Von Bastille bis Waterloo. Wiki

Zeitungsnachrichten.[]

1790.[]

Wien vom 19ten dieses. [1]

Seit vier Wochen sprach man hier von nichts, als von einem Krieg mit Preusen. Aber der letzt angekommene Kourrier läßt noch hoffen, daß es zu keinen Bruch kommen werde. Es sind wichtige Sachen auf dem Tapet.

Wien vom 29sten Januar. [2]

Man rüstet sich in allen Erbländer, wider wen? wider Preusen? oder vielleicht wider einheimische Feinde? -- Beide Fälle können wahr seyn. Unterdessen aber steht der preusische Gesandte, Herr von Podwils im vertrauten Ansehen bei uns, und speist öfters als gewöhnlich bei dem alten Nestor Kaunitz. -- Vor einigen Tagen ist ein Kourrier von Berlin hier eingetroffen; der Monarch beschenkte ihn mit 100 Dukaten. Was hat er gutes mitgebracht? -- O wenn ichs wüste!

Wien vom 28sten Februar. [3]

Der Entwurf unserer Feinde ist nicht gelungen; -- also werden die Karten anderst gemischt. Es wird kein Paroli -- sondern Pace heissen.

Es wird kein Krieg. 1) weil die ungarische Einliespelung mislungen. 2) weil Böhmen und Mähren unzugänglich sind. 3) weil Leopold den Frieden liebt. 4) weil ihn auch Friedrich Wilhelm liebt. 5) weil die Zubereitungen dazu jetzt weilen; und 6) weil einer den anderen fürchtet.

Wien vom 24sten Merz. [4]

Alle von dem verewigten Kaiser mit Rußland eingegangenen Verbindungen sind, wie sich von zuverlässiger Hand bestättiget, durch den jüngst erwähnter massen abgeschickten Kourrier ihrem ganzen obwohl noch zur Zeit geheimen Inhalt nach bekräftiget worden. Und was könnten wir in diesem kritischen Augenblick wohl anderst? Was Joseph der Zweyte aus persönlicher Neigung und par-esprit de Systéme, das sein Kund war, that, das nemliche thut itzt Leopold der Zweyte zum politischen Vortheil seiner Staaten par necessite, da eben in diesem Zweifel mehr ausgesetzt scheint. Kaum war am 19ten von hier ein Kourrier nach Berlin abgefertiget worden, der eine bestimmte Antwort mitbringen sollte, als ein anderer von dem Fürsten von Reuss ankam, nach dessen Mitbringen an Abwendung des drohenden Ungewitters nicht mehr zu denken ist. Am 20sten Abends wurden daher noch Staffetten an die zwischen hier und Raab noch konzentrirte 24 Bataillons und 18 Divisionen abgefertiget, mit der Ordre, nach Mähren aufzubrechen, womit den 28sten angefangen wird, so daß die weitere zurückliegenden Regimenter immer in die verlassene Quartiere der abmarschierten einrücken. Es scheint übrigens-daß auch hier alles an der bekannten ausserordentlichen Animosität der Russischen Kaiserin Theil nimmt; exempla trahunt. Die Aufwieglung der Niederländer, der Versuch bei den Ungarn, die Allianz mit den türkischen Barbaren, und die dornigte Affaire von Lüttich, dies sind lauter Thatsachen, die auf den gemeinsten Mann wirken. Gestern kamen nur vollends Briefe aus Triest vom 18. mit der Nachricht über Venedig an, daß der bekannte Allianztraktat Preusens mit der Pforte auch von dem englischen und pohlnischen Minister unterschrieben worden, dann auch der schwedische diesem Hauptallianztraktat beigetretten sey. Dies erklärt nun einigermassen, warum die Republick Pohlen nicht wohl mehr zurück könne. In der That, meldet eine neuere Staffete unseres Geschäftsträgers aus Warschau vom 13ten, daß die Allianz mit Preusen wohl noch einigem Verzug schwerlich aber einer Zerschlagung mehr unterliegen dürfte. Fürst Potemkin schrieb erst unterm 4ten dieses an einen hiesigen Kavalier folgende bedeutende Worte: "les Polonois sont aveugles, eh bien 30 à 40,000 Cosaques & Calmouques, qui sont deja dans les palatinats de Kiovv & de Mohilovv, vont les eclairer, la torche à la main, & iront les chercher jusqu'en Prusse."

Wien, vom 22sten dieses. [5]

Am verwichenen Samstag ist ein groser Kriegsrath gehalten worden. Das Resultat davon war -- einen offensiven Krieg gegen Preusen anzufangen. -- Selbst der politische Nestor Kaunitz, der sonst in Unterhandlungen den Olivenzweig wehen ließ, ist der Meinung, daß man Preusen angreifen solle. Unterdessen aber daueren die Friedensunterhandlungen, und der gute Leopold wünscht den Frieden, um seine Unterthanen so glücklich zu machen, wie er sie in Toskana glücklich gemacht.

Berlin vom 20sten dieses.

Unsere Gegner mögen sagen, was sie wollen, so ist doch gewiß, daß unser gute Wilhelm die Weltkugel in Händen hält; legt er Feuer daran, so brennt sie in allen Ecken. Wir sind auf alle Fälle bereit, und es ist zu bewundern, daß sieben Millionen Menschen ganz Europa, und vielleicht auch andere Welttheile in Bewegung setzen können. Aber unser Kabinet kennt den friedfertigen Leopold; und obschon unsere Husaren auf den Grenzen Böhmens schwadroniren, so hoffen wir doch -- es wird Friede.

Wien vom 1sten April. [6]

Vor drey Tagen ist zwar schon ein Expresser aus Berlin angelangt, doch was er mitbrachte, war, wie man hört, nicht entscheidend genug. Je länger indessen der preusische Hof verweilt, desto mehr scheint er die Folgen seines Angriffs zu berechnen, und hierinn liegt, wie der gröste Theil dafür hält, noch die einzige Hofnung, daß zuletzt vielleicht der Friede noch beibehalten werden dürfte; denn die Gefahr und das Risiko sind für beide Theile gleich gros. Hier fehlt es nach dem ersten Feldzuge sicher an Geld, und dort sicher an Leuten; zu geschweigen, daß gegen das Hollstenische wegen Dännemark, um Berlin herum wegen Sachsen, dann in dem republikanischen Pohlen wegen Oesterreichern und Russen zusammen, ansehnliche preusische Korps stehen bleiben müssen. Was ist also das gescheiteste, diesseits ohne Geld, und jenseits ohne Leut zu thun? Antwort: Den Frieden beibehalten, der beiden so sehr a Konto tournirt.

Berlin vom 30sten Merz. [7]

Der regierende Herzog von Braunschweig und der Herzog Ferdinand sein Bruder sind zu Potsdam angekommen. Gestern reiste Graf von Hertzberg, und der General Möllendorf auch dahin. -- Diese Versammlung der so hohen Personen läßt wichtige Ereignisse muthmassen. Man spricht wieder vom Krieg. Doch läßt sich noch nichts Bestimmtes darüber sagen.

[April]

Wien vom 3ten April.

Alle Tage ändern sich die Kriegs- und Friedenserwartungen bei uns. Heute heißt es: es wird Krieg, und morgen spricht man wieder vom Frieden. Unterdessen werden die Zurüstungen auf das eifrigste fortgesetzt: Si vis pacem, para bellum.

Wien von 9ten dieses. [8]

Der Preusische Gesandte ist noch hier -- geliebt und geschätzt; und wer soll so einen liebenswürdigen Mann nicht schätzen?

Bis auf den 16ten dieses wird der letzte Kourrier hier erwartet, der uns Ja oder Nein: -- Krieg oder Frieden mitbringen wird.


Quellen.[]

  1. Geheimer Brief-Wechsel zwischen den Lebendigen und den Todten. No. 4. 27. Januar. 1790.
  2. Eilfte Beilage zu Politischen Gesprächen der Todten. Samstag den 6ten Februar 1790.
  3. Neunzehnter Beilage zu politischen Gesprächen der Todten. Samstag den 6ten Merz 1790.
  4. Politische Gespräche der Todten über die Begebenheiten des 1790sten Jahrs. Nro. 14. Freytag den 2ten April.
  5. Geheimer Brief-Wechsel Zwischen den Lebendigen und den Todten. No. 13. Mittwoch den 31. Merz. 1790.
  6. Politische Gespräche der Todten über die Begebenheiten des 1790sten Jahrs. Nro. 15. Freytag den 9ten April.
  7. Neun und zwanzigste Beilage zu politischen Gesprächen der Todten. Samstag den 10ten April 1790.
  8. Politische Gespräche der Todten über die Begebenheiten des 1790sten Jahrs. Nro. 16. Freytag den 16ten April.