Von Bastille bis Waterloo. Wiki

Vertraute Briefe.[]

Friedrich von Cölln. [1]

Zweyter Brief [5].


Ich kann Dir endlich die versprochene Nachricht über die Belagerung von Graudenz geben, so weit sie ein Mann, welcher an der Belagerung Theil nahm, bezeichnen und mir überliefern konnte. Ich gebe Dir seine Briefe hier wörtlich zu lesen.

Nov. 1806.[]

Stadt Graudenz, den 13ten Nov. 1806.

Leider sind wir jetzt unangenehmer, als jemals getrennt, denn auch der Briefwechsel, das einzige Mittel, und einander mitzutheilen, ist uns sogar abgeschnitten. Dessen ungeachtet will ich doch anfangen, Dir zu schreiben, damit Du siehst, daß ich Dich auch unter dem Drucke der Sorgen nicht vergesse; vielleicht findet sich noch Gelegenheit, dieses Tagebuch auf irgend eine Art in Deine Hände zu bringen, wenn es auch etwas alt und stark werden sollte, denn ich werde fortfahren, Dir alle unsre Ereignisse, unsre Schicksale und Verhältnisse treulich aufzuzeichnen.

Wer hätte sich noch vor vier Wochen, als ich Dir das Letztemal schrieb, diesen Schlag und diese schreckliche Veränderungen der Dinge träumen lassen! Die Folgen einer einzigen verlornen Hauptschlacht sind unerhört und unbegreiflich. -- Alles haben die -- nun wohl unüberwindlichen -- französischen Heere überströmt, nichts steht ihnen entgegen, und in wenig Tagen können sie vielleicht hier in Graudenz, an den Ufern der Weichsel, 100 Meilen weit vom Ufer der Saale, vom ersten Schauplatze des Krieges entfernt, eintreffen.

Den 2ten d. M. kam der König, die Königin und der ganze Hof hier an, und befindet sich noch bis jetzt hier. Die ganze Suite des Ober-Kriegs-Collegiums, alle zum Kriegswesen gehörige Departements sind hier anwesend. Alle Ueberbleibsel unsere schönen Armee -- wer hätte vor vier Wochen die Möglichkeit einer solchen Erscheinung geahndet, -- versammeln sich hier, und eine Menge geflüchteter Berliner und andrer Städter vermehrt die hier zusammengepreßte Volksmenge. Es ist wohl kein Regiment in der Armee, von welchem nicht wenigstens einzelne Officiere und Soldaten hier sind. -- Kurz es ist ein Kommen, gehen, Treiben, Fragen, Sorgen und sich Aengstigen ohne Gleichen.

Seit dem 22ten d. M., wo wir die ersten Nachrichten von der verlornen Schlacht bey Auerstädt erhielten, haben sich die Hiobsposten ununterbrochen an einander gereiht. Bald erhielten wir die Nachricht von der Affaire in und bey Halle, wo unser Regiment so viel gelitten hat; bald erfuhren wir, daß Berlin schon von den Franzosen besetzt sey; bald hörten wir von dem Uebergange von Cüstrin, welche noch nie eingenommene Vestung die Thore 500 Chasseurs ohne einen Schuß geöffnet, bald von der Schlacht bey Prentzlow, wo der Fürst v. Hohenlohe mit dem Ueberrest seiner Armee das Gewehr gestreckt habe, bald von der Uebergabe Stettins; -- alle diese Nachrichten gingen ein, wie der König bereits hier war.

SectieGraudenzPK

Die hart an der Stadt Graudenz liegende Vestung *) Graudenz wird nun jetzt aus allen Kräften in Vertheidigungsstand gesetzt, und dazu alles aufgeboten, ja sogar Tag und Nacht daran gearbeitet. Eine solche ängstliche Anstrengung ist hier beyspiellos, zeigt aber von dem Rettungslosen unsrer Lage, und macht alle um so muthloser. -- Zwar sind wir der Hoffnung, daß die Franzosen nicht bis über die Weichsel dringen werden; warum wir aber das eigentlich hoffen, wissen wir freylich nicht. Sollte aber die Vestung Graudenz, welche schwerlich so leicht, wie Cüstrin, sich ergeben würde, wirklich belagert werden, dann ist die Stadt verloren, und muß fast bey einem ernstlichen Bombardement von der Vestung aus in den Grund geschossen werden. Bedaure und beklage dann mein Schicksal. -- Ich wohne mit meiner Familie in der Vorstadt nach der Vestung hin, welche den Kugeln am ersten und am meisten ausgesetzt ist. Froh, unser Leben zu retten, würden wir dann fliehen und alle unsere Habseligkeiten Preis geben müssen. -- Wir wissen nicht, was wir thun sollen! -- Unsre Sachen in eine andere Stadt, vielleicht nach Culm oder Marienwerder zu schaffen, ist nicht möglich, da wir keine eignen Pferde haben, und ein Fuhrwerk jetzt wegen der Menge von Fliehenden nicht zu bezahlen, ja gar nicht zu bekommen ist. Meine Resignation ist, das Aeußerste abzuwarten, und nur, wenn uns die Kugeln um den Kopf fliegen, mit einem Koffer der besten Sachen aus dem Schusse zu gehen.

*) Wir machen die Leser hierbey auf die in dem 1sten Bande des Intelligenzblattes zu den N. F. Br. befindliche genaue Beschreibung der Vestung Graudenz aufmerksam, welche als Seitenstück hiezn dort angeführt ist.

Unserm Regiment ist es übel ergangen. Am 17ten v. M. haben die Franzosen, welche man so nahe noch gar nicht glaubte, Halle besetzt. Unser 1stes Bataillon wird commandirt, die französische Armee von 40000 Mann aus Halle zu werfen, und wird natürlich fast ganz aufgerieben. Nur wenige, größtentheils verwundete Officiers und Gemeine sind zurückgekommen, welche aber von den Uebrigen, welche geblieben oder gefangen genommen sind, keine Auskunft geben können. Wo der General v. M., wo meine Collegen geblieben sind, wissen wir eben so wenig. Blos der Feldprediger ist von Halle zu Fuß hierher gekommen. Das 2te Bataillon des Regiments ist nicht mit in Halle gewesen, sondern bey der Hohenlohschen Armee geblieben; wahrscheinlich ist es also bey Prentzlow in die Pfanne gehauen oder gefangen worden.

Der Himmel weiß, ob das Regiment so bald reorganisirt wird, und ich werde wohl von meinem Posten Abschied nehmen müssen; jedoch bekomme ich bis jetzt noch mein Tractament richtig ausgezahlt. -- Trübe Aussichten, mein guter Bruder! Schwere Zeiten scheinen bevorzustehen, und wer vermag wieder das eiserne Geschick zu kämpfen, das allgewaltig über und gebeut.


Den 16ten Nov. 1806.

Am 13ten schloß ich mein Schreiben ziemlich wohlgemuth; seitdem hat sich aber unser Verhältniß sehr verschlimmert, denn die Franzosen stehn uns jetzt wirklich schon gegenüber, und wir erwarten sie stündlich hier in der Stadt. Vorgestern erfuhren wir schon, daß sie in Bromberg, 9 Meilen von hier, angekommen wären; gestern waren sie in Schwetz, 3 Meilen von hier, und auch denselben Tag schon hier bey Graudenz. Doch ich will der Reihe nach erzählen. Am 13ten, gerade als ich zu schreiben aufgehört hatte, bekam ich einen Brief von den Commandanten v. ****, der mich zu sich auf die Vestung beschied, und mit den Antrag machte, dem ** zu assistiren, dessen Arbeiten sich zu sehr häuften, wobey er mit zugleich eine ansehnliche monatliche Zulage zusicherte. Ich durfte dieser guten Meynung nicht entgegen seyn, und mußte mich denselben Tag schon, wollte ich wohl oder übel, der übertragenen Arbeit unterziehen. Gestern des Nachmittags war ich eben noch bey der Generalin von M., welche, da sie ihr Quartier der Königl. Familie hat räumen müssen, uns gegenüber gezogen ist, als mit Einem Male auf der Straße ein großer Tumult und das Geschrey entstand: Die Franzosen kommen! Alles stürzte zum Thore hinaus, ich selbst ergriff meinen Hut, um nachzusehen, was daran wäre, und die Generalin ging zur Königin hinüber. Vor dem Thorner Thore ist ein Anhöhe, welche man die Schanze nennt. Dieser war voll Menschen, unter welche ich mich mischte. Man konnte aber hier nichts weiter sehen, als daß auf dem gegenseitigen Ufer der Weichsel auf dem Damme mehrere Reiter hinjagten, wobey einzelne Pistolenschüsse fielen. Ein Detaschement Dragoner und Husaren, die drüben gestanden hatten, kamen bald herüber, und brachten zwey gefangene französische Husaren mit. Ein Commando von unsern Husaren blieb aber diese Nacht noch drüben, und brachte heute noch einen Gefangenen ein, den es einzeln aufgegriffen hatte. Während ich mich aber so auf der Schanze befand, fing man an in der Stadt Lärm zu schlagen, und alles trat unter die Waffen. Ich besorgte, daß meine Frau darüber sehr erschrecken möchte, und eilte schnell wieder nach Hause. Unterdeß hatte die Generalin der Königin von mir gesagt, daß ich ausgegangen sey, um zu sehen, was es gäbe, worauf die Königin, welche in der größten Unruhe war, indem der König gerade ausgeritten gewesen, mich überall hatte suchen lassen, um von mir Erkundigungen einzuziehen, -- was ich aber zu spät erfuhr. -- Groß und immer größer wurde nun hier der Wirwarr, das Laufen, Rennen, Räumen, Flüchten und die Furcht und Bangigkeit der Menschen. Dennoch entschlossen sich der König und die Königin, um die Menge zu beruhigen, die Nacht noch hier zu verweilen. So blieb nun alles den gestrigen Tag in der gespanntesten Erwartung.

Heute früh aber mit Tages Anbruch fuhr der Hof ab, nach Osterode, 13 Meilen von hier, wo sich die Armee zusammen zieht, und sich alles sammelt; -- ein Gerücht fügt hinzu, daß auch dort bereits eine Colonne Russen angelangt sey. Die Königliche Suite und Equipage war schon gestern früh abgegangen. Bald nach dem Abgange des Königs erschien ein französischer Obrister mit einem Trompeter auf dem jenseitigen Weichsel-Ufer. Der Major v. Ziethen fuhr hinüber und nahm ihm seine Depesche ab. Man erzählte sich bald, daß es eine Aufforderung an die Vestung gewesen sey, und die darauf ertheilte Antwort ließ sich sehr leicht daraus entziffern, daß die oben genannte Schanze vor dem Thorner Thore und unter das Weichsel-Ufer sogleich stark mit Kanonen besetzt, und der Theil der Brücke, der noch stand, (denn gestern hatte man schon angefangen, gemächlich die Brücke abzutragen) in Flammen gesetzt wurde. Hoch lodert noch jetzt die Flamme empor, und erleuchtete in der Abenddämmerung mit ihrer Glut die Weichsel-Ufer, die Stadt und ganze Gegend, und spiegelt sich schrecklich in den Fluten des Stroms; -- ein schauderhaftes Schauspiel, das die neugierige, aber betäubte, muthlose Menge anstarrt, der trauernde Menschenfreund aber als furchtbare Fackel an der Spitze des kommenden Krieges betrachtet. -- So eben kommt die Nachricht von Düroc's Ankunft, der hier durch geht und zum König abgesendet ist. Man fürchtet nun keinen Uebergang der Franzosen in hiesiger Gegend über die Weichsel, wo sie sich den Kanonen zu sehr aussetzen würden, da der Uebergang bey Culm weit leichter ist, und durch nichts verhindert wird. Alle Weichsel-Gefäße von Thorn bis Danzig sind zwar zerhauen oder verbrannt, aber man sagt, daß die Franzosen, die auf alles denken, Oder-Gefäße mitbringen. Wie stark die Macht ist, die Graudenz bedroht, wissen wir nicht, denn man bemüht sich durchaus gar nicht, sichere Nachrichten von dem Stand und den Unternehmungen des Feindes einzuziehen. Man wartet lieber, bis der Feind kommt, um zu sehen, wie stark er ist. Richtig! denn da erfährt man es doch am sichersten. Einer von den gestern eingebrachten Gefangenen gab die Stärke auf 80,000 Mann an. Ich wüßte aber nicht, was ihn bewegen sollte, die Wahrheit zu sagen. So viel ist indessen gewiß, mit einer kleinen Macht wagen sich die Franzosen gewiß nicht über die Weichsel.

Mein Entschluß beharrt noch immer, so lange als möglich hier auszuhalten. Einer Theil unsrer Sachen haben wir in Koffer gepackt, und wollen sie, wegen Feuersgefahr, in Keller setzen; denn vor Plünderung ist mir weniger bange, da dem französischen Heere auch bey uns bis jetzt das Gerücht eines großmüthigen Feindes vorausgehet, und das Eigenthum bey regulirten Truppen gänzlich gesichert seyn soll. Lebensmittel giebt man ihnen, so viel man hat; mit Sachen werden sie sich nicht schleppen. Sollte es aber aufs Aeußerste, auf den Fall kommen, daß die Stadt von der Vestung aus beschossen würde; so nehmen wir das Beste mit, flüchten in irgend ein nahgelegenes Städtchen und weiter nicht, und leiden dort geduldig das Schicksal, das alle trifft; denn in der Nähe einer Vestung läßt sich freylich nicht gut bleiben.


Vestung Graudenz, den 23. Nov. 1806.

Wunderst Du Dich nicht, daß ich Dir von der Vestung aus schreibe? So wisse denn, daß ich mich schon seit dem vorigen Donnerstage -- heute haben wir Sonntag -- mit Weib und Kind und Sack und Pack auf derselben befinde. Sieh, so muß man in diesem Drange der Zeit und der Umstände oft schnell seine Vorsätze ändern, und gerade das thun und wählen, was man am meisten fürchtete. Jeder Tag, jede Stunde, jeder neue Vorfall reißt uns, wie ein Strom auf wilder Woge, immer weiter, immer vorwärts, immer mit fort mit dem übrigen Gewühl. Laß Dir erzählen, wie das zuging:

Ich habe mich immer vor der Vestung gefürchtet, denn die Freyheit ist doch eine schöne Sache, und wenn man auch um alles gekommen wäre, im Fall die Franzosen Graudenz besetzt hätten; so war doch das Leben gesichert, da man immer das Freye suchen konnte. Ist man aber einmal in dem Vogelbauer einer Vestung eingesperrt; so kann man, wenn es schlimm geht, nicht mehr fort, und setzt sich bey hartnäckiger Vertheidigung und doch endlich gelungener Wegnahme der Vestung nicht selten einer sehr üblen Behandlung von Seiten des Feindes aus. Dieser Meynung war aber meine Frau nicht, sie glaubte sich in der Vestung weit sicherer, und da ich ihr gern den Willen thue *), wenn es irgend mit Vernunft geschehen kann; so gab ich besonders auch durch folgende Gründe bewogen nach: Man fürchtet nämlich keinesweges, daß der Feind sich an die Vestung wagen werde, weil man sich überzeugt hat, daß er kein Wurfgeschütz bey sich führt, sollte es aber wirklich zum Bombardement kommen; so ist dabey fürs Leben wenig riskirt, da sichs in einer Kasematte ziemlich sicher wohnen läßt. Ueberdieß verlor ich ja, sobald die Vestung geschlossen war, augenblicklich mein Tractament, welches ich dagegen hier in der Vestung ununterbrochen fortgenieße, und mit vom Commandanten noch außerdem Portionen versprochen worden sind, sobald die Vestung gesperrt wird. Da wir uns nun sogar mit Vorrath versorgt haben; so können wir, wenn die Belagerung auch lange dauern sollte, dem Hunger Trotz bieten **).

*) O weh!
**) Der Referent geht von dem Princip aus: Liebe dich selbst vor allen andern; er hätte Graudenz nicht gehalten.

Dieses alles bewog mich, meinen Aufenthalt auf der Vestung zu wählen. Ich bekam mehrere Fuhren von guten Freunden aus der Stadt, und es ging alles schnell und leicht. Vor der Hand wohnen wir auch in einem Hause, wo wir drey rechte hübsche Stuben inne haben. Kommt es aber wirklich zur Belagerung und zum Beschießen; so müssen wir alsdann in eine Kasematte ziehen. Bis jetzt aber sieht es noch ziemlich friedlich aus. Vorige Mittewoche, Donnerstag und Freytag folgten einander unaufhörlich üble Nachrichten, ohne daß jedoch etwas Weiteres geschah. Die Franzosen hatten sich dem zu Folge gegen Thorn stromaufwärts gezogen, waren oberhalb Thorn über die Weichsel gegangen, und hatten Thorn selbst beschossen, welches in Flammen stehen sollte. Letzteres war aber nicht wahr. Es waren bloß ein paar Kanonenschüsse auf die Leute gethan worden, welche die Brücke abbrachen und anzündeten. Aus Schwetz und Bromberg aber kamen einige Kaufleute hier an, welche ganz ausgeplündert worden waren, -- ein neuer Beweggrund für uns, die Vestung zu wählen. Gestern verbreitete sich das angenehme Gerücht, daß der König wieder hierher zurückkommen werde. Von den Franzosen hört und sieht man jetzt nichts. Die Besatzung der Vestung besteht aus 7000 Mann, und wenn sie geschlossen wird, kommt noch das Bataillon herein, welches jetzt in der Stadt steht. Die Verpallisadirung ist fast gänzlich vollendet. Nun Adieu, bis etwas Neues vorfällt.


Den 28. Nov.

Seit ich Dir schrieb sind mehrere Tage verflossen, und noch immer sind wir weder klüger, noch ruhiger. Vor einigen Tagen ist der Marschall Düroc flüchtig und schnell wieder retour durch Graudenz gegangen, hat mit keinem Menschen gesprochen, und soll sehr verdrüßlich gewesen seyn. Man sagt, die Friedensbedingungen wären so hart gewesen, daß der König gar nicht darauf geantwortet, sondern dem Düroc den Rücken zugekehrt habe. Darauf soll der König nach Pultusk in das Hauptquartier von Bennigsen gegangen seyn. Wahrscheinlich wird man aber wohl so lange zögern, ehe man etwas unternimmt, bis Napoleon allen Succurs, den er haben will, nachgezogen hat; denn nach Briefen aus Stettin, die ich selbst gelesen habe, sind die französischen Durchmärsche zahllos. Thorn ist aber doch stärker beschossen worden, als man meynte. Weil aber der Feind keine Bomben, sondern nur Haubitz-Granaten gehabt, die er mit Bogenschüssen hineingeworfen hat, so sind nur die Thürme und Giebel beschädigt. Mehrere Personen sollen aber verwundet seyn. Die Franzosen hatten sich auf einer Insel nahe bey Thorn verschanzt. Der Major Decker kam des Nachts mit einer reitenden Batterie an, und machte mit Anbruch des Tages ein solches Feuer auf die Insel, daß die französische Batterie bald demontirt, und in einer halben Stunde die Insel befreyet wurde. Französische Gefangene sind jetzt wieder einige Mal hier eingebracht worden, vorgestern unter andern ein Officier mit 6 Gemeinen, welche alle sehr blessirt waren, und sich aufs Aeußerste, gewehrt hatten, ehe sich sich gefangen gaben. Es ist wahr -- einen interessanten Anblick geben diese Menschen. Welch ein Feuer des Muthes blitzt aus ihren Augen, so daß selbst der gefangene Franzos noch immer imponirt. Mit stolzer Verachtung blickten diese Menschen um sich, als wären sie gewiß, daß dieser Ihr Zustand nicht lange dauern werde. Nicht allein gewöhnlich schön von Gestalt, auch mehrentheils von Bildung des Gesichts, verfeinert durch die edlen Sitten ihres Landes, durch Erfahrung gewiegt, beflügelt von dem Heldengeist, der aus dem Geiste Napoleons über die ausfließt, stehn sie da, diese Menschen, in stiller, vollendeter Herrlichkeit, -- und man kann sie nicht verachten!!

Aber auch unsre Jäger haben sich in diesen Tagen immer recht brav gehalten, sie schleichen sich über die Weichsel und treffen auf ein Haar.


Dec. 1806.[]

Den 4. December.

Eine Zeit nach der andern vergeht, die Entscheidung scheint näher zu rücken, und dennoch verzögert sie sich unglücklich. In den ersten Tagen dieses Monats erhielt das Corps des General Lestok, welches die Ufer der Weichsel bisher besetzt hielt, und den Franzosen den Uebergang leicht verwehren konnte, Ordre zum Aufbruch zur Armee. Die großen Magazine aus Thorn sollten erst die folgenden Tage, nachdem das Corps abgezogen war, weggeschafft werden. Die nie säumenden Franzosen hatten aber natürlich nicht darauf gewartet, und als die Bauern zur Abholung des Magazins nach Thorn kamen, fanden sie die Stadt schon besetzt, und die Magazine in der Gewalt des Feindes. Die Macht der Franzosen, die über die Weichsel gegangen ist, soll sehr bedeutend seyn. In wenig Tagen muß es sich nun ausweisen, ob es auf Graudenz gemünzt sey oder nicht, und ob es blos zur Blokade, oder zur förmlichen Belagerung der Vestung kommen wird. Die Französischen Patrouillen streifen jetzt nahe in unsrer Gegend, und diesen Morgen hat der Husaren-Lieutenant v. Hymme mit seinem Piket bey Mischke, eine Meile von hier, ein kleines Scharmützel mit vier französischen Chasseurs gehabt.


Den 12. December.

Der Feind nähert sich immer mehr und mehr. Heute den ganzen Tag sind die Husaren, Jäger, Füsiliers mit ihnen engagirt gewesen. Einer unsrer Husaren hat sich dabey sehr brav benommen. Er stößt einzeln auf drey französischen Chasseurs, attakirt sie, zwey nehmen Reißaus, und den dritten schießt er herunter. Er brachte das erbeutete Pferd, den Mantelsack, den Säbel und die Uhr auf die Vestung. Nach Tische kam die Nachricht, daß sich viel Feinde im Stadt-Walde, eine Viertelstunde weit von der Stadt, gezeigt hätten, und schön mit unsern Jägern handgemein geworden wären. Hierauf rückte ein Commando Husaren von 60 Mann aus, welches so eben jetzt, Abends um 7 Uhr, zurückgekommen ist. Der Feind ist nicht soutenirt gewesen, daher sie ihn bis Rhonsen zurückgedrängt haben, wobey 3 Franzosen, und von unsrer Seite ein Füsilier geblieben. Das zweyte Bataillon v. Besser ist so eben aus der Stadt auf die Vestung gerückt, und nun ist die Stadt nur noch mit 100 Jägern und eben so viel Füsiliers besetzt. Nun werden wohl alle Tage dergleichen Auftritte vorfallen. Eben jetzt gehen wieder neue Nachrichten ein, die sich durchgeschlichen haben. Der General v. Lestok hat sich mit seinem Corps bey Lauterburg, 10 Meilen von hier, gesetzt, und will nun bald die Franzosen angreifen. Die Insurrektion in Südpreußen soll allgemein, und Dombrowsky in Thorn seyn. Der Himmel gebe, daß die Franzosen eher aus dieser Gegend vertrieben werden können, als die Insurrektion ganz zu Stande kommt; denn die Pohlen sind uns, ihrer schon lange gegen die Preußen verhaltenen und nun schrecklich ausbrechenden Rache halber, furchtbarer, als die Franzosen, ungeachtet auch die Franzosen das ihnen vorausgegangene Gerücht von Großmuth in hiesiger Gegend nicht ganz bestätigt haben sollen. Denkt und beurtheilt man aber die Sache vernünftig; so darf und wird man sich darüber nicht wundern. Wie ists möglich, daß bey einer so großen Armee einzelne Excesse vermieden werden können, bey Menschen, die wirklich in Feindes Land sich befinden und vom Siege trunken sind? Wer weiß, wie es unsre Leute machen würden, wenn sie in Feindes Land als Sieger kämen!


Den 30. December.

Eine Reihe von Tagen ist verflossen, und noch immer die alte Lage der Dinge. immer hält man uns von Zeit zu Zeit mit günstigen Siegesnachrichten hin, die sich nie bestätigen. Das ganze diesseits der Weichsel befindliche französische Corps soll von Lestok total geschlagen und versprengt seyn. Leider können wir aber nicht sagen: es ist, sondern soll seyn. Die Nachricht ist von einem Thorner, der von dort hier angekommen ist und versichert, selbst Partien von 7 bis 800 Franzosen begegnet zu seyn, welche größtentheils ohne Gewehr Thorn zu erreichen gesucht haben; die Affaire soll den ersten bis zweyten Weihnachtsfeyertag gedauert haben, und äußerst hartnäckig gewesen seyn. Gelacht habe ich sehr, als ich die Hamburger Zeitungen vom 16ten dieses Monats las, in welchen steht: daß die Vestung Graudenz am 20 Novbr. übergegangen sey; auf der andern Seite ist es mit aber unangenehm, weil ihr in Sachsen dadurch unsertwegen besorgt seyn werdet.


Jan. 1807.[]

Den 17. Januar 1807.

Nun scheint doch wohl die Reihe einmal an uns kommen zu wollen. Vorgestern schon ging die Nachricht ein, daß mehrere Regimenter Franzosen von Thorn aus auf Graudenz losmarschirten, und am Abend desselben Tages brachten auch die Jäger sechs gefangene Kürassiere ein, lauter bildschöne Leute, welche sie in Lunau, zwey Meilen von hier, aufgehoben hatten. Gestern aber näherte sich die Feinde der Vestung noch mehr, und kamen bis Tarpe, eine halbe Meile von hier, seitwärts. Die Jäger und Husaren patroullirten dahin, und waren den ganzen Nachmittag engagirt. In Tarpe haben sie eine Eskadron Dragoner getroffen, welche sie gut zugedeckt haben, denn außer vielen Verwundeten sind 16 auf dem Platze geblieben. Im Orte selbst hat es schrecklich, und zwar so ausgesehen, als ob vor jedem Hause geschlachtet worden wäre. Von unsern Husaren ist einer todt geschossen und einer gefangen worden. Ernstlicher noch gings heute. Diesen Morgen näherte sich der Feind von allen Seiten. Zuerst wurden unsre Leute im Stadt-Walde mit ihm handgemein; da aber der Feind überlegen war; so mußten sie sich nach der Stadt zurückziehen. Der Feind wagte sich nun dicht an die Vorstadt, wo er aber doch durch die Jäger, welche sich hinter die Gartenzäune versteckt hatten, in Respekt gehalten wurde. Vor Tische nach 11 Uhr ging ich mit meiner Frau vor die Vestung auf einen freyen, aber sichern Platz, wo man von einer Anhöhe die ganze Gegend übersehen kann. Ein interessantes Schauspiel, die Scenen des Kriegs, kleine Bataillen, Angriffe, Rückzüge, Chocs u. dergl. deutlich mit ansehen zu können, ohne doch Gefahr fürchten zu dürfen *). Das Auge ermüdete fast, denn immer wurde es durch neue Auftritte bald da, bald dorthin gelockt. Unzählige Schüsse fielen bald hier, bald da, Dampfwolken wirbelten, verdeckten hier eine Scene, zerstoben vom Wehen des Windes und -- wie eine Gardine aufgezogen wird, -- zeigten sie hinter sich einen neuen Auftritt, ein neues Getümmel; -- Reuter flankirten, andre jagten, noch andre stürzten; -- Schwerter, Bajonetts blinkten im Glanz der Sonne -- würgten -- mordeten, -- ach und lauschend horchte gleichsam die ganze Gegend, -- alle Vögel flogen verschüchtert umher, alles war still; die ganze Natur schien, in Trauer gehüllt, zu starren, wie die Menschen sich würgten, und die Geister der Gefallenen entflohen! Die Luft schien mit entfesselten Geistern erfüllt, der Herr der Heerschaaren schwebte daher, grimmig schritt der Tod über das Gefilde, und von Minute zu Minute wuchs die Zahl der Halme und der Garben und der zukünftigen Thränen, die sein Schnitteramt fließend machte **). An die Mütter dacht ich, an die Bräute -- an junge Weiber, die vielleicht eben jetzt ahnungslos die Kinder von dem Vater unterhielten, oder in süßen Träumen an dem Herzen lagen, das jetzt der Wille Gottes, des Allmächtigen, brach. Unendlich klein kam mir die Gegenwart, die Zukunft, jenseits der Gräber unendlich wünschenswerth, und reich an jeglicher Vergeltung, vor. -- Und das alles, was wir sahen, war noch keine Schlacht, war im Verhältniß zu einer Schlacht nur ein unbedeutendes Gezänk. Wie fürchterlich -- über alle Vorstellung fürchterlich, muß eine Schlacht seyn! Das Gefecht zog sich jetzt rechts, und verschwand endlich hinter einem Gebüsch ganz vor unserm Auge. Jetzt wendeten wir und links nach Tarpe zu, und hier entdeckte ich, durch Hülfe meines guten Perspektives, hinter diesem Orte den Berg herunter eine ganze Colonne Franzosen, wahrscheinlich ein Infanterieregiment mit einer Avantgarde von Cavallerie. Geschütz konnte man nicht entdecken. Diese Colonne zog sich wie eine Schlange den Berg herunter nach Tarpe, und schon diesseits Tarpe standen Vorposten. Hier schien es nun zu neuen Auftritten zu kommen. Man mußte vermuthen, daß diese Anrückenden sich unter die Vestung hinwegziehen, und unsre Truppen, welche in den Wald gelockt waren, abschneiden würden, daher erhielten diese zwar Soutien, aber auch zugleich von der Vestung aus Ordre, sich zurückzuziehen. Wie aber das Spiel des Kriegs sich oft so ganz anders spielen mag, als man denkt, so wars auch hier. Die Franzosen in Tarpe fanden es nicht für rathsam, näher zu kommen, sonder standen still. Darüber gingen wir nach Hause, um, ermüdet von der fortwährenden Anspannung, ein paar Bissen zu essen. Eilig stellten wir und dann aber wieder auf unsern Posten, und da sahen wir, daß sich dieselbe feindliche Colonne hinter Tarpe herumzog, und hinter einem Wäldchen sich verlor. Wo sie von dort gehen wollten, war nicht einzusehen. Der Weg führt nach den Ossa-Krügen, und es schien fast, als ob sie so die Vestung umgehen wollten. Jetzt aber entwickelte sich nun ein neues Schauspiel. Da sich nämlich die Truppen entfernt hatten, und die Passage von der Stadt nach der Vestung frey geworden war; so erhob sich auf diesem Wege eine reges Leben. Das war ein endloses Laufen, Reiten, Jagen, Fahren! Was sich retten wollte, denn man war nun nach diesen Vorfällen in der Stadt nicht wenig in Angst, und erwartete in kurzem einen neuen und ernstlichern Angriff. Meine Frau wollte, da jetzt gerade für den Augenblick keine Gefahr sichtbar war, das Wagestück machen, und in die Stadt gehen, um ein paar Freundinnen zu besuchen; allein das ließ ich doch nicht geschehen. Der armen Stadt wird es auch wirklich nicht zum besten ergehen, wenn sie hineinkommen werden, weil wirklich mehrere reiche Partikuliers in Graudenz sich befinden, -- und alles ist doch bey weitem nicht auf die Seite geschafft worden. Ja die Mehresten sollen gar nichts gethan, sondern sich ganz dem Schicksal überlassen haben. Was hilft auch am Ende in diesem Kriege alles Fliehen, denn wohin man fliehet vor diesem Feinde, so ist er auch da, und flöhe man mit Flügeln der Morgenröthe, man würde dennoch von ihm erreicht. Die in Graudenz befindlichen Reichen sollen bereits den Franzosen recht wohl bekannt seyn, denn es war vorhin ein Bauer aus Gotsch, einem Dorfe nahe am Stadt-Walde, hier, welcher erzählte, daß die Franzosen gesagt hätten: Die Vestung kümmere sie nichts; aber ihre Absicht gehe auf die Stadt, dort habe der Seifensieder Sch**** gute Fässer Geld, die Madam W**** habe schöne Tücher, und der Kaufmann W**** gute Wein, -- das wollten sie sich ausbitten. So gut sie durch verrätherische Einwohner des Landes von allem unterrichtet, daß sie ohne zu fragen an die Häuser gehen, wenn sie in die Städte kommen, und die Wirthe mit Namen herausrufen ***).

*) Bravo!
**) Referent scheint ein besserer Poet, als Soldat zu seyn.
***) Ist wahr, und allenthalben so gewesen. Es beweist, wie tief die Preußen gesunken waren.

Daß dieses Corps bestimmt sey, die Vestung zu belagern, glauben wir noch nicht, denn dazu gehören wenigstens 50,000 Mann, und so viel haben sich uns doch bey weitem noch nicht gezeigt, auch können sie diese bey der großen Armee jetzt wohl ohnmöglich entbehren. Es ist wahrscheinlich entweder ein Corps, welches die Vestung observiren, um einem anderen Corps Franzosen, welches schnell über die Weichsel gegangen seyn soll, den Rücken zu decken, oder sie sind durch Mangel an Lebensmitteln gedrungen, sich dieser Gegend zu nähern, weil sie weiterhin nichts mehr zu leben finden. Obige Nachricht von dem Uebergange eines neuen starken Corps über die Weichsel kam vor ohngefähr 4 Tagen durch ein Piket vom Regimente Königin Dragoner hierher. Diese standen jenseits der Weichsel in Neuenburg, und waren unvermuthet von pohlnischen Insurgenten angegriffen worden. Dabey ist es aber heiß hergegangen, und der pohlnische General Komirowski ist geblieben. Endlich wurden die Unsrigen von der Uebermacht jenes anrükkenden Corps zurückgeworfen.


Den 22. Januar.

Vormittags.

Die Vorfälle in diesen Tagen erneuern sich unaufhörlich. -- Das Costüme des Theaters hat sich aber geändert. Bisher waren es lauter Franzosen, die sich rings umher von Zeit zu Zeit blikken ließen, jetzt sind wir aber von lauter Bayern umringt. Seither machten sie zwar täglich Miene auf die Stadt, allein sie wurden immer mit ansehnlichem Verlust zurückgeschlagen, -- der unsrige ist unbedeutend. Heute aber scheint es ernstlicher zu werden. Denn einige Gefangene Bayern haben ausgesagt, daß man heute die Stadt nehmen würde, es koste auch, was es wolle, und so eben, indem ich dieses Schreibe, sieht man sie in Masse gegen die Stadt anrücken. Ein ansehnliches Detaschement mit zwey Kanonen rückt aus, ihnen entgegen, und ängstlich klopft mir das Herz, wie es ablaufen wird. -- Ich habe wenig Glauben, wenig Hoffnung! -- Noch aber entdeckt man wenig Geschütz bey ihnen. Aus ihrem Mannöver sieht man deutlich, daß sie keine Absicht auf die Vestung haben, -- nur die Stadt mit ihren reichen Kaufleuten sticht ihnen in die Augen. Ich zittre für die armen Einwohner, für meine dortigen Freunde! In welcher bangen Erwartung mögen jetzt die Menschen schweben, wenn eine beunruhigende Post nach der andern kommt, -- wenn die entgegenrückenden Truppen durch die Stadt ziehen, und dumpf die Kanonen durch die Straßen rollen, und furchtbar verkündigen, was da geschehen soll! --

Nachmittags.

O Schicksal! -- So eben sind sie in die Stadt eingerückt -- unsre Kanonen und Mannschaft kamen leider zu spät, als der Feind schon zu weit sich genähert hatte. -- Der Widerstand war fruchtlos, der Feind überlegen. -- Unser Koffer, worin wir die besten Sachen in einem feuerfesten Keller verwahrt haben, wird wahrscheinlich auch dahin seyn! Wir erleiden dadurch einen bedeutenden Verlust! -- Hin ist hin! -- Ich muß schließen und Anstalt machen, daß wir gleich in die Kasematte können, wenn es mit dem Beschießen der Vestung seinen Anfang nimmt, und die Kugeln anfangen zu fliegen.


Den 23. Januar.

Nachmittags.

Leider hat sich der Feind in der Stadt festgesetzt und hat nicht wieder herausgeworfen werden können, weil wir viel zu schwach waren und zu viel Leute würden haben aufopfern müssen. Franzosen und ein Bataillon Hessen-Darmstädter sind es, die es sich in der Stadt recht wohl seyn lassen. Die gestrige Affaire war mehr eine Ueberrumpelung, wobey denn auch an Mannschaft nicht viel verloren worden ist. Unser Verlust beträgt 14 Mann und 2 Pferde, der Feind soll aber 43 Todte und Blessirte haben. Indeß habe ich zu meinem Troste erfahren, daß nicht geplündert wird. Alles von unsrer Mannschaft ist nun nach der Vestung zurückgezogen worden, und der Etat der Vestung nimmt von heute seinen Anfang, das heißt, wir bekommen Natural-Verpflegung. Gestern war aber ein schrecklicher, angstvoller Tag. Das Schießen hörte nicht auf, und jeder Schuß, den wir hörten, erschreckte uns. Seit ein paar Stunden donnern jetzt die Kanonen vom Hornwerk, um den Feind gegenüber von Schloßberge, wo er sich verschanzen will, zu vertreiben. Dabey sitze ich aber ganz ruhig an meinem Pulte, und meine Frau ist sogar so dreist, daß sie auf den Wall gegangen ist, um auch dieses Schauspiel mit anzusehen. So leicht gewöhnt man sich an schreckliche Auftritte. -- Geschütz hat bis jetzt der Feind noch gar nicht bey sich, er hat aber ausgebreitet, daß es bald nachkommen werde.


Den 26. Januar.

Seit zwey Tagen ist alles ruhig gewesen, und das Ding möchte so seyn! -- wir hätten hier keine Noth, denn man sitzt hier, nach einer zwar sehr gemeinen, hier aber sehr treffenden Redensart, wie die Maus im Specke. Wenn nur die fatale Aussicht in die Zukunft nicht wäre! -- Zu essen und zu trinken giebt es vollauf, und oft, wenn ich den Vorrath, welchen ich aus dem Magazine bekomme, betrachte, denke ich an die Noth, die wir vielleicht in Zukunft leiden werden. Denn es ist wohl mehr als zu wahrscheinlich, daß am Ende in hiesigem Lande eine Hungersnoth entstehen muß *). Die Lebensmittel waren schon vor dem Ausbruche des Krieges durch die großen Lieferungen fast aufgezehrt, -- und das noch Uebrige verheert jetzt der Krieg und macht das Land arm.

*) Ein braver Esser, und ein schlechter Patriot.

Diejenigen feindlichen Truppen, welche die Stadt nahmen, sind heute wieder aus- und ein andres Corps dafür eingerückt, welches sich aber nicht so gut betragen soll. -- Bey uns in der Vestung verbreitet sich unaufhörlich ein Heer von Sagen, denen man aber nicht viel Glauben beymessen darf, weil sie blos von gemeinen, hin- und herlaufendem Gesindel herrühren, die nichts wissen. So heißt es z. B. man arbeite in der Stadt an Sturmleitern; heute habe der Feind Geschütz erwartet, und so mehr.


Den 27. Januar.

Wir sind nun noch enger eingeschlossen, und alle Communikation, die bisher doch noch in etwas statt fand, ist ganz abgeschnitten. Prinz Bernadotte steht jetzt in hiesiger Gegend mit 40,000 Mann, und wir bilden im großen französischen Ozean gleichsam ein kleines Inselchen. Da sollte einem wohl angst werden. Aber alle Ingenieurs und solche Leute, die das Ding verstehen, behaupten, daß die Vestung gar nicht mit Sturm einzunehmen sey, so lange der Feind nicht wenigstens 40,000 Mann habe, die er blos zum Todtschießen daran wenden könne **). Ich halte mich also noch immer in meiner Lage für sehr glücklich und sicher. -- Auffallend bleibt es immer, was Bernadotte, welcher die Expedition nach Königsberg commandirte, mit einer so starken Armee jetzt hier will, da er schon so weit vor war. Es läßt sich daraus vermuthen, sogar hoffen, daß noch nicht alles noch Wunsche gegangen sey, und schon geht man so weit, daß man von der Möglichkeit eines Entsatzes redet. Gestern Nacht hörten wir eine sehr starke Kanonade nach Thorn zu. Was die zu bedeuten habe, weiß der Himmel; denn bald heißt es: die Russen haben sich auf ihre Grenzen zurückgezogen, bald sollen sie ganz nahe seyn. Indeß muß sich die Sache doch über lang oder kurz, und, wie man hofft, sehr bald entscheiden. Wir haben nämlich noch 4 Monate vollauf zu essen, und eine Armee von 40,000 Mann kann wegen Mangel an Lebensmitteln nicht 2 Monate in dieser Gegend subsistiren. Wir können nichts thun, als -- Geduld haben und abwarten.

**) Eine genaue und treffliche Beschreibung der Vestung Graudenz findet der Leser in dem bekannten Intelligenzblatte zu den Neuen Feuerbränden, 1ster Theil.

Jetzt ist aber alle Tage Allarm. Bald zeigen sich die Feinde von dieser, bald von jener Seite, werden aber immer von der Vestung aus ganz höflich mit eisernen Pillen tractirt. Wir sind das Kanoniren schon so gewohnt, daß wir und kaum mehr unsehen. Seitdem die Vestung geschlossen, und die Magazine geöffnet sind, ist für den gemeinen Mann ein ganz anderes Leben entstanden, und man sieht lauter zufriedene, heitere Gesichter.

Vor einigen Tagen kam die Majorin, v. Liebermann von dem Füsilier-Bataillon, welches in Pultusk steht, mit Pässen glücklich hier an. Diese unglückliche Frau hatte sich mit ihren drey Kindern fast nackend und bloß flüchten und retten müssen, -- und denke Dir vor wem? -- es ist schrecklich zu sagen: -- vor unsern eignen Alliirten, vor den Russen. Diese haben in Pultusk schrecklich gewirthschaftet. Man hat der Liebermann alles genommen, und ihr kein Hemde gelassen. Ihre achtzigjährige Mutter hat sie bey den Haaren herumschleppen und dergestalt mißhandeln sehen müssen, daß sie auf der Flucht hierher noch gestorben ist, und ihr selbst hat man nicht so viel gelassen, daß sie ihre gute Mutter hat können begraben lassen. Es ist schauderhaft, zu hören, wie dieser schreckliche Krieg unser unglückliches Land verwüstet, da Freund und Feind gemeinschaftlich beflissen ist, ihm die tiefsten Wunden zu schlagen. Wir sind die Russen immer furchtbar gewesen, -- denn es läßt sich ja wohl von diesen rohen und ungesitteten Völkern unmöglich Bonhommie erwarten.

Vorgestern war ich Zeuge eines für mich schauderhaften Schauspiels. Nahe bey Neudorf, etwa tausend Schritte von der Vestung, ließen sich eine beträchtliche Menge Feinden blicken. Ich stand auf einem gewöhnlichen sichern Standpunkte, wo ich alles genau überschauen konnte. Jetzt wurden einige Kartätschen hinüber geschickt, und wie eine Staubwolke zerflog und zerstob der Trupp im Augenblick. Nur ein einziger Mann, ein Husar, blieb stehen, blickte keck herüber, und schien der Vestung Trotz zu bieten. Da nahm ihn eine Kanone aufs Korn, und kaum hatte sie gedonnert; so fiel auch schon der Husar vom Pferde herunter. Dieß war um so künstlicher gezielt, weil es mit keiner Kartätsche, sondern mit einer Paßkugel geschah. Kaum war jener gefallen, so flogen unsre Husaren hinüber, und schleppten ihn nach der Vestung. Ich ging hin, ihn anzusehen; aber diesen Anblick werde ich lange nicht vergessen. Die Kugel hatte ihm nämlich ein Stück aus der rechten Seite heraus- und den Arm mit weggenommen. Die Gedärme hingen, -- schrecklich zerrissen -- weit heraus, und dennoch, was über meine Vorstellung ging, dennoch lebte dieser Mensch noch, hatte unterwegs mit den Husaren gesprochen, und starb erst, als er im Bariere da lag. Man begrub ihn im äußersten Werke. Er hatte gute Kleidungsstücke, die selbst bis auf die Unterkleider sehr fein waren, eine Uhr und einen schweren Beutel mit Geld. Alles an ihm verrieth, ohngeachtet er Gemeiner war, einen Menschen von guter Familie. Hier lag er zerschmettert von der grausamen Hand des Krieges, vielleicht der geliebte Sohn seiner Eltern, die ihn nicht wieder sehen, und noch lange um ihn weinen werden. Wie macht doch der Krieg so viele unglücklich! -- wie zertrümmert er doch so unaussprechlich viel häusliches Glück! vernichtet so zahllose Familien-Freunden! Unsre Husaren und Jäger jubelten über den gemachten Fund, über die gemachte gute Beute, und meynten, daß sie jetzt recht gut daran wären. Diese Freude stach gewaltig mit meinen Empfindungen ab, die sich jetzt dabey in mir regten. -- Einen andern ähnlichen Anblick gewährte mir ein hessischer Officier, der am 23. Jan. verwundet und gefangen herein ins Lazareth gebracht wurde. Sein Unterleib ist schrecklich zerschossen, und man weiß noch nicht, ob er mit dem Leben davon kommen wird. Der Gouverneur hat ihm menschenfreundlich angeboten, ihn, wenn er wolle, nach der Stadt zu seinen Cameraden bringen zu lassen; allein er hat es ausgeschlagen, und versichert, daß er sich hier sehr sicher und ruhig fühle, und die gute Abwartung dort nicht haben werde, die er hier genieße. Heute ist sein Bursche und seine Equipage aus der Stadt nachgekommen, und ihm, um es bey seiner Verpflegung an nichts fehlen zu lassen, die Erlaubniß dazu gern ertheilt worden. Dieser Officier versichert, daß man den hessischen Truppen vorgespiegelt habe, Graudenz bestehe nur aus einigen Häusern, die mit einer Mauer und ein paar leichten Erdwällen umschlossen wären; sie würden es also binnen kurzer Zeit einnehmen können. Er sey aber, ohngeachtet seiner heftigen Schmerzen, bey seinem Hereinbringen über die ansehnlichen Vestungswerke erstaunt, und bedaure seine Cameraden, die es darauf versuchen sollten. -- Der Schlaf überfällt mich, alles schläft um und neben mir; es ist schon spät, also gute Nacht für heute!


Den 30. Januar.

Gestern konnte ich vor Freude nicht schreiben. -- Viktoria! -- Wir sind erlöset! -- Gestern früh um 7 Uhr bemerkte ich, als ich zum Fenster hinaus auf die Gasse blickte, eine ungewöhnliche Lebhaftigkeit, ein fröhliches und geschäftliches Laufen, Rennen und Rufen, und erfuhr, daß die Hessen früh gegen 6 Uhr in aller Stille die Stadt geräumt hätten. Nun war ein Treiben und Jagen. Husaren, Jäger, Infanterie und Kanonen gingen sogleich nach, um ihnen in den Rücken zu kommen. Bald glich nun auch die ganze Straße dorthin einem kleinen Triumph-Aufzuge. Den ganzen Tag über wurden Gefangene zu zwanzig bis dreißig gebracht, und die Straße blieb leer. Aus der Stadt hatten sie an Gelde 6000 Thlr. und 12000 Ellen Tuch mitgenommen. Von dem letztern wurde ihnen aber der größte Theil wieder abgejagt. Einige Mal brachte man ganze Pikets ein, die von dem schleunigen Abmarsch gar nicht waren benachrichtiget worden, und die man in der größten Ruhe und Sicherheit antraf und aufhob. Die Anzahl der gemachten Gefangenen mußte sehr beträchtlich seyn. Die Ursache dieser schnellen Retirade war folgende: Vorgestern Abend kommt die Avantgarde des Lestockschen Corps, bestehend in einem Piket Gensd'armes, nach Bialiechowa, eine Meile von hier, und hebt einen dort liegenden französischen General nebst seiner ganzen Suite auf. Ein einziger Officier entspringt aus dem Fenster, und bringt in den Nacht die Nachricht nach der Stadt Graudenz, daß die Preußen in der Nähe waren, worauf alles in der größten Eile aufbricht. -- Wir athmen nun wieder frey, und es ist einem doch ganz anders zu Muthe, wenn man weiß, daß man nicht mehr eingesperrt gehalten wird. Frey und ohne große Schwierigkeit besteht nun wieder die Communikation mit der Stadt. Freunde und Bekannte können sich nun wieder sehen, sprechen und umarmen, das Erlittene sich klagen und einander bedauern -- denn weiter können wir doch nichts in unsrer unglücklichen Lage thun, da wir immer noch ohne feste frohe Hoffnung in die düstre Zukunft blicken müssen. Es ist einem, als ob man nun einmal Athem schöpfen dürfte.


Febr. 1807.[]

Den 9. Februar.

Leider, leider! hat unsre Freude nicht lange gedauert; denn schon fängt sich unser Horizont wieder an zu trüben. Die Insurgenten, welche sich in bedeutenden Trupps von ferne zeigen, aber doch noch nicht über die Weichsel herüber wagen, lassen und nicht ruhig seyn, und von den Unsrigen sieht und hört man nichts. Also konnte wohl die Lestocksche Armee neulich so bedeutende Vortheile nicht errungen haben. Man möchte bald anfangen, von allen politischen Gegenständen zu schweigen, wenn es nur die Umgebungen erlaubten, -- denn was man heute schreibt, muß man morgen als unwahr wiederrufen, so sehr ist alles unser Wissen Stückwerk. Wir wissen ja beynahe nicht, ob eine Meile von uns Russen oder Franzosen stehen. Die Stadt ist in großer Angst, und erwartet fast stündlich wieder Zuspruch. Durch Rehden, eine Meile von hier, sind starke französische Durchmärsche gewesen, die aus 10,000 Mann italienischen Truppen bestanden, und über Thorn zur großen Armee haben eilen müssen. Daß sie sich in dem so ausgesogenen Lande haben ausbreiten müssen, um Lebensmittel zu finden, ist natürlich, und darum kommen einige so nahe in unsere Gegend, die aber gewiß keine Absicht auf unsre Stadt oder Vestung haben. Von dem Kriegs-Schauplatz bey Osterode und der dortigen Gegend haben wir keine Nachricht, oder wir bekommen sie so widersprechend, als schwarz und weiß; es lohnt sich also nicht, das Papier mit solchen Ungewißheiten zu verschwenden.

Unsre eignen innern Angelegenheiten beschäftigen uns jetzt beynahe mehr. Bey den Truppen unsrer Besatzung fallen sehr häufig Excesse und unruhige Auftritte vor, die auf nicht viel Harmonie, nicht auf Ergebenheit und Liebe der Untern gegen ihre Obern schließen lassen, welche wohl erforderlich ist, wenn in einer Lage, wie die unsrige, wo der Feind immer vor der Thüre ist, jeder seine Schuldigkeit thun, keiner den andern verlassen, und so das Ganze retten helfen soll. Dazu passen aber Vorfälle, wie der folgende ist, freylich keinesweges: Ein Musketier vom Regiment v. Besser ist vor dem Wasserthore auf der Wache, und schießt zwey Mal sein Gewehr aus bloßem Muthwillen los. Der wachthabende Officier, ein Lieutenant Philipp von den Füsiliers, der es ihm ausdrücklich verboten hatte, giebt ihm Fuchtel, und da der Kerl darüber ein loses Maul hat, arretirt er ihn und will ihn melden. Mehrere bitten aber für den Menschen, und so schenkt er ihm die weitere Strafe, giebt ihm, als die Wache abgelöst wird, sein Gewehr zurück und läßt ihn eintreten. In diesem Augenblicke beschließt der Bösewicht, den Lieutenant zu erschießen, geht mit diesem Vorsatze, als die Wache abgelöset wird, fort, und als sich die Mannschaft in der Vestung vor dem Hause des Commandanten wieder stellt, und die der Lieutenant Philipp hier auseinander gehen lassen will, bedankt er sich, wie gewöhnlich, bey den Burschen für gehaltene gute Wache. Darauf erwiedert jener Musketier ganz laut: "ich bedanke mich auch," und schießt zugleich den Lieutenant von hinten durch und durch, so daß die Kugel noch einem Musketier, der vor dem Lieutenant her geht, durch das dicke Fleisch am Schenkel fährt, und einem andern Musketier, der noch weiter vorne geht, den Schenkelknochen zerschmettert. Der arme Philipp, der nicht längst erst Officier geworden, und ein sehr braver, guter Mensch ist, quält sich Tag und Nacht, und kann nicht leben und nicht sterben. Die Aerzte versichern, daß er gar nicht gerettet werden könne. Auch der letzte Musketier, dem der Knochen zerschmettert ist, wird wahrscheinlich am Brande sterben. Der Lohn des Verbrechers wird ohne Zweifel das Rad von unten hinauf seyn, und es ist zu wünschen, daß es, um des Exempels willen, nicht viel gemildert werde. Haben wir mehr solche niederträchtige Menschen unter unsern Leuten; so sind wir nicht einmal im Innern sicher, und wie wollen wir uns dann gegen das Aeußere genug wehren, und uns zu behaupten im Stande seyn? --


Den 12. Februar.

So sitzen wir denn abermals im Vogelbauer, denn seit gestern sind wir wieder förmlich belagert, und die Vestung ist hart verriegelt und verschlossen. Am gestrigen Morgen früh halb sechs Uhr wurden wir durch Kanonendonner plötzlich geweckt. Diese Wecker rütteln fürwahr, besonders wenn sie einem so nahe vor den Ohren donnern, sehr unsanft und rauh aus dem tiefsten Schlafe auf. Als wir erwacht waren und uns völlig ermannt hatten, hörten wir denn auch laut und vernehmlich die Lärmtrommeln durch alle Gassen wirbeln. Nun wurde geeilt, gelaufen, gefragt und geschaut, -- und so waren denn Franzosen, Hessen und Polen in großer Menge wieder in der Stadt eingerückt. Letztere hatten es sogar gewagt, sich bis dicht unter die Vestung zu ziehen, und auf die war jetzt allein das Kanonenfeuer von der Vestung aus hingerichtet. Es dauerte nicht lange; so mußten sie diesen ernstlichen Mahnen nachgeben, und sich wieder nach der Stadt zurückziehen. Der hessische General heißt Schäffer, und der französische ist der schon hier gewesene General Rayer. unsre Leute, welche die Stadt wieder etwas besetzt hielten, sind schnell überfallen worden, und haben dabey 30 Mann und einen Officier verloren. Verflossene Nacht sind 30 Mann von uns zugleich zum Feinde übergegangen. Wir müssen viel treuloses, übelgesinntes Volk haben. Auf solch Gesindel ist nichts zu bauen. Ich glaube, es nimmt mit uns noch ein schlechtes Ende.

Dießmal ist weit mehr Thätigkeit bey den Feinden von der Vestung aus zu bemerken, als bey ihrem vorigen Hierseyn; -- ich fürchte, sie meynen es ernstlicher. Auf dem gegenüberliegenden Schloßberge sieht man es deutlich, wie sie sich verschanzen, ohngeachtet sie es maskiren suchen. So müssen sie wohl auch dießmal Geschütz bey sich führen. Dorthin wird nun heute von und unaufhörlich gefeuert, wodurch zugleich die armen Städter entsetzlich geängstiget werden, und die Häuser zum Theil sehr viel leiden müssen. -- Wie traurig ist nicht diese Lage! Ja wie so recht fürchterlich ist nicht auch hier die Gestalt des Krieges, der wie eine wilde Furie wider seine eignen Eingeweide wüthet. Jeder Schuß, den wir heute dort hinüber thun, ist eine Wunde, die wir unsrer eignen Wohlfahrt schlagen. wir hören das Wehklagen, Jammern und Angstgeschrey unsrer eignen Mitbürger, denen wir ihr Eigenthum zertrümmern, ihre Habseligkeiten vernichten, ihr Leben ängstigen, und wir müssen unser Herz verstocken, müssen fortfahren, eine Mord- und Brandkugel nach der andern hinüber zu senden, müssen starrend das Unglück sehen, wie nach jeder Kugel dort entweder eine Ruine zusammenstürzt, oder eine Flamme wird aufschlägt, die nur durch das hastige Löschen wieder gedämpft wird, um beym nächsten Schuß aufs neue aufzulodern, und wieder gedämpft zu werden, -- und dürfen nicht nachlassen, diese grausame Neckerey fortzutreiben, müssen -- doch nein, ich will es heute nicht länger mit ansehen, dieß schreckliche Mordspiel; mein Herz ist ermüdet und kann's nicht mehr ertragen. Der Krieg ist und bleibt entsetzlich!


März 1807.[]

Den 1. März.

Wir sind fortwährend eingeschlossen; aber geschehen ist uns bis jetzt noch nichts. Bis auf dem heutigen Tag sind wir zwar immer noch mit Siegesnachrichten von unsrer Armee oft erfreuet worden, und doch haben wir von den glücklichen Folgen davon bis jetzt noch nicht das Geringste empfunden. Der Feind rückt immer noch nicht aus unsrer Nähe; im Gegentheile ziehen sich immer mehr frische Truppen rings um uns herum. Das Geplauder unter den gemeinen Leuten in der Vestung ist oft zum Todtlachen, wenn man es hört. Aber doch ängstigt immer eins das andre damit fast zu Tode. Als heilenden Balsam läßt man dann wohl mit Fleiß von oben herab wieder freudige und schön erfundene Siegesnachrichten allmählig unter das Volk ausgehen, um es zu beruhigen, und -- probatum est -- es hilft. Heute heißt es, Napoleon sey selbst in der Stadt, und wolle die Unternehmung auf die Vestung durch sein Genie leiten, weil ihm an dem Besitz derselben sehr viel gelegen sey, und er zu diesem Endzweck gelangen wolle, es möge auch noch so viel kosten. Das ist wohl aber auch nicht zu glauben, und eine aus Furcht entsprungene Sage. Aber wer sagt uns bestimmt, wie es und ergehen wird? -- Wer möchte nicht gern in dieser Lage einen blick in die Zukunft werfen! Heute vor einem Jahre war gerade ein so fröhlicher Tag in meiner Familie. Ich war nach einer Trennung von mehrern Wochen von einer weiten Reise gesund und glücklich zu den Meinen zurückgekehrt, und hatte alles froh und wohl wieder getroffen! -- und heute sind wir in der Vestung eingesperrt und vom Feinde blokirt. -- Gott! wer das und damals voraus gesagte hätte, -- würden wir ihm geglaubt haben? Wer hätte ihn aber auch ahnden können, der unbegreiflichen Gang dieses Krieges, durch welchen so entfernte und einander fast entgegengesetzte Nationen, der Steppenkalmuck und der seine Bewohner der Garonne und der Seine; der Kosak und der die romantischen Gefilde der Pyrenäen bewohnende Landmann; die Nachfolger des Cid und Bayard, und die Urenkel des Asiaten Iwan einander gegenüber gestellt worden sind, um sich gegenseitig hinzuopfern im großen Hader der Welt, und zum Theil gemeinschaftlich auf dem Schlachtfelde in der eisernen Umarmung der Waffen hinüber zu gehen, wo alle, jedes Zwistes vergessend, zu einem Volke vereiniget werden.


Den 7. März.

Lange habe ich absichtlich nichts geschrieben, weil es immer noch bey dem Alten ist. Aber jetzt gesellt sich zu unserm äußern Feinde, der uns belagert hält, noch ein zweyter innerer, und macht unsere Lage noch furchtbarer; wir fangen nämlich an, das Schicksal aller lang eingeschlossenen Vestungen zu leiden, daß sich epidemische Krankheiten erzeugen. Die gewöhnlichsten sind die Ruhr, Faul- und Nervenfieber, woran sehr viele Menschen sterben. Es ist wohl vorauszusehen, daß diese Krankheiten, je länger wir eingesperrt bleiben, mit jedem Tage schlimmer und gefährlicher werden müssen. Unter der Besatzung mag daher auch der gute Muth nicht mehr herrschen, wie zuvor, denn die Desertionen nehmen täglich mehr überhand. Der Gouverneur hat deßhalb einen Parolebefehl ertheilt, daß alle Deserteurs erschossen werden sollen. So eben wurde einer arquebusirt. Diese Maaßregel ist wohl sehr nöthig, da in der That die Hälfte der Besatzung aus Pohlen bestehet, und diese, wenn sie dieß nur irgend möglich machen können, zu den Insurgenten übergehen. So machen sich oft ganze Besatzungen der äußersten Werke oder Lunetten von 15 bis 20 Mann auf einmal fort. Diese Nacht verursachte ein solcher Vorfall einen entsetzlichen Allarm. Gegen Mitternacht wurden wir durch allgemeines Lärmschlagen aus dem Schlafe geweckt. Ob nun gleich eine nächtliche Ueberrumpelung der Vestung ganz unmöglich ist; so pflege ich doch bey jedem nächtlichen Lärm sogleich aufzustehen und nachzusehen, was es giebt. Die Meinigen blieben ganz ruhig im Bette liegen, weil dergleichen Dinge gleichsam schon zur Gewohnheit geworden sind. Ich erfuhr, daß man alle außerhalb der Vestung stehende Nachtposten rings um die Vestung habe feuern hören. Ich glaubte also nicht anders, als daß wirklich die Feinde einen Versuch auf die Außenwerke zu machen gewagt hätten. Es dauerte auch nicht lange; so fingen schon alle Batterieen an, fürchterlich zu donnern. Stockfinster war die Nacht, und die Kanonenschüsse erleuchteten durch ihre Feuerblitze fürchterlich - schön diese schwarze Nacht. Aber aus Einmal wurden um die Vestung ringsher, fast in einem und demselben Augenblick, Leuchtkugeln geworfen. -- Warlich ein prächtiges Schauspiel! Da fast alle zwey bis dreyhundert Schritt eine solche Kugel aufstieg; so wurde es dadurch einige Augenblicke so hell, wie am Tage. Man sah gleichsam durch ein Zauberglas mitten durch die dicke Nacht die ganze Gegend in einer magischen Helle vor sich da liegen, -- und diese zog dann plötzlich ihren dicken Schleyer wieder über das Schauspiel. Und nun dabey noch der grause Donner der Kanonen, der des Nachts noch furchtbarer klingt, da alles weit stiller ist, als am Tage. O! diese Nacht werde ich Zeit meines Lebens nie vergessen! -- Aber wie lächerlich wurde am Ende das ganze Ding. Man entdeckte bey dem Glanze der Leuchtkugeln nirgends auch nur das geringste Verdächtige, und es kam heraus, daß die Feinde gan.. ruhig waren, und nicht daran gedacht hatten, uns etwas thun zu wollen. Von eine Lunette waren ein Unterofficier mit 18 Mann von uns davon gelaufen und übergegangen, auf welche die Vorposten gefeuert hatten. In der Stadt waren die Hessen über das ungeheure Schießen nicht wenig erschrocken, hatten geglaubt, wir wollten etwas auf die Stadt unternehmen, und waren schon ausgerückt. Jede Leuchtkugel machte einen Aufwand von 6 Rthlr.; und jeder Schuß, einer in den andern gerechnet, 5 Rthlr., und so kosteten diese Ueberläufer, das gewiß an die 30 Leuchtkugeln geworfen wurden, ein bedeutendes Sümmchen. -- Wie konnte nun aber das bloße Schießen der Vorposten auf jene Deserteurs sogleich im Ganzen einen so unnöthigen Lärm verursachen? Warum wurde der wahre Vorfall, von den Vorposten aus, nicht sogleich zurück in die Vestung gemeldet? Ich, der ich das Ganze nicht übersehen kann, verstehe zwar das Ding nicht; aber mit scheint's doch, als ob hier etwas Fehlerhaftes in unsrer Einrichtung zum Grunde liege!

Seit einigen Tagen langt nun bey uns die Kunde von einer am 8ten und 9ten vorigen Monats in der Gegend von Preußisch-Holland, vier Meilen von Königsberg, vorgefallenen Hauptschlacht an, die nicht mehr bezweifelt wird. Aus dem Meere von Gerüchten, die sich über den Ausgang und Erfolg dieser Schlacht verbreiten, läßt sich so viel mit Gewißheit abnehmen, daß von beyden Seiten viel Menschen geblieben, und die Franzosen nicht weiter vorgerückt sind. Sichern Nachrichten zu Folge, sind heute 6000 Mann Sachsen auf jener Seite der Weichsel angekommen. Ein Bauer hiesiger Gegend hat mit sächsischen Cürassiren gesprochen. Also abermals frische Hülfstruppen, die die Macht unsres Feindes vergrößern? -- ach! was soll aus unserem armen schwachen Häuflein werden? -- Doch bisher ist unser Loos noch immer erträglich gewesen. Noch haben wir an nichts Mangel gehabt, Kälber, Butter, Eyer, Hühner kommen täglich ans Thor, so daß man dort einen ordentlichen offnen Markt sieht. Des Nachts werden gewöhnlich ganze Kähne voll Kälber vom jenseitigen Ufer der Weichsel geholt, und, mit einem Worte, die Herrn Hessen verstehen das Belagern noch nicht recht. Behalten wir stets so viel Zufuhr, als bisher; so können sie uns bis übers Jahr belagern, und wir ergeben uns nicht.


Den 16. März.

Nachmittags 3 Uhr.

Seit einer Stunde wird der heftigste Kanonendonner von allen Werken der Vestung unterhalten, und ich komme so eben halb taub von einer der Bastionen her, um mich zu setzen, und während dieser Kriegsmusik an Dich zu schreiben.

Der Feind hatte sich diesen Morgen nach Neudorf geworfen. Dieses Dorf liegt einen Flintenschuß von der Vestung entfernt. Eine solche Nachbarschaft darf die Vestung nicht leiden, und nun wird des arme Neudorf in Grund und Boden geschossen. Da wird denn in diesem unglücklichen Orte dem Ungeheuer des Kriegs eine neue Brandsäule errichtet! -- Sobald das Dorf vom Feinde besetzt worden war, versuchte man es, ihn durch Schützen und Jäger wieder herauszuwerfen; das ging aber nicht, und bekam uns schlecht: denn der Feind hatte einen Achtpfünder mit, und empfing unsere Leute übel, 2 Husaren blieben auf dem Platze, und mehrere wurden verwundet. Um nicht zu viel Leute zu verlieren, mußten sich also die Unsrigen zurückziehen, und nun sucht die Vestung den Feind aus seinem Versteck zu vertreiben. Wie mags in den armen Dörfchen aussehen! Wenn sich nur die guten Menschen zeitig genug haben retten können; -- ihre friedlichen Wohnungen werden sie nicht wieder finden, Trümmer und Aschenhaufen werden ihre Stätte bezeichnen! Bey jedem Schuß pocht mir das Herz; -- doch ich will weiter erzählen, denn seit ein paar Tagen ist so Manches vorgefallen. Vorgestern Abend um 9 Uhr kam ein französischer Obristlieutenant mit einem Trompeter vor das Thor der Vestung, und verlangte eine persönliche Unterredung mit dem Gouverneur. Da diese abgeschlagen wurde, übergab er einen Brief von dem General Savary, der sich in der Stadt befindet, und unmittelbar von Napoleon hierher gesendet worden ist. In diesem Brief stand nichts, als die Bitte um eine Unterredung mit dem Gouverneur. Noch einmal wurde gestern früh vom General Savary diese Bitte dringend und mit dem Beysatze wiederholt, daß er den Befehl von Napoleon habe, schlechterdings persönlich mit dem Gouverneur zu sprechen, und daß er nicht eher aus Graudenz gehen werde, bis er diesen Auftrag vollzogen habe. Hierauf hat ihm der Gouverneur viel Geduld wünschen lassen.

Aus diesen allen schließen wir, daß es so eben jetzt mit den Franzosen nicht zum Besten stehen kann. Denn wenn sie in Ostpreußen festen Fuß hätten, und es ihnen möglich wäre nach Königsberg zu kommen, so würden sie sich unter solchen Umständen wenig um uns kümmern, weil sich unser Plätzchen am Ende, wenn alles aufgezehrt ist, doch von selbst ergeben muß. Ist aber der Feind noch in der Nähe, oder gar auf dem Rückzuge; so muß ihm wohl an Graudenz viel gelegen seyn. -- Doch man philosophirt nun so, wie ungefähr der Vogel in seinem Käfig.

Noch immer dauert das Schießen auf Neudorf fort, es ist, als sollte alles zu Grunde gehen. Der Himmel, der sich zu Mittage ganz getrübt hatte, breitet sich über der Vestung ganz hell und heiter aus. Eine freundliche Bläue lacht vom Zenit auf uns hernieder; aber in der Ferne ringsumher haben sich dicke Wolken aufgethürmt; ja es scheint daselbst zu regnen, oder zu schneien: -- fürwahr das Ganze giebt einen sonderbaren Anblick.


Den 17. März,

Der Feind ist glücklich aus Neudorf wieder herausgeworfen, und wir haben unsern Endzweck erreicht; aber dadurch hat nicht nur Neudorf selbst, sondern auch die Stadt sehr viel gelitten. Der eigentliche Hergang der Sache ist nämlich folgender. Der Gouverneur und der commandirende hessische General v. Schäfer hatten sich erzürnt. Letzterer hatte den erstern durchaus zu einer persönlichen Unterredung zu bringen gesucht, welche dieser aber gänzlich abschlug, und dem General v. Schäfer den Rath ertheilen ließ, daß er seine Truppen vor allen Dingen nicht zu nahe nach Neudorf hinziehen sollte, welches es nicht zugeben könne. Schäfer antwortet darauf: Neudorf sey bereits von seinen Truppen in Besitz genommen, und der Gouverneur werde es ihm nicht wieder entreißen können. Darauf wurde nun augenblicklich Anstalt gemacht, den Platz wieder zu nehmen. Damit nun die in Neudorf stehende Mannschaft nicht Sukkurs von der Stadt aus erhalten sollte, wurde auch zu gleicher Zeit vom Hornwerke aus ein lebhaftes Feuer auf die Stadt gemacht, in der Absicht, damit sie dann die Kanonade nach Neudorf nicht hören sollten, und um auf diese Weise die Unternehmung zu maskiren. Die Arme Stadt hat dadurch viel gelitten. Fast alle Bürger haben sich in die Keller verstecken, oder das Freye suchen müssen. In der Hutmachergasse ist durch eine Granate Feuer entstanden, aber wieder gelöscht worden. Die Hessen sind alle ausgerückt, und haben sich jenseits der Stadt postiret. Bey der Unternehmung gegen Neudorf haben wir außer denen im Anfange gebliebenen Husaren des Nachmittags nur noch einen Verwundeten gehabt, welcher -- sonderbar genug -- in die rechte Fußsohle verwundet ist. Die Feinde haben aber, als sie herausgeworfen wurden, viel verloren. Des Nachmittags wurde nämlich ein starkes Truppendetaschement zum Angriff auf Neudorf beordert, wobey zwey Kanonen mit Kartätschen mitgenommen wurden. Als nun die Feinde sich nicht behaupten konnten, begingen sie die Thorheit, in einem Quarré formirt, abzuziehen, so daß die Kanonen entsetzliche Wirkungen thaten. Sie hatten das Dorf mit ungefähr 1 ½ Bataillon besetzt. heute haben sie sich noch nicht wieder blicken lassen. Aus diesem ganzen Vorgange haben wir doch so viel erfahren, daß die Gegend umher nur sehr schwach gesetzt seyn muß, sonst würden gewiß mehrere Truppen aus den benachbarten Orten herbeigeeilt seyn.

Heute haben wir eine neue Kanonenmusik zu erwarten. Vor ungefähr 14 Tagen wurde eine hiesige Soldatenfrau mit Bestellungen nach der Stadt geschickt, von den Feinden ertappt, und gefangen gesetzt. Dieses Weib hatte sich gestern, als die Hessen aus der Stadt gerückt waren, selbst frey gemacht, und kam wieder zu uns zurück. Sie erzählte, daß die Hessen ihr Pulvermagazin und ihre Munition in einer Scheune hinter der Scharfrichterey hätten, jenseits der Stadt. Diese Scheune soll nun diesen Nachmittag mit Granaten beworfen werden, um das Pulvermagazin in die Luft zu sprengen. Diese einzelnen Vorfälle haben dich zeither ziemliche Veränderungen in das Einerley unsres Gefangenlebens gebracht.

Das Wetter ist jetzt meist vortrefflich, und da machen wir denn öfters Spaziergänge auf dem Walle rings um die Vestung herum. Die Brustwehr des Walles ist ein breiter Rasenweg, der nie kothig wird. Die Aussicht ist von hier aus auf allen Seiten vortrefflich, und gewährt ringsherum einen Prospekt von vielen Meilen. -- Unsere Portionen erhalten wir jetzt noch ganz unverkürzt, man meynt aber, wenn die Belagerung noch über zwey Monat dauern sollte; so würden manche Artikel eingeschränkt werden müssen *). Vorzüglich gut ist auch der Wein, von dem ich wöchentlich etwas über drey sächsische Kannen erhalte, so daß man doch alle Mittage ein Glas Wein trinken, und sich dadurch in etwas gegen ansteckende Krankheiten präserviren kann.

*) Eben keine tröstliche Aussicht!


Den 25. März.

Nichts Neues ist zeither vorgefallen, und die Tage kriechen einförmig ihren Gang fort. Aus dem Magazin-Rapport, den ich kürzlich zu Gesichte bekommen habe, habe ich mich nun überzeugt, daß die Vestung noch auf fünf volle Monate mit allen Möglichen verproviantirt ist. Außerhalb der Vestung, sollte ich meynen, könnten die großen Armeen in dem ausgehungerten Land unmöglich so lange subsistiren. Folglich müssen sie sich doch wohl die Lust auf die Vestung vergehen lassen, und der Hunger wird indessen wohl Friede machen. Gott erhalte und bis zum Ende der Dinge gesund, denn die grassirenden Krankheiten fürchte ich mehr, als die Franzosen. Die Ruhr nimmt sehr überhand. Am Sonntage starb in unsrer Nachbarschaft die Majorin v. Engelbrecht daran, eine junge Frau von 36 Jahren, deren Mann in Gefangenschaft ist, und welche fünf kleine Kinder zurückläßt, die nun ganz ohne Schutz sind. Ach! welch Elend sieht man überall um und neben sich. Gerade über uns wohnt ein Lieutenant Br. -- -- -- der vor einiger Zeit das Unglück hatte, das Bein zu brechen. Gestern kam seine Frau dazu in die Wochen, und nun müssen sie Beyde das Bett hüten, und haben vier kleine Kinder. Mit uns befinden sich jetzt unter einem Dache nicht mehr und nicht weniger als 25 Kinder. Wie eng wir daher zusammengepreßt sind, läßt sich von selbst denken, da in einer geschlossenen Vestung jeder Raum gespart werden muß.

Heute ist wieder ein schöner herrlicher Tag, darum machten wir unsere Runde auf dem Walle. Gegen 4 Uhr Nachmittags ließen sich wieder viele Feinde bey Neudorf sehen. Die Jäger und Husaren rückten augenblicklich aus. Ich glaubte es würde zu einer Aktion kommen, und ging deßhalb, um es von Ferne zu beschauen, auf eine Bastion. Aber die Feinde zogen sich geschwind zurück, und kamen nicht zum Schuß. Die Manöuvres dabey nahmen sich vortrefflich aus, da man von dieser Höhe herab das Ganze herrlich übersehen konnte, -- und der Gedanke, daß, wie der Augenschein lehrte, hier nicht viel Blut vergossen werden würde, ließ den Zuschauer ziemlich ruhig.

So eben jetzt, gegen Abend, hat unser Gouverneur eine Zusammenkunft, mit dem General Schäffer gehabt. Man hat sich sehr darüber gewundert, und mancherley Muthmaßungen gehabt; aber bis jetzt habe ich keinen Aufschuß erfahren können. Etwas Sonderbares ist's, daß man seit einigen Tagen bemerkt hat, daß die Hessen sich die französischen farbigen Kokarden, die sie bisher trugen, abgetrennt haben. Was das zu bedeuten habe, macht viel Kopfzerbrechen. Niemand kann aber auf eine wahrscheinliche Ursache kommen.


Apr. 1807.[]

Den 15. April.

Lange habe ich Dir nicht geschrieben, aber es ist auch zeither in allen Nachrichten und Vorfällen fortwährend eine unbegreifliche Windstille gewesen. Man weiß nicht, ob man dieß für eine gute, oder schlimme Vorbedeutung halten soll. Es ist ein trauriges, vegetirendes Leben, welches man so abgeschieden von der übrigen Welt führt, daß man es recht sehr satt hat. Essen, Trinken und Schlafen ist das Einzige, was man thut, und man muß sich geradezu so betrachten, als ob man auf einer wüsten Insel lebte, mitten im großen Ocean. Die schönen warmen Tage und das vortreffliche Frühlingswetter, was wir jetzt haben, erlaubt uns doch zum Glück noch unsern gewöhnlichen Spatziergang auf dem Walle herum, wo man jetzt auf schönen, nun schon grün werdenden Rasen wandelt, sicher in das unsichre feindliche Getümmel hinunter blickt, und mehrere Meilen in der Runde herum Marienwerder, Culm, Neuenburg, Rheden und eine unzählige Menge Dörfer überschauen kann. Ich besinne mich, daß ich Dir schon einmal von diesem schönen Plätzchen erzählt habe, aber ich komme nie von diesem Spazziergange zurück, ohne wieder aufgeheitert, die man bey diesem Spantziergange hat, ist, daß die Schornsteine aus den Kasematten auf den Wall herausgehen, und wenn der Wind den Rauch niederdrückt, oder von der Seite verweht, läuft man Gefahr, ziemlich beräuchert zu werden. Jedoch sind die beyden Eckbatterien, auf beyden Seiten gegen die Weichsel zu, die höchsten Plätze und dieser Unbequemlichkeit nicht ausgesetzt. Hier ist auch die Aussicht am freysten und schönsten. Ein zweyter Spatziergang für uns ist auf das Hornwerk, wohin man etwa in einer Viertelstunde geht, und von dessen äußerster Spitze man die ganze Stadt übersehen kann. Vor dem Wasserthore ist der hohe Berg bis zum Ufer der Weichsel terrassirt, und unter sind Blockhäuser und zwey Batterien. Es ist schon eine ziemliche Motion, wenn man auf der einen Seite hinunter und auf der andern wieder hinauf geht. Will man den Spatziergang weiter ausdehnen; so kann man, an der Weichsel hin, bis ins Hornwerk kommen, und von da den gewöhnlichen Weg zurückgehen. Noch ein andrer sehr angenehmen Weg ist nach den Kalköfen, welche vor dem Niederthore, eine gute halbe Stunde weit, unter an der Weichsel liegen. Dort kann man auch Kaffee bekommen, und ich bin vorgestern zum erstenmale, seit ich auf der Vestung bin, mit Frau und Kindern da gewesen. Ganz Neudorf, welches gerade hinter der Vestung, der Weichsel gegenüber, liegt, kann man dann von dort aus besuchen, und man ist in den Kalköfen und in Neudorf gegen die feindlichen Patrouillen jetzt so ziemlich gut gedeckt, da die Husaren-Vorposten und Vedetten noch weiter hin im Kreise stehen.

Lebensmittel genug kommen noch bis auf den heutigen Tag aus den nahen Dörfern in die Vestung. Wir bekommen frisch Fleisch, Butter, Eyer und Milch hinlänglich, nur alles zu einem entsetzlich hohen Preise. Das Pfund Butter, Nota bene preußisch Gewicht, kostet z. B. 16 gr., die Mandel Eyer 12 gr., das Pfund Fleisch 4 gr. Ich gebe also, ohngeachtet des Zuschusses aus dem Magazin, welcher doch ziemlich beträchtlich ist, dennoch eben so viel Geld aus, als sonst. Zum Spaß will ich Dir doch hersetzen, was ich wöchentlich an Portionen erhalte, und Du wirst Dich wundern, wie reichlich wir versorgt werden.

Ich bekomme nämlich, außer täglich 8 Pfund Brod, wöchentlich 1 Stof Erbsen oder Graupen oder Buchweitzengrütze, womit abgewechselt wird, 4 Metzen Kartoffeln, 2 Pfund Weitzenmehl, 1 Stof trockenes Obst, 3 Pfund Pöckelfleisch, ½ Pfund Butter, ½ Pfund Käse, 4 Stück Heringe, ¼ Pfund Baumöl, ½ Stof Weinessig, 4 Stof Bier, ¼ Pfund Syrup, 28 Loth Salz, 1 Loth Pfeffer, 4 Stück Zwiebeln, ½ Pfund Rauchtaback, 1/4 Pf. Schnupftaback, ¼Pfund schwarze oder weiße Seife, 2 Stof Franzwein, 3 Pfund frisches Fleisch, 8 Loth Reiß, ½ Stof Hafergrütze, ½ Pfund Zucker. Ferner alle Monate 1/8 Loth Gewürznelken, ¼ Loth Zimmt, 1/8 Loth Muskatennüsse, ½ Loth engl. Gewürz. jetzt wird auch Sauerkraut ausgegeben. Alle Mittel sind gewöhnlich sehr gut, und manche sogar delicat, z. B. Käse, Wein, Bier, bloß die Butter ist schlecht, und kann nur zum Abmachen gebraucht werden.


Den 20. April.

Der in der Stadt liegende französische General Rayer fängt jetzt an strenger zu werden, und sucht auf alle mögliche Art die Communikation der Vestung mit der Stadt zu hindern und gänzlich aufzuheben. Es sind viele Frauenspersonen eingesetzt worden, die uns dann und wann etwas zubrachten. Vorgestern hatten die Hessen einen unsrer Vorposten, eine Schützen vom v. Besserschen Regimente, in der Nacht aufgehoben. Der Gouverneur wollte diesen Burschen gern wieder haben und auswechseln; er schickte also einen Trompeter mit einem Briefe hinunter, und bot ein oder zwey französische Gefangene für den Schützen. Der Trompeter kam aber mit dem unerbrochnen Briefe zurück, nebst der mündlichen Antwort vom General Rayer: "daß er den ersten Trompeter, der ohne weiße Fahne hinunter geschickt werden würde, erschießen lassen werde."


Den 30. April.

Seit vier oder fünf Tagen hat man alle Tage, heute ausgenommen, besonders früh bey Tages Anbruch, ferne Kanonaden gehört, und zwar meistens nach der Gegend von Riesenburg oder Elbing zu. Gestern sahen wir über der Weichsel an drey Orten starke Feuer, die so beträchtlich waren, als müßten es ganze Dörfer seyn. Bloße Feuersbrünste können das unmöglich seyn, und so muß doch da drüben, in der Entfernung von einigen Meilen, etwas vorgefallen seyn. -- So haben wir zeither zwar immer selbst in der größten Ruhe gelebt, aber wir sehen dem Elende der Menschen in der Entfernung zu. -- Vor einer Stunde, Abends um sechs Uhr, zeigten sich die Feinde abermals stark bey Neudorf, und es wird nun wacker wieder hinüber geschossen. Gestern waren wir dorthin spatzieren gegangen, und hatten daselbst in guter Ruhe Kaffe getrunken. Es ist gut, daß es nicht heute war, wir würden sehr erschrocken seyn! --

Wir haben und heute, weil zur Erlösung aus diesem Gefängniß noch immer keine Aussicht und Hoffnung vorhanden ist, aufs Neue mit frischen Lebensmitteln versorgt. Wir haben ein Schwein eingeschlachtet, welches einige 50 Pfund hatte und 8 Thlr. kostete, haben ein Gans für 1 Thlr. 16 gr. gekauft, und noch einige andre Viktualien uns zugelegt. Als wir vor 11 Wochen eingeschlossen wurden, dachten wir: "wie wirds in drey Monaten aussehn, da werden wir wohl, wenn die Vestung noch geschlossen ist, halb verhungert seyn." -- Es sind nun drey Monat verflossen, und wir haben nicht nur keine Noth gelitten, sondern haben mehr Fleisch im Pökel und Essig liegen, als damals.

Seit einigen Tagen fangen die Nächte an, wieder sehr unruhig zu werden. Es ist immer die Nacht über Lärm unter an der Weichsel wegen Schiffen, die vorbeypassiren, welches man nicht geschehen lassen will. Vorige Nacht fielen gegen 150 Schüsse auf die Weichsel hin, die, wie man öfters aus dem Jammergeschrey vernahm, sehr viel Wirkung thun mußten.


May 1807.[]

Den 2. May.

So eben komme ich mit meiner Familie von einem Spaziergange nach den Kalköfen zurück, wo wir bey einem schönen warmen Wetter uns recht angenehm vergnügt haben. Nur war bey unserer Erholung die entsetzliche Kanonade, die wir recht deutlich vernahmen, ein sehr schreiender Mißklang in unserm Ohr. Man kann es nun einmal jetzt nirgends und keine Minute vergessen, daß es Krieg ist. Ich vermuthe gewiß, daß diese Kanonade bey Danzig war, da die Luft gerade von dort her kam. Der Bauer am Kalkofen versicherte, daß er sie des Morgens noch viel deutlicher gehört habe. Auf dem Rückwege sahen wir auch wieder ein Feuer aufgehen in der Gegend nach Garnsee zu, rechts Marienwerder, und hinter Neuenburg wälzte sich eine schwarze Rauchwolke am Horizont hinauf. Wie froh wurden auf diesem Spatziergange einigemal unsre Gemüther bey dem heitern Himmel, bey der milden Luft gestimmt! Wie vergaßen wir einige Augenblicke unsre üble Lage, und wurden so zufrieden; aber wie bald stieß uns der Anblick dieser Zeichen des Greuels der Verwüstung, und das Hören jener furchtbaren Stimme des Kriegs aus der Ferne zurück in die trübe Gemüthsstimmung. Vorige Nacht liefen durch einen Schiffer, der mit einem Kahne voll Viktualien aus Marienwerder kam, einige Nachrichten aus der Welt wiederum bey uns ein, denen aber freylich nicht viel zu trauen ist. Die seit acht Tagen hier gehörte Kanonade soll nämlich zwischen Dirschau und Möve gewesen seyn. Letzteres sey von den Russen in Brand geschossen und eingeäschert worden, worauf sich nun die Russen der Brücken bey Möve zu bemächtigen suchten. Die hiesige Blokadearmee soll Ordre haben, der Brückenbesatzung zwischen Marienwerder und Möve zu Hülfe zu kommen. Bey Danzig soll es immer sehr blutig hergegangen seyn. Zwischen Dirschau und Danzig soll die Straße mit unbegrabenen Leichnamen und Pferden wie bedeckt seyn. Die Pohlen sollen nicht sonderlich viel Bravour bezeigen, sondern sich oft verweigern ins Feuer zu gehen, so daß die Franzosen einigemal auf sie haben einhauen müssen. Dort bey Danzig ist also wohl jetzt der Platz, wo der Knoten sich entwickeln soll, und wo so manches Menschenblut fließen mag. -- Ob nur Danzig sich halten wird! --

Veste Graudenz den 30. May, geschrieben im Magazine -Wall, Kasematte No. . . . .

Besieh diese Ueberschrift noch einmal! -- Ja ja, so weit ist es mit uns gekommen, daß wir jetzt in der Kasematte sitzen, denn die Kugeln sind uns schon ganz artig um den Kopf geflogen. Da nun wohl unser bisheriges Einerley weit mannichfaltiger werden wird; so muß ich wohl in meiner Erzählung etwas umständlicher werden. Ich will also fürs erste noch etwas nachholen und dann sogleich fortfahren.

Seit dem 2. May, als ich Dir das letzte Mal schrieb, haben sich bald gute, bald böse Nachrichten fortwährend, wie die Con- und Dissonanzen in einer wohlgesetzten Fuge, gejagt. Ich habe weder das Eine noch das Andre geglaubt, und es nicht der Mühe werth gehalten, Dir alles dieß Ungewisse und Widersprechende vorzutragen. Ein besonderer Vorfall aber ereignete sich neulich. Ein französischer Kommissair langte nämlich mit einem Gefäße voll Franzbranntewein und Weingeist freywillig hier an. Das war uns eine ganz sonderbare Erscheinung, aus welcher niemand klug werden konnte. Es kamen uns durch ihn ungefähr 60 Oxthof jener vorhin genannten Getränke in die Hände, -- gewiß ein sehr willkommener Fund für uns. Ich glaube, daß sich nun die ganze Besatzung, länger als wir uns halten werden, täglich toll und toll trinken kann, so viel Vorrath haben wir an geistlichen Getränken. Dieser Kommissair war übrigens, was den Stand der Armee anlangte, ganz unwissend, oder stellte sich wenigstens so. Da es aber ein Spion seyn kann; so ist es natürlich, daß wir ihn nicht wieder von dannen lassen. Weiter weiß ich nichts nachzuholen, und gehe nun sogleich zur neuesten Tagesgeschichte fort.

Vorgestern, als Donnerstags Abends, -- es war ein schöner warmer Abend, waren wir vor unsrer Thür mit unserer Nachbarschaft ganz vergnügt beysammen. Plötzlich hörten wir einige Schüsse, nach der Wasserseite zu, schnell auf einander folgen. Dieß geschieht gewöhnlich, sobald Gefäße auf der Weichsel vorbeypassiren wollen. Wir vermutheten auch nichts anders und gingen, um dem Schießen und den Neckereyen etwas zuzusehen, alle mit Weibern und Kindern auf den Magazinwall, welcher die Vestung von der Weichselseite einschließt. jetzt waren von unsrer Seite noch einige Schüsse gefallen, als ganz unerwartet die Feinde über der Weichsel anfingen, und aus fünf Schießscharten zu kanoniren, und einige Granaten platzten am Fuße des Berges. Wir erschraken, und alles erstaunte, weil man bisher noch nicht gewußt hatte, daß der Feind dort Geschütz habe. In der Voraussetzung aber, daß die Granaten nicht über den Wall kommen würden, blieben wir alle ganz ruhig stehen, und sahen dem Dinge weiter zu. Auf einmal aber zischte eine Granate dicht über unsre Köpfe weg, und flog in die Vestung. Jetzt war es die höchste Zeit, diesen Platz zu verlassen, und eine ruhigere, sichere Stätte zu suchen. Ehe wir nach Hause kamen, fielen mehrere Granaten in die Vestung, und einige stiegen sogar darüber hinweg. Wir beflügelten unsre Schritte, und waren nicht wenig in Furcht. Alles floh nun nach einem sichern Ort. Meine Frau hatte zwar nicht Lust, ihre Stube zu verlassen; aber das fortwährende Pfeifen der Kugeln gebot endlich auch ihr die Eile. Wir faßten unsre Kinder, flüchteten hinüber uns Proviant-Amt, und noch ehe wir dieses erreichten, sahen wir in unsrer nächsten Nachbarschaft eine Granate krachend an das Haus des Gouverneurs schlagen. Sie platzte, und verwundete die eine Schildwacht leicht. So schnell als möglich wurden nun auch die beyden jüngsten Kinder, welche schliefen, nachgeholt, und wir blieben die Nacht über im Provianthause. Das Kanoniren dauerte ungefähr noch eine Stunde fort, dann ward es ruhig. Durch die Granaten, deren eine beträchtliche Anzahl in die Vestung fielen, ist außer der eben gedachten Schildwacht kein Mensch blessirt, noch sonst ein Schaden verursacht worden. Gestern aber zogen wir, um unserer Sicherheit willen, in aller Frühe in die uns angewiesene Kasematte. Hier wohnen wir nun mit noch zwey Familien beysammen, und bestehen aus 15 Köpfen, worunter 4 Dienstboten und 7 Kinder befinden; dessenungeachtet haben wir Raum genug. Eine solche Kasematte geht eigentlich durch den ganzen Wall, und ist oben rund gewölbt und hoch. Die volle Länge ist 46 große Schritte lang und 12 breit. Gegen die Weichsel zu theilt sich die Wohnstube ab, ist 18 Schritt, die Hausflur aber 28 Schritt lang, und also alles groß und geräumig genug, so daß wir im Grunde geräumiger wohnen als vorher. Eine kleiner Heerd ist beym Eingange des Ofens angebracht, -- das ist die Küche, womit wir uns freylich nothdürftig behelfen müssen. Unsre zwey Fenster, die nach der Weichsel zu gehen, gewähren und eine schöne Aussicht; nur erinnern uns die eisernen Gitter vor denselben ziemlich unangenehm an unsre Gefangenschaft. Und wenn auch die schöne Aussicht noch so sehr reizt, den Kopf zum Fenster hinauszustecken; so zieht man ihn doch geschwind wieder zurück, wenn man gerade gegenüber in die Oeffnungen der Feuerschlünde sieht, die uns angrinzen und wenig Gutes im Sinne haben können. Wir haben unsre Betten indessen so gestellt, daß sie außer dem Schuß stehen, wir vor jeder Kugel gesichert sind und also ruhig schlafen können. Es sollte aber doch einen fatalen Rumor angeben, wenn sich einmal eine Kugel durch unsere Fenster verirren sollte.

Seit gestern ziehen sich viele Truppen rings um die Vestung, und wir sehen einem förmlichen Bombardement entgegen. Sollte kein Entsatz möglich seyn, so verleihe uns der Himmel, wenn wir uns doch endlich ergeben müssen, eine nur erträgliche Capitulation, daß wir wenigstens unser Haab und Gut mit herausnehmen, und wenn wir alles im Stiche lassen müssen, wenigstens einen Koffer mit dem Besten retten können. --

Gestern wurde alles Vieh aus den noch im Bezirk der Vestung liegenden Dörfern hereingetrieben, weil es sonst in jedem Falle vom Feinde genommen werden würde. Es wird den Bauern nach dem Gewichte bezahlt, und nach und nach zur hiesigen Consumtion geschlachtet. Es gab eine solche Menge, daß ich glaube, wir werden es nicht aufzehren. Vor Hunger wären wir wohl gesichert, wenn wir's nur auch eben so vor den Kugeln wären. Aus den großen Truppenbewegungen der Feinde wollen Viele mit Gewißheit schließen, das Danzig über sey, und daß die Reihe uns nun treffen soll. Es wäre aber doch wunderbar, im Fall Danzig über sey, daß wir nicht eine neue Aufforderung vom Feinde, verbunden mit der Nachricht davon, erhalten sollten!


Jun. 1807.[]

Den 2. Juny Vormittags.

Die vorige Nacht war wieder sehr unruhig; denn wir sind wieder tüchtig beschossen worden. Gegen 11 Uhr fing die Vestung an auf Schiffe zu kanoniren, welche vorbey passiren wollten. Natürlich antworteten uns sogleich die jenseitigen Batterieen, und so entstand ein fortwährender Donner, daß im eigentlichen Verstande die Fensterscheiben klirrten, und das klingt, wenn man sich besonders vor dem Schuß nicht so ganz sicher weiß, in der That sehr fürchterlich; das dauerte bis nach 2 Uhr. Du kannst daher glauben, daß da an Schlaf bey keinem unter uns zu denken war. Selbst die armen Kleinen konnten nicht ruhen, und krochen schüchtern in die Winkel. Unglücklicherweise hat der Commandant gerade unter unserem Fenster eine Mörserbatterie anlegen lassen, deßwegen bekommen wir den Lärm aus der ersten Hand, und die Dinger dröhnen so fürchterlich, daß das Bette erschüttert wird. Einmal wurde es so arg, daß sogar ein paar Fensterscheiben klirrend zerplatzten, worüber wir nicht wenig erschraken, denn wir glaubten, der Feind habe uns ins Fenster geschossen. Da ganz natürlich die Feinde auf die unter unserm Fenster liegende Batterie zielen; so schweben wir doch immer in großer Angst, daß wir einmal eine Kugel durchs Fenster bekommen. Die ängstliche Lage, in der wir, während so geschossen wird, uns befinden, kann ich Dir nicht beschreiben. Da ist alles übrigens so stille umher, niemand wagt laut zu reden, und nur der Kanonendonner spricht allein fort. Lauernd horcht man hoch auf, wie die Kugeln so einzeln unter an die Mauer der Vestung anklatschen, wie manche einzelne immer höher an die Kasematte herauflangen, und man fürchtet nun augenblicklich die nächste Kugel durchs Fenster hereinfliegen zu sehen. Nicht weit von uns schlug eine Kugel in die Kasematte eines Proviant-Kommissarius, hat aber glücklicherweise nicht den geringsten Schaden gethan. Diese Angst, worin wir und diese Nacht befanden, hat uns auf die Idee gebracht, unsre Fenster mit dicken Betten zu behängen, welche, wie Du weißt, die Kraft der Kugeln sehr schwächen, wenn ja eine ihr Heil an uns versuchen wollte. -- Verwundet, doch nur sehr leicht, ist diese Nacht ein einziger Officier worden. Dieß geschah unter an der Weichsel, wo es sehr heiß hergegangen ist. Das mußte auch seyn, denn der Lärm war je entsetzlich -- es war alles von allen Seiten los.

Was wir zu erwarten haben, darüber sind wir noch sehr ungewiß. Von der einen Seite kommen Nachrichten, daß der Feind sich auf der Flucht befinde, und schleunigst Thorn zu erreichen suche; und von der andern Seite zu gleicher Zeit, daß sich alles zum schrecklichsten Bombardement anschicke. Ich glaube gar nichts mehr, und erwarte geduldig das Ende.


Nachmittags.

So eben soll die Vestung aufgefordert worden seyn, sagt man. Wenigstens ist ein feindlicher Trompeter vor der Vestung erschienen, und hat an den Gouverneur ein Schreiben abgegeben. Gewöhnlich nimmt man das als Zeichen einer Aufforderung an. Ists so, so halte ichs für wahr, daß Danzig über ist. Auch sieht man heute die Feinde in der Entfernung an Verfertigung einer Brücke über die Ossa arbeiten. Die Ossa ist ein kleines Flüßchen, welches die ganze Vestung in einer Weite von einer Viertelmeile umgiebt. Wahrscheinlich soll von da herüber Geschütz angefahren werden, und Alles, was man sieht, deutet demnach auf ein ernstliches Bombardement.


Den 3. Juny.

Richtig! Das gestrige Schreiben an den Gouverneur war zu voreilig für eine Aufforderung ausgelegt worden. Es soll vielmehr eine Bitte der französischen Generale enthalten haben, die Stadt Graudenz so viel wie möglich zu schonen, welche in der Nacht vom 1sten zum 2ten von unsern Haubitzen so viel gelitten haben soll, daß viele Menschen im Hemde aus ihren Häusern aufs Feld haben retiriren müssen. Der Gouverneur soll geantwortet haben: daß es ihm gewiß sehr weh thue, Menschen, die keine Schuld hätten, unglücklich machen zu müssen, allein die Französischen Herren Generale sollten bedenken, daß auch in der Vestung Bürger wohnten, welche ebenfalls Haus, Vermögen und Leben zu verlieren hätten. Sie sollten also, wenn sie könnten, befehlen, daß das Innere der Vestung von ihrer Seite verschont würde, und daß man sich mit dem Beschießen bloß auf die Vestungswerke einschränke, außerdem werde er bey der ersten Kugel, welche in die Vestung herein fliege, gewiß so viele wieder nach der Stadt schicken, als er könne. Man sagt, daß in der Stadt jetzt eine ungeheure Menge Truppen liegen, und so habe ich die Hoffnung, daß wir, damit die Stadt verschont bleibe, eine Weile Ruhe haben werden.

Leider ist heute die traurige Gewißheit bey uns angelangt, daß Danzig capitulirt hat; diese traurige Nachricht wird aber noch dem gemeinen Manne auf das Strengste geheim gehalten! -- So wäre denn nur für uns alle Hoffnung zum Entsatz verschwunden!


Den 5. Juny.

Ein freundlicher Hoffnungsstern ist uns aufgegangen, der zwar nur noch schwach und matt in der Ferne blinkt, und durch die Nebel der Zweifel und Ungewißheiten hindurchschimmert, doch aber dem trüben traurigen Auge immer sehr wohl thut. Der General Schäfer hat nämlich gestern dem Gouverneur sagen lassen: daß er ihn binnen acht Tagen als Freund zu begrüßen hoffe, indem sich die Hoffnung zum Frieden täglich mehr nähere. -- Freylich wird dieser Friede für Preußen kläglich ausfallen, und welchem Patrioten sollte das nicht wehe thun? -- Aber uns, die wir das Gefängniß sehr satt haben, und eben im Begriff stehen, das Schlimmste erst noch zu empfangen, -- o! und klingt das Wort Friede doch unaussprechlich schön! Man ist zwar schon ganz daran gewöhnt, an allen frohen Nachrichten zu zweifeln; aber wenn wich je die Hoffnung von den Herzen der Sterblichen? Denkt man nicht immer: vielleicht liegt dieß Man ein Körnlein Wahrheit zum Grunde. Das Beste glaubt man am liebsten, und so halte ich hetzt dieß Friedensgerücht erstlich deßwegen nicht für Unwahrheit: weil, wenn Danzig über ist, der König sich nun aufs Aeußerste gebracht sieht, und nun Frieden zu machen gezwungen ist, zweytens: weil seit dem 2ten d. M. kein Schuß von jenseits der Weichsel nach der Vestung geschehen ist, so viel auch täglich immer von uns hinüber geschossen wird; und drittens: weil die Belagerung doch immer nicht ernstlich genug getrieben, und der Vestung noch immer nicht alles abgeschnitten wird, ungeachtet äußerst viele Truppen herumliegen. Die Laufgräben hätten schon längst eröffnet werden können, wenn der Feind rasch zu Werke gehen wollte. -- Nun, der Himmel bestätigte meine Hoffnung, denn ich sehne mich aus dieser Lage *)!

*) Edler Mann!

Wir haben erfahren, daß der französische General Rayer, der so lange die Blokadearmee allhier commandirt hat, seit dem 1ten d. M. nicht mehr hier sey, und der General Victor an seine Stelle gekommen seyn soll. Ersterer war gewöhnlich streng gegen uns; letzterer aber wird als ein sehr menschenfreundlicher Mann gerühmt, und wir haben auch bereits schon so manche Beweise seiner Humanität, denn unsre Correspondenz geht seitdem viel freyer. Mehrere Damen, welche sich erst der Sicherheit wegen auf die Vestung geflüchtet hatten, machen sich sich nun ganz ruhig von hier weg, vermuthlich haben sie nun eine andere Vorstellung, was eine Vestung bedeuten hat, als da sie solche zu ihren Zufluchtsorte wählten, und Victor erlaubt es ihnen nicht nur, sondern giebt ihnen auch sogar Pässe. Auf diese Weise werden auch zwei Damen aus unsrer Kasematte wahrscheinlich übermorgen fortgehen, und das ist uns einigermaßen lieb, weil wir nun mehr Platz bekommen. Auch sich diese Damen so gütig, uns Manches von ihren Vorräthen überlassen zu wollen; z. B. Kaffee, Zucker xc. was uns gar nicht ungelegen kommt, weil wir diese Artikel schon sehr eintheilen mußten. Aber so mancher übrigen Viktualien wegen, dürften wir nicht fürchten, in den ersten Monaten Mangel zu leiden, denn Fässer und Töpfe sind noch voll.


Den 6. Juny.

Das ist doch sonderbar! -- Werde da ein Andrer Klug. -- Vorige Nacht wurden wir fürchterlich beschossen, als es bisher jemals geschehen ist. Da war durch an keinen Schlaf, an keine Ruhe zu denken, und jetzt, da es Tag geworden ist, sehe wir mit Erstaunen, wie die Feinde rings um die Vestung beschäftigt sind, Schanze aufzuwerfen. Das wird nun unruhige böse Nächte geben! -- So hat uns denn die angenehme Friedensnachricht abermals getäuscht.


Den 8. Juny.

Wieder einmal tiefe Ruhe. -- Das Bombardement hat aufgehört. Die Vestung ist zwar überall von feindlichen Schanzen umgeben, und doch ist bey uns selbst noch Alles ruhig. Bloß heute Vormittags antwortete man uns einmal aus einer Schanze mit einem kleinen Dreypfünder. Man sieht nicht, daß irgendwo der Feind Geschütz in die Schanze gebracht habe, an diesem, also an dem Besten, mags ihm auch wohl noch immer fehlen, um die Laufgräben eröffnen zu können. Bis jetzt ist alles, wie es scheint, nicht sowohl auf eine förmliche Belagerung als vielmehr auf eine engere Einschließung der Vestung abgesehn, um uns auch die wenigen Dörfer, die noch unter den Kanonen lagen, zu nehmen. Das arme Neudorf brennt seit vorgestern an allen Ecken. Dieser unglückliche Ort ist gänzlich zu Grunde gerichtet. Die armen Einwohner sind bis aufs Hemde geplündert, und haben auch nicht das Mindeste gerettet. Mehrere haben mit dem Leben gebüßt. Viele Familien sind mit 5 bis 6 Kindern von unserm menschenfreundlichen Gouverneur in die Vestung aufgenommen, und es ist für ihren Unterhalt gesorgt worden. Welch ein Anblick, diese Unglücklichen zu sehen! Sie haben nichts auf dem Leibe, und wissen nicht, wovon sie morgen leben sollen!

Schon verbreitet sich ein neues Gerückt, daß Danzig nicht über sey: der Feind habe uns blos täuschen wollen, um uns zur Capitulation zu bewegen. Zur Wahrscheinlichkeit wird dieß Gerücht durch einige Umstände, es mag auch seyn, wie es wolle. Es sind nämlich hier viele, welche Verwandte und Freunde in Danzig haben; man sollte also denken, daß doch ein einziger Brief angekommen seyn würde, welcher die Nachricht der Uebergabe bestätige. Noch mehr, der Gouverneur hat selbst zwey Söhne in Danzig stehen; diese würden doch gewiß geschrieben haben, und es läßt sich vermuthen, daß die Feinde Briefe solches Inhalts sehr gern in die Festung gelangen lassen, und eher noch befördern, als sie unterdrücken würden, um uns zu überzeugen.

Für die Kugeln haben wir uns nun möglichst zu sichern gesucht. Unsre Fenster gegen die Weichsel sind außerhalb der eisernen Traillen mit derben Strohsäcken versehen, welche herabgelassen und hinaufgezogen werden können. Den Raum zwischen den Traillen und den Glasfenstern stopfen wir überdieß noch mit Betten aus, und -- da will ich die Kugel sehen, die hier durchgehen soll. Vor der Hausthüre, gegen das Innre der Vestung, haben wir uns Holz auffahren lassen, und einen Kugelfang oder eine Blende ausgeführt, so daß uns auch zur Hausthüre herein nicht so leicht eine Kugel überraschen kann, und somit sind wir unsers Lebens so ziemlich sicher, es müßte denn ein ganz sonderbares Unglück kommen. Jene beyden Damen, welche die Vestung verlassen wollten, haben, wegen der plötzlichen engern Einschließung, ihre Absicht nicht erreicht. Wir müssen nun schon zusammen aushalten, und wir wollen das auch in Liebe und Freundschaft (!)


Den 14. Juny.

Wieder ein sehr trauriger Sonntag; wie viele werden wir davon noch hier verleben? Dabey ist's trübe, stürmisch und kalt, und man kann nicht einmal die jetzt nun einzig übrige Promenade, den Wall, besuchen. Man wird mit jedem Tage mürrischer, mißvergnügter *). Uebrigens ist's seit dem 8ten ganz bey dem Alten geblieben. Die Feinde stehen in ihren Verschanzungen fest, gehen nicht weiter vor, haben aber auch noch nicht mehr Geschütz. Heute kann man sehr deutlich von hier aus, in der Entfernung einer halben Meile, Truppen und Gepäcke über die Weichsel gehen sehen, -- das dauert schon fast den ganzen Tag so fort. Wir können uns das nicht erklären.

*) Seltner Patriot!


Den 17. Juny Morgens.

Ein beträchtlicher Theil unsrer Besatzung machte diese Nacht einen Ausfall auf die feindlichen Schanzen. Alles wurde zwar vorher so geheim gehalten, als möglich; aber ich wurde doch bey Zeiten davon unterrichtet. Nun ging der Unternehmung eine bange furchtbare Stille voraus, die sich allenthalben in der Vestung verbreitete, wie die Windstille, die dem brausenden Orkan voraneilt. Endlich feuerten die ersten Vorposten; ich stelle mich, um zu sehen, so viel ich sehen konnte. Tapfer war der Angriff von unsrer Seite; immer weiter vorwärts wälzte sich die Dampfwolke mit ihren Feuerblitzen, immer lauter und wilder wurde das Jammer- und Mordgeschrey der Angreifenden und der Angegriffenen, bis endlich von einer andern Seite auch mehrere Batterien zu spielen anfingen, um auch dort die Feinde zu beschäftigen, und nun durch diese Stimmen alles andre übertäubt ward. Es war nicht möglich, daß man bey diesem Lärm auch nur ein Auge zuthun konnte, und es dauerte fast die ganze Nacht hindurch. Endlich wurde es stiller, und nun ganz still; die Wuth hatte sich gekühlt; die Schaaren kehrten zurück. Bald genug ergab sich's nun, wie heiß es hergegangen seyn mochte. Ich sah ohngefähr 12 bis 18 Blessirte vor mir vorüber führen, die wahrlich nicht mehr Menschen ähnlich sahen. Ihre Köpfe waren meist ganz zerhauen und ihr Körper mit Blut bedeckt. Fürchterlich soll es hergegangen seyn, als die Unsrigen die Schanzen erstürmt haben. Da die Feinde eigentlich überrumpelt worden; so sind einzelne, die man ergriffen, in den Schanzen mit Spaten vor den Kopf geschlagen und niedergemacht worden. Aber auch der Feind hat sich verzweifelt gewehrt. Auch wir haben einigen Verlust; denn außer vielen Verwundeten haben wir mehrere Brave verloren; ein Capitain und 26 Mann sind in Gefangenschaft gerathen. Von den Feinden sind bey uns 11 Mann Gefangene eingebracht worden *). Durch diese Unternehmung haben wir mit Gewißheit erfahren, daß der Feind noch immer kein Geschütz in seinen Schanzen hat. Vorhin wurden des in Gefangenschaft gerathenen Hauptmanns Sachen zu ihm hinunter in die Stadt geschafft, und dabey hat der General Schäffer die Nachricht herauf sagen lassen, daß Napoleon in Königsberg eingerückt sey.

*) Nach der Erzählung eines hessendarmstädtischen Officiers hatte ein preußischer Ueberläufer den Ausfall verrathen, so daß man die Preußen in die Falle lockte, sie theils gefangen nahm, theils mit blutigen Köpfen in die Vestung zurückschickte. Nicht nur diese Nachricht, sondern auch, daß der Verfasser des obigen Aufsatzes es wußte, zeigt, wie geheim man solche Anstalten hielt.
N. d.Red.


Den 21. Juny.

Wir haben noch immer keine feindliche Kugel wieder in der Festung gesehen. Unsre Gefangenen vom 16ten d. M. sind alle ausgewechselt worden, und diese wollen behaupten, sie hätten mit ihren Augen gesehen, daß schweres Geschütz angekommen sey. Ueber der Weichsel haben sie auch seit gestern wieder eine neue Schießscharte, oder vielmehr eine neue Batterie zum Wurfgeschütz angelegt, und wir erwarten täglich, daß wir von dort aus in neuen Anspruch genommen werden. Möchte es geschehen, wie es auch wollte, wenn es nur zur Entscheidung käme! Gestern soll die Vestung abermals aufgefordert worden seyn, und zwar, wie man sich ins Ohr sagt, von Napoleon selbst. Die Aufforderung soll von Königsberg aus datirt seyn. Doch beobachtet der Gouverneur hierüber ein strenges Stillschweigen, und dieß alles ist nur Gerücht.

Unsre Artillerie ist fortwährend Tag und Nacht seht fleißig und thut den feindlichen Verschanzungen großen Schaden. Die Feinde sich unermüdet thätig im Ausbessern, müssen aber noch dabey viel Leute verlieren. Vorgestern haben die Einwohner der Colonie (das ist: der äußersten Vorstadt gegen die Vestung zu) Ordre erhalten, auszuziehen, und der ganze Tag ward ihnen freygegeben, ihre Habseligkeiten nach der Stadt zu schaffen. Bey dieser Gelegenheit entschloß sich ebenfalls eine Mitbewohnerin unsrer Kasematte nach der Stadt zu gehen, und ist glücklich durchgekommen. Wir sind also nun zwey Personen weniger und haben an Platz gewonnen.


Den 28. Juny.

Unser Schicksal war bisher noch zu glimpflich, und wir haben gesündigt, dawider zu murren. Denn noch waren wir alle Gesund. Der Essig, der bisher in dem Becher unsrer Leiden enthalten und doch noch hinunter zu bringen war, mischt sich nun stark mit Galle; denn die ansteckenden, hier grassirenden Krankheiten stellen sich nun auch in meiner Familie ein. Mein ältester Knabe leidet nämlich seit vorgestern an der Ruhr, und macht uns sehr betrübt und traurig. Indeß ist diese nicht bösartig; der Arzt giebt Hoffnung zur baldigen Besserung, und spricht ihn von aller Gefahr frey. Mir ist auch, da der Junge eine starke Natur und viel Lebenskraft hat, nicht sowohl seinetwegen, als dafür bange, daß nicht meine andern Kinder, oder wir selbst, angesteckt werden, da wir gegenwärtig alle mit ihm in einer Stube zusammen seyn müssen. Die letzten Wochen unsrer Gefangenschaft können sonach für uns schrecklicher und drückender werden, als alle hier verlebten sieben Monate zusammengenommen.

Uebrigens ist alles in demselben Zustande, wie vor acht Tagen. Von den Batterien über der Weichsel haben sie uns einige Tage hinter einander geneckt; aber auch nur geneckt, denn sie können nichts dadurch bewirken. In den Schanzen auf der Landseite können sie immer noch kein Geschütz haben, denn seitdem sie existiren, sind aus zwey Schanzen, aus jeder ein Kanonenschuß geschehen. -- Es sieht fast aus, als hätten sie die eine Kanone, welche sie haben, aus einer Schanze in die andre gefahren. Von der Vestung aus wird fast alle Nächte stark geschossen, und nun sind wir wirklich das Ding endlich so gewohnt worden, daß wir recht gut dabey schlafen können. Es geht uns wie die Müllern, die, wenn die Mühle im Gange ist, recht ruhig schlafen, sobald sie aber stehen bleibt, aufwachen. Von den 7000 Centnern Pulver, womit die Vestung versehen war, sollen gegenwärtig ungefähr 3000 Centner verschossen seyn. Mit den noch übrigen 4000 Centnern dürfen wir nicht sparsam seyn, wenn wir dem Feinde kein großes Pulver-Magazin überlassen wollen.


Den 30. Juny.

Willkommen heitre, freundliche Hoffnung, schöne Tochter des Himmels, die du uns tröstend einmal wieder besuchst! -- Mehr als bisher haben wir jetzt eine gegründete Aussicht zum Frieden und zu unsrer Erlösung.

Die Feinde hatten in der Nacht vom 27sten zum 28sten d. M. die Trancheen rings um die Vestung wirklich geöffnet, und zwar nur in einer Entfernung von ohngefähr 4 - 500 Schritt von den Pallisaden, und vor dem Hornwerke noch näher. Wir vermutheten also alle Tage den Anfang des Bombardements auf allen Punkten. Es erfolgte aber noch nichts; nur vorige Nacht haben die Feinde von einigen Schanzen viel Granaten herein geworfen, wovon ich aber nichts gehört, sondern alles verschlafen habe. Diesen Morgen um 5 Uhr aber, als die Arbeiter an den Trancheen vom Hornwerke aus tapfer mit Kartätschen begrüßt werden, kommen zwey hessische Officiere eilig herangelaufen, schwenken ihre weißen Tücher, und rufen: "Halt, halt! -- Es ist Friede!" Die Artillerie hält mit Feuern inne, und die Officiere versichern, daß so eben ein Trompeter mit dieser Nachricht auf der Vestung ankommen werde. Bald darauf erschien dieser Friedensbote; brachte aber nur eine Abschrift einer Convention zwischen Napoleon, Alexander und unserm Könige, d. d. Tilsit den 26sten Juny, mit, vermöge welcher ein Waffenstillestand auf unbestimmte Zeit geschlossen worden. Die Feinde aber behaupten, der Friede sey so gut als unterzeichnet.

Dieser Nacht noch erwarten wir einen preußischen Courier, und in wenig Tagen, so heißt es, soll der General Kalkreuth hier eintreffen. Zwischen uns und den Belagerern ist nun demnach vorläufig unter der Bedingung ein Waffenstillstand abgeschlossen worden, daß von uns kein Schuß geschehen soll, so lange sie nicht an ihren Verschanzungen fortarbeiten. Es ist doch, als ob ich mich noch nicht so recht herzlich freuen könnte, und ich will lieber meine größte Freude bis zur Ankunft des preußischen Couriers aufsparen. Die Stille, die nun seit diesem Morgen herrscht, ist uns etwas ganz Ungewohntes. Die Feinde stehen auf ihren Verschanzungen Truppenweise, jubeln und winken uns zu, und alle unsre Wälle stehen voll Neugieriger. Ich war diesen Nachmittag mit meiner ganzen Familie auf dem Hornwerke, und wir ergötzten uns an dem freudigen Getümmel von beyden Seiten. Indeß läßt der Gouverneur noch niemand aus der Vestung, so wie auch die Feinde ihre Verschanzungen nicht überschreiten dürfen. Und diese Vorsicht ist sehr löblich.

Was wir diese Zeit noch freudiger macht, ist, daß auch mein Sohn sich bessert, und nur bloß noch strenge Diät halten muß. Wenn die Noth am größten ist, ist die Hülfe am nächsten!


Jul. 1807.[]

Den 2. July.

Den 2. July.

Gestern früh kam richtig der preußische Courier, der Lieutenant v. Leslie, vom Regiment v. Chlebowski, hier an. Er brachte die Bestätigung des Waffenstillestandes, der auf vier Wochen geschlossen worden, und im Falle der Friede nicht zu Stande kommen sollte, solle vier Wochen vorher der Krieg wieder angekündigt werden. Sonach haben wir unter acht Wochen keine Feindseligkeiten zu befürchten. In dieser Zeit werden wir auch mit unsern Magazinen gewiß rein fertig, und wir müßten uns bey Fortsetzung des Krieges geradezu übergeben. Leslie sagt jedoch, daß der Abschluß des Friedens gar nicht zu bezweifeln sey, und in Kurzem erfolgen werde. Durch eben diesen Friedensboten ist uns denn auch der dichte Schleyer gelüftet worden, hinter welchem alle politische Ereignisse seit fünf Monaten für uns verdeckt lagen. Wir sind wie aus den Wolken gefallen, und der jetzige Stand der Armeen hat uns in Erstaunen gesetzt. Das arme Ostpreußen soll schrecklich gelitten haben. Wenig Meilen von hier geht die Noth an bis an die Litthauische Grenze, wo alles verwüstet ist und kein Halm mehr auf dem Felde steht. In der Schlacht bey Eylau nennen sich zwar die Russen Sieger, haben aber ihren Sieg so wenig zu benutzen gewußt, daß die Franzosen sie dennoch tourniret haben, sie sich also haben zurückziehen müssen. Die Russen stehen zwar treflich im Feuer; aber wenn es auf Bewegungen und Mannöver ankommt, dann sind sie ganz untauglich. Der Feldmarschall Kalkreuth ist der erste gewesen, der von preußischer Seite zur Unterhandlung des Friedens an den französischen Kayser abgeschickt worden ist. Diesem hat der Kayser gesagt: "Ich werde mit Vergnügen mit Ihrem Könige unterhandeln, wenn es sein Ernst ist, so mein Freund seyn zu wollen, wie ich der seinige zu seyn wünsche. Und wenn er mir Proben seiner Treue giebt; so verlangt es mein eignes Interesse, ihn so groß und mächtig, als möglich, zu erhalten; so wie es im entgegengesetzten Falle in meiner Hand liegt, ihn ganz klein zu machen."

Wie ich höre, wird darüber heute parlamentirt, daß wir Lebensmittel, z. B. Caffe, Zucker, Butter, Gemüse, Obst xc. aus der Stadt bekommen sollen. Es wird sich wohl alles mit der Zeit schicken, nur muß man Geduld haben.

So eben erschallt die Nachricht, daß der hessische General v. Schäffer an den Vorposten gewesen sey, und die Nachricht ertheilet habe, daß durch einen Courier die Post von einem wirklich zu Tilsit abgeschlossenen Frieden überbracht worden sey, und daß der preußische Courier bald nachfolgen werde.


Den 16. July.

Ich habe noch trübe, traurige Tage überstehen müssen! Mein armes Weib wurde nämlich plötzlich von einer recht bösartigen Ruhr überfallen, und konnte nur mit Mühe gerettet werden. -- Ach Gott! wie viel habe ich in diesem furchtbaren Zustande empfunden, denn die Ruhr wüthet jetzt hier so schrecklich, daß an manchen Tage 30 Menschen daran sterben.


Den 24. Juny.

Nun fängt denn endlich unsere Lage an, immer erträglicher zu werden. Zwar sind wir noch immer blokirt; aber wir haben fast ganz freyes Commerz nach der Stadt. Es ergingen zwar einige Tage nach dem 16ten July vom französischen General Rayer, der wieder da ist, die strengsten Befehle, daß nicht das Geringste nach der Vestung gebracht werden solle. Weiber, welche mit Lebensmitteln an den Vorposten aufgefangen wurden, bekamen Stockprügel, wurden eingesetzt, und das Ihrige confiscirt. Ja es war so streng, daß kein feindlicher Officier, bey Strafe der Cassation, mit einem preußischen Officier sprechen durfte. Vorgestern aber ging zu unserer Rettung ein französischer Marschall hier durch, man sagt, es sey Berthier gewesen; an diesen hat unser Gouverneur mit der Vorstellung gewendet, daß doch unmöglich mit Bewilligung Sr. Majestät des Kaysers bey schon bestehendem Frieden die Feindseligkeiten in dieser Art fortgesetzt werden könnten. Dieses hat gewirkt. Denn gestern erhielt der Gouverneur ein ganz artiges Schreiben vom französischen General, daß er es gern gestatten würde, wenn Märkte an der Chaine veranstaltet würden; auch möchten täglich eine gewisse Anzahl Officiere die Stadt besuchen. Der Gouverneur solle nur einen Officier hinabschikken, mit welchem das Weitere verabredet werden könne. Dazu ging denn auch der Hauptmann v. Wnuck hinunter, und es wurde arrangirt, daß alle Morgen von 6 bis 10 Uhr Markt auf dem neutralen Plätze, zwischen den beyden Chainen vor dem Oberthore, gehalten werden darf. Heute war auf diese Art seit langer Zeit unsere erste ungestörte Zusammenkunft mit den Städtern. Es war wie eine kleine Messe. Preußen, Franzosen, Sachsen, die jetzt auch in Graudenz stehen, alles trieb sich unter einander herum. Nun wahrlich! Wer heut vor dem Jahre über diesen Platz ging, und in einem Jahre darauf die Zusammenkunft aller dieser verschiedenen Völker auf diesem Platze hätte ahnden sollen!!

Mit den Lebensmitteln wird man nun doch nicht mehr so entsetzlich geprellt, wie bisher, wo sich die Menschen oft mit Lebensgefahr durchschleichen mußten, um uns etwas zuzubringen. Die Damen dürfen ganz ungehindert nach der Stadt gehen, und meine Frau wird morgen dahin fahren. Ich werde mit einem meiner Knaben des Vormittags zu Fuß hinunter gehen, und habe mir dazu einen Paß verschafft, deren Rayer überhaupt zehn herauf geschickt hat, so daß alle Tage dieselbe Zahl in die Stadt gehen darf. Ich werde mit die Gelegenheit absehen, ob es nicht möglich sey, daß ich meine Frau bald ganz nach der Stadt bringen kann. Sie würde sich dort eher erholen, als hier in der feuchten, ungesunden Kasematte, wo wir noch alle nach der Reihe die Ruhr bekommen werden. Denn gestern hat sich unsre Mitbewohnerin, die Frau **** gelegt, und wenn diese durch ist, werde ich wohl daran kommen.

Eine Neuigkeit ist, daß unter den Polen große Unruhen entstanden seyn sollen. Bey Schwetz, Gollub und Inowraclaw sollen sie plündern, sengen und brennen. Ein Glück ists, daß es jetzt geschieht, wo die Armeen noch da stehen, die sie wohl bald zu Paaren treiben werden; sonst würde es, besonders uns Preußen, bey ihrem großen Hasse gegen uns, übel ergehen. Diese Polen bleiben uns in Zukunft hier immer eine sehr üble Nachbarschaft.

Eingegangene Briefe aus Ostpreußen schildern zu unsrer Verwunderung die verübten Grausamkeiten der Russen mit den allerschwärzesten Farben. Diese unsre Freunde und Alliirten haben sich daselbst wie die erbittersten Feinde betragen. In Schippenbeil haben die Kosaken die Häuser ange..., und unten aufgepaßt, bis die Einwohner, sich zu retten, herausgestürzt sind. Dann haben sie die Unglücklichen in Empfang genommen, nakt ausgezogen, und zum Theil gespießt. Mehrere preußische Officier-Frauen, die sich dort aufgehalten haben, wagten sich, um ihre Blöse zu decken und sich zu retten, verzweiflungsvoll bis unter die Arme in die bey Schippenbeil vorbeyfließende Aller. Jenseits der Aller standen die Franzosen, und diese hatten die Menschlichkeit, mehrere Kähne voll dieser unglücklichen Menschen hinüber zu holen und zu Schutz zu nehmen. Auf die Knie sind die Verzweifelnden vor den Franzosen nieder gefallen, und haben sie gebeten, sie von diesen Barbaren zu befreyen. Ist dieß Beyspiel wohl schon erhört worden, daß Bürger eines mit Krieg überzogenen Staates bey den Feinden Hülfe und Schutz gegen die Grausamkeit der Alliirten ihres Vaterlandes zu suchen gezwungen worden sind? Es ist schauderhaft! Mehrere schändliche Anekdoten werden allgemein erzählt. General Bennigsen soll an allen diesen Gräulen Schuld seyn. Der russische Kayser hat bey Todesstrafe alles Plündern und Brennen verboten; aber Bennigsen hat dergleichen Excesse nicht nur nicht bestraft, sondern soll sogar dazu Veranlassung gegeben haben. Wie ists möglich, daß ein Deutscher in unsern Zeiten so wenig Civilisation haben kann?


Aug. 1807.[]

Den 13. August.

Gestern erging das dritte Wehe über uns: Ich habe mich seither immer so wohl befunden, daß ich nun nichts mehr von der grassirenden Ruhr befürchten zu dürfen glaubte; aber gestern Abend bekam ich plötzlich den heftigsten Anfall davon, der denn auch ununterbrochen anhielt, so daß mir endlich sogar Ohnmachten anwandelten. Dabey spürte ich immer Hitze, Reißen in den Gliedern xc. und es war die höchste Zeit, den Arzt zu rufen. Durch die Mittel, welche er mit verordnete, bekam ich aber schl...nig Linderung und befinde mich außer Gefahr.

Was unsre Verhältnisse der Vestung anlangt; so sind wir im Grunde noch nicht viel gebessert. Vielmehr ist das Vernehmen zwischen unserm Gouverneur und den feindlichen Generalen abwechselnd, und nicht immer das beste. Gestern wurde ein Hauptmann von uns in die Stadt arretirt, weil er vielleicht gegen einen der Generale sich nicht artig genug betrug, und darauf hat unser Gouverneur befohlen, daß kein Officier mehr nach der Stadt gehen darf.


Den 21. August.

Endlich erschien gestern der langersehnte 20. August. Die Sachsen verließen vertragsmäßig die Stadt, denn die übrigen Truppen waren schon früher abmarschirt, und unsre Jäger besetzten solche wieder. Nur ein französisches Dragoner-Commando behielt die Thorner Vorstadt mit der Erklärung besetzt, daß dieselbe, da sie jenseits dem Trienke-Fluß liege, nicht mehr zu Preußen, sondern zum Herzogthum Warschau gehöre. Wenn es bey dieser Auslegung bleiben sollte; so wäre dieß ein großer Schade für die Stadt, denn der Stadtwald, die Hutung und alle zur Stadt gehörige Vorwerken liegen auf jener Seite; und wenn auch das Eigenthum davon immer noch der Stadt verbliebe; so wären doch diese Grundstücke allen möglichen Accise-, Zoll-Chicanen u. s. w. ausgesetzt. Und wie enge bliebe dann für immer die Vestung blokirt. Sie müßte dann in ewigem Vertheidigungsstande erhalten werden.

Gestern also wurde, wie gesagt, die Stadt von den Sachsen geräumt, und -- nun denke Dir unsern und besonders der armen Städter Schrecken, als diesen Mittag schon abermals sächsische Fourierschützen ankamen, welche Quartier für drey Bataillons machten, und erzählten, daß sie Ordre zum Rückmarsch und zur Wiederbesetzung der Stadt Graudenz hätten, bis auf weitere Ordre. Was dieß bedeuten soll, mag Gott wissen! Die Sage ist: Ostpreußen sey noch einen großen Theil der ausgeschriebenen Contribution schuldig, und eher werde das diesseitige Weichselufer nicht geräumt, bis diese bezahlt sey.

Jetzt, es ist 5 Uhr, sind die Sachsen so eben wieder in die Stadt eingerückt. Zu unserm Glück soll der französische General Rayer nicht wieder mitgekommen seyn, sondern der sächsische General v. Polenz das Commando haben. Da wird hoffentlich die Harmonie zwischen uns nicht so leicht gestört werden. Wenn doch die fatale Geschichte einmal zu Ende wäre. Meine Frau war Willens, in diesen Tagen nach der Stadt zu ziehen, woraus nun aber unter solchen Umständen wieder nichts werden kann. Es ist, als sollten wir nicht aus der fatalen Kasematte herauskommen.


Nov. 1807[]

Den 1. November.

Wir müssen und nun schon in Geduld fügen und abwarten, bis der heimliche Zwist wegen noch rückständiger Contributionen und dergleichen vollends abgethan seyn wird, denn eher werden uns die fremden Truppen nicht verlassen und wir nicht ganz frey seyn. Es ist noch bis jetzt ein trauriges Einerley, worin wir leben, und wir sind wenig besser, als Staatsgefangene anzusehen. Früh um 8 Uhr wird das Thor eröffnet, und bey jetzigen kurzen Tagen um 5 Uhr geschlossen.

Aber bey dem Worte schließen fällt mit ein, daß es auch Zeit wird, mein Tagebuch zu schließen, wenn ich nicht auch bey Dir ein trauriges Einerley bewirken will. Lebe wohl!


Quellen.[]

  1. Vertraute Briefe über die innern Verhältnisse am Preussischen Hofe seit dem Tode Friedrichs II. . . . Band. Amsterdam und Cölln 1807. bey Peter Hammer.