschaften, welche ein anhaltendes Studium und sorgfältige Beobachtung erfordern, sich bisher vielleicht mit grösserm Erfolg als irgend eine andre europäische Nazion legten.

Wäre dieses Kabinet nach England gebracht worden, so würde es wahrscheinlich in den düstern Schränken des Montague-house wenig zur Beförderung der Wissenschaften beigetragen haben; auch ist nicht zu vermuthen, dass sein Schicksal im Nazional-Museum zu Paris, wo es jetzt aufbewahrt wird, glücklicher ist *). Die holländische Regierung hätte diese Sammlung gegen eine mässige Geldsumme einlösen können; aber Gesetzgeber sind selten Philosophen, und während der Nazionalreichthum bei Zerstöhrung des Menschengeschlechts sich erschöpft, sind die Summen, die zur Erweiterung nützlicher Kenntnisse verwilligt werden, nur klein.

Zwei englische Meilen vom Haag liegt Schevelingen, das Dorf, wo der Statthalter sich einschiffte, um nach England zu flüchten. Die meisten Einwohner sind Fischer, und diese armen Leute äusserten bei der Abreise ihres Prinzen die innigste Betrübniss. Das Ufer war mit traurenden Zuschauern besetzt, deren ehrerbietiges Stillschweigen und Thränen die Gefühle ihres Herzens ausdrückten. Der Statthalter, der Erbprinz sein Sohn, und zwei bis drei vornehme Holländer, deren Schicksal an das Schicksal der Oranischen Familie geknüpft war, bestiegen ein kleines, mit fünf Leuten bemanntes Fischerboot, und sagten ihrem Vaterlande vielleicht auf immer Lebewohl *). Die Prinzessinnen waren Tags zuvor auf einem ihrem Range und Geschlecht eben so wenig angemessenen Fahrzeuge abgesegelt, und man kann diess als das Ende der politischen Existenz einer Familie ansehen, die zweihundert Jahre hindurch über die Sicherheit der Republik gewacht hatte.

Während die armen Fischer zu Schevelingen ihre fliegenden Prinzen bejammerten, hielt der Pöbel im Haag, unbeständig, wie jede Volksmasse, ein aufrührerische Versammlung, um seine Verachtung gegen die vormalige Regierung auszudrücken, und die unglücklichen Anhänger des Hauses Oranien zu beschimpfen.

Die vornehmsten, welche, grossmüthig entschlossen, das Schicksal ihres Vaterlandes zu theilen, zurück geblieben waren, wurden ins Gefängniss geschleppt, um sie vor der Volkswuth zu sichern, und ihre Häuser mit Wache besetzt, um sie vor Plünderung zu bewahren. Ich darf hier nicht unbemerkt lassen, dass das Betragen des holländischen Pöbels stark mit der charakteristischen Sparsamkeit dieser Nazion bezeichnet ist. Sie können ihre wahren oder eingebildeten Feinde ohne grosse Selbstüberwindung plündern; geht ihre Absicht aber dahin, deren Leben aufzuopfern, so vermeiden sie sorgfältig die Zerstöhrung ihres Eigenthums.

Sobald die Flucht des Prinzen bekannt wurde, nahmen seine Handwerker sogleich die Oranischen Wappen von ihren Buden, womit sie vorher so sehr geprangt hatten, und setzten an ihre Stelle jene Sinnbilder der Freiheit, welche die Leidenschaften des Pöbels reizten. Allein dieser Vorsicht ungeachtet, blieb die Sicherheit dieser unschuldigen Leute und ihres Vermögens bis zur Ankunft eines Detaschements Franzosen im Haag, welche vier Tage nach der Abreise des Statthalters erfolgte, noch immer sehr zweifelhaft. Zwei Mitglieder des Konvents, mit dem stolzen Titel von Volksrepräsentanten beehrt, begleiteten die Truppen. Sie verboten in strengen Ausdrücken alle aufrührerische Zusammenkünfte und schützten durch ihre kräftigen Maassregeln die unglücklichen Anhänger des Statthalters vor den fürchterlichen Wirkungen des Volkshasses. Die Häupter der patriotischen Partei, sagt man, die bisher durch die oranische Faktion waren unterdrückt worden, erbaten sich auf acht und vierzig Stunden die Erlaubniss, die Rache an ihren Feinden auszuüben, nach der sie so lange gedürstet hatten; aber grossmüthig erklärten darauf die französischen Repräsentanten, sie wären gekommen, die ganze batavische Nazion von der Unterjochung zu befreien, nicht aber um die Rache Einzelner zu begünstigen, und eine Proklamation wurde erlassen, um die Volkswuth zu hemmen. Die heilsamen Wirkungen dieser weisen Maassregeln und die dadurch verhüteten Uebel wurden mir in den dankbarsten Ausdrücken geschildert, der dem vertriebenen Prinzen eifrigst ergeben war und seine Wiedereinsetzung lebhaft wünschte.

Die Freude, die sich im Haag bei der Abreise des Statthalters äusserte, setzt in Erstaunen, wenn man bedenkt, wie viel dieser Ort in Ansehung seines Glanzes der aufmunterndern Sorgfalt des Hauses Oranien verdankt. Seit dem Tode Wilhelms des ersten gegen das Ende des sechszehnten Jahrhunderts, war er, kurze Zwischenräume ausgenommen, die Residenz des Hofs und der Sitz der Regierung gewesen. Die beträchtlichen Einkünfte des Statthalters wurden hier vorzüglich verzehrt und gross war in jeder Klasse der Gesellschaft die Anzahl derer, die aus Interesse oder Grundsätzen mit ihm in Verbindung standen. Unzählige fanden Arbeit und Unterstützung bei seinem glänzenden Hofstaat, und der mit seiner hohen Würde verbundene wichtige Einfluss zog ihm zwar Neid zu, verschaffte ihm aber auch zugleich die Mittel, sich einen grossen Kreis von Anhängern zu verschaffen.

Im persönlichen Charakter des Prinzen und den Zeitumständen müssen wir die Ursachen jener Erbitterung gegen ihn aufsuchen, die sich gleich nach seiner Abreise so heftig äusserte. Die von den ersten Prinzen des Hauses Oranien der Republik geleisteten Dienste wurden mit den höchsten Ämtern und dem unbeschränktesten Zutrauen des Staats belohnt, und die erhabenen Männer, denen diese Macht anvertraut war, missbrauchten das Zutrauen der Nazion nicht. Die glänzenden Talente der ersten Statthalter und der glückliche Ausgang ihrer Kriege und Unterhandlungen sicherten ruhmvoll die Unabhängigkeit der vereinigten Staaten.

Wenn ihre Feinde sie mit Recht beschuldigten, dass sie dahin strebten, auf Kosten der Volksfreiheit ihr Ansehn zu erweitern, so ward zugleich ihr Ehrgeitz mit dem Glanze ihrer Thaten bedeckt und die reellen Vortheile, die sie dem Staate verschafft hatten, wurden auch vom strengsten Republikaner mit Dank erkannt. Denn über hundert Jahre, unter der glücklichen Regierung von fünf Prinzen aus dem Hause Oranien, waren die vereinigten Staaten berühmt durch ihre Kriege, Reichthümer und Künste. Ein Land von geringem geographischen Umfange wetteiferte im Range mit den mächtigsten Königreichen Europa's und widerstand den Riesenkräften Englands und Frankreichs.

Seit dem Tode Wilhelms des dritten, dessen Talente und Geschicklichkeit die Republik von der drohendsten Gefahr retteten, blieb die Statthalterstelle offen, bis die Verwirrung, in die sich die Staaten im Jahre 1747 verwickelt sahen, verbunden mit den Wünschen der Nazion und dem mächtigen Vorworte Georgs des zweiten, sie bewogen, diese Würde dem Prinzen Wilhelm, dem Vater des jetzigen Statthalters zu ertheilen und das Amt eines General-Kapitains und General-Admirals in seiner Familie erblich zu machen. Wilhelm der vierte war ein Mann von vorzüglichen Talenten, der seine Erhebung aber nur wenige Jahre überlebte und dessen Regierung zu kurz war, um der Nazion viele Vortheile zu verschaffen. 

Bisher hatten die Statthalter durch ihre grossen Fähigkeiten auf die Republik einen Glanz geworfen, der ihre Absichten gegen die Volksfreiheit verschleierte; aber Wilhelm der fünfte erbte den Ehregeiz seiner Ahnherrn, ohne auf ihre glänzenden Talente Anspruch machen zu können. Seine Regierung war mit einer Reihe von Unglücksfällen bezeichnet und endigte sich mit der Eroberung des Landes und seiner schnellen Flucht. Wenn eine lange Kette von Zeitumständen, die man dem Statthalter nicht zurechnen kann, die Hülfsquellen der Republik ausgetrocknet und ihre Energie geschwächt hatte, so ward ihr Sturz durch die schwache und unpolitische Verwaltung dieses Prinzen und seiner Minister ohne Zweifel noch beschleunigt.

Die Hauptursache des Volkshasses und der ausgelassenen Freude bei seiner Abreise aber lag in seiner Zuneigung zum Londner Hofe. Mit bitterm Neide hatten die Holländer lange den glänzenden Handel des brittischen Reichs beim gesunkenen, verarmten Zustandes ihres eignen Handels angesehen und man muthmasste eine geheime der Republik sehr ungünstige Verbindung zwischen dem Statthalter und der englischen Regierung.

Es wurde erzählt (mit welchem Grunde kann ich nicht bestimmen), die für die holländische Marine ehrenvolle Schlacht bei Dogger's-Bank sey gegen die Befehle des General-Admirals geliefert worden, und unter andern Gerüchten, die damals herum giengen und hernach wiederholt wurden, verlautete es: der Statthalter habe bei Überbringung der Nachricht von dieser Seeschlacht im Haag seine Freude darüber ausgedrückt, dass die Engländer kein einziges Schiff darin verlohren hatten.

Ein dem neuern System vorzüglich ergebener Seeoffizier, bei dem ich mich hierüber erkundigte, versicherte mich seines völligen Misstrauens gegen die Wahrheit dieser Gerüchte und wahrscheinlich würde das Direktorium, wären Befehle vom Statthalter an seine Admiräle, die englische Flotte zu vermeiden, vorhanden gewesen, eine dem Prinzen von Oranien so nachtheilige Thatsache öffentlich bekannt gemacht haben.

Allein verwerfen wir auch jene Erzählung, die den Statthalter beschuldigt, das Land verrathen und eine unnatürliche Freude über die glücklichen Fortschritte seiner Feinde geäussert zu haben, als boshafte Erdichtung der entgegengesetzten Partei, so lag dich seine Vorliebe für England so sehr ausser Zweifel, dass sie nicht bloss in den grossen Handelsstädten der vereinigten Staaten, die Grossbrittannien als einen gefährlichen und hinterlistigen Nebenbuhler ihres Handels betrachteten, sondern auch im Haag und an andern Orten allgemeines Missvergnügen erweckte.

Nach Wiederherstellung des Friedens ging dieses Missvergnügen in offenbare Empörung über, und der Statthalter wäre von der Regierung auf eine schimpfliche Art abgesetzt worden, hätten sich nicht Preussen und Grossbrittannien für die Erhaltung seines Ansehens verwandt. Die Waffen der einen und die Drohungen der andern dieser Mächte erhielten den Prinzen von Oranien in seinem Amte und verschafften ihm sogar noch grössere Macht. Aber die erzwungene Bestätigung des Statthalters in seiner Würde durch die kräftige Vermittlung fremder Mächte gab sowohl der gemässigten, als republikanischen Partei einen grossen Anstoss, und wie sich das Ansehn des Prinzen vermehrte, so verminderte sich die Achtung gegen seinen Charakter.

Die eifrigen Republikaner, die selbst einen mit den erhabensten Talenten ausgerüsteten Statthalter nicht ertragen konnten, erblickten mit lebhaftem Unwillen diese hohe Würde in einem Zeitpunkte, der vollendete Fähigkeiten erforderte, im Besitz eines Prinzen von sehr eingeschränktem Verstande, und die Gegenpartei verbreitete auf allen Seiten die Idee, dass die Unglücksfälle der Nazion der schlechten Verwaltung dieses Prinzen allein zuzuschreiben wären.

Noch andere Ursachen wirkten auf Vermehrung dieses Volkshasses gegen den Statthalter. Seine Gemalin, eine Dame von mehr als gewöhnlichem Verstande, war den Holländern in mancher Hinsicht ausserordentlich verhasst; sie hatte sich bei einigen Gelegenheiten wo es auf scharfsinnig überlegte und feine Behandlung ankam *), auf eine ihrer Lage und ihrem Geschlechte nicht geziemende Art in öffentlichen Angelegenheiten gemischt. Ihr Einfluss auf ihren Gemal wäre als natürliche Folge grösserer Talenten übersehen oder gar gebilligt worden, hätten ihre Rathschläge das Wohl der Republik zum Zweck gehabt; allein sie waren durchaus auf Vergrösserung der Macht des Statthalters gerichtet und zwar ohne alle Rücksicht auf den Geist und die Vorurtheile der Nazion, deren Rechte sie zu beschränken strebte. Sie besass nur wenige Eigenschaften, die ihr die Volksliebe verschaffen konnten, und die strenge Etikette an ihrem Hofe, verbunden mit der dabei herrschenden verschwenderischen Pracht missfiel den höhern Ständen einer sparsamen auf ihre Freiheit eifersüchtigen Nazion.

Die französische Revoluzion bildete eine dritte Partei in Holland und zweifelhaft bleibt es, ob der grössere Theil der batavischen Nazion sich gern in den Krieg mit Frankreich einliess. Die republikanische Partei betrachtete Frankreich als die einzige Macht, die im Stande wäre, sie vom Joche des Statthalters und dem Einflusse Englands zu befreien, und es ist bekannt, dass, während die österreichschen und brittischen Truppen jeden Fuss breit Landes tapfer vertheidigten, die holländische Armee der französischen nur schwachen Widerstand leistete.

Wenn er ausgemacht ist, dass bei der holländischen Armee, worauf der Statthalter noch Einfluss hatte, grosses Missvergnügen und Unlust herrschte, so ist es nicht zu verwundern, dass viele grosse und kleine Städte sich öffentlich gegen ihn erklärten. Zu einer Zeit, da die fernern Fortschritte der Franzosen noch zweifelhaft waren und ihre Armee in der angetretenen Laufbahn aufgehalten wurde, hatten die Holländer sich fest zur Vertheidigung ihres Vaterlandes vereinigt; den kranken und verwundeten Engländern wurde die Aufnahme zu Delft verweigert, und ein Korps von Bürgern wurde zu Amsterdam errichtet, um den Einmarsch fremder Truppen in die Stadt (worunter ausschliesslich die Engländer gemeint waren) zu verhindern.

Kurz vorher ehe die Franzosen über die Wahl setzten, -- welcher Übergang das Schicksal der Republik bestimmte, -- war der Statthalter mit einer Macht versehen, die ihn in mancher Hinsicht den Diktatoren Roms ähnlich machte. Aber durch Erlangung des höchsten Gegenstandes seines Ehrgeizes machte er sich immer mehr der Liebe seiner Landsleute verlustig, und seine Proklamazion, worin er das Volk zum Aufstand in Masse aufforderte, vermehrte die holländische Armee kaum mit funfzig Rekruten. Hierauf wurde in den sämtlichen vereinigten Staaten befohlen, dass jedesmal drei Häuser einen ihrer Bewohner zur Vertheidigung der Republik liefern sollten; aber die Antipathie der Nazion gegen des Statthalters Regierung verhinderte die Ausführung dieses Plans.

Bei dieser fast allgemeinen Erbitterung und Unzufriedenheit wurde die Nachricht von der Flucht des Prinzen mit innigster Freude empfangen. Politik oder Furcht, die herrschende Partei zu beleidigen, wenn sie anders handelten, verleitete ohne Zweifel einige, den Volks-Enthusiasmus zu affektiren und andere, die keine gegründete Ursache hatten, eine Veränderung zu wünschen, freuten sich ohne selbst zu wissen, warum? aber eine grosse Mehrheit, welche die Stimme und den Wunsch der Nazion ausdrückte, betrachtete die Abdankung des Statthalters, der damit verbundenen unseligen Umstände ungeachtet, dennoch mit dem innigsten Vergnügen.

Man setzte die Mässigung, welche die ersten Handlungen der französischen Befehlshaber und Repräsentanten bezeichnete, den strengen Maassregeln entgegen, zu deren Ergreifung die Umstände den Statthalter nöthigten, und jene Mässigung bezweckte nicht nur, das Volk an die wichtigen Veränderungen, die jetzt vorfielen, zu gewöhnen, sondern auch zugleich die umgestürzte Regierung verhasst zu machen. Wäre die Revoluzion durch die holländischen Patrioten bewirkt worden, so wäre wahrscheinlich viel Blut geflossen, denn die Häupter dieser Partei hatte eine siebenjährige Verbannung und der stolze Triumph ihrer Gegner aufs äusserste gebracht.

General Daendels, der im Jahre 1787 wegen thätiger Theilnahme an den unruhigen Vorfällen jener Zeit aus Holland geflohen war, wurde nachher Divisionsgeneral bei der Armee, die sein Vaterland eroberte, und zeichnete sich bei vielen wichtigen Gelegenheiten auf das vortheilhafteste aus. Während seiner Verbannung hatte man ihn im Verdacht, in den damaligen revoluzionären Klubs zu Paris blutdürstige Grundsätze eingesogen zu haben. Sobald man erfuhr, dass er sich der weitern Ausdehnung der statthalterischen Macht widersetzt und darum Holland verlassen habe, wurde er in die Acht erklärt und seine beträchtlichen Güter eingezogen und verkauft. Nach seiner triumphirenden Rückkehr ins Vaterland im Jahre 1795 und der politischen Vernichtung seiner Feinde begnügte er sich nicht mit der Zurückgabe aller Güter und einer hinreichenden Entschädigung wegen seines verlornen Eigenthums, sondern er drohte mit Verbannung aller derer, die zur Einziehung und Besitznehmung seines Vermögens beigetragen hatten. Zum Glück war er aber nicht im Stande, den französischen Befehlshabern einen gleichen Geist persönlicher Erbitterung einzuflössen, und seine Plane schrecklicher Rache scheiterten.

Bei Einrichtung der neuen Regierung wurde er zum kommandirenden General der batavischen Truppen ernannt, und leistete als solcher der Republik, wie sie von den Engländern angegriffen wurde, wichtige Dienste. Diese Stelle verwaltet er noch jetzt, und zwar, -- mit Vergnügen setze ich dies hinzu -- mit der lobenswürdigsten Mässigung. Von seinen Feldherrn-Talenten werde ich nachher noch zu reden Gelegenheit haben; jetzt bemerke ich nur, dass sie vollkommen das Zutrauen rechtfertigen, welches die Nazion und die Regierung in ihn setzt.

Allen die an dem Umsturz der alten Regierung der vereinigten Staaten Antheil hatten, -- einer Regierung, die zwei Jahrhunderte hindurch gedauert, von Inländern wie von Ausländern geachtet wurde und aller Vortheile einer Verjährung und langen Dauer genoss, -- gereicht es zu grosser Ehre, dass auch kein Tropfen Bluts bei dieser Umwälzung vergossen wurde. Ich war begierig zu erfahren, welches Schicksal der Statthalter und seine Familie wahrscheinlich würden gehabt haben, wenn sie den Sturm in Holland abgewartet hätten, der über ihr unglückliches Haus losbrach, und unter vielen hierüber geäusserten verschiedenen Meinungen war die herrschende die, dass sie aus dem Gebiete der Republik würden verbannt worden seyn.

In dieser Meinung wird man bestärkt, wenn man den Einfluss kennt, den der König von Preussen, der damals mit Frankreich in Unterhandlung stand, auf die Republik hatte. Gewiss würde er durch blosse Drohungen oder mit Gewalt jeden Angriff auf die Statthalterin, seine Schwester und ihre Familie, verhütet haben. Allein in der unruhigen Lage, worin sich die Oranische Familie damals befand, waren die von ihr genommnen Maassregeln ohne Zweifol die weisesten; denn wären sie bis zur Ankunft der Feinde im Haag geblieben, so hätten sie, wäre auch ihre persönliche Sicherheit nicht in Gefahr gewesen, doch manche Kränkungen erleiden müssen und wären durch Angst und Unruhe gequält worden.

Man erzählte mir, bei der Ankunft der Franzosen zu Amsterdam wären drei Emigranten vor dem Rathhause erschossen worden. Ähnliche Hinrichtungen von weit mehr Bedeutung fielen an den Grenzen vor; allein die dort gemordeten Menschen wurden gegen die Republik bewaffnet angetroffen, während diese Unglückliche zu Amsterdam keines andern Verbrechens schuldig waren, als dass sie ihr Vaterland verlassen hatten. Die Anzahl französischer Emigranten im Innern Holland's zu der Zeit, da dieses Land von ihren Landsleuten überschwemmt wurde, war ansehnlich; aber der Sanftmuth und Menschenliebe des Generals Pichegrü, der Vermittlung der holländischen Regierung und der Thätigkeit ihrer eigenen Furcht, die ihnen Flügel zur Flucht verlieh, verdanken sie es, dass nur drei von ihnen öffentlich hingerichtet wurden. Nach der Abreise des Statthalters von Schevelingen ertheilten die Generalstaaten einen Befehl, wodurch allen Schiffen das Absegeln von diesem Orte untersagt wurde. Wäre dieses Verbot streng beobachtet worden, so hätte man drei bis vier mit unglücklichen Emigranten angefüllte Böte angehalten; aber ihre traurige Lage und der Drang der Umstände verschaffte ihnen eine Ausnahme von dieser Verordnung, deren Absicht vielleicht nur dahin gieng, die Gunst der Eroberer sich zu erwerben.

Ein vornehmer französischer General, dessen Bekanntschaft ich dem General Chorie verdanke, sprach mit mir unter andern von den Emigranten und betheuerte, dass viele dieser unglücklichen Leute hätten gerettet werden können, wenn nur die gegen Frankreich zusammengetretenen Mächte sich lebhafter für sie verwendet, und, im Fall ihre Vermittlung fruchtlos geblieben, eine Zeitlang gleiche Strenge gegen die republikanischen Truppen ausgeübt hätten. Er versicherte mich: wenn eine Stadt, worin man Emigranten vermuthete, sich den französischen Truppen ergeben habe, so sey es nichts ungewöhnliches gewesen, dass der kommandirende General der Belagerer der eroberten Stadt erlaubt habe, eine gewisse Anzahl bedeckter Wagen ununtersucht abziehen zu lassen, um dadurch den armen Emigranten Gelegenheit zur Flucht zu geben; aber oft wäre es geschehen, das gewinnsüchtige Generale sich lieber dieser Wagen zu ihrem eignen Nutzen als zur Ausübung der Menschlichkeit, wozu sie bestimmt waren, bedient hätten, und in solchen Fällen wären die strengen Gesetze der Republik pünktlich befolgt worden. Mit einem Nazionalstolz, der seinem Herzen Ehre machte, fügte er hinzu, die Emigranten, so sehr er auch ihre Grundsätze verachte, wären die tapfersten Feinde, mit denen die republikanischen Truppen zu kämpfen gehabt hätten. Ich stellte ihm vor, er hielte das für Heldensinn, was doch in der That nur Folge der Verzweiflung sey; allein er versicherte mich wiederholt, ihr ausserordentlicher Muth käme allein daher, weil sie Franzosen wären.

Eben diesem verständigen Manne legte ich die Frage vor: welche Aufnahme sich ein Engländer werde versprechen können, der sich erböte, bei der französischen Armee Dienste zu nehmen. "Er würde," gab er mir zur Antwort, "sich bemühen, ihn von diesem Entschluss abzubringen; könnten ihn seine Gründe aber nicht überzeugen, so hielte er es für seine Pflicht, dem kommandirenden General oder dem Kriegsminister davon Anzeige zu thun. In diesem Falle würde er wahrscheinlich angestellt werden; aber von dem Augenblicke an würde er ihn eines Platzes an seiner Tafel unwürdig und nicht der geringsten Aufmerksamkeit und Achtung werth halten; als Soldat würde er ihm verdächtig und als Mensch verächtlich seyn. So dächten, "versicherte er mich, "die meisten Offiziere, mit denen er in genauer Verbindung stehe, und nur wenige edle und verständige Republikaner hegten eine andre Meinung."


Siebenter Brief.[]

Die Schevelinger Fischer und die Abfahrt der Häupter des Hauses Oranien von diesem Dorfe verleiteten mich zu einer Abschweifung vom Hauptgegenstande, zu dem ich jetzt mit Vergnügen wieder zurückkehre. Verschaffte sie Dir Unterhaltung oder Belehrung, so bedarf es keiner Apologie; that sie dies nicht, so sey mit meiner guten Absicht zufrieden, die, so weit meine beschränkten Kräfte es verstatteten, beides bezweckte.

Der Weg vom Haag nach Schevelingen wird von den Holländern so mit Recht gerühmt und als ein Gegenstand der Bewunderung den Fremden bezeichnet, dass ich einen gegründeten Tadel verdiente, versuchte ich nicht, ihn zu beschreiben. Die Länge dieser Allee beträgt beinahe zwei englische Meilen und ihre Breite ohngefähr zwanzig oder mehr Schritte. Sie ist nach einer schnurgeraden Linie angelegt, so dass man beim Eintritt das Ganze übersieht; zum Glück wird die Aussicht durch einen malerischen Gegenstand, nämlich durch die Schevelinger Kirche, beschränkt.

Auf beiden Seiten wird diese Allee von Buchen, Eichen und Linden von erstaunlicher Stärke beschattet, welche so dicht und mit solcher Geschicklichkeit gepflanzt sind, dass sie, ohne einander im Wege zu stehen, einen undurchdringlichen Wald zu bilden scheinen. Grosse Sorgfalt aber gewiss nicht mehr als er verdient, wird angewandt, um diesen prächtigen Hain vor Beschädigung und Beraubung zu schützen. Hier kann der zärtliche Liebhaber über seiner Leidenschaft brüten; aber er darf die Rinde eines Baums nicht durch Eingrabung der Anfangsbuchstaben des Namens seiner Geliebten verwunden, und der leichtfertige Knabe darf seine Behendigkeit im Klettern in diesem geheiligten Walde nicht üben. Wehe dem Unglücklichen, der hier beim Aufsammeln einiger Reiser für seinen Heerd angetroffen wird; im Spinn= oder Zuchthause würde er dieses Vergehen büssen müssen.

In kleinen Entfernungen von einander sind hier wie in England Straf-Pfähle aufgepflanzt, und um die darauf geschriebenen Warnungen und Vorschriften auch dem Unwissendsten und des Lesens Unkundigen verständlich zu machen, so hat man daneben schlecht gemalte Bilder angebracht, welche die Geschichte der Übertretung und Bestrafung dieses Verbrechens an einem Knaben versinnlichen. Wahrscheinlich aber ist die Verehrung, welche die Holländer den Bäumen überhaupt und diesen wegen ihrer eigenthümlichen Schönheit insbesondre bezeugen, der beste Schutz dieses reizenden Waldes.

Das Verdienst der Anlage dieser Allee gebührt dem Constantin Huygens, dem Bruder des berühmten Mathematikers und Mechanikers gleiches Namens, und die ansehnlichsten Bäume sind beinahe anderthalbhundert Jahre alt. Der letzte Sturm hat hier die traurigsten Verwüstungen angerichtet. Man zählte sechs und funfzig schöne durch die Gewalt des Windes niedergerissene Bäume, und die unter den Zweigen und dem kleinen Gehölz angerichtete Verheerung stand damit in Verhältniss. Der mich begleitende Lohnbediente bedauerte, während er mich auf die Schönheiten des Weges aufmerksam machte, mit vielem Gefühl die Verwüstung des Sturms, und stiess bei jedem niedergestürzten ungewöhnlich starkem Baume einen tiefen Seufzer aus.

Der Ozean, der das Dorf Schevelingen bespühlt, wird durch Sandhügel dem Auge entzogen, bis man sich ihm in der Entfernung von dreissig bis vierzig Ellen nähert; dann aber entfaltet er sich dem Blick mit unbeschreiblicher Grösse und so sehr man auch von seiner Nähe unterrichtet ist, so bringt doch seine plötzliche Erscheinung eine unbeschreiblich erhabene Wirkung hervor. Das Ufer ist hier ausserordentlich anmuthig und bildet einen schönen, gegen sechs englische Meilen grossen Halbzirkel. An diesem Ufer wurde mit Stevin's berühmten fliegenden Wagen *) eine Probe angestellt, und ich zweifle, ob in ganz Europa eine Ebene anzutreffen ist, die sich dazu besser schickt.

Aus einem unverantwortlichen Vorurtheil der Holländer wird dieses Ufer, das, wenn es in irgend einem Theile Englands läge, einer weitläuftigen Stadt in seiner Nähe das Daseyn geben und jedes Jahr der Sammelplatz der üppigen und eleganten Welt so wie der Schwachen und Kränklichen seyn würde, vernachlässigt und von allen sorgfältig vermieden.

Die Holländer finden keinen Geschmack am Baden in Salzwasser; daher trifft man hier auch gar keine Maschinen zu dieser angenehmen und stärkenden Leibesübung an. Dieser Widerwillen gegen die Seeluft und das Seewasser ist nicht ein blosses Volksvorurtheil, sondern wird zugleich von den angesehensten hiesigen Ärzten unterstützt; und aus diesem Grunde erblickt man hier, so reizende Sommerhäuser auch mit der herrlichsten Aussicht nach der See an dieser Küste gebaut werden könnten, nicht eine einzige Villa oder Hütte, drei bis vier Häuser in Schevelingen ausgenommen, deren Fronte nach dem Meere geht. Das frische Ansehn der holländischen Fischer und ihre athletischen Glieder scheinen dieses nichtige Vorurtheil auf das deutlichste zu widerlegen; aber Leute, die eingewurzelten Meinungen heftig ergeben sind, übersehen Thatsachen und leben nur in Theorien.

Die offene Lage der Küste und der Mangel an Sandbänken, um die Gewalt der See zu brechen, macht es den Schiffen gefährlich, hier zu ankern; wenn daher die Fischer von ihrer Fahrt zurückkehren, so ziehen sie ihre Schiffe auf Rollen an's Ufer, weiter als die Fluth reicht. Auf diese Art erblickte man auf dem Sande über dreissig Böte von zwanzig bis fünf und zwanzig Tonnen; aber die Hälfte dieser Schiffe war abgetakelt und eine Menge Menschen war dadurch ausser Brod gekommen. Eine Heerde jammernder Bettler, meistens aus der Fischerklasse, umringte uns; ihre Blicke und Mienen bezeugten eine grosse Dürftigkeit. Einige bestrebten sich, durch Darbietungen einiger an die Küste geworfener Muscheln, andere durch laute Verkündigung ihrer Bedürfnisse, und alle durch traurige und niedergeschlagene Mienen, unser Mitleiden zu erregen.

Der Ruin der grossen Fischereien Holland's war die unvermeidliche Folge eines Kriegs mit Grossbrittannien. Da es aber in frühern Zeiten durch eine Übereinkunft beider Nazionen ihren Fischern verstattet war, ihr Gewerbe, ungestört in so weit es sich blos auf ihr eigenes und des Landes Bedürfniss beschränkte, zu treiben, so war es mir auffallend, wenige Seefische und viele unbeschäftigte Boote hier anzutreffen. Die Schuld davon trug die englische Regierung, die, gegen ihre Sitten in frühern Kriegen, den Holländern nicht erlaubt, in einer grössern Entfernung als fünf englische Meilen von ihrer eigenen Küste zu segeln. Diese Erlaubniss ist ohne allen Nutzen; denn die einigen Flecken der Nordsee, wo Fische in grosser Menge gefangen werden können, liegt jenseits der abgesteckten Grenzen, und wagt sich ein Fischer weiter, so läuft er Gefahr weggenommen zu werden, eine Gefahr, die sich, wegen der grossen Anzahl und Wachsamkeit unsrer an den holländischen Küsten segelnden Kreuzer, nur wenige aussetzen.

In glücklichern Tagen unterhielt der Haag eine französische und holländische Schauspielergesellschaft. Er konnte sich eines geschmackvollen mit italienischen Stimmen besetzten Konzerts und anderer eines Fürsten und reicher Bewohner einer grossen Stadt würdiger Vergnügungen rühmen. Jetzt ist die einzige öffentliche Unterhaltung das holländische Theater, dessen Schauspieler, statt im Haag beständig zu bleiben, nur zweimal wöchentlich Vorstellungen geben und die übrigen Tage den Einwohnern von Delft und Rotterdam ihre Talente zeigen. Wir sahen daher hier dieselbe Schauspielgesellschaft, mit der ich Dich schon früher bekannt gemacht habe, und zu unserm Verdruss auch wieder dasselbe Drama. Die Farçe war indessen für uns neu und belustigte uns durch ihre ausserordentlich lächerliche Abgeschmacktheit. Sie war das Produkt eines holländischen Schriftstellers und ich will Dir hier kurz die Geschichte davon beschreiben, nicht als eine Probe von Nazionalwitz, sondern vielmehr als einen Beweis, welche Thorheiten ein holländisches Publikum zu ertragen im Stande ist.

Ein Schorsteinfeger kommt aus einem Kamin; er bemerkt ein schönes Kleid; sogleich wirft er sein elendes Gewand ab und zieht einen Tressenrock, eine gestickte Weste an, bindet einen Haarbeutel ein ect. So ausstaffirt halten ihn die hereintretenden Bedienten des Hauses für die Person selbst, in deren Kleidern er steckt. In diesem Irrthum bringen sie ihm viele Erfrischungen, die er zum grössten Ergötzen der Zuschauer mit gierigem Heisshunger verschluckt, und bei jedem Mundvoll mit abscheulicher Geberde sein Vergnügen über die leckern Zubereitungen ausdrückt. Sobald die Bedienten fort sind, besucht der Hausherr seinen Gast, und bietet ihm, da er ihn ebenfalls für einen Edelmann hält, seine Tochter mit einem grossen Vermögen zur Ehe an. Der Ehevertrag wird geschlossen, die Tochter erscheint und der Vater reicht ihre Hand dem verkleideten Kaminfeger. In diesem kritischen Augenblick erscheint der Lord; die Betrügerei wird so entdeckt und der listige Vogel entflieht durch das Kamin.

Das Theater ist kleiner als das Rotterdamer und die Dekorazionen schlechter. Unmöglich war es, die zwischen den Akten vorgehende Szene ohne Lächeln auzuschauen. Sie stellte über dem Altar der Liebe schwebende Kupido's vor. Diese Kupido's waren unförmliche plumpe und hässliche Kinder; die Grazien Mädchen mit runden Gesichtern und flächsenen Haaren, und die Göttin der Liebe war ein Gegengift gegen diese Leidenschaft.

Die Mittelloge, die ehemals für den Statthalter bestimmt war, gehört jetzt dem batavischen Direktorium, von dem ein Mitglied nebst seiner Familie zugegen war. Weder sein Äusseres noch der Empfang beim Eintritt zeigten seinen Rang an. Er trug ein einfaches schwarzes Kleid und schien gegen funfzig Jahre alt zu seyn. Die Direktorial-Loge zeichnet sich durch keinen Schmuck vor den andern aus, und ich hätte nicht gewusst, wem sie gehöre, wenn ich nicht beim Eintritt ins Theater ein an der Logenthüre befestigtes Papier erblickt hätte, worauf mit fast unleserlichen Zügen geschrieben stand:  "La Loge du Directoire Batave“ (die Loge des batavischen Direktoriums). Das Theater war ausserordentlich leer. Ich glaube nicht zu irren, wenn ich versichere, dass die ganze Anzahl der Zuschauer sich nicht höher als auf hundert Personen belief. Diese für das Theater einer Stadt von mehr als dreissig tausend Einwohnern ausserordentlich geringe Anzahl beweist entweder einen geringen Geschmack an dramatischen Vorstellungen oder einen hohen Grad von Armuth.

Bei einer so dürftigen Einnahme können die Unternehmer für keine gute Beleuchtung sorgen, und damit je nichts unnöthig verbraucht werde, so löscht man selbst die Lichter des Orchesters, sobald die Musici dasselbe verlassen, bis zu ihrer Rückkehr sorgfältig aus. Der Einlasspreiss für die Logen beträgt gegen zwanzig gute Groschen und die andern Plätze stehen damit im Verhältniss. Die Gallerie war bloss von französischen Soldaten besetzt, deren Liebe zum Theater so weit geht, dass sie selbst Schauspiele besuchen, deren Sprache sie nicht verstehen.

Der Haag hat ohne Zweifel seit der Flucht der oranischen Familie, der Zerstreuung des Adels und durch das alle Klassen der Gesellschaft betroffene Unglück viel von seinem Reichthum und Glanz verloren. Vor der Revoluzion sah man fast in jeder Strasse geschmackvolle Wagen mit herrlichen Pferden bespannt, Bedienten mit reichen Livreen, und Spuren jeder Art von Überfluss und verfeinertem Luxus. Aber jetzt sieht man hier ausser Miethkutschen, die noch dazu von der niedrigsten Gattung sind, nur wenige Equipagen; und es ist gesetzlich verboten, den Bedienten Kleidungen zu geben, wodurch ihr Stand bezeichnet würde. Ehemals wetteiferten die fremden Gesandten im Prunk und Aufwand mit einander; seitdem aber die Republik aufgehört hat, unter den Mächten Europa's einen Platz zu behaupten, hat sich sowohl der Glanz als die Anzahl des diplomatischen Korps beträchtlich vermindert. Der französische Gesandte Semonville lebt wie ein Fürst; aber sein und des spanischen Ministers Aufwand verdient auch allein bemerkt zu werden.

Vor jener Revoluzion, welche die französischen Direktoren ihrer Ämter entsetzte und Bonaparte an die Spitze der Republik stellte, belustigte das batavische Direktorium, wie seine Brüder in Frankreich, das Publikum zuweilen mit Nazionalfesten. Solche Spiele der Eitelkeit sind seitdem selten gegeben worden. Vor einigen Wochen wurden im Haag, zum Andenken des im vorigen Jahre zwischen General Brune und dem Herzog von York geschlossenen Vertrags, Erleuchtungen und andre öffentliche Belustigungen veranstaltet; die Direktoren erschienen ohne grossen Prunk und wurden nur mit schwachen Bezeugungen der Volksgunst empfangen. Man erwartet, dass die in Frankreich vorgefallene Veränderung endlich auch die batavische Regierung umwandeln werde; daher entziehen sich die Direktoren, so weit es ihr Amt verstattet, weisslich der öffentlichen Beobachtung und dem Neide, der einen hohen Rang beständig begleitet.

Freunde und Feinde des Statthalters sind der Meinung, er werde nie wieder zur Regierung der vereinigten Provinzen gelangen; aber die erstern hoffen zuverlässig, dass man ihn wegen des Verlusts jener erblichen Würden entschädigen wird. Den besoldeten Dienern des Hauses Oranien wird jedes Jahr regelmässig ihr Gehalt aus den Landgütern und andern Besitzungen des Prinzen ausgezahlt. Diese grosse Wohlthätigkeit, die eine Menge verdienter Männer vom Bettelstab rettete, findet erst seit zwei bis drei Jahren, nämlich nach Errichtung der neuen Regierung, Statt; um aber ein so grossmüthiges Verfahren noch vollkommner zu machen, wurde jedem seine rückständige Besoldung nebst Zinsen ausgezahlt.

Welche Veränderung auch in der holländischen Regierungsform Stat finden mag, so muss sie auf jeden Fall von den Oberhäuptern Frankreichs genehmigt werden; aber es ist nicht wahrscheinlich, dass man eine Veränderung versuchen wird, die ausübende Gewalt in der batavischen der in der französischen Republik ähnlich zu machen. Die jetzige französische Konsular-Regierung, ist dem vorsichtigen und zurückhaltenden Genius der holländischen Nazion völlig entgegen, und würde die patriotische Partei aufs höchste empören *).

*) Diese Prophezeihung des Verf. ist bereits im folgenden Jahre in Erfüllung gegangen. Im September 1801 nämlich wurde die nach dem Muster der dritten französischen eingerichtete und seit dem August 1798 bestandne Konstituzion in eine neue verwandelt, deren Hauptpunkte folgende sind:
1) Das Grundgebiet der batavischen Republik in Europa bleibt in acht Departements getheilt, deren Grenzscheidung wieder die ehemaligen Provinzen sind. -- 2) Das Gesetz bestimmt die Art, wie das Stimmrecht ausgeübt werden soll. -- 3) Das Direktorium (Staats-Bewind) besteht aus 12 Mitgliedern; sie müssen 35 Jahre alt seyn und geniessen einen Jahrgehalt von 10000 Gulden. Sie wählen einen Präsidenten, der drei Monate in Function bleibt, jährlich geht ein Mitglied ab. Das Staats-Bewind trägt dem gesetzgebenden Korps alle Gesetz-Entwürfe vor, und diese werden, wenn sie genehmigt worden, proklamirt. Es schliesst alle Traktaten mit den fremden Mächten und hat die Verwaltung der Nazional-Finanzen. -- 4) Das gesetzgebende Korps besteht aus 35 Personen, die für's erstemal von dem Staatsdirektorium ernannt werden und ein Jahrgehalt von 4000 Gulden geniessen. Es versammelt sich gewöhnlich zweimal im Jahr, nämlich vom 15ten April bis zum 15ten July und vom 15ten Oktober bis zum 15ten Dezember; ausserordentlich aber, so oft es für nöthig gehalten wird. Es hält seine Sitzungen im Haag, wo auch das Staatsdirektorium seine Residenz hat. Jährlich geht ein Drittheil der Mitglieder ab. -- 5) Das Staats-Direktorium ernannt alle See- und Landoffiziere, so wie die Minister und Gesandten, hat die Land- und Seemacht zu seiner Disposition, aber keinem der Mitglieder darf der Oberbefehl darüber ertheilt werden. Es hat zur Seite ausser einem General-Sekretair, a) einen Staatssekretair für die auswärtigen Angelegenheiten; b) drei Staatssekretaire oder Minister für die Marine, das Militair und die innern Angelegenheiten; c) einen Finanzrath von 3 Mitgliedern und einen allgemeinen Schatzmeister. Die oberste richterliche Macht ist einem Nazional-Gerichtshofe anvertraut.

Nach Auflösung der jetzigen Verfassung der batavischen Republik, die nach wenigen Jahren, ihrer Mängel und Unzweckmässigkeit wegen, gewiss erfolgen muss, wird wahrscheinlich eine den Generalstaaten ähnliche, aber dem republikanischen Charakter mehr angemessene, Regierung unter Frankreichs Auspizien errichtet werden.

Hätte der Sohn des Statthalters, der vor zwei Jahren als General in kaiserlichen Diensten starb, länger gelebt, so hätte sich wahrscheinlich eine mächtige Partei zu seinen Gunsten in Holland gebildet und sich bemüht, wenn die Umstände ihren Plan unterstützt hätten, ihn wieder zurückzurufen und mit der Würde seiner Vorfahren zu bekleiden.

Es war ein junger Mann von vorzüglicher Tapferkeit und einnehmenden Sitten. Man verglich seine Person und Talente mit den Talenten seines grossen Oheims, des glorreichen Friedrichs von Preussen, und die Holländer bemerkten mit besondrer Vorliebe an diesem Prinzen Eigenschaften, die sie an die Heldenthaten eines Moriz und Friedrich-Heinrich von Nassau erinnerten. Zu einer Zeit, wo die heftigsten Gegner des Hauses Oranien die andern Zweige dieser Familie nur mit Hass und Verachtung ansahen, war dieser Prinz der Gegenstand ihrer Eifersucht und Hochachtung. Mit Vergnügen bemerkten sie, wie der Statthalter durch seine Maassregeln den sich bereits zugezogenen Volkshass noch immer vermehrte; aber die Tugenden und glänzenden Talente seines Sohns erregten ihre Besorgniss, dass die alte Zuneigung des Volks zu diesem Hause durch ihn wieder aufleben möchte.

Wie hoch sein Andenken geschätzt wird, erkennt man schon daraus, dass sein Bildniss in allen Bilderläden im Haag und zu Rotterdam ungestraft ausgestellt wird, während der Handelsmann, der kühn genug wäre, die Bilder des Statthalters und seiner noch lebenden Familie zu verkaufen, mit schweren Strafen würde belegt werden, und selbst die heftigsten Republikaner, mit denen ich darüber sprach, lobten seinen Charakter. Einen schönen Kupferstich von ihm sah ich im Hause eines Vornehmen, dessen Vorurtheil nicht verstatten würde, ein Ringelblümchen in seinem Garten aufkommen zu lassen.

Hätte dieser junge Mann, -- die Hoffnung des Hauses Oranien, -- sein Alter höher gebracht, so würde er vielleicht bald die Statthalterschaft oder irgend eine andre ehrenvolle Stelle in dem Lande erhalten haben, wo seine Person so geliebt und seine Talente so bewundert wurden. Aber die andern ihn überlebenden Zweige seiner Familie besitzen keine Eigenschaft, die sie in den Stand setzte, eine hinlänglich mächtige Partei für sich zu bilden, um das gegenwärtige System umzustürzen und eine Zurückberufung zu bewirken. Sie mögen wohl die dem Hause Oranien gehörigen Güter und Rechte wieder erlangen, aber nie können sie mit einiger Wahrscheinlichkeit hoffen, die volle Gewalt und das mächtige Ansehn zurück zu erhalten, die ihre Familie sonst besass.

Die eifrigen Anhänger des Statthalters, die nach jedem Schatten greifen, der ihre Sache zu begünstigen scheint, schmeicheln sich mit der Hoffnung, dass bei dem allgemeinen Frieden der König von Preussen, der ihrer Einbildung nach Europa's Waagschale in der Hand hält, und Zepter nehmen und geben kann, sich für das Interesse seiner Verwandten verwenden und die französische so wie die batavische Republik nöthigen werde, dem Statthalter seine verlorne Stelle wieder zu geben. Diese Meinung ist so unsinnig und grundlos, dass ich meine Zeit verlieren würde, wenn ich sie bestreiten wollte.

Seit dem Jahre 1787, wie die preussischen Waffen Holland bedeckten und die dem Statthalter sich widersetzende Partei zurückdrängten, haben die Holländer den Charakter und die Absichten des Berliner Hofs mit ängstlicher Aufmerksamkeit beobachtet. Die Patrioten und alle ächte Holländer, in deren Busen ein Funken vom Andenken an jene alten Heldenthaten ihrer Landsleute glühte, sahen mit Unwillen eine erst in demselben Jahrhundert entstandne europäische Macht der Republik Gesetze und ein Oberhaupt geben. Seitdem ist Preussen, je nachdem es Interesse oder Partei wollte, von den Holländern mit Eifersucht, Furcht oder Hoffnung angesehen worden.

Der Charakter des jetzigen Königs von Preussen beunruhigt die Patrioten nicht und giebt der Statthalterischen Partei nur wenig Hoffnung, dass er sich ihrer Sache annehmen werde. Er soll, wie man hier sagt, die Talente geerbt haben, die anderthalb Jahrhundert hindurch das Haus Brandenburg auszeichneten, ohne dabei die gefährliche Leidenschaft für militärischen Ruhm zu besitzen, die mehrere seiner Vorgänger in der Geschichte bekannt machten. Seine Minister haben andre Grundsätze und Plane als die Minister seines Vaters, und er selbst ist unermüdlich in Erfüllung seiner Regentenpflichten. Sein vorzüglichster Ehrgeiz ist dahin gerichtet, seinen Unterthanen die Seegnungen des Friedens zu verschaffen und in seinen Staaten Ackerbau, Handel und Manufakturen zu begünstigen.

Wie die englischen und russischen Truppen in Holland einfielen, geschahen diesem Könige grosse Anerbietungen, sogar ein Stück von den vereinigten Niederlanden wurde ihm als Belohnung versprochen, wenn er zur Vertreibung der Franzosen vom Gebiete der Republik Beistand leisten wollte. Hätte er zu diesen Truppen eine Armee von gleicher Stärke, wie jene, welche sein Vater im Jahre 1787 nach Holland sandte, stossen lassen, so wären die Franzosen aus der Republik vertrieben und die Bataver besiegt worden. Aber statt dessen behauptete er die strengste Neutralität und verlor so die beste Gelegenheit, die wahrscheinlich nie wieder kommen wird, seinen Verwandten *) wieder zu ihren verlornen Besitzungen zu verhelfen. Sein Privatleben ist ordentlich und sparsam; weder Maitressen noch Günstlinge verschwenden seine Schätze, und wenn sich gleich seine Regierung bisher durch keine glänzende Thaten ausgezeichnet hat, so sass doch nie ein Monarch auf dem preussischen Throne, der mehr als Friedrich Wilhelm der Dritte von seinen Unterthanen geehrt und geliebt wurde. Von diesem Regenten haben die Freunde des Statthalters wahrscheinlich wenig zu erwarten.

*) Bekanntlich ist die Fürstin von Oranien reine Tante und der Erbprinz sein Schwager.

Die jetzige Regierung von Holland ist vom Berliner Hofe vollkommen anerkannt und ein preussischer Gesandte wohnt im Haag. Der schwache Handel, welcher der Republik noch geblieben ist, wird unter dem Schutz der preussischen Flagge getrieben und in jedem beträchtlichen Hafen hält sich ein preussischer Konsul auf. Da ich nachher noch Gelegenheit haben werde, über den gegenwärtigen Handel von Holland ausführlicher zu reden, so will ich mich hier nur auf das beschränken, was den Haag näher angeht.

Während jener glänzenden Periode der französischen Literatur, da die Schriften eines Voltaire, d'Alembert, Helvetius, Rousseau u. s. w. von allen Gelehrten und Wissbegierigen in Europa gelesen wurden, veranstalteten die Buchhändler im Haag und zu Amsterdam von jenen Schriften viele neue Auflagen und trieben damit einen vortheilhaften Handel nach allen Gegenden, wohin ihnen der Debit offen stand. In den neuesten Zeiten aber ist kein einziges Buch, nicht einmal eine Broschüre, im Haag gedruckt worden, und die Buchhändler versehen sich nur mit sehr wenigen kostbaren Pariser Werken.

Der Verfall dieses Handels, -- des einzigen beträchtlichen Handelszweigs im Haag, -- rührt mehr von den Ursachen, wodurch der Verkehr der vereinigten Provinzen überhaupt zu Grund gerichtet worden, als von dem Umstande her, dass Frankreich in den letztverflossenen Jahren keine berühmte literärische Werke hervorgebracht hat. Im vorzüglichsten Buchladen im Haag, nämlich dem von Du Four, welcher zugleich Buchhändler zu Amsterdam ist, sah ich ein Verzeichniss neuerschienener französischer Werke. Ich wünschte einige davon zu kaufen; man konnte mir aber kein einziges, das ich verlangte, verschaffen; das einzige, was ich hier fand, waren die Reisen französischer Seefahrer und einige aus dem Englischen übersetzte Romane.

Der Verlust des Buchhandels im Haag wird kaum gefühlt, und nur von denen, die besonders dabei interessirt sind, bedauert. Dagegen wird der Mangel des Hofs und der reichen Fremden, die er ehemals hierher zog, von gar vielen stark empfunden. Vor der Revoluzion lebten im Haag nicht blos die Prinzen von Oranien, sondern mehrere andere kleinere deutsche Fürsten verzehrten hier ihre Revenüen. Sie alle haben jetzt den Ort verlassen und eben die Mässigkeit und Sitteneinfalt fängt jetzt an, im Haag zu herrschen, die das übrige Holland auszeichnet, jedoch zum gänzlichen Ruin derer, die blos von den Luxusbedürfnissen der Grossen ihren Unterhalt zogen.

Als Residenz der Regierung und der Volksrepräsentanten besitzt der Haag zwar Vortheile, die andern Städten der Republik fehlen; aber diese Vortheile sind bei weitem nicht mit dem Gewinn zu vergleichen, den dieser Ort vom Statthalter und seinem Hofe zog, und die meisten Einwohner, selbst Republikaner bedauern lebhaft seinen auffallenden, schleunigen Verfall. Angesehene Familien, die vor der Ankunft der Franzosen schöne und angenehm liegende Häuser bewohnten, leben jetzt in schlechten Wohnungen oder in engen, ungesunden Strassen, wo die Hauszinsen wohlfeil sind, und die Palläste, die sie vorher bewohnten, stehen gewöhnlich leer.

In einer abgelegenen Strasse besuchten wir eine schon bejahrte Dame, deren Vermögen durch die Revoluzion viel gelitten hatte. Sie sprach vom Haag in seiner glücklichsten Periode und hörte nicht auf, von der Pracht und Herrlichkeit zu reden, die sie ehemals hier gesehen und selbst genossen hatte Ihr Gemal war Erzieher des Prinzen von Oranien gewesen, von dem sie mit gleichsam vergötternder Bewunderung sprach, und aus Parteilichkeit mochte sie wohl den ehemaligen reichen und angenehmen, wie den jetzigen verfallenen und verarmten, Zustand des Orts übertreiben. Indessen hört man hier die allgemeine Klage, dass dieser reizende Ort in der That viel verloren, und nur wenige glauben, dass er je seine verlorne Grösse wieder erhalten werde.

Die im Haag einquartirten französischen Truppen belaufen sich auf beinahe zwölfhundert Mann. Sie stehen unter dem Kommando des General Victor, der sich in der Schlacht bei Marengo vortheilhaft auszeichnete. General Victor ist kommandirender Chef der in batavischem Solde stehenden französischen Truppen, und wird, ungeachtet der wichtigen Dienste, die General Brüne der Republik leistete, ungleich mehr geachtet als sein Vorgänger. Diese Truppen, deren Anzahl in Holland sich nicht über achttausend beläuft, erhalten ihren Sold und sonstige Bedürfnisse allein von der batavischen Regierung. Der Sold des französischen Soldaten ist schwer zu bestimmen, denn er verändert sich nach den Umständen, nach der Beschaffenheit des Dienstes, wozu er gebraucht wird, nach dem Quartiere, wo er wohnt, und nach dem Mundvorrathe, womit er versehen wird; allein der Mittelwerth desselben ist zwischen sechs und zehn englischen Pence. Wer den Gehalt der Offiziere betrifft, so hörte ich aus dem Munde eines Offiziers von hohem Range selbst, dass die dritte militairische Stelle in der Republik nur sechshundert holländische Gulden monatlich einbringe; und doch heisst dieses hier eine sehr vortheilhafte Stelle. Sparsamkeit war von jeher eine vorzügliche Eigenschaft der holländischen Regierung und wahrscheinlich haben die neuern den Staat betroffenen Unglücksfälle eine mehr als gewöhnliche Wachsamkeit über die Staatskasse nöthig gemacht.


Achter Brief.[]

Leiden.

Ungern verliessen wir den Haag, überzeugt, wir würden ihn nie wieder besuchen und uns an seinen Schönheiten ergötzen. Keine unsrer Erwartungen von der hochberühmten Pracht dieses reizenden Dorfs hatte uns getäuscht; angenehme Gesellschaft und interessante Erfahrungen haben mit unerwartetes Vergnügen und ungehofften Nutzen verschafft.

Unser Missgeschick auf der vorigen Reise hielt uns nicht ab, von neuen ein Treckschuyt zu besteigen, und ich muss Dir jetzt eine Reisemethode beschreiben, welche sich durch drei vortreffliche Eigenschaften, Wohlfeilheit, Pünktlichkeit und Sicherheit empfiehlt; denn Stürme, wie ich sie erfuhr, ereignen sich wohl nur einmal in jedem Jahrhunderte, und wüthet kein Orkan, so ist auf diesen Böten gar keine Gefahr zu besorgen.

Ein Treckschuyt ist ein bedecktes in zwei Zimmer abgetheiltes Boot, von denen das hintere, -- der Roef -- mehr Bequemlichkeiten als das vordere darbietet. In jenem haben nach Verhältniss der Grösse des Boots zwischen acht bis zwölf, in diesem zwischen vierzig bis funfzig Personen Raum. Dieses Fahrzeug wird von einem einzigen Pferde gezogen, und legt in jeder Stunde so pünktlich vier englische Meilen zurück, dass das Volk in Holland gewöhnlich die Entfernung eines Orts vom andern nicht nach Meilen, wie in England, sondern nach der Dauer der Fahrt berechnet. Der Preis für einen Platz im Roef oder Kabinet ist ohngefähr zwei Groschen für die Stunde, und ist es nicht zu sehr mit Passagieren angefüllt, so lässt sich, man müsste denn gern sehr schnell fortkommen wollen, keine angenehmere Reiseart denken. In diesem Zimmer befinden sich gewöhnlich vier Fenster, ein Tisch in der Mitte, und an den Seiten mit weichen Kissen bedeckte Sitze; ausserdem ist das Kabinet nach der Phantasie seines Schiffers oder Eigenthümers mit Gemälden oder Spiegeln verziert.

Die Bewegung eines Treckschuyts ist so gleichförmig, dass man darin sehr bequem lesen und schreiben kann. Aus den Fenstern geniesst man einer angenehmen Aussicht auf das Land, auf zahlreiche Dorfschaften und Landsitze, die die Kanäle begrenzen, und beständig begegnet man Schiffen, die theils zum Vergnügen, theils Geschäfte wegen hin und her fahren. Die Treckschuyten sind die Diligencen in Holland. Von den ansehnlichsten Städten der Republik gehen sie jede Stunde nach verschiedenen Richtungen ab, und da sie genau zur festgesetzten Zeit am Orte ihrer Bestimmung ankommen, so finden dort Reisende, die weiter zu gehen wünschen, sogleich Böte zu ihrem Empfang bereit. Vermittelst dieser nützlichen Fahrzeuge findet ein schneller Verkehr zwischen den entferntesten Theilen der Republik Statt, und wegen ihrer ausserordentlichen Wohlfeilheit können auch die Armsten daran Theil nehmen. Für einen Holländer ist ein Treckschuyt das angenehmste Fahrzeug, das sich denken lässt. Hier raucht oder schläft er, wie er gerade Lust hat, und wird weder durch die Bewegung des Schiffs erschüttert, noch durch die Schnelligkeit der Fahrt beunruhigt. Er weiss bis auf den Pfennig, welche Summe ihm die Reise kosten wird, und kann mit gleicher Pünktlichkeit berechnen, wenn er sie vollendet hat. Ist seine Reise lang, so versieht er sich entweder mit einem kleinen Mundvorrath, oder erkauft ein einfaches Mittagsmahl, da wo das Boot einige Minuten lang still hält. Dann braucht er nicht einmal an's Ufer zu gehen, um seine Mahlzeit zu verzehren, sondern es wird ihm sogleich in möglichster Eile mit allen Erfrischungen, die er verlangt und die das Haus zu geben vermag, ins Boot gebracht. Ist dies geschehen, wozu nie mehr als fünf Minuten Zeit erfordert werden, so segelt der Treckschuyt unverzüglich ab.

Um drei Uhr Nachmittags verliessen wir den Haag, um unsre Reise über Delft fortzusetzen, nachdem wir vorher im Kabinet des Treckschuyts unsre Plätze gemiethet hatten. Zwei Damen und ein Herr waren unsre Reisegefährten bis Delft; hier verliessen wir das Boot, um durch die Stadt nach dem Kanal zu gehen, wo ein Treckschuyt bereit lag nach Rotterdam zu segeln.

Zu unserm grossen Verdrusse war das Kabinet dieses Boots so mit Reisenden angefüllt, dass wir keine Plätze mehr erhalten konnten, und mit dem für die niedern Klassen von Reisenden bestimmten Zimmer vorlieb nehmen mussten. Es war schon dunkel, und ein einziges schwaches Licht erleuchtete den langen fünf und zwanzig bis dreissig Menschen enthaltenden Raum. Bei der Abfahrt wurden hier alle Fenster geschlossen, um den Eintritt der Luft zu verhindern; nur das einzige, an dem wir sassen, wurde aus besondrer Höflichkeit gegen uns als Fremde, offen gelassen. Der Dampf, der aus den Kohlentöpfen der Weiber, den Tabackspfeifen der Männer aufstieg, war, nebst der durch die Ausdünstung so vieler Menschen verpesteten Luft, ganz unerträglich.

Die Sitte des Tabackrauchens ist in Holland so herrschend, dass ein ächter holländischer Bauer die Entfernung der Örter, statt sie nach Meilen oder Stunden zu berechnen, durch eine Anzahl Pfeifen bezeichnet. So kann man von Delft nach Rotterdam in Zeit von vier Pfeifen kommen; geht man aber nach dem Haag, so braucht man sieben Pfeifen auf der Reise. Von unsern Reisegefährten waren wenigstens funfzehn erklärte Raucher. Soll ich Dir die Würkung beschreiben, welche die räucherigen Dünste so vieler Pfeifen und der dadurch verursachte Speichelauswurf, womit der Boden des Zimmers bedeckt wurde, auf mich machten? -- nein, ich brauche nur anzuführen, dass wir mit Kopfweh und verdorbenem Magen in Rotterdam ankamen. Bei dem allen aber ist das Treckschuyt doch immer ein vortreffliches Fahrzeug.

Unsre Absicht in Rotterdam war, baares Geld gegen Londner Wechsel einzutauschen. Zwei Herren, denen ich wegen ihrer Höflichkeit und Aufmerksamkeit vielen Dank schuldig bin, bedienten mich dabei aufs prompteste. Der Kours zwischen Rotterdam und London auf Wechsel zahlbar drei Tage nach Sicht beträgt den ungeheuern Unterschied von zwölf Prozent zum Vortheil Rotterdams. Daran ist nicht so sehr die vortheilhafte Handelsbilanz dieser Stadt, als vielmehr die auf dem festen Lande herrschende Idee von der Finanzzerrüttung der brittischen Nazion und der Herabsetzung der englischen Banknoten Schuld, seitdem die Bank ihre Noten nicht mehr gegen baares Geld einlösst. Hätte ich Wechsel auf Hamburg bekommen können, so würde ich dafür baares Geld beinahe al pari erhalten haben, oder hätte ich es einrichten können, dass meine Wechsel in London gegen baares Geld angenommen würden, so wäre der Unterschied im Kours weniger beträchtlich gewesen. Seht verständige Kaufleute zu Rotterdam sind der Meinung, dass wenn nach wiederhergestelltem Frieden die englische Bank nicht mehr Noten gegen baares Geld eintauscht, der Wechselkours mit London noch nachtheiliger für diese Stadt werden wird; denn alsdann muss die Bank in jedem Handelssinn für insolvent geachtet werden und ihre Papiere haben keinen grössern Werth als die französischen Assignaten. Ein Hauptgrund ihrer Herabwürdigung auf dem festen Lande liegt auch in der grossen Anzahl verfälschter Noten, die im nördlichen Deutschland, in den Niederlanden und in Holland zirkuliren und den Kaufleuten bereits ungeheure Verluste zugezogen haben.

Diese verfälschten Banknoten sind vorzüglich von fünf oder zehn Pfund Sterling und sehr geschickt nachgemacht. Ihr Stich soll netter und die Dinte glänzender und schwärzer als bei den ächten seyn. Ich konnte nicht erfahren, wo man eigentlich glaubt, dass sie verfertigt werden, und auf eigene Vermuthungen mag ich mich nicht einlassen. Die Juden sollen sie in Umlauf bringen; aber diese, wie so viele andre Beschuldigungen gegen diese verachtete Nazion, ist wahrscheinlich ohne allen Grund.

Wir reisten von Rotterdam nach Leiden auf dem Kanal, ohne, wie auf unsern vorigen Wasserfahrten, irgend eine Widerwärtigkeit zu erfahren. Wir hatten herrliches Wetter, sassen im Kabinet des Treckschuyts und hatten höfliche und angenehme Gesellschaft. In Delft blieben wir eine Zeitlang, um seine Gebäude und Merkwürdigkeiten in Augenschein zu nehmen.

Delft ist eine niedliche, wohl gebaute, wie alle Städte Hollands mit Kanälen, Brücken und Bäumen reich versehene Stadt.

Sie ist der Geburtsort des Hugo Grotius, und ihren Einwohnern wird mit Recht der Vorwurf gemacht, dass sie ihrem Mitbürger, so wie die Bürger von Rotterdam dem Andenken des Erasmus, kein Ehrendenkmal gesetzt haben *). In der neuen Kirche wird ein mittelmässig gearbeitetes Monument gezeigt, das zu Ehren Wilhelms des ersten, Prinzen von Oranien, errichtet wurde, der hier im Jahre 1584 von einem Spion Philipps des zweiten ermordet wurde; auch sieht man hier zur Ehre der Prinzen Moriz und Friedrich-Heinrich errichtete Denkmäler. Delft war ehemals wegen seiner Manufakturen von irdenem Geschirr berühmt, das dem chinesischen Porzelain an die Seite gesetzt und in ganz Europa seiner Schönheit und Eleganz wegen gesucht und geschätzt wurde. Jetzt sind kaum fünfhundert Arbeiter bei diesen Manufakturen angestellt, die in der blühendsten Periode über zehntausend Menschen unterhielten. Dennoch beobachtet man noch immer die alte Eifersucht gegen Fremde, und wenn ein Reisender nicht besonders empfohlen worden, so kann er diese Manufakturen nicht zu Gesicht bekommen.

*) Diesen Vorwurf des Verfassers verdienen die Einwohner Delfts keineswegs. Ein in erhabenem Styl gebauter Tempel von schwarzem Marmor in der neuen Kirche bringt das Andenken dieses berühmten Gelehrten auf die Nachwelt. In einer Nische von weissem Marmor steht eine schwarze Pyramide, von der ein Leichentuch herabhängt, und neben der mit Lorbeern umwundenen Urne von karrarischem Marmor, an der sein Bildniss auf Büchern ruht, erblickt man einen traurenden Genius mit niedergesenkter Fackel und folgende Inschrift:
Hugoni Grotio sacrum.
Prodigium Europae, docti stupor unicus orbis,
Naturae augustum se superantis opus,
Ingenii caelestis apex, virtutis imago,
Celsius humana conditione decus,
Cui peperit Libani lectas de vertice cedros
Defensus verae religionis honor,
Quem lauro Mavors, Pallas decoravit oliva –
Quum bello et paci publica jura daret,
Quem Tamesis Bataviae miraculum et Sequanae terrae
Vidit et adservit Sueconis aula sibi.
Grotius hic situs est, tumulo discedite quos non
Musarum et patriae fervidius uret amor. 1645.
Petrus Burmannus secundus.

Der Verfall dieses Handelszweigs rührt ohne Zweifel zum Theil von denselben Ursachen her, welche die Republik schwächten, nämlich von der Uneinigkeit der Parteien unter sich, und von den kostspieligen Kriegen, in welche der Staat verwickelt wurde. Die Hauptursache dieses schrecklichen Verfalls aber sind die ungeheuern Quantitäten von Porzelain, die anderthalb Jahrhunderte hindurch von China nach Europa gebracht wurden und die in Deutschland und England seitdem errichteten mit ihnen rivalisirenden Porzelain-Manufakturen. Die irdenen Waaren von Staffordshire fanden vor einigen Jahren in Holland so grossen Beifall, dass die Generalstaaten, um die Delfter von gänzlichen Ruin zu retten, genöthigt waren, auf die Einfuhr derselben eine so starke Abgabe zu legen, dass sie ein gänzliches Verbot wurde.

Die Delfter hegen einen eingewurzelten Hass gegen die Einwohner Grossbrittanniens, vielleicht weil diese ihre vorzüglichste Manufaktur nachahmten und sie darin noch übertrafen. Bei einer rauhen Jahrszeit wurde den braven Kranken und Verwundeten der brittischen Armee, die Holland vertheidigten, die Aufnahme in dieser Stadt verweigert, wo sie Hülfe und Beistand zu finden hofften *); ihre Wunden und Krankheiten erregten ihr Mitleiden nicht, und doch war ihr Blut und ihre Gesundheit zur Erhaltung der Republik, zwar leider umsonst, aufgeopfert worden. Die Thore der Stadt wurden ihnen verschlossen und grausam stiessen die bewaffneten Bürger die Unglücklichen zurück, die sie um ein Obdach, um Wärme und Nahrung anflehten. Die Bedauernswürdigen wurden mit ihren Geschwüren und Krankheiten dem Hunger und der Kälte Preis gegeben und erfuhren so von ihren Bundsgenossen eine strengere Behandlung, als wenn sie dem Feinde in die Hände gefallen wären.

*) Vor der Revoluzion besass jede beträchtliche holländische Stadt einen gewissen Grad von unbeschränkter Jurisdiktion, vermöge der sie fremden Truppen den Einmarsch in ihre Thore verbieten konnte, wenn die Generalstaaten nicht ausdrücklich das Gegentheil befahlen.

Delft ist in Holland eben so sehr wegen seiner Bierbrauereien als wegen seiner Porzelainfabriken berühmt, und ich muss gestehen, dass der Londner Porter mit ziemlichem Erfolge hier nachgeahmt wird. Trinkt man das Bier aus dem Fasse, so ist es weit schlechter; hat man es aber einige Zeit in Flaschen aufbewahrt, so ist sein Geschmack beinahe eben so angenehm als der in Flaschen gefüllte Londner Porter und kann nur von Kennern unterschieden werden.

In einem geringen Wirthshause an dem nach Leiden führenden Kanal, wo wir die Abfahrt des Treckschuyts erwarteten, begegnete uns folgender Vorfall. Das Torffeuer *) in der Stube, wo wir sassen, war von holländischen Soldaten, die ihren Tabak schmauchten und Brantwein tranken, so umgeben, dass keiner von uns einige Wärme spürte; und so kalt auch der Abend war, so behielten sie doch mit ruhiger Gleichgültigkeit ihre Plätze. Wir sassen nicht lange, so trat ein französischer Soldat in die Stube. Sobald dieser unsre unangenehme Lage bemerkte, drang er sogleich in die Holländer, dass sie uns näher beim Feuer Platz machen sollten. Nach vielem Sträuben bequemten sich die Lümmel endlich dazu und der höfliche Franzose setzte sich neben uns, liess sich ein Glas Bordeaux-Wein geben und mit einer Höflichkeit und Galanterie, die noch ganz aus der alten Schule war, nahm er auf ächt aristokratische Manier seinen Hut ab und rief uns zu: "Madame et Monsieur, tout ce qui peut vous faire plaisir!" Wie das Boot abfuhr, begleitete er uns dahin und wünschte uns herzlich eine glückliche Reise.

*) Der Torf, bekanntlich das einige Brennmaterial in Holland, findet sich in diesem Lande überall und bis auf eine beträchtliche Tiefe herab. Er wird vermittelst eines Spatens in Form kleiner Parallelepipeda gestochen. Da diese Anfangs sehr feucht sind, so lässt man sie an der Luft ausdünsten und erhärten; hierauf werden sie in die Scheuern gebracht und stückweise verkauft. Das Stück kostet ohngefähr einen Heller. Kommt man beim Torfgraben auf das Ende des Torfs, so stösst man auf eine dicke Lage von Thon. Die auf diese Art entstandenen Gruben füllen sich dann bald mit Wasser an und werden Teiche. Vermittelst Wassermühlen, die vom Winde getrieben werden, schafft man nachher gewöhnlich das Wasser in die Kanäle und verwandelt so wieder die Teiche in fruchtbare Felder.

Leiden ist in Hinsicht der Grösse die zweite Stadt in den vereinigten Provinzen und steht in Ansehung des Umfangs und der Pracht seiner Gebäude, des Nutzens seiner öffentlichen Anstalten und der guten Sitten der Einwohner keiner andern nach. Es liegt auf dem alten Bette des Rheins, dessen verminderte Gewässer einen unbedeutenden Kanal gleiches Namens anfüllen; in einer sehr geringen Entfernung von der Stadt aber, wo sich dieser Kanal mit grössern Strömen vereinigt, verschwindet der klassische Name.

Die Häuser in Leiden sind nach althöllandischem Geschmack mit hervorragenden Giebeln gebaut. In einer Stadt, wo alles holländisch ist, verschaffen sie dem Auge einen gefälligern Anblick als plumpe Nachahmungen griechischer oder italienischer Architektur. Ein holländisches im alten Styl gebautes Haus ist gewöhnlich sechs Stockwerke hoch, von denen die drei ersten von gleicher Breite aber ungleicher Höhe sind; beim dritten Stock fängt das Dach an und geht bis zur Spitze des Gebäudes, die Zimmer in diesem Theile des Hauses müssen daher immer kleiner werden, je mehr sie sich dem Gipfel nähern. Die Vorderseite der obern Zimmer ragt so weit aus dem Dache hervor, dass dieses, wenn man es nicht im Profil betrachtet, völlig davon bedeckt wird, und die Aussenseite jeder Stube vermindert sich immer mehr, bis endlich die oberste Etage nur zwei Drittheile von der untersten enthält. An der Öffnung der obersten Stube, die mit einer hölzernen Thüre verschlossen wird, ist fast immer ein kleiner Krahn befestigt, um Holz oder Torf damit herauszuwinden und an diese Krahne sind gewöhnlich groteske Köpfe geschnitzt. Die Fensterläden und Thüren sind an den meisten Häusern grün, die Backsteine aber da, wo ein Vorsprung oder verschiedenerlei Mauerwerk angebracht ist, oft weiss und schwarz angestrichen.

Die Hauptstrassen in Leiden sind breit, lang und gut gepflastert. Da sie in der Mitte etwas erhöht sind, so kann das Wasser darin nicht lange stehen bleiben und eine gleich strenge Reinlichkeit wie in andern Gegenden Holland's herrscht auch hier. Die Strasse, in der das Rathhaus steht, wird von den Einwohnern dieser Stadt für eine der schönsten in Europa gehalten. Sie erstreckt sich, jedoch mit einer unmerklichen Krümmung, von einem Ende der Stadt zum andern und ist gegen zwei englische Meilen lang. Alle Häuser derselben sind zierlich und nett, und ausser dem prachtvollen Rathhause erblickt man hier noch das schöne weitläuftige Hospital und andre öffentliche Gebäude.

In den Sälen des Rathhauses werden einige vortreffliche Gemälde aufbewahrt, welche die Aufmerksamkeit der Reisenden verdienen. Das vorzüglichste darunter -- ein sehr altes von Lucas van Leiden auf Holz gemaltes Kunstwerk -- stellt das jüngste Gericht vor. Es ist in drei Abtheilungen getheilt, die vermittelst einiger Gelenke zusammen gelegt werden können; hierdurch wird das Gemälde gegen die schädlichen Eindrücke der Luft gesichert. Der Kontrast zwischen den Engeln und Teufeln, die Freude der Seeligen und die Verzweiflung der Verdammten ist mit grosser Geschicklichkeit dargestellt. Aber das Gemälde, auf welches man hier von dem Führer besonders aufmerksam gemacht wird, enthält eine in den Annalen dieser Stadt sehr interessante Geschichte; es stellt nämlich die Hungersnoth der Leidenschen Einwohner vor, wie sie, nachdem ihre Tapferkeit und Ausdauer die Spanier genöthigt hatte, die Belagerung dieser Stadt aufzuheben, heisshungrig nach den Nahrungsmitteln griffen, die ihre Landsleute ihnen brachten.

Zum Andenken an diese Belagerung wird noch jetzt von den Leidner Bürgern jährlich ein Freudenfest, und alle sieben Jahre ein Jubiläum gefeiert. Zur Dankbarkeit wegen der hierbei bewiesenen Tapferkeit und Gedult stifteten die Generalstaaten die nachher so berühmt gewordene hiesige Universität.

Aufgemuntert durch die Eroberung von Haarlem belagerten die Spanier im Jahr 1573 Alkmaer; sie fanden aber die Befestigung dieser Stadt für ihre Armee zu stark und wandten sich daher nach Leiden. Die Annäherung des Prinzen Friedrich von Nassau mit einem ansehnlichen Truppen-Korps vertrieb sie auf kurze Zeit aus ihren Laufgräben; kaum hatten sie aber neue Verstärkung erhalten, so kehrten sie zurück und nach dem damaligen Zustande der Kriegskunst überzeugt, dass sie die Stadt mit Gewalt nicht nehmen könnten, verwandelten sie die Belagerung in eine Blokade. Der spanische General Friedrich von Toledo, Sohn des Herzogs von Alba, trieb ein den Belagerten zu Hülfe eilendes englisches Korps zurück, und führte die Blokade mit solcher Wachsamkeit aus, dass die Einwohner die fürchterlichste Hungersnoth ausstehen mussten.

Muthlos gemacht durch ihre bedauernswürdige Lage, und ohne Hoffnung einer baldigen Rettung versammelten sich die Bürger der Stadt vor dem Hauses des Peter Adrian de Werf, eines Mannes von grossem Einfluss und Ansehn, und schrieen lauf und aufrührerisch, die Stadt müsse sich ergeben, oder alle Einwohner müssten verhungern. Aber dieser Mann, ausgerüstet mit der Standhaftigkeit eines Kato, der lieber sterben als sein Vaterland in den Händen eines Tyrannen erblicken wollte, widersetzte sich dem Aufruhr und sagte: "Es ist mir gleichgültig, ob ich vom Feinde, oder von den Händen meiner Mitbürger den Tod empfange. Tödtet mich nun, wenn ihr Muth habt, und stillt euren Hunger mit meinem elenden Leichnam."

Adrian's Standhaftigkeit flösste seinen Mitbürgern neuen Muth und Entschlossenheit ein. Mit Freuden kehrten sie zu ihrer Pflicht zurück und ertrugen die bitterste Hungersnoth mit heldenmüthiger Stärke. Wie alle Nahrungsmittel verzehrt waren, mussten die Leichname der Gestorbenen ihnen zum eckelhaften Unterhalt dienen um nur ihr Leben zu fristen; und dennoch vertheidigten die Bürger ihre Stadt mit unbesiegbarer Entschlossenheit. Da endlich die holländischen Bundesgenossen kein andres Mittel wussten, ihre bedrängten Landsleute zu retten, so durchstachen sie die Dämme der Maas und Yssel und setzten das spanische Lager, aber auch zugleich das schöne, die Stadt umgebende, Land unter Wasser.

Diese verzweifelte Maassregel nöthigte den spanischen General, das Lager zu räumen, und die belagerte Stadt wurde auf diese Weise, nach erlittenen schrecklichen Drangsalen, wieder befreit. Diese kurz nach Ostern angefangene Belagerung wurde am dritten Oktober aufgehoben und am nämlichen Tage den Einwohnern, die über fünf Monate unbeschreiblich gelitten hatten, Nahrungsmittel gebracht.

Die Universität Leiden, die älteste und berühmteste in den vereinigten Provinzen, wurde in dem darauf folgenden Jahre von den Generalstaaten und dem Prinzen von Oranien gestiftet, um die Bürger wegen ihrer bewiesenen beispiellosen Tapferkeit und Ausdauer zu belohnen *). Diese Akademie hat das Glück gehabt, unter ihren Lehrern und Schülern einige der berühmtesten Gelehrten und Ärzte in Europa zu zählen. In ihrer frühesten Periode trieben der jüngere Scaliger, Heinsius und Salmasius das Studium der alten Sprachen mit dem glücklichsten Erfolge, und nachher füllte Boerhaave Leiden mit Studenten der Medizin aus allen Theilen von Europa an. Es wäre zu mühsam, aller berühmten Schüler und Ärzte zu erwähnen, die diese Universität hervorgebracht hat; aber es giebt vielleicht keine Wissenschaft, in der sich die hiesigen Professoren nicht ausgezeichnet, und keinen Zweig der schönen Literatur, worin sie nicht berühmt geworden sind.

*) Es wurde den Bürgern frei gestellt, zwischen der Befreiung von allen Abgaben und der Errichtung einer Universität zu wählen, und -- sie wählten das letztere.

Die jetzigen Lehrer sind Männer von anerkannten Talenten und Verdienst. Die Unterrichtsanstalten haben aber bei dem die Republik betroffenen allgemeinen Unglück gelitten, und die Anzahl der Studierenden, besonders der Ausländer, hat sich sehr vermindert. Kaum hundert und funfzig Studenten waren in der akademischen Matrikel verzeichnet, und wie viele darunter aus einer unlöblichen Absicht sich hier hatten einschreiben lassen, ist schwer zu bestimmen. Seit der Gründung von Freiheit und Gleichheit in den vereinigten Staaten muss jeder zur Militz Wahlfähige in dem Korps des Distrikts, zu dem er gehört, würkliche Kriegsdienste verrichten, statt dass vor der Revoluzion, wer jemand an seine Stelle liefern konnte, von persönlichem Dienste frei war. Die Studierenden auf der Universitäten sind von diesem gefährlichen und unangenehmen Dienste ausgenommen; daher lassen sich viele in die akademische Liste einschreiben, um nur dieses Privilegium zu geniessen. Diese Klasse von Studierenden ist, wie ich vermuthe, zahlreicher als die Klassen derer, die nach dem Zwecke dieses Instituts sich hier aufhalten.


Neunter Brief.[]

Leiden.

Der der Universität gehörige botanische Garten zu Leiden ist anderthalb Jahrhunderte hindurch in ganz Europa berühmt gewesen. Er ist gegen vier englische Acker gross und befindet sich in vortrefflicher Ordnung. Viele Bäume und Pflanzen (wahrscheinlich die seltensten) sind mit Stücken Pergament versehen, worauf zum Nutzen der Studirenden ihre Beschreibung nach dem Linnéischen System befindlich ist. Der Gärtner zeigte uns einen Palmbaum, der schon zur Zeit, wie die Spanier die vereinigten Provinzen unterjochten, hier stand, und dieser Umstand gab ihm Gelegenheit, die ein Leidner Bürger selten vorbeigehen lässt, mir den Muth, die Standhaftigkeit und die ausgestandenen Leiden der alten Bewohner dieser Stadt mit lebhaften Farben zu schildern.

In diesem Garten befindet sich ein Zimmer zur Aufbewahrung von Statüen, Altären und andern Alterthümern, womit der Bürgermeister der Stadt die Universität beschenkt hatte. Viele der Statüen waren sehr beschädigt. Unter denen, die am besten erhalten waren, zeichneten sich ein Bachus und ein Bachusfest, Servilius, ein römischer Konsul, in Lebensgrösse, und die Büsten von Nero und Agrippina vorzüglich aus.

Aus diesem Zimmer tritt man in ein anderes, welches eine kleine naturhistorische Sammlung enthält. Die Vögel und vierfüssigen Thiere in dieser Sammlung, besonders die letztern, die nicht einmal in Glasschränken aufbewahrt werden, sind so schlecht unterhalten, dass derjenige, dem dieser Anblick ungewohnt ist, sie nur mit dem äussersten Missfallen ansehen kann. Das halbe Gesicht des Nilpferds, eins der vorzüglichsten Stücke dieses Kabinets, ist von Würmern zerfressen und noch grössere Verwüstungen haben die andern vierfüssigen Thiere erlitten. Die Produkte des Mineralreichs sind hier in grosser Anzahl und von besonderer Schönheit; sie werden in niedlichen Mahagonikästen aufbewahrt und die meisten derselben sind mit ihren charakteristischen Namen bezeichnet.

Wir besuchten die Säle zu einer besonders ungünstigen Zeit, denn eine Menge Zimmerleute waren hier beschäftigt, um Veränderungen und Verbesserungen anzubringen; daher befanden sich die Statüen, Thiere und andre Seltenheiten in grosser Verwirrung und Unordnung. Sobald diese beträchtlichen und mit ansehnlichen Kosten verbundenen Verbesserungen vollendet sind, wird diese Sammlung der Naturseltenheiten und Alterthümer in einem weit vortheilhaftern Lichte als jetzt erscheinen, besonders wenn man gehörig dafür sorgt, die ausgestopften Thiere zu reinigen und die durch Sorglosigkeit verlornen und verdorbnen Theile wieder zu ersetzen. Welche Verschönerungen aber auch die Freigebigkeit der Universität dieser Sammlung zukommen lassen wird, so wird sie doch noch weit unter der kostbaren Vereinigung von Seltenheiten stehen, die in unsern Tagen ein englischer Privatmann mit Eifer, Fleiss und Geschmack gesammelt hat *).

*) Sir Ashton Lever. Dieses Museum, das nach seinen Stifter den Namen führt, gereicht der englischen Nazion zur Ehre. Es ist vielleicht die beste naturhistorische Sammlung in Europa und verdient eben so sehr wegen der Mannigfaltigkeit der Seltenheiten, als wegen ihrer Vortrefflichkeit, guten Unterhaltung und musterhaften Ordnung gerühmt zu werden. Der jetzige Besitzer dieses Museum in London ist Hr. Parkinson.

In einiger Entfernung vom botanischen Garten liegt das anatomische Theater, das so viele vortreffliche Ärzte gebildet hat. Es enthält eine zahlreiche und schätzbare Sammlung von anatomischen und pathologischen Gegenständen, und das Ganze ist mit bewundernswürdiger Nettigkeit und Sorgfalt eingerichtet. Die hier befindliche Sammlung von sogenannten Naturspielen ist besonders merkwürdig und reich an allen erdenklic_en Arten von Missgeburten. Ein Kind mit zwei Köpfen, dessen Mutter, eine friesische Bäuerin, noch einige Jahre nach dieser unglücklichen Entbindung lebte, verdient besondere Aufmerksamkeit.

Die öffentliche Bibliothek ist hauptsächlich wegen ihrer Schätze in der orientalischen Literatur berühmt *). Joseph Scaliger vermachte ihr eine schätzbare Sammlung hebräischer Bücher, und Gohlius, der viele Jahre hindurch die arabische Professur der Universität besass, bereicherte sie mit seltenen persischen, chaldäischen, arabischen, türkischen und andern Manuskripten, die er aus dem Orient mitgebracht hatte. Der hier aufbewahrten Handschriften sind achttausend an der Zahl, und sie machen den vorzüglichsten Schatz dieser Bibliothek aus. Grosse Folianten über theologische Streitigkeiten füllen die Repositorien mehr als brauchbare Werke aus der schönen Literatur an. Aber diese traurigen Überreste eines abergläubischen, unaufgeklärten Zeitalters scheinen nicht mehr beachtet zu werden, und der gute Geschmack des neuen Jahrhunderts vertreibt sie vielleicht von den Plätzen, die sie so unverdient einnehmen.

*) In dieser Bibliothek, die gegen 40000 Bände enthalten soll, wird der Reisende auf folgende Seltenheiten aufmerksam gemacht: 1) Ein astronomisches Buch aus China, das auf Veranstaltung der Jesuiten daselbst auf Seidenpapier mit hölzernen Typen nur auf einer Seite gedruckt wurde. 2) Joh. Just. Scaliger's Handschriften. 3) Institutiones Justiniani, von Schöffer in Mainz 1468 auf Pergament gedruckt. 4) Eine Handschrift von der Septuaginta in Quart auf Pergament, die schon vor Christi Geburt verfertigt seyn soll. 5) Ein vollständiger Kommentar über die Iliade vom Porphyrius in Manuskript. 6) Ein prächtiger Koran in zwei kleinen Folianten auf Pergament 7) Seba's Thesaurus rerum naturae illuminirt. Die Abbildungen sind vortrefflich gerathen. 8) Das Kopernikanische Weltsystem. Es wird durch ein Uhrwerk in Bewegung gesetzt, das drei Wochen, ohne aufgezogen zu werden, fortläuft, und ist vom berühmten Künstler Stracy verfertigt.

Unter den neuern Werken bemerkte ich die historischen Schriften Hume's und Gibbon's, die Abhandlungen der königlichen und der Gesellschaft der Alterthümer zu London; aber kein einziges seit dem Anfang des jetzigen Kriegs mit Holland erschienenes englisches Buch. Das neueste hier angekommene Werk war eine Beschreibung der Herkulanischen Alterthümer in Folio, ein Geschenk des Königs von Spanien. Der gewöhnliche Einband ist ein ausserordentlich weisses und dem Auge gefälliges Pergament; die meisten Bücher sind geschmackvoll vergoldet und ausgeschmückt, und die _erzierungen richten sich nach dem Inhalte des Buchs.

Die Bibliothek besitzt einige Bildnisse von berühmten Holländern; von Erasmus in verschiedenen Lebensperioden, von Hugo Grotius und Janus Douse, der sich eben so sehr im Kriege wie in den Wissenschaften ausgezeichnet hat. Bei der Belagerung von Leiden war er einer der tapfersten Vertheidiger, und der Prinz von Oranien gab ihm seinen Beifall hierüber dadurch zu erkennen, dass er ihn nachher zum Gouverneur dieser Stadt ernannte. Ein Portrait von Daniel Heinsius und ein von Holbein verfertigtes Miniaturgemälde von Sir Thomas More, der durch seine Beschützung des Erasmus sich eine Stelle unter den holländischen Gelehrten erwarb, verdienen besonders Erwähnung. Am ähnlichsten aber war das nach seinem Tode gemalte Portrait von Hugo Donellus. Die Leichenblässe des Gesichts und die durch die Todesangst verzerrten Mienen waren aufs treffendste dargestellt. Er ist auf Holz gemalt und vortrefflich unterhalten. Recht ärgerlich war mir's, dass ich den Namen des Künstlers nicht erfahren konnte.

Ausserdem sah man in dieser Bibliothek in elfenbeinerne Medaillons gegrabene sehr ähnliche Bildnisse einiger durch ihren Enthusiasmus für bürgerliche und Religionsfreiheit berühmt gewordenen Engländer, wie z. B. eines Wicklef, Harrington, Milton, Marvel, Ludlow u. s. w. Der Künstler war, wie ich hörte, ein ausgewanderter Engländer, der gegen die Grausamkeiten Jakobs des zweiten nach dem unglücklichen Feldzuge des Herzogs von Monmouth in Holland Schutz suchte und bis an seinen Tod in Leiden blieb. Seine Arbeiten sind schön und eine Zierde der Bibliothek.

Die St. Peters-Kirche, die vorzüglichste in Leiden, ist ein grosses schwerfälliges Gebäude im gothischen Styl der Baukunst. So wie andre holländische Kirchen ist sie ohne verschlossene Stände, und die ganze Versammlung sitzt auf Stühlen. Sie wird durch zwei sehr grosse Öfen geheizt, und wir fanden hier eine sehr angenehme Wärme; demungeachtet bedienten sich die holländischen Damen der Feuerstübchen. Neben der Kanzel steht eine halbstündige Sanduhr, die der Prediger beim Anfange seiner Rede umwendet, und die Versammlung ist (vielleicht mit Recht) zufrieden, wenn die Predigt nicht länger dauert, als bis der Sand herabgelaufen ist.

In dieser Kirche waren die englischen und russischen Soldaten eingesperrt, die im vorigen Jahre bei Alkmaer zu Kriegsgefangnen waren gemacht worden. Die Russen bildeten sich ein, sie würden hier nur aufbewahrt, um nachher guillotinirt oder gehängt zu werden. Beim Anblick der drei grossen von der Kirchdecke herabhängenden messingnen Kronleuchter glaubte ein russischer Soldat, an jedem Arme des Kronleuchters sollte einer von ihnen aufgehängt werden. Ihre Freude war ausgelassen, wie sie den Ungrund ihrer Furcht erkannten, und sie umarmten ihre französischen und holländischen Wachter als ihre Retter und Beschützer.

Ihre Lage war um so günstiger, da sie gut genährt, gegen die ungestüme Witterung hinlänglich gesichert, und überflüssig mit Strohbetten versehen waren. Diese Kirche war sowohl in Ansehung der Bequemlichkeiten als der Nahrungsmittel ein Pallast, verglichen mit ihren bisherigen Wohnungen, und an den Menschen, die sie für ihre tödtlichsten und blutdürstigsten Feinde gehalten hatten, fanden sie grossmüthige und wohlthätige Freunde.

In frühern Zeiten war die Leidner Zeitung in England eben so berühmt, wie die Brüssler, nur mit dem Unterschiede, dass das Leidner Blatt unverantwortlich parteiisch für den Statthalter und Grossbrittannien sprach, während das Brüssler deren Feinde begünstigte und eben darum in England ungetheilten Beifall und Glauben fand. Wie die Eroberung der Republik unvermeidlich bevorstand, verliessen die Herausgeber dieser Zeitung, die sich durch tägliches Schimpfen auf die Revoluzion und durch die tiefe Ehrerbietung gegen den Statthalter sowohl den Franzosen als der republikanischen Partei verhasst gemacht hatten, in grösster Eile die Stadt.

Seitdem steht diese Zeitung unter der Leitung von Männern von ganz entgegengesetzten Grundsätzen, und es weht jetzt in denselben ein so unversöhnlicher Geist der Feindseligkeit gegen Grossbrittannien, wie man ihn in einer holländischen Zeitung nie gewohnt war. Ich darf hier nicht unerwähnt lassen, dass an der Spitze eines jeden holländischen Zeitungsblatts, so wie jeder Verordnung und Bekanntmachung der batavischen Regierung die Worte Vreyheid, Gelykheid und Broderschap stehen. Es wird dafür nur eine geringe Abgabe an den Staat entrichtet, und die Zeitungen kosten hier kaum den vierten Theil von dem was die englischen kosten.

Im Mittelpunkt der Stadt erhebt sich ein Hügel oder Fort, das vom sächsischen Prinzen Hengst erbaut worden seyn soll; es ragt über die Gipfel der höchsten Häuser hervor und hat eine weite Aussicht über die Stadt. Die Spitze desselben ist mit einer Mauer umgeben, auf welche kleine Kanonen gebracht werden können. Es enthält in einem Umkreise von ohngefähr hundert und funfzig Schritten ein Labyrinth von Bäumen, ein Wasserbassin und viele Bänke und Tische zur Bequemlichkeit der Besucher. Bei schönem Wetter trinken die Leidner Bürger hier Thee und rauchen ihre Pfeifen. Eine bequeme hinaufführende Treppe ist mit Ruhesitzen für die Müden in gehöriger Entfernung von einander versehen. Nie sahe ich im Mittelpunkte einer grossen und volkreichen Stadt einen reizendern Erholungsort. Wer ihn besucht, athmet auf seiner Höhe eine gesunde, elastische Luft, und geniesst einer entzückenden Aussicht auf die See, das Haarlemer Meer, die Stadt Leiden und auf die umliegenden Wiesen.

Leiden wetteiferte ehemals mit Amsterdam und dem Haag in der Herausgabe schätzbarer Werke neuerer Literatur, und übertraf beide in der Mannichfaltigkeit klassischer Schriften. Die Elzevire, mit Recht berühmt wegen ihrer korrekten und schönen Ausgaben der besten Schriftsteller des Alterthums, wohnten in dieser Stadt, und brachten ihre Pressen durch die schönen typographischen Muster, die ein ganzes Jahrhundert hindurch aus ihrer Druckerei hervorgiengen, in Aufnahme. Aber in den letztverflossenen funfzig Jahren hat dieser Handelszweig schnell angenommen, und kommt jetzt in gar keinen Betracht. Doch giebt es hier noch immer einige angesehene Buchhandlungen, wo man ausgesuchte Sammlungen der Klassiker und zwar zu weit geringern Preisen als in England erhalten kann, und im Fache der neuern Literatur kann Murray in der Breestraet den angesehensten Buchhändlern in Europa an die Seite gesetzt werden.

Die Wollenmanufaktur zu Leiden die vor funfzig Jahren noch einige tausend fleissige Arbeiter beschäftigte, und eine fortdauernde Quelle des Wohlstands dieser Stadt war, steht jetzt auf der letzten Stufe des Verfalls. Wenn gleich ihre Waaren den englischen an Feinheit nicht gleich kamen, so fanden doch die gröbern Sorten auf dem festen Lande starken Absatz, und die Ost- und Westindische Kompagnie versah damit die Märkte andrer Welttheile. Wie der holländische Handel sank, so stieg der grossbrittannische, und zum Ruin der Leidner Manufakturisten fanden sie Yorkshirer Absatz ihrer Waaren auf den angesehensten Märkten Amerika's und Asien's, wo die englischen Tücher so sehr geschätzt wurden, dass die nach diesen Häfen handelnden holländischen Kaufleute es bald vortheilhaft fanden, englische Tücher als holländische dorthin zu senden.

Auch auf dem festen Lande litt dieser Handel sehr durch die in verschiedenen Gegenden Deutschlands und der Niederlande entstandene Wollenmanufakturen, und der jetzige Krieg mit England hat durch Störung alles auswärtigen Verkehrs diesem Zweige den letzten Stoss gegeben.

Welche Vortheile die Wiederherstellung des Friedens dem Haupthandel Leiden's gewähren, und ob derselbe je wieder von ausgebreiteter Wichtigkeit seyn werde, darüber bin ich unfähig zu urtheilen; näher am Herzen aber liegt mir das wahrscheinliche Schicksal seiner Universität, wenn das Schwerd wieder eingesteckt und Friede und Eintracht in Europa wieder hergestellt seyn wird.

Eine Kriegsperiode ist allen gelehrten Bildungsanstalten ungünstig, weil dann eine Menge begüterter vornehmer junger Leute sich mit militärischen Beschäftigungen abgeben müssen, die ausserdem den gelehrten Stand erwählt oder wenigstens in einem Institute ihre Erziehung würden vollendet haben. Daher hat sich auf der Universität Leiden, wie auf allen andern Akademien, wo die Kriegsflamme loderte, die Anzahl der Studirenden beträchtlich vermindert. Hierzu trug noch die Unterbrechung alles Verkehrs zwischen der Republik und mehrern Ländern, z. B. den kaiserlichen Staaten und Grossbrittannien, von denen Leiden jedes Jahr viele Zöglinge erhielt, vieles bei.

Wenige Jahre ununterbrochener Ruhe, verbunden mit der Sorgfalt geschickter und gelehrter Professoren, wird wahrscheinlich dieser Universität ihren vorigen Glanz wiedergeben. Die Schönheiten und Bequemlichkeiten der Stadt, die einfachen schuldlosen Sitten ihrer Bewohner, die reine Luft, die man hier athmet, und die Reize der umliegenden Gegend sind starke Empfehlungen für diese Universität und eignen diese Stadt ganz vorzüglich zum Aufenthalte der Musen.


Zehnter Brief.[]

Haarlem.

Von Leiden nach Haarlem bedienten wir uns der in Holland gewöhnlichen Reiseart, nämlich des Treckschuyts. Auf bequemen Plätzen im Kabinet, in unterhaltender Gesellschaft und von herrlichem Wetter begünstigt, machte uns diese Fahrt ausnehmend viel Vergnügen.

Die Entfernung von Leiden nach Haarlem beträgt gegen funfzehn englische Meilen. Auf der einen Seite des Kanals liegt der Haarlemer See, ein vierzehn englische Meilen langes und zwölf Meilen breites schiffbares Gewässer *); auf der andern eine mannigfaltige, angenehme Landschaft.

*) Diesen grossen See hat man aller angewandten Mühe ungeachtet bisher noch nicht austrocken können, sondern er greift sogar mit jedem Jahre immer weiter um sich. Mit andern ähnlichen, jedoch kleinern Seen ist es gelungen. Ihr Grund besteht nämlich nicht wie in Deutschland aus einer Lage Sand, sondern sie haben fast alle eine sehr fruchtbare Dammerde unter sich. Findet sich nun hier kein Torf mehr, so ist es der holländischen Industrie ein leichtes, den See auszutrocknen. Das auf diese Art gewonnene Land heisst dann ein Polder; ein Landhaus, oft mit Wirthschaftsgebäuden versehen, wird darauf gebaut und das auf diese Anlage verwandte Kapital bringt reichliche Zinsen. Die Ursache, warum dieses beim Haarlemer See nicht gelingen will, liegt daran, weil in der Nähe desselben grosse Moore ausgegraben sind. Da man nun in frühern Zeiten, wie der See noch weit kleiner war, versäumt hat, ihn auszutrocknen, so dringt sein Gewässer in die tiefen Moore ein und seine Verwandlung in fruchtbare Polder wird fast unmöglich.

Haarlem ist eine nette schöngebaute Stadt, kommt aber in der Breite der Strassen und Eleganz der Gebäude Leiden bei weitem nicht gleich. Wie die andern Städte Hollands ist sie reich an Kanälen, Brücken und Bäumen und ihre Bewohner sind berühmt wegen ihrer strengen unablässigen Sorgfalt für Reinlichkeit. Man schreibt diese Nazionaltugend der Holländer gewöhnlich, und wie ich glaube mit Recht, der ausserordentlichen Feuchtigkeit ihres Klimas zu, wodurch das Holz verfaulen und die Metalle verrosten würden, suchte man nicht durch die sorgfältigste Reinlichkeit diesem Übel vorzubeugen. Würden die Gebäude nicht fast täglich gewaschen und dadurch der nachtheiligen Würkung der Atmosphäre entgegengearbeitet, so würde die feuchte Luft in Holland in wenig Jahren die vergänglichen Materialien derselben verderben und verzehren. Darum wird der Anstrich der Häuser beständig in vortrefflichem Zustand erhalten und manche Theile derselben werden bemalt und gefirnisst, die einer solchen Bedekkung nicht zu bedürfen scheinen.

Gleiche Sorgfalt für Reinlichkeit herrscht im Innern der holländischen Häuser. Diese geht oft so weit, dass sie Fremden lästig und ekelhaft wird. Ich meyne hiermit besonders die hässliche Sitte der nach der Mahlzeit Tabakrauchenden Holländer in Ansehung der Spucknäpfe, die sie mit dem Wein und den Gläsern zugleich auf den Tisch setzen und in eben der Ordnung wie die Weinflasche herumreichen lassen, zum grossen Ekel der Nichtrauchenden, die dieses abscheuliche Gefäss an ihre nächste Nachbarn weiter befördern müssen, damit alle, die Lust haben, sich ihres Speichels darein entledigen können.

Die Sitte des Tabakrauchens herrscht, wie man mir versichert hat, jetzt nicht mehr so stark wie vor zwanzig Jahren in Holland und man will diess als einen Beweis ansehen, dass sich der holländische Nazionalcharakter immer mehr verliere. Aber ich begreife fast nicht, wie diese Sitte jemals allgemeiner seyn konnte, als sie jetzt ist. Man kann des Morgens, selbst in einer Frühstunde, wo nur wenig Gäste zugegen sind, kein Kaffeehaus besuchen, ohne gleich beim Eintritt von Tabaksrauch beleidigt zu werden; in der Börsenzeit und Nachmittags aber sind die von zwanzig bis dreissig Tabaksrauchern verursachten erstickenden Dämpfe, Leuten, deren Lungen hieran nicht gewöhnt sind, ganz unerträglich.

Alle Holländer aus den niedern, und viele sogar aus den höhern Ständen, tragen den ganzen zum Tabaksrauchen nöthige Apparat beständig in ihren Taschen bey sich, -- eine Büchse von ungeheurer Grösse, die oft ein halbes Pfund Tabak verschliesst; -- eine thönerne oder elfenbeinerne Pfeife, je nachdem der Geschmack oder das Vermögen des Besitzers verschieden ist, daneben zugleich die Werkzeuge zum Reinigen, einen Stachel um die Verstopfung der Pfeifenröhre zu verhindern, einen Dekkel von Messingdrath für den Pfeifenkopf, damit keine Tabaksasche oder Funken herausfliegen und bisweilen auch ein Feuerzeug oder Phosphor-Flasche, um sich Feuer zu machen, wo man es auf keine andre Art bekommen kann.

Die Holländer entschuldigen diese sklavische Anhänglichkeit an den Tabak mit der Behauptung, dass diese Pflanze sie vor manchen Krankheiten sichere, denen sie ausserdem wegen der feuchten Atmosphäre ihres Landes würden ausgesetzt seyn und dass sie dadurch in den Stand gesetzt würden, Nässe und Kälte ohne Ungemach zu ertragen. Etwas mag diese Idee zu dem so häufigen Gebrauch des Tabaks in Holland beigetragen haben, weil sie den Liebhabern dieser Pflanze gleichsam eine Apologie ihres Gebrauchs an die Hand giebt; aber die Mehrzahl der Raucher bedient sich ohne Zweifel des Tabaks wegen seiner narkotischen und betäubenden Wirkungen.

Der Gebrauch des Tabaks zum Kauen ist bei den Bauern und Matrosen in Holland nicht so häufig, wie beim gemeinen Volke in England, und zum Schnupfen wird er nur von wenigen aus den höhern Ständen genommen. Im Wagen wie zu Pferde raucht der Holländer seine Pfeife mit gleicher Zufriedenheit, und Knaben von acht bis zehn Jahren dürfen nicht nur das üble Beispiel ihrer Ältern im Tabakrauchen nachahmen, sondern werden dazu noch aufgemuntert.

In den Häusern des Mittelstandes, wo Nazionalsitten vorherrschen, ist die erste Höflichkeit, die ein Fremder empfängt, das Anbieten einer Pfeife; wenigstens verbindet man dieses zugleich mit den Anbieten andrer Erquickungen, und keine Stunde des Tages wird zum Genuss des Rauchens für unbequem gehalten. Ich bin der Ausübung dieser Höflichkeit oft aus dem Wege gegangen, und da geschah es zuweilen, dass Leute, besonders aus geringern Ständen, denen ich eine Pfeife abzunehmen mich weigerte, von meinem Verstande keine gute Meinung zu bekommen schienen, weil ich keinen Sin für das Vergnügen am Genuss einer Pflanze zeigte, das die ganze Nazion anerkennt.

Zu Overschie, dem elenden Dorfe, dessen ich oben erwähnte, wo ein Sturm uns nöthigte, einige Stunden zuzubringen, bat mich der Wirth mit nachdrucksvollem Ernste, ich möchte doch eine Pfeife rauchen, um den übeln Folgen der Durchnässung vorzubeugen; und meine Weigerung gegen diese Arznei erweckte bei ihm ein Gemisch von Staunen und Verachtung. Bei andern Gelegenheiten brachten mir die geschäftigen Aufwärter gleich nach der Mahlzeit Pfeife und Tabak und immer schienen sie hochverwundert, wenn ich mit heftigen Äusserungen des Missfallens diesen Apparat wieder wegzunehmen befahl.

In der Haarlemer Hauptkirche befindet sich die berühmte Orgel, die für das grösste und schönste Instrument dieser Art in der ganzen Welt gehalten wird. Für einen Dukaten, den wir dem Organisten, und eine halbe Krone, die wir den Balgentretern zahlten, hörten wir sie eine ganze Stunde lang *). Es ist ein Instrument von ausserordentlichem Umfange. Einige seiner Töne sind so sanft wie der Triller eines kleinen Singvogels; andere wieder so laut, dass sie das Massive Gebäude, worin sie steht, erschüttern. Wir erwarteten viel Vergnügen von der sogenannten vox humana, einem Register, das den Laut der menschlichen Stimme nachanhmt, denn wir hatten davon viel rühmen gehört; aber hohe Erwartungen werden oft getäuscht, und wir fanden die vox humana nichts weniger als angenehm. Im ganzen ist dieses Instrument jedoch sehr vortrefflich, ich möchte sagen himmlisch, denn wenn die Orgel ihre ganze Stärke zeigte, vernahm ich göttliche Töne, wie ich sie nimmer hörte und selbst zu denken nicht vermochte.

*) Man hat nicht einmal nöthig, etwas dafür zu bezahlen, denn zweimal wöchentlich, nämlich Dienstags und Freitags von zwölf bis ein Uhr, wird diese Orgel zum Vergnügen der Einwohner öffentlich gespielt. Musikkenner tadeln mit Recht, wo eigentlich nur erhabene Chöre aufgeführt werden sollten, Tänze und Liederchen gespielt werden, die seinem Zwecke gar nicht entsprechen und an diesem feierlichen Ort unmöglich gefallen können.

Feierlichkeit, Grösse, Zartheit und Harmonie sind die charakteristischen Eigenschaften dieses herrlichen Instruments. Die längste Pfeife ist zwei und dreissig Fuss lang und ihr Durchmesser hält sechzehn Zoll. Im Ganzen hat diese Orgel sechzig Stimmen, vier Absonderungen, zwei Triller und zwölf Blasbälge. Ich entlehne diese Nachricht aus einer gedruckten Beschreibung dieses Instruments, die ich vom Organisten erhielt. Während der Organist spielte, versammelte sich eine Menge wohlgekleideter Leute in der Kirche und horchte mit der gespanntesten Aufmerksamkeit auf die göttlichen Töne des Instruments. Männer sowohl als Frauenzimmer behalten in Holland während der Kirche die Hüte auf und wegen des Vergnügens, das ihnen die Orgel auf unsre Kosten machte, erhielten wir von vielen eine höfliche Verbeugung.

Die Sitte des Hutabnehmens ist in Holland ausserordentlich lästig. Es ist nicht, wie in England, hinreichend, dass man den Hut nur etwas lüftet, sondern man muss ihn ganz vom Kopf herabziehen, und unbedeckt bleiben, bis die Person, die man begrüsst, vorbei gegangen ist. Diese Ceremonie wird in Leiden und Haarlem strenger als zu Rotterdam und im Haag beobachtet. In den beiden erstern Städten kann ein anständig gekleideter Fremder fast gar nicht in den Strassen gehen, ohne den Hut jede Minute abziehen zu müssen, um eine ähnliche ihm erzeigte Höflichkeit zu erwiedern, und dergleichen Begrüssungen erhält man nicht nur von den Vornehmern, sondern auch Handwerksleute und Arbeiter verbeugen sich mit gleichem Ernst und gleicher Höflichkeit.

Die Revoluzion hat die Nazionalkleidung der Holländer nicht im mindesten geändert. Statt abgeschorne Köpfe, Pantalons und runde Hüte, wie ich erwartete, zu finden, trugen die meisten frisirtes stark gepudertes Haar und dreieckige Hüte; auch die übrige Kleidung war noch nach der alten Mode. Man bedient sich des Titels Bürger gegen angesehene Personen, wenn man sich in Amtssachen an sie wendet; aber im Gespräch und bei Privatverhandlungen nennt sie jedermann ohne Furcht und Zurückhaltung Mynheer. Der alte Kalender wird bei allen öffentlichen Verordnungen und Bekanntmachungen angewandt, aber das Jahr der batavischen Freiheit jedesmal beigefügt und in den Aufschriften der holländischen Münzen ist gar keine Veränderung vorgegangen. Ein Gulden von 1700 ist gerade so viele als einer von 1800. Seit dem Umsturz der alten Regierung ist jährlich viel Silber ausgemünzt worden.

Nicht weit von Haarlem liegt das Landhaus des Herrn Hope, des Haupts einer durch ungeheure Reichthümer berühmt gewordnen Familie. Beim Anfang der Revoluzion flüchtete sich Hope nach London und seine Güter werden jetzt sequestrirt. Wir konnten das Innre dieses prächtigen Sommerpallasts nicht in Augenschein nehmen. Die Architektur dieses Gebäudes ist schön und, wäre es von Stein, erhaben; aber leider ist es nur von Backsteinen gebaut und mit Gyps beworfen, auch ist durch die feuchte Luft beim Mangel gehöriger Sorgfalt ein grosser Theil der Bekleidung abgefallen, so dass an manchen Stellen die rothen Ziegeln durch die weisse Oberfläche durchschimmern und dem Eindruck des Ganzen schaden. Es liegt am Eingang eines angenehmen Wäldchens und wird für das geschmackvollste Gebäude in den vereinigten Staaten gehalten.

Haarlem streitet mit Mainz und Strassburg um die Ehre, die Buchdrukkerkunst erfunden zu haben und schreibt das Verdienst dieser wichtigen Erfindung einem ihrer Bürger Namens Lorenz Coster zu, der in der Mitte des funfzehnten Jahrhunderts lebte. Strassburg hat, wie ich glaube, seine Ansprüche auf diese Ehre aufgegeben und ich maasse mir nicht an, zwischen Mainz und Haarlem zu entscheiden *). Coster soll auf diese Erfindung zuerst durch Eingrabung in eine Baumrinde, deren er sich dann als eines Siegels bediente, gefallen seyn. Eine holländische Inschrift bezeichnet die Stelle, wo das Haus dieses für die Menschheit so ausserordentlich nützlichen Mannes stand, und sein Bild hängt an den Fenstern der meisten Buchhändler von Haarlem *).

*) Diejenigen, welche diese Erfindung der Stadt Haarlem zuschreiben, behaupten, Faust sei in Diensten Costers gewesen, habe die Typen am Weihnachtsfeste, während sein Herr in der Kirche die Andacht verrichtete, demselben gestohlen und sey damit nach Mainz geflüchtet.
*) Zum Andenken Costers ist jetzt vor seiner ehemaligen Wohnung eine Bildsäule errichtet, die seit dem Jahre 1722 im botanischen Garten stand, im Jahre 1801 aber, neu angestrichen, hieher gesetzt wurde.

Die heldenmüthige Vertheidigung dieser Stadt gegen die Spanier unter Friedrich von Toledo, -- einem würdigen Sohne des abscheulichen Herzogs von Alba, -- nahm kein so glückliches Ende, wie die Vertheidigung der Stadt Leiden. Die aus vier tausend Mann bestehende Garnison wiess die Bedingungen mit Unwillen zurück, die ihr der spanische General anbot, und beunruhigte durch hitzige Ausfälle die siegreiche Armee desselben. Die Weiber vergassen bei diesem Kampfe für Freiheit die Zartheit und Sanftmuth ihres Geschlechts und fochten mit unermüdeter Entschlossenheit und Verzweifeltem Muthe an der Seite der Männer. Diese patriotischen Frauenzimmer vertheilten sich in regelmässige Bataillone und verrichteten alle Dienste der Garnison mit Eifer und Pünktlichkeit.

Aber leider flösste die Hoffnung eines glücklichen Widerstandes den Haarlemer Bürgern Gefühle ungerechter Erbitterung und Rache ein. Mit einer nicht zu entschuldigenden Grausamkeit hingen sie die bei ihren Ausfällen gemachten spanischen Gefangenen auf den Wällen der Stadt auf, und -- was eine spanische Armee in einem bigotten Zeitalter besonders empören musste, -- behandelten die Bilder und heiligen Gegenstände des katholischen Glaubens mit Hohn und Verachtung. Von Strapatzen ermattet, vom Hunger überwältigt und ohne Hoffnung einer Erlösung beschlossen endlich die Bürger unter der Bedingung, dass das Leben der Garnison und der Einwohner geschont werde, die Stadt zu übergeben. Der Sohn des Herzogs von Alba war mit dieser Bedingung zufrieden; aber mit abscheulicher Treulosigkeit verletzte er die Puncte der Kapitulazion, und zwei tausend Soldaten und Einwohner der Stadt wurden von den Henkern der spanischen Armee mit kaltem Blut ermordet *).

*) Zum Andenken an die Errettung von den Spaniern wird in Haarlem jede Nacht von 9 bis halb zehn mit einer silbernen Glocke geläutet.

Den Holländern gereicht es sehr zum Lobe, dass sie das Andenken an die tapfern Thaten ihrer Vorfahren mit gewissenhafter Sorgfalt im Gedächtniss aufbewahren und mit gehörigem Stolz von ihren erhabenen Eigenschaften und unerschütterlichen Standhaftigkeit sprechen. Über zwei Jahrhunderte sind verstrichen, seitdem die spanischen Waffen in den vereinigten Provinzen Furcht und Schrecken verbreiteten, und dennoch werden ihre mörderischen Belagerungen, die blutigen Schlachten, die sie lieferten, und die abscheulichen Grausamkeiten, die sie verübten, wenn der Sieg auf ihrer Seite gewiss war, mit einer solchen Genauigkeit und Umständlichkeit erzählt, als wären sie erst in unsern Tagen vorgefallen. Die Spanier werden als Leute von gestern her erwähnt und alle ihre Betrügereien, Grausamkeiten und Niederlagen sind in frischem Andenken.

In der That ist in der ganzen Geschichte der Republik keine Periode so glorreich, als sie, wo die vereinigten Staaten das Joch der spanischen -- damals mächtigsten und reichsten -- Monarchie in Europa abschüttelten, und gegen die zahlreichen Armeen unter den geschickten und vollendeten Generalen, die Philipp der zweite und seinen Nachfolger nach Holland sendeten, ihre Unabhängigkeit behaupteten. Nach hatte der Handel die Einfachheit ihrer Sitten nicht verdorben, noch war die Freiheitsliebe ihre herrschende Leidenschaft. Diese erhabne Leidenschaft verwandelte eine Nazion von Fischern und Sklaven in einen Heldenstamm, würdig der ehrwürdigen Zeiten von Griechenland und Rom. Nie wurde die Vaterlandsliebe dieses edelste Gefühl, das die menschliche Brust beseelen kann, höher getrieben und heiliger beobachtet als von den braven Guesen *) die Holland von der Herrschaft Spaniens befreiten, ihre Unabhängigkeit gegen die Riesenkräfte jener Monarchie vertheidigten und durch ihren Muth, Entschlossenheit und Weisheit zuletzt triumphirend die Republik stifteten.

*) Diese Benennung, welche eigentlich Bettler bedeutet, soll folgenden Ursprung haben. In einer frühern Periode der Unruhen in den Niederlanden versammelten sich fünf hundert Patrioten auf dem Schlossplatz zu Brüssel, um der Herzogin von Parma, -- einer natürlichen Tochter Karls des fünften und damaligen Statthalterin in den Niederlanden, -- eine Bittschrift gegen die Errichtung der Inquisition zu überreichen. Beunruhigt durch den Anblick so vieler Menschen fragte die Prinzesin, wer sie wären, und einer von ihren Hofleuten antwortete mit Verachtung, es wären Guesen oder Bettler. Nachher wurde diese Benennung der patriotischen Partei von ihren Feinden als Ausdruck bittern Vorwurfs ertheilt und von den Freunden der Freiheit als ein ehrenvoll auszeichnender Titel angenommen.

Zu Haarlem befindet sich ein vortreffliches vom Doktor von Marum errichtetes naturhistorisches Museum, zu welchem Fremde leicht Zutritt bekommen können *). Es ist das beste Kabinet der Art in Holland, mit Kenntniss und Geschmack geordnet und vorzüglich gut unterhalten. An jedem Kästchen liest man die Beschreibung seines Inhalts nach dem Linnéischen System, und die verschiedenen Arten eines Geschlechts befinden sich, statt unter einander gemengt zu seyn, wie ich bei andern Sammlungen bemerkte, in einer schönen progressiven Ordnung. Die Sammlung von Schmetterlingen ist sehr zahlreich, und unter ihnen sind manche vorzügliche Seltenheiten. Im Ganzen steht indessen dieses Museum weit unter dem Leverianischen zu London.

*) Dies Kabinet gehört der Haarlemer Akademie der Wissenschaften.

Ausserdem verdient hier noch das von Peter Teyler Van der Hulst in dieser Stadt gestiftete Institut erwähnt zu werden, so wenig auch der Gegenstand selbst, den es vorzüglich begünstigt *), mich interessirt. Peter Teyler war ein reicher Haarlemer Kaufmann, der ohne jemals bei Lebzeiten einige Liebe zu den Wissenschaften gezeigt zu haben, sein ganzes Vermögen zu Beförderung derselben und zur Unterstützung der Armen nach seinem Tode bestimmte. Ein reicheres Geschenk wurde selten dem Altar der Gelehrsamkeit und Mildthätigkeit gebracht. Die jährliche Einkünfte des Teylerschen Instituts beliefen sich vor der Revoluzion auf die Summe von hunderttausend Gulden; -- aber welche Vortheile haben die Wissenschaften aus diesem ansehnlichen Einkommen gezogen? Die elektrischen Versuche von Marum's, welche er unter den Auspizien dieser Stiftung machte, verdienen die ehrenvollste Erwähnung; aber sie sind auch die einzigen wohlthätigen Früchte, welche die Wissenschaften in diesem reichlich versehenen Treibhause zogen.

*) Die Erörterung theologisch-metaphysischer Sätze.

Die Direktoren dieses Instituts sollen von der in Holland überall herrschenden Sucht des Anhäufens angesteckt worden seyn und statt die ungeheuren Fonds, nach ihrer Pflicht, auf Beförderung der Wissenschaften zu verwenden, sind sie bemüht gewesen, das Kapital dieses Instituts nur noch zu vergrössern. Wie hoch sich jetzt die Einkünfte desselben belaufen, konnte ich nicht mit Gewissheit erfahren, und man glaubt allgemein, sie seyen durch eine stillschweigende Handlung der Regierung zur Abhelfung der dringendsten Staatsbedürfnisse verwandt worden *).

*) Der Verfasser hat hier eine Hauptmerkwürdigkeit von Haarlem, die von jedem Reisenden besehen zu werden verdient, unerwähnt gelassen, nämlich das Taylorsche Museum. Diese Lücke anzufüllen, theile ich hier eine kurze Beschreibung davon mit. Es befindet sich in einem geschmackvollen Gebäude und besteht aus einem physikalischen Kabinet, einer naturhistorischen Bibliothek, einem Laboratorium und einer Sternwarte. Aus dem mit Marmorplatten ausgelegten Flur tritt man in den zwei Etagen hohen und mit schönen Glasschränken umgebenen physikalischen Saal, worüber Hr. van Marum die Aufsicht führt. Vor dem Eingange bewundert man ein dem Stifter im Jahre 1780 von Asselbryh errichtetes kostbares Denkmal von kararischem Marmor. Gleich beim Eintritt in dieses Kabinet erblickt man am linken Ende die berühmte, von Marum beschriebene grösste Elektrisirmaschine auf der Welt; daneben steht ein vortrefflicher Apparat hydraulischer, optischer und astronomischer Werkzeuge. Die naturhistorische Bibliothek nimmt die obern Wände der Gallerie ein, und in den darunter befindlichen Schubläden und im Tische des Saals wird eine ausgesuchte Mineraliensammlung aufbewahrt. Neben diesem Saale ist ein besonderes Zimmer der Geologie gewidmet.

In Haarlem giebt es ansehnliche Manufakturen zur Bereitung feiner Leinwande, Dimity, Satinet u. s. w., die, wenn sie sich gleich nicht mehr in ihrem vorigen blühenden Zustande befinden, doch eine grosse Anzahl Arbeiter beschäftigen und noch immer mit Brabant und Deutschland einen vortheilhaften Handel treiben. Die Haarlemer Bleichen sind wegen der ausserordentlichen Weisse, die sie der Leinwand verschaffen, berühmt. Aus allen Theilen der vereinigten Staaten und Deutschland, -- und vor dem Kriege mit Grossbrittanien auch aus Irland und Schottland -- werden jährlich grosse Stücke Leinwand hierher geschickt. Man schreibt die vorzügliche Güte der hiesigen Bleichen einer besondern Eigenschaft des Wassers im Haarlemer Meer zu, die noch durch keinen bisher entdeckten chemischen Prozess hat nachgeahmt werden können.


Quellen.[]

  • Fell's Reise durch die Batavische Republik Aus dem Englischen übersetzt, und mit Anmerkungen begleitet von D. Karl Murhard. Leipzig, bei C. H. Reclam. 1805.
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