Rußland in seinen Beziehungen auf Deutschland.[]
- [1795]
Rußland giebt sich bekanntlich alle Mühe, besonders auf Deutschland Einfluß zu erhalten. Das gute Deutschland hat Fürsten, die Rußlands Absichten entweder nicht merken, oder nicht merken wollen. Die erste Macht, die Rußlands Garantie des unseeligen westphälischen Friedens, der Deutschland noch an den Rand des Abgrunds führen kann, vermittelt, wird die Schwäche ihrer ächt politischen Grundsätze, nachweisen. Kleinen Fürsten, deren beschränkte Politik sich auf einen geringen Länder-Umfang einschränkt und die gerne den Absaz im Menschenhandel befördert wissen möchten, kann man diesen Einfall verzeihen, aber nicht großen Regenten. Es ist nicht rathsam, die Gründe und Punkte zu vervielfältigen, aus denen Rußlands Angriffs- und Eroberungs-Projekte Anwendung leiden.
Unter dem Nahmen übernommener Garantie des deutschen Reichs, erwachsen für Rußland Gerechtsame, Oestreich, Preußen, und allen Fürsten des Reichs Gesetze vorzuschreiben, wenn ihnen Nachdruck gegeben werden kann. Ein großer republicanischer Staatskörper muß aber nie eine despotische Macht zu seinem Protektor machen, wenn ihm anders seine Verfassung lieb ist; denn es steht zu fürchten, daß dieses Uebel für ihn ausschlagen möchte.
Wenigstens, wenn je Deutschland diesen Schritt thun sollte, so thut es auch wohl, wenn es zugleich auf alle Hoffnungen, einmal ein solider Staats-Verein zu werden, Verzicht leistet. Rußlands Staats-Interesse würde ihm in Rücksicht auf Deutschland dieselben Grundsätze von Politik, wie auf das verschwundene Polen vorzeichnen. Diuide et impera! würde die Losung seyn.
Daß Rußland wohl thun werde, wenn es alsdenn auch hier alles seinem großen Eroberungs-Plane angemessen vorbereitete, ist außer Zweifel. Eine immerwährende Mißhelligkeit müßte Deutschlands mächtigste Stützen, Oestreich und Preußen, fortdauernd entzweyen. Man müßte den nach ihnen am mächtigsten Reichsfürsten, Mißtrauen gegen beyde einzuflößen suchen. Nie es zulassen, daß Verwirrung, Zwist und Uneinigkeiten im Innern ein Ende nehmen. Durch diese dem Scheine nach machiavellistische Politik, die man aber nur dem Nahmen nach fast allenthalben haßt, in der That aber in den meisten Kabinetten anzuwenden pflegt, würde Rußland gewiß werden, daß ihm von dieser Seite nie eine Gefahr drohen könne.
Denn -- gibt sich Deutschland, statt seiner anarchischen eine solide Verfassung; bringt es sein Finanz- und Militair-System in Ordnung, so kann es in Verbindung aller seiner Mitstände eine Macht aufstellen, die Rußlands sämmtliche Plane ecrasirt. Sechsmal hundert und funfzig tausend Mann nach dem Friedensetat seiner Fürsten, gleich disciplinirt; fähig deutsche Tapferkeit wilder Wuth entgegenzusetzen; nach gleichen Prinzipien organisirt; und aus einem gemeinschaftlichen Fond unterhalten, würde, da Rußland den großen Fehler begieng, seine Staaten an Oestreich und Preußen anzurücken, es zu Lande und zu Wasser, vermittelst seiner Mitstände, Schweden, Dännemark xc. angreifbar machen, und es würde sich bald entscheiden, was für ein Unterscheid zwischen kalter deutscher Tapferkeit, und der Tollkühnheit von Barbaren ist, die in einer starken Consumtion von Brandtewein, das Supplement ihrer großen Heldenthaten und Verwüstungen finden; denen zwar der gerechte Beurtheiler nie den Nahmen muthvoller Heere absprechen, aber immer dabey zugleich bemerken wird, daß es leicht abzuwehrender Muth von Sklaven ist, den der Despotismus durch die Knute unterhält, und die bloße Furcht begünstigt. Denn wie Friedrich der Große sehr richtig bemerkte, es kostet mehr Mühe, die Russen todtzuschlagen, als sie zu besiegen.
Rußlands unmittelbares Staats-Interesse macht ihm also die stärksten Bemühungen zur Pflicht, sich Einfluß auf die Angelegenheiten Deutschlands zu verschaffen, um unter dem Titel der Erhaltung der deutschen Reichs-Constitution, dessen Anarchie, Ohnmacht und Schwäche zu allen Zeiten zu erhalten, und seine Verwirrungen eher zu vermehren als zu vermindern.
Jedermann weiß, daß Rußlands gesunde Politik bereits wichtige Fortschritte in diesem Plane gemacht hat, und daß noch nicht lange her, Hessen-Cassel im Congresse zu Willhelms-Bad und Baden, bey Gelegenheit der Reichstags-Verhandlungen, in Betreff des Friedens mit Frankreich Vorschläge thaten, die in diesen Plan eingriffen, und Deutschlands Sicherheit und Ruhe, die größte Gefahr gebracht haben würden, wenn man diesen Vorschlägen beyzutretten, hinlänglichen Mangel an Staatsklugheit besessen hätte.
Indessen hat Rußland nicht Ursache am Gelingen seines Plans zu verzweiflen. Wenn es vorsichtig zu Werke geht, das Privat-Interesse der mächtigsten Fürsten zu benutzen versteht, und nach und nach ganz allmählig verfährt; wenn es ferner durch Heyrathen sich mit den meisten Fürstenhäusern verbindet; so kann es am Ende ganz dahin gelangen, wohin der sicherste Weg nur Theilweise hinleitet. Das kleine Interesse, kleinerer Reichsfürsten, erfordert geringen Kosten-Aufwand, und die meisten bedürfen Unterstützungen. Vielleicht ist Rußland einmal so glücklich, die Pluralität erkämpfen zu können, wenn seine Finanzen in besserer Ordnung sind.
Quellen.[]
- ↑ Europens Politische Lage und Staats-Interesse. Vom Verfasser der Schrift: Politische Lage und Staats-Interesse des Königreichs Preussen von einem Staatsbürger desselben. Erstes Heft. 1795.